03/12/2013 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Talschaft

Als T.en werden ländl. Verbände in Gebirgsgegenden mit kommunal ausgeprägter Verfassung bezeichnet. In der Schweiz sind sie als polit.-soziale Einheit ab dem 12. Jh. im Alpen- und Voralpenraum fassbar. Gleiche Körperschaften finden sich auch in den Pyrenäen, im gesamten Alpenraum von Frankreich bis in die Steiermark, im Schwarzwald und in den Vogesen. In den Quellen werden die Begriffe tal (vallis) und lant synonym verwendet. Die Ursprünge der T.en sind unterschiedlich. Viele entstanden aufgrund herrschaftl. Verwaltungsstrukturen, z.B. die Zenden im Wallis, aber auch die Herrschaften Frutigen, Plaffeien und Entlebuch oder das Toggenburg. "Tal" wird hier nicht selten als Korrelat zu "Burg" ("Burg und Tal") genannt. Bisweilen ist ein gemeinsames materielles Substrat, etwa die Mutterkirche oder die Allmend, der Ursprung einer T., wie dies in Engelberg, im Haslital, vielleicht auch in Uri gewesen sein dürfte. Das den Walsern gewährte Recht zur Kolonisierung liess ebenfalls T.en entstehen, z.B. in Ursern oder Rheinwald. Eingriffe des dt. Kaisers, meist im Zusammenhang mit der Passpolitik, konnten eine T. begründen oder fördern, wie dies im Bergell, im Bleniotal, in der Leventina und in Uri der Fall gewesen war.

Die T.en entwickelten kommunale Verfassungsstrukturen (universitas vallis) mit Talgemeinde-Versammlungen und Vorgesetzten für das Verwaltungs- und Gerichtswesen. Sie verfügten über wesentl. Hoheitsrechte, die in Statuten und in Talbüchern festgeschrieben wurden. Einige konnten die Reichsfreiheit erlangen und behaupten. Aus ihnen entstanden die eidg. Länderorte (z.B. Uri, Schwyz, Unterwalden, Glarus), die sich in einem Talschaftsbund zusammenschlossen. Für die Entstehung der Innerschweizer Länderorte übten die ital. T.en, die bereits früher eine kommunale Verfassung ausgebildet hatten, eine Vorbildfunktion aus. Wenn es aufgrund nicht ausreichender Grösse bzw. militär. und polit. Kraft misslang, die Reichsfreiheit zu erhalten, verblieben die T.en bei ihren feudalen Herrschaften. Während der Territorialisierung im SpätMA gelangten deren Rechte grösstenteils an die eidg. Städte und Länder. Diese T.en wurden Untertanengebiete, stellten aber weiterhin besondere Verwaltungseinheiten dar und konnten einen Teil ihrer alten Rechte und Gewohnheiten beibehalten. Sie bildeten z.T. eigene Landvogteien (Leventina, Saanen, Entlebuch) oder verburgrechtete oder verlandrechtete Täler (Burgrecht) wie das Urserntal, das 1410 mit Uri in ein Landrecht trat. In Graubünden und Wallis entstanden aus den verschiedenen T.en und Gem. grosse Gemeindebünde, welche sich der Eidgenossenschaft als zugewandte Orte anschlossen. In den modernen Kantonen leben die Talschaftsstrukturen weiter, u.a. als Amtsbezirke, Gerichtskreise und Korporationen.


Literatur
– K.S. Bader, Stud. zur Rechtsgesch. des ma. Dorfes 2, 1962, 250-265
– Peyer, Verfassung, 44-55
– K. Ruser, «Die Talgem. des Valcamonica, des Frignano, der Leventina und des Blenio und die Entstehung der Schweiz. Eidgenossenschaft», in Kommunale Bündnisse Oberitaliens und Oberdeutschlands im Vergleich, hg. von H. Maurer, 1987, 117-151
– P. Blickle, «Friede und Verfassung», in Innerschweiz und frühe Eidgenossenschaft 1, 1990, 15-202
– G. Vismara et al., Ticino medievale, 1990, 150-163
– P. Bierbrauer, Freiheit und Gem. im Berner Oberland, 1991
– M. Fransioli, «L'organizzazione degli enti vicinali nella Valle Leventina prima del 1800», in Atlante dell'edilizia rurale in Ticino: Valle Leventina, hg. von G. Buzzi, 1995, 419-430

Autorin/Autor: Hans Stadler