Bagnes, Val de

Tal der Dranse de B., die von Süden her der Rhone zufliesst, mit den Gem. B. und Vollèges. 1150 Banie. Schalensteine stammen aus dem Neolithikum, Grabstätten aus der Bronze- und der Römerzeit. Die frühe Besiedlung erklärt sich wohl mit dem Col de Fenêtre, einem Übergang nach Italien, der lange Zeit mindestens ebenso stark begangen war wie der Gr. St. Bernhard.

1150 vergabte Gf. Humbert von Savoyen der Abtei Saint-Maurice einen Teil seiner Rechte über B. und Octiet (Etiez, Gem. Vollèges). Die Schenkungsurkunde wurde von den Parteien unterschiedl. gedeutet. Schliessl. erlangte die Abtei das Bannrecht, die Gerichtsbarkeit und das Weiderecht; den Gf. von Savoyen verblieben die Grundzinsen, der Heerbann und die Frondienste für die Burg Chillon. Das Tal war nicht gesamthaft an die Abtei übergegangen, und diese erweiterte ihre Herrschaft nach und nach: 1294 kaufte sie ihre Rechte über das Mistralamt zurück, das die Fam. de B. als Lehen der Abtei innegehabt und unberechtigterweise aufgeteilt hatte. 1340 erwarb sie das Weibelamt von den Montheolo, 1341 das Vizedominat von Vollèges durch einen Abtausch mit den Herren von Liddes, 1366 das Vizedominat von B., 1462 die Güter des Vitztums von Montagnier. Nach der Schlacht auf der Planta (1475) verdrängten die Oberwalliser Zenden den Hzg. von Savoyen aus dem Unterwallis. Verm. zerstörten sie damals auch die Burg Verbier. Nach diesem Sieg kam es zum Interessenkonflikt zwischen dem Abt von Saint-Maurice und dem Bf. von Sitten: Letzterer wollte seine Rechte über das ganze Wallis zurückerlangen und anerkannte die savoy. Schenkung des Val de B. an die Abtei Saint-Maurice nicht. Es bedurfte zweier päpstl. Breven, um den Konflikt 1501 zugunsten der Abtei zu lösen.

Der obere Teil des Tals gehörte Adelsfam. aus dem Aostatal. 1515 kam es zu Raufhändeln zwischen Einw. des Val de B. und Leuten aus dem Aostatal um die Alpweide Grand Chermontane. Die Kommissare der sieben Zenden, die in Sembrancher tagten, sprachen die Alp in einem ersten Urteil den Aostatalern zu. Da diese jedoch die Landeshoheit des Bf. von Sitten nicht anerkannten, beschlagnahmte der Walliser Landtag die Alp zugunsten der Bagnards. Dafür sollten diese den Col de Fenêtre im Kriegsfalle bewachen. 1565 verkaufte die Abtei Saint-Maurice den Talleuten ihre Rechte an den Gemeingütern. Deren Nutzung ermöglichte es der Talschaft, die auf ihr lastenden Abgaben nach und nach abzulösen. 1745 versuchten die Bagnards, diese Ablösung zu beschleunigen und den Abt gewaltsam zum Verzicht auf seine Rechte zu bewegen. Die Oberwalliser griffen jedoch ein, und die Talleute mussten sich fügen. Das Jahr 1798 setzte der weltl. Herrschaft des Bf. über das Val de B. ein Ende. Auch an die Abtei Saint-Maurice entrichteten die Bagnards letztmals 1798 ihre Abgaben. Eine Konvention bestätigte 1807 das Ende der weltl. Herrschaft der Abtei über das Val de B. Seither besitzt sie nur noch das Recht, die Pfarrer in B. und Vollèges zu ernennen.

Der Ende des 19. Jh. aufkommende Tourismus hat die Wirtschaft des Tals grundlegend verändert. Im ausgehenden 20. Jh. ist die teilzeitl. betriebene Landwirtschaft zur Regel geworden (85% der Betriebe). Die Viehzucht ist zwar kaum noch rentabel, wird aber als Markenzeichen des Tals weiter betrieben (Kämpfe der Eringerkühe, Raclettekäse). Fionnay wurde 1890 zum ersten Fremdenverkehrsort (Sommertourismus). Es folgten Bruson und v.a. Verbier. Die Médran-Sesselbahn (1950) gab dem Wintertourismus Aufschwung. Seit 1958 liefert die Mauvoisin-Talsperre Elektrizität und verhindert auch die katastrophalen Überschwemmungen, die der Giétrozgletscher in der Vergangenheit bewirkt hatte. Das Tal ist durch eine Bahnlinie mit Martigny verbunden (1910 Martigny-Sembrancher, 1953 Sembrancher-Le Châble).


Literatur
– L. Courthion, Esquisse historique de la vallée et commune de B., 1893
– F. Raynauld, Formation et évolution d'une élite politique dans une vallée alpestre, 1976
– C. Bérard Bataille pour l'eau, 1982
– A. Perrenoud, Paroles de bergers, 1992
Val de B., hg. von A. Perrenoud, 1997

Autorin/Autor: Jean-Yves Gabbud / AA