Genfer Revolutionen

Als G. werden die Konflikte bezeichnet, welche die versch. Gesellschaftsschichten der Genfer Bevölkerung - die Altbürger, die aus Genf stammten, die Neubürger, die das Bürgerrecht erworben hatten (Bürgerrecht), die Habitants und die Natifs - im 18. Jh. untereinander austrugen. Nur die ersten beiden Gruppen besassen polit. Rechte. Im 18. Jh. hatte die auch in anderen Regionen der Schweiz zu beobachtende Aristokratisierung dazu geführt, dass eine Minderheit von Patriziern (Négatifs, Ultranégatifs oder Constitutionnaires) auf Kosten der übrigen Alt- und Neubürger (Représentants) die ganze Macht auf sich konzentrierte. Der wirtschaftl. Erfolg verstärkte das Gefühl der Frustration unter denjenigen Bürgern, die trotz ihres Wohlstands keine polit. Rechte genossen, und gab Revolten Auftrieb.

Als erste begehrten die Alt- und Neubürger auf; sie stellten in den Affären Fatio 1707 (bezeichnet nach dem Namen des Anführes Pierre Fatio), des Tamponnement 1734-38 und Rousseau 1762-68 (ausgelöst durch die obrigkeitl. Verurteilung des "Emile" und des "Contract Social") ihre Forderungen. Schliesslich erhoben die Natifs ab den 1770er Jahren Anspruch auf wirtschaftl. Gleichstellung und erleichterten Zugang zur Neubürgerschaft. Durch Genfs Lage zwischen der Schweiz, Frankreich und Savoyen erhielt der Konflikt eine internat. Dimension und provozierte versch. Eingriffe von aussen; so suchten beispielsweise die mit Genf verbündeten Orte Bern und Zürich sowie Frankreich zu vermitteln. Im Nov. 1782 zwangen diese Staaten den Konfliktparteien ein Pazifikationsedikt auf, das die Négatifs begünstigte und von den Représentants "schwarzes Buch" genannt wurde. Die Situation spitzte sich nach dem Beginn der Französischen Revolution 1789 zu, bis im Dez. 1792 die Genfer Revolution ausbrach.

Eine Besonderheit der Genfer Ereignisse, die deren Breitenwirkung verstärkte, war die Einflussnahme von Persönlichkeiten wie d'Alembert (Artikel "Genf" in der Encyclopédie, 1757), Rousseau und Voltaire, welche die Natifs unterstützten. Die Geschichtsschreibung sah denn auch im Genf des 18. Jh. nachgerade ein "Laboratorium der Revolution" bzw. "einen Resonanzkasten" der aufklärerischen Ideen.


Literatur
– F. Venturi, Settecento riformatore 3, 1979, 343-353
Encycl. GE 4, 88-91
Révolutions genevoises, 1782-1798, Ausstellungskat. Genf, 1989
– Francillon, Littérature 1, 176-179

Autorin/Autor: Dominique Quadroni / PTO