22/12/2010 | Rückmeldung | PDF | drucken

Pazifismus

Dieser Artikel wurde für die Buchausgabe des HLS mit Bildern illustriert. Bestellen Sie das HLS bei unserem Verlag.

Der seit 1845 existierende Begriff P. wurde 1901 am 10. Weltfriedenskongress in Glasgow erstmals offiziell verwendet und gelangte von der franz. in die dt. Sprache. Er beschreibt eine eth. Grundhaltung von Menschen, die an die Erreichung des Weltfriedens glauben.

Im MA versuchte die Gottesfriedensbewegung (Gottesfrieden), Fehden und Kriege einzudämmen. Die erste umfassende Kritik der Kriegsrechtfertigungen stammte von Erasmus von Rotterdam, der die Friedenswahrung als Ziel propagierte. Im 18. Jh. wurde Jean-Jacques Rousseau vom "Plan des ewigen Friedens in Europa" beeinflusst, den Abt Charles-Irénée Castel de Saint-Pierre verfasst hatte. Auch Immanuel Kant liess sich von diesem Plan inspirieren. Er betonte, dass nur die Republik oder die Demokratie den ewigen Frieden garantierten. Dank Kant breiteten sich pazifist. Ideen innerhalb der polit. Theorie und der Rechtstheorie in Europa allmählich aus. Erste pazifist. Gesellschaften waren vom Christentum geprägt und entwickelten sich unter dem Einfluss von William Penn und den Quäkern zuerst in den Vereinigten Staaten und in Grossbritannien.

In der Schweiz kann der P. auf eine lange Tradition zurückschauen. Vor 1914 existierten drei Strömungen, aus denen sich die spezif. Besonderheiten des P. im 20. Jh. herausbildeten. Der philanthrop. und humanitäre P. entstand mit der 1830 von Jean-Jacques de Sellon gegr. Société de la Paix de Genève. Sellon stellte den Frieden, die Erziehung zum Staatsbürger und die Grundrechte in einen engen Zusammenhang, wobei er sich nicht gegen die Landesverteidigung aussprach. Die zweite Strömung entwickelte sich aus dem Kongress von Genf 1867 (Internationale Friedenskongresse), in dessen Gefolge die Liga für Frieden und Freiheit ins Leben gerufen wurde, die den P. vermehrt an rechtl. und polit. Fragestellungen knüpfte. Die Liga versuchte erfolglos, sich der 1. Internationale anzunähern. Diese schlug ihr 1874 vor, sich aufzulösen und ihre Mitglieder in die Sektionen der 1. Internationalen zu integrieren. Innerhalb der pazifist. Bewegung der Schweiz gab es auch Vertreter mit anarchist. Gedankengut, die den Weltfrieden mittels Revolution anstrebten. Die Liga vertrat eine gemässigtere Haltung. Sie propagierte die Demokratie als Garantin für Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit. Ihr Schweizer Zweig setzte sich aus einer Elite zusammen, der Professoren, Anwälte, Journalisten, Freimaurer wie Carl Vogt, Angelo Umiltà, Elie Ducommun und Pierre Jolissaint angehörten, aber auch zukünftige Bundesräte wie Louis Ruchonnet und Robert Comtesse. Diese Männer institutionalisierten den P. durch die 1891 erfolgte Gründung des Internat. Friedensbüros (Sitz in Bern, ab 1924 in Genf) und ein Jahr später durch jene der Interparlamentar. Union (Sitz in Bern bis 1911, ab 1921 in Genf). Die ersten Sekr. des Internat. Friedensbüros und der Union, Ducommun und Albert Gobat, wurden 1902 mit dem Friedensnobelpreis geehrt, das Friedensbüro erhielt den Preis 1910. Dieser P. patriot. Prägung erachtete die Landesverteidigung als notwendig. 1895 wurde in Olten die Société suisse de la paix gegründet. Ihre Sektionen entwickelten sich hauptsächlich in der Westschweiz und den ref. Kantonen. Die Gesellschaft zählte kurz vor dem 1. Weltkrieg rund 5'000 Mitglieder. Sie lehnte die 1905 von der Arbeiterbewegung ins Leben gerufene, kurzlebige antimilitarist. Liga ab (Antimilitarismus). Zwischen 1917 und 1935 verweigerte die Sozialdemokratische Partei im Nationalrat die Zustimmung zu allen militär. Budgetposten. Die dritte Strömung des P. in der Schweiz entstand schliesslich aus einer Debattierrunde von Pfarrern und Lehrern aus den Freibergen. Dieser Kreis, der für einen christl.-sozialen P. stand, publizierte ab 1906 die Zeitschrift "L'Essor". In der Deutschschweiz war Leonhard Ragaz ein leidenschaftl. Vertreter dieser Richtung. Er gründete und leitete die ebenfalls 1906 geschaffene Zeitschrift "Neue Wege".

