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Diaspora

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Der aus dem Griechischen stammende Begriff D. (dt. Zerstreuung) ist eng verknüpft mit der Geschichte des Judentums. Er dient allg. zur Bezeichnung für jede unter einer andersgläubigen Mehrheit lebende religiöse Minderheit, z.B. in Westeuropa die islamische. Im Christentum, wo er traditionell in Bezug auf die konfessionellen Verhältnisse gebraucht wird, bezeichnet er eine konfessionelle Minderheit im Gegensatz zu der sie umgebenden Mehrheit und die Gebiete, in denen diese Minderheit lebt. Im heutigen Sprachgebrauch tritt die Bedeutung des Konfessionellen zurück und wird unter D. zunehmend die Situation einer christl. Minderheit in einer pluralistisch-säkularisierten bzw. weltanschaulich-ideologisch aufgefächerten Gesellschaft verstanden.

In der Schweiz schuf die Bundesverfassung von 1848 mit der Niederlassungsfreiheit und der Handels- und Gewerbefreiheit die staatsrechtl. Grundlage für die Entstehung einer kath. bzw. einer ref. D., nachdem sich in versch. Kantonen schon seit der Helvetik einzelne kleine Diasporagem. gebildet hatten. Mit der Industrialisierung kam es in der 2. Hälfte des 19. Jh. zu einer grossen Binnenwanderung, welche die Auflösung der geschlossenen konfessionellen Räume bewirkte. Die Industriezentren in den Kt. Zürich, Basel, St. Gallen, Genf und Neuenburg bildeten das Einzugsgebiet von Arbeit suchenden Katholiken aus ländl. Gebieten. Zudem wanderten kath. Arbeitskräfte aus Frankreich und Süddeutschland ein, gegen Ende des 19. Jh. auch Italiener, die ihr Auskommen im Eisenbahnbau suchten. In mehreren rein ref. Landesteilen entstanden so unterschiedlich grosse kath. Diasporagebiete. Die Ansiedlung von Katholiken in ref. Gebieten stagnierte nach dem 1. Weltkrieg, setzte jedoch nach 1945 wieder ein. Die erneute Immigration sog. Gastarbeiter aus dem Süden (Italiener, Spanier, Portugiesen) liess den Anteil der Katholiken in kath. Diasporagebieten weiter anwachsen. Bevorzugte Ziele waren die Industrieorte in den Kt. Zürich und Basel sowie in der Westschweiz, etwa in Biel, Lausanne und Genf.

Umgekehrt war die Wanderungsbewegung von Reformierten in kath. Landesteile weit geringer. Zur ref. Diasporabildung kam es in den industriell aufstrebenden Kt. Solothurn (Gerlafingen), Zug und Luzern (Emmen) entlang der Bahntransversalen, im freiburg. Sensebezirk durch die Ansiedlung von Berner Bauern sowie in den Touristikzentren der Innerschweiz und im Tessin.

Die Gründung von Diasporagemeinden beider Konfessionen war nur durch Unterstützung der betreffenden konfessionellen Stammlande möglich. Nachdem die Diasporakatholiken anfänglich ohne kirchl.-seelsorger. Betreuung weitgehend sich selbst überlassen waren, nahmen sich ihrer Laien aus dem Piusverein als Erste an. Auf Initiative des Zuger Arztes Johann Melchior Zürcher wurde 1863 nach dt. Vorbild mit der Inländ. Mission eine eigene Organisation für die Katholiken gegründet. Das Diasporahilfswerk, dem nach anfängl. Zögern auch die Schweizer Bischöfe ihre Zustimmung erteilten, kam mit Hilfe von ausschliesslich freiwilligen Spenden für den Lebensunterhalt von Priestern auf und trug zur Finanzierung von Kirchenbauten, Pfarrhäusern und Schulen bei. Seit den 1960er Jahren wurden die Hilfeleistungen der Inländ. Mission auf finanzschwache Pfarreien der ganzen Schweiz ausgedehnt. Für die ref. Diasporagemeinden wurden auf Anregung des Freiburger Pfarrers Wilhelm Legrand seit 1842 in den meisten Kantonen ref.-kirchl. Hilfsvereine gegründet, die sich gesamtschweizerisch im Basler Vorverein zusammenschlossen und eine der Inländ. Mission analoge Unterstützung leisteten.


Literatur
– E. Vischer, Das Werk der schweiz. prot.-kirchl. Hilfsvereine, 1944
TRE 8, 707-718
– R. Pfister, Kirchengesch. der Schweiz 3, 1984, 312-332
– P.L. Surchat, «Die Inländ. Mission der kath. Schweiz», in Gesch. des kirchl. Lebens in den deutschsprachigen Ländern seit dem Ende des 18. Jh. 3, hg. von E. Gatz, 1994, 134-137
– R. Brülisauer, Die inländ. Mission, 1995
LThK 3, 199-203

Autorin/Autor: Franz Xaver Bischof