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Ernen

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Polit. Gem. VS, Bez. Goms. Die Gem. liegt auf einer Moränenterrasse links über der Rhone und umfasst die geschlossene Haufensiedlung E. und den südwestlich davon gelegenen Weiler Niederernen. 1214 Aragnon, 1220 Arengnon, 1510 Aernen. 1850 414 Einw.; 1900 355; 1950 299; 2000 385.

Gräberfunde in Binnachern belegen die Besiedlung in der Latènezeit. Im HochMA unterstand das Goms dem Meiertum von E., das 1135 erstmals erwähnt wird. In der 2. Hälfte des 14. Jh. war der Zenden Goms in die Majorate E. und Münster eingeteilt. Ein Gerichtsspruch hielt 1447 fest, dass das Zendenmeieramt jährlich alternierend E. bzw. Münster zufallen solle. Die Hochgerichtsbarkeit blieb aber stets bei E., wo auch das Zendengerichtsgebäude (1750-62 Neubau) und der Galgen (1702 erneuert) standen.

E. war neben Münster die zweite Grosspfarrei des Goms. 1214 ist die Kirche von E. erstmals urkundlich bezeugt; eine dreischiffige Basilika bestand an gleicher Stelle bereits im 11. Jh. 1510-18 wurde die Kirche durch den Baumeister Ulrich Ruffiner neu erbaut, 1862-65 in neugot. Stil erneuert (Spitzbogengewölbe, Fenster im Schiff, Anbau von Seitenkapellen sowie einer Sakristei). Bei der Restaurierung von 1964-68 wurde versucht, den spätgot. Charakter des Ruffiner-Baus wieder herzustellen. Das Kircheninnere ist mit wertvollen Stücken ausgestattet, u.a. mit einem gotischen Reisealtar (Nothelferaltar) aus dem letzten Viertel des 15. Jh., geschnitzten Chorstühlen von 1666 und einer Orgel von 1679-80, die 1964-68 unter Aufsicht der Orgeldenkmalpflege restauriert wurde. Eine hochgot. Pietà wurde 1980 entwendet.

Die Profanbauten bezeugen das Gewicht E.s in der frühen Neuzeit, das damals noch an der Landstrasse durchs Goms lag, über Ausserbinn an den Albrunweg nach Italien angeschlossen war und sich am sog. Welschlandhandel beteiligte. So stehen auf dem Dorfplatz neben dem Zendengerichtsgebäude oder Zendenrathaus auch stattl. Wohn- und Nutzbauten aus dem 16. und 17. Jh. Bemerkenswert ist u.a. das 1576 errichtete Tellenhaus, das als Gasthaus und Suste diente. Den Namen gaben ihm die Tellfresken an seiner Frontseite von 1578; es handelt sich um die ältesten datierten Tellfresken der Schweiz. Das Jost-Sigristen-Haus wurde 1581 vom Meier und Bannerherrn Martin Jost erbaut und 1772 von Jakob Valentin Sigristen, einem einflussreichen Walliser Staatsmann, renoviert und im Rokoko-Stil ausgestaltet. Im heutigen Weiler Niederernen, bis 1872 eine selbstständige Gemeinde, findet sich das älteste datierte Wohnhaus des Goms aus dem Jahr 1533.

Im 19. Jh. büsste E. seine Bedeutung weitgehend ein. Die Furkastrasse (1860-61) sowie die Furkabahn (1914) wurden am rechten Rhoneufer über Fiesch geführt; E. lag somit abseits der Gommer Hauptverkehrsadern. Der in der 2. Hälfte des 19. Jh. aufkommende Tourismus berührte E. zunächst kaum. Die Bautätigkeit stagnierte, während die alte Bausubstanz weitgehend erhalten blieb. Ende des 19. Jh. unterstützte die Gem. Auswanderungswillige nach Übersee mit kleinen zinslosen Darlehen. Seit den 1970er Jahren eröffnet der Tourismus neue Erwerbsmöglichkeiten. 1979 erhielt E. den Wakker-Preis des Schweizer Heimatschutzes. Zu Beginn der 1980er Jahre erschloss E. zusammen mit der Nachbargem. Mühlebach ein kleineres Skigebiet; auf E.s Gemeindegebiet entstand die Ferienhaussiedlung Aragon. Ab 1974 führte der Pianist György Sebök in E. jährlich Meisterkurse für Klavier und Kammermusik durch, aus denen sich ein Kammermusikfestival (Festival der Zukunft) entwickelte. Die Gommer Zentralkäserei in E. ging Mitte der 1990er Jahre Konkurs. 2001 wurde in Gluringen die Bio-Bergkäserei Goms eröffnet. E. bietet v.a. im Kleingewerbe und in Dienstleistungsbetrieben Arbeitsplätze. 2005 Fusion mit Ausserbinn,Mühlebach undSteinhaus.


Literatur
Kdm VS 2, 1979, 1-109
– B. Mutter, E. und Umgebung, 1995

Autorin/Autor: Edwin Pfaffen