Zahnmedizin

Bis ins 19. Jh. wurden zahnärztl. Tätigkeiten einerseits von gewerbetreibenden Personen, die sesshaft waren oder von einem Ort zum anderen zogen, andererseits von ortsansässigen Medizinern ausgeübt (Handwerkschirurgen). In der Mediationszeit (1803-13) wurden in den kant. Sanitätsgesetzen die ersten spezif. Vorschriften für Zahnbehandler erlassen. Fortan mussten sie zur Berufsausübung ein Zeugnis vorlegen. Der Kt. Thurgau war der erste Kanton, der neben einem Zeugnis auch eine Hochschulbildung verlangte. Bis 1877 erliessen 17 Kantone Vorschriften für Zahnbehandler. Die Kt. Aargau, Baselland, Glarus, Ob- und Nidwalden, Tessin, Uri sowie Waadt kannten keine Vorschriften. 1881 wurde in Genf die erste staatlich anerkannte Zahnarztschule Europas eröffnet. Auf Initiative des Frauenfelder Zahnarztes Friedrich Wellauer, der 1886 in Zürich die Schweiz. Odontologische Gesellschaft (später Schweiz. Zahnärzte-Gesellschaft, SSO) mitgründete, trat 1888 ein eidg. Gesetz zur Z. in Kraft. Es schrieb für das Zahnarztstudium die Absolvierung eines Gymnasiums und ein siebensemestriges Hochschulstudium vor. Zwischen 1886 und 1930 wurde die Mehrheit der kant. Zahnarztgesellschaften gegründet, die alle als Sektionen der SSO angehören.

1895 wurde das zahnärztl. Institut der Univ. Zürich eröffnet, 1921 dasjenige von Bern und 1924 jenes von Basel. Damit waren die Grundlagen für die Entwicklung der wissenschaftl. Z. geschaffen. Innerhalb der einzelnen Institute wurden drei Abteilungen eingerichtet, nämlich für Prothetik, für konservierende Z. und für chirurg. Z. In Zürich war Alfred Gysi der erste Vorsteher der prothet. Abteilung. Ihm ist es zu verdanken, dass die Schweizer Z. schon früh grosse internat. Anerkennung fand. 1914 war die Schweiz das erste europ. Land, in dem das Promotions- und Habilitationsrecht für Z. eingeführt wurde. 1959 erhielten die Professoren der Z. die gleichen Rechte wie diejenigen der medizin. Fakultät. Ab 1946 wurde an den zahnärztl. Instituten ein Lehrauftrag für Kieferorthopädie und Kinderzahnmedizin geschaffen. Gleichzeitig führte man auf Gemeindeebene die Schulzahnpflege ein. 1956 richtete die SSO einen Fonds für zahnärztl. Forschung ein.

In den 1960er Jahren begann die zahngesundheitserzieher. Tätigkeit in den Schulen und allmählich auch in den zahnärztl. Privatpraxen. Die Schulzahnpflege erfasste in der Schweiz alle schulpflichtigen Kinder und auch die Kindergärten. Die Gem. finanzierten Zahnuntersuchungen und Prophylaxemassnahmen. So gelang es, die meisten Jugendlichen mit intakten Zähnen aus der obligator. Schulpflicht zu entlassen. Ein grosser Anteil an der Zahngesundheit ging auf die Wirkung des Spurenelements Fluor in Zahnpasten und im Kochsalz zurück. In Basel wurde ab 1961 das Trinkwasser fluoridiert, seit 2003 auch auf die Salzfluoridierung umgestellt. Durch diese vorbeugenden Massnahmen wurde die Kariesanfälligkeit stark reduziert, und bei der Schweizer Schuljugend gingen die Zahnschäden um 80% zurück. Als Folge der Verbesserung der Mundhygiene und der zahnärztl. Betreuung der Bevölkerung in den Zahnarztspraxen sind Karies und Parodontitis massiv zurückgegangen.


Literatur
– E. Olivier, Médecine et santé dans le Pays de Vaud au XVIIIe siècle, 2, 1939, 753-755, 1092
– J. Jost, Die Entwicklung des zahnärztl. Berufes und Standes im 19. Jh., 1960
– G. Sigron, «Die eidg. Anerkennung des Zahnarztes als Medizinalberuf in der Schweiz», in Schweiz. Monatsschr. für Z. 96, 1986
– T.M. Marthaler, «Kariesprävalenz bei Schülern im Kt. Zürich», in Schweiz. Monatsschr. für Z. 98, 1988
– H. Funke, Wissenschaftl. Arbeiten von Abteilungsvorstehern des Zahnärztl. Inst. der Univ. Zürich, 1995
– C. Lefébure, L'art dentaire, 2001
– B. Schär, Harmonie mit Biss, [2007]

Autorin/Autor: Guido Sigron