Gemeindewerke

Als G. gelten Unternehmungen der Infrastruktur, öffentl. Grundversorgung und Entsorgung, soweit sie von Gem. als Regiebetriebe geführt werden. Sie werden häufig als Industrielle Betriebe in einer Verwaltungsabteilung zusammengefasst.

Mit den Gaswerken (Gas), die ab 1842 vereinzelt (Bern, Genf, Lausanne), ab 1856 in grosser Zahl zur Beleuchtung städt. Strassen und privater Wohnungen erbaut wurden, hielt in den Städten erstmals eine Netz-Technologie Einzug. Befristete Konzessionsverträge mit den privaten Gasproduzenten regelten die Benützung des öffentl. Grundes für den Leitungsbau und die Gasabgabe zur Beleuchtung städt. Strassen. Entsprechend der Gastechnologie brachten seit ca. 1860 (Glarus 1858, Aarau 1860, Neuenburg 1864) Druckleitungsnetze Trinkwasser in die privaten Wohnungen. Gas- wie Wasserwerke kamen 1886-1900 (in Bern schon 1860, in Basel 1868) mehrheitlich in den Besitz der öffentl. Hand (Öffentlicher Sektor). Diese Abkehr vom liberalen Credo wurde von freisinnigen Politikern eingeleitet. Auslöser waren permanente Konflikte mit den privaten Monopolbesitzern über Tarife, Gas- oder Wasserqualität und den Anschluss neuer Versorgungsgebiete sowie die Erwartung sicherer Erträge für die Stadtkasse.

Städt. Elektrizitätswerke (Elektrizitätswirtschaft) wurden oft von Beginn weg in kommunaler Regie geführt. Im ländl. Raum übernahmen Gem. den lokalen Netzbetrieb ohne eigene Produktion. Ab 1896 (Zürich) bauten oder übernahmen die meisten deutschschweiz. Städte auch die innerstädt. Strassenbahnen in Regie, während dieser Schritt in der franz. und ital. Schweiz die Ausnahme blieb. Generell erfolgte die Kommunalisierung von Infrastrukturwerken in der dt. Schweiz häufiger und früher als in den anderen Landesteilen (Abfall). Um 1900 hatten die Produkte der Werke zumindest in den Städten ihren anfängl. Luxuscharakter verloren und sich zu Gütern der allg. Grundversorgung entwickelt. Die Wasserversorgung spielte nach ersten Rückschlägen eine wesentl. Rolle bei der Bekämpfung von Infektionskrankheiten und bei der Durchsetzung häusl. Hygiene. Mit der Ausbreitung der Gasküche wurde der Gaspreis mitentscheidend für die Höhe der Lebenskosten. Der Öffentliche Verkehr wurde mit der Ausdehnung der Stadtgebiete und der Einführung von "Arbeiter-Abonnementen" nach der Jahrhundertwende zum Hauptträger der innerstädt. Mobilität. Es bestand zumindest der Anspruch, mit dem Ausbau der Linien die Siedlungsentwicklung in bestimmte Richtungen zu lenken. In der Regel erhielten die G. innerhalb der städt. Verwaltung eine selbstständige Organisation, ein eigenes Rechnungswesen und finanzielle Kompetenzen, vereinzelt auch Rechtspersönlichkeit. Davon abweichend blieben z.B. in Genf die G. bis 1930 gewöhnl. Verwaltungsrichtlinien unterstellt.

Die G. erwiesen sich als bedeutende Einnahmequellen, deren Gewinne in Zürich und Bern 1910-40 stets 20-30% der Steuereinnahmen entsprachen. Die Frage der Tarife wurde zum Politikum. Besonders ertragreich war bis 1917 das Gas, danach die Elektrizität. Dagegen brachte der öffentl. Verkehr den meisten Städten von Anfang an Defizite. Nach dem 2. Weltkrieg zerfiel die Ertragskraft v.a. der Gaswerke angesichts neuer Konkurrenten auf dem Energiemarkt (Energie). Auch in neuster Zeit hat z.B. das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich zwischen 6 und 9% des Umsatzes als Gewinn abzuliefern, dazu kommen Zinsmargen zugunsten der Stadt und der kostenlose Betrieb der Strassenbeleuchtung. Im städt. Haushalt spielen diese Beträge jedoch eine geringe Rolle. An Bedeutung gewonnen hat die Funktion der G. als Instrumente der Energie- und Verkehrspolitik im Hinblick auf ökolog. Lenkungsziele.


Literatur
– M. Saitzew, Die öffentl. Unternehmung der Gegenwart, 1930
– M. Savoy, Lumières sur la ville, 1987
– F. Hodel, «Versorgen und Gewinnen», in Allmächtige Zauberin unserer Zeit, hg. von D. Gugerli, 1994, 73-84
– H.-R. Galliker, Tramstadt, 1997

Autorin/Autor: Daniel Kurz