Im 1. Weltkrieg hielt man den P. für eine Bewegung, welche die Landesverteidigung schwächte und zur Ausdehnung des Kriegs beitrug. Innerhalb der Société suisse de la paix öffnete sich ein Graben zwischen den Westschweizern, die für die Alliierten eintraten, und den Deutschschweizern, die mehrheitlich mit den Mittelmächten sympathisierten. Vorkämpfer eines länderübergreifenden, auf jegl. Gewalt verzichtenden P. war Romain Rolland, der in die Schweiz geflohen war. 1931 empfing Rolland in der Schweiz Mahatma Gandhi, der zur Abrüstung aufrief. Pierre Bovet, Edmond Privat, Auguste Forel, Ragaz, Paul Seippel, Adolphe Ferrière und andere verkörperten die vom Protestantismus, den Quäkern und der Vereinigung International Fellowship of Reconciliation inspirierte Bewegung. Max Dätwyler, der sein Leben pazifist. Aktionen widmete, verweigerte 1914 den Fahneneid, während Pierre Cérésole als einer der führenden Repräsentanten der Dienstverweigererbewegung (Dienstverweigerung) 1920 den Service civil international schuf. Die Internat. Frauenliga für Frieden und Freiheit, deren Schweizer Sektion 1915 u.a. von Marguerite Gobat und Klara Honegger gegründet worden war, liess sich in Genf nieder. Sie trat für Abrüstung, Gewaltlosigkeit und das Recht auf Wehrdienstverweigerung ein. Eine weitere, von Frauen getragene Vereinigung war der 1915 von Clara Guthrie d'Arcis in Genf gegr. Frauenweltbund zur Förderung der internat. Eintracht. 1920 wurde die Schweiz. Vereinigung für den Völkerbund ins Leben gerufen (später Schweiz. Gesellschaft für die Vereinigten Nationen), die aus der Fusion der Société suisse de la paix, der Association nationale suisse pour la Société des Nations und dem Schweiz. Komitee für den Beitritt zum Völkerbund entstanden war. Das internat. Friedensbüro setzte seine Aktivitäten nach dem Krieg fort, wurde in den 1950er Jahren restrukturiert und 1964 unter dem Namen International Peace Bureau neu gegründet.

Nach dem 2. Weltkrieg spaltete sich von der historisch gewachsenen Bewegung ein politisch aktiver Flügel ab, der sich gegen die atomare Bedrohung (Atomwaffen) und für den Ost-West-Dialog einsetzte. 1945 wurde der Schweiz. Friedensrat gegründet. Zu Beginn des 21. Jh. gehörten dieser Dachorganisation 22 schweiz. und 15 internat. Organisationen an. Nach der Nato-Gründung 1949 sah sich die pazifist. Bewegung in der Schweiz mit dem Ost-West-Konflikt und dem Kalten Krieg konfrontiert. Im Weltfriedensrat, dessen Entstehen auf eine kommunist. Anregung zurückgeht, versammelten sich zahlreiche Kommunisten und Sozialisten. Auch in der Schweiz hinterliess der Antikommunismus seine Spuren, etwa in der sog. Affäre Bonnard (1952-54): André Bonnard wurde als Präs. der Schweiz. Friedensbewegung, deren Anhänger als Kommunisten verschrieen waren, der Spionage beschuldigt. Die 1955 von Samuel Chevallier lancierte Volksinitiative für eine zeitlich begrenzte Reduktion der Militärausgaben wurde für ungültig erklärt. Zwei weitere Initiativen (für die Begrenzung der militär. Ausgaben bzw. für soziale Sicherheit und internat. Solidarität) wurden nach der Niederschlagung des Ungarnaufstands 1956 zurückgezogen. Als im Eidg. Militärdepartement die atomare Bewaffnung der Schweiz zur Diskussion stand, vereinigten sich die alte pazifist. Bewegung und die neue Friedensbewegung 1958 in der Schweiz. Bewegung gegen die atomare Aufrüstung (Antiatombewegung). Diese wurde von zahlreichen Intellektuellen unterstützt. Persönlichkeiten wie Albert Schweitzer, Jules Humbert-Droz und Willi Kobe verhalfen den Forderungen zu Publizität. Die Antiatombewegung lancierte versch. Volksinitiativen und Aktionen.

