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Orvin

Polit. Gem. BE, Bez. Courtelary, nördlich von Biel in einem Seitental am Unterlauf der Schüss gelegen. 866 Ulvinc, dt. Ilfingen. 1850 659 Einw.; 1900 766; 1950 780; 1970 1'034; 2000 1'235. O. kam 999 infolge der Schenkung des burgund. Kg. Rudolf III. mit Moutier-Grandval unter die Herrschaft des Bf. von Basel. 1295 wurde es eine eigenständige Herrschaft, die bis zum Ende des 14. Jh. an die Edlen von O. und dann an die Fam. d'Orsans, die Herren von Rondchâtel, verliehen war. Nach deren Aussterben gelangte das Dorf an den Bischof zurück. Von da an fungierte der Meier von Biel als Vogt in O. Die Offnung von 1352, welche Rechtsverhältnisse in der Herrschaft regelte, wurde 1643 überarbeitet und zu einem richtigen Landrecht ausgebaut. Dieses wurde 1668 durch den Fürstbischof bestätigt und war bis zum Ende des Ancien Régime gültig. Ab dem 14. Jh. unterstand das Aufgebot aus O. mit demjenigen aus dem Erguel dem Kommando von Biel, wobei die Männer aus O. 1649-1852 eine eigene Kompanie mit eigenem Panner bildeten. Die Kompanie entwickelte sich zu einer wichtigen lokalen Korporation, die durch den systemat. Geldverleih gegen Zins zu finanziellem Reichtum und Grundbesitz kam. Das zur Diözese Lausanne gehörende O. hatte eine dem Hl. Peter geweihte Kirche, die heute verschwunden ist. 1530 nahm das Dorf die Reformation an. 1536-1798 bediente der Pfarrer auch die Kirchgem. Vauffelin. Die spätgot. Kirche unbekannten Baudatums wurde 1722 durch die heutige Kirche im barocken Stil ersetzt (1916 durch Paul Robert dekoriert). Im 17. Jh. wurde die Bevölkerung von mehreren Hexenprozessen heimgesucht. Unter der franz. Herrschaft war O. 1797-1800 Teil des Dep. Mont-Terrible und 1800-15 des Dep. Haut-Rhin. Danach wurde es dem Kt. Bern zugeteilt. 1854 entstand eine Einwohner- und eine Bürgergemeinde. Die agrarisch geprägte Gem. (1930 95 Landwirtschaftsbetriebe), die über keinen Eisenbahnanschluss verfügt, entwickelte sich ab den 1950er Jahren infolge des Autoverkehrs rasch: 1950-70 erhöhte sich die Bevölkerungszahl um 32,5%. 1954 fasste mit dem Ableger der Fabrik Schäublin aus Bévilard die mechan. Industrie in O. Fuss. 1964 folgte die Bulova, 1961 das Unternehmen Léchot, 1973 die LNS, 1988 die Precimed. 2005 stellte der 1. Sektor 10%, der 2. 61% der Arbeitsplätze in der Gemeinde. Viele Bieler und Solothurner erwarben sich Chalets in der rasch wachsenden Siedlung Les Prés-d'O. (1951 181 Häuser, 1975 332).


Literatur
– A. Michaud, Contributions à l'histoire de la seigneurie d'O., 1923, (Neudr. 1980)
– J.-C. und P.-O. Léchot, Historique de l'église Saint-Pierre d'O., 1995
– P.-O. Léchot, «Deux siècles de l'honorable compagnie de la bannière d'O. 1649-1852», in Actes SJE, 1999, 263-284

Autorin/Autor: Christine Gagnebin-Diacon / ASCH