Die 1960er Jahre standen im Zeichen des Vietnamkriegs und der Achtundsechziger Bewegung. Der P. entwickelte sich zu einer breiten antiimperialist. Protestbewegung zur Unterstützung der Dritten Welt, die unterschiedl. Strömungen vereinigte und diverse Veranstaltungen durchführte. 1967 gründete der Verleger Jacques Mühlethaler in Genf die Association pour l'Ecole instrument de paix. Die Organisation Centrale Sanitaire Suisse organisierte weitere pazifist. Gruppen, die Nordvietnam unterstützten. Der christl. Teil des P. setzte sich für den Ost-West-Dialog ein. Die Gründung des Centre Martin Luther King (später Centre pour l'action non-violente) 1968 in Lausanne ging auf die Initiative von Pfarrer Michel Grenier zurück. Ab 1972 befasste sich die Friedensbewegung vermehrt mit Umweltthemen und dem Kampf gegen die Umweltverschmutzung. Die 1980er Jahre waren von Kampagnen für ein atomwaffenfreies Europa geprägt (European Nuclear Disarmament). Am 5.12.1981 versammelten sich in Bern Vertreter von 42 Friedensorganisationen - insgesamt zwischen 30'000 und 40'000 Personen -, welche in Ost und West eine gleichzeitige Abrüstung verlangten. Weitere Kundgebungen fanden in Genf statt (am 23.1.1982 20'000 Personen). Ein internat. Friedensmarsch führte sternförmig nach Basel, Baden und ins Elsass. 1982 entstand die Gruppe Schweiz ohne Armee. Die polit. Instanzen in der Schweiz förderten die Errichtung von Forschungsinstituten für den Frieden, etwa 1982 jene des Geneva International Research Institute oder 1988 jene der Schweiz. Friedensstiftung (später Swisspeace).

Zu Beginn des 21. Jh. diversifizierte sich die pazifist. Bewegung in der Schweiz weiter. 2008 wurde in der Westschweiz das Collectif romand pour la paix et la non-violence ins Leben gerufen, dem 14 Organisationen angehören. Die Forderung nach Gewaltfreiheit, die in der Vergangenheit stets von einer Minderheit vertreten worden war, formierte sich damit als neue polit. Kraft.


Literatur
– R. Beretta, «Il pacifismo nel dopo guerre (1945-1968), alcuni punti su una linea», in Rivista militare della Svizzera italiana, 54, 1982, 97-111
– M. Michaud, «ll movimento pacifista svizzero dalle origini al 1939», in Rivista militare della Svizzera italiana 54, 1982, 205-213
Die Friedensbewegung, hg. von H. Donat, K. Holl, 1983
– L. Amherd, Die Friedensbewegung in der Schweiz (1945-1980), Liz. Bern, 1984
Handbuch Frieden Schweiz, 1986
– R. Epple-Gass, Friedensbewegung und direkte Demokratie in der Schweiz, 1988
– J. Tanner, «Le pacifisme suisse après 1945», in Relations internationales, 1988, Nr. 53, 69-82
– U. Zwahlen, Bürgerl. Friedensbewegung und P. der Arbeiterbewegung in der Schweiz bis zum Ersten Weltkrieg, 1991
– V. Grossi, Le pacifisme européen, 1889-1914, 1994
Pacifisme(s), 2002
– C. Stawarz, La paix à l'épreuve: La Chaux-de-Fonds, 2002
Friedfertig und widerständig, hg. von U. Brunner et al., 2006

Autorin/Autor: Verdiana Grossi / AWE