Reichsvogt

Der vom König bestellte R. war als Vertreter des Heiligen Römischen Reichs Schutzherr, Vorsitzender des Blutgerichts und Verwalter von Reichsgut (Reichsland, -städte, -klöster) und Reichsrechten.

Im Gebiet der heutigen Schweiz gab es im HochMA neben den Reichsstädten (Basel, Bern, St. Gallen, Schaffhausen, Solothurn, Zürich) und Reichsklöstern (z.B. Disentis, Einsiedeln, Fraumünster und Grossmünster Zürich, St. Gallen) ausgedehnte Komplexe an Reichsland, v.a. in der Inner- und Westschweiz. Letztere waren in Reichsvogteien (z.B. Oberhasli) zusammengefasst oder bereits im 12. Jh. als Reichslehen an einheim. Freiherren verliehen. Gegen die tendenzielle Entfremdung von Reichsgut durch diese schritten z.B. die Hzg. von Zähringen als Reichsvögte und Rektoren von Burgund 1191 im Oberländer Baronenkrieg ein.

Im 13. Jh. wurden Reichsvogteien vermehrt Reichslehen der grossen Dynastenhäuser, v.a. Savoyens und Habsburgs, deren Beamte als Reichsvögte nebenher die Reichsrechte wahrnahmen. In Zürich z.B., wo nach Erlangung der Reichsunmittelbarkeit (1218) zunächst Reichsvögte aus der städt. Bürgerschaft die Vogtei über die beiden Stifte und über die Stadt ausübten, folgten später zeitweilig habsburg. Amtleute als Reichsvögte und Landrichter in Personalunion.

In Städten, in denen sich der R., wie der vergleichbare Schultheiss, neben der Gerichtsbarkeit vermehrt mit Stadtgeschäften befasste, wandelte er sich zum Stadtoberhaupt an der Spitze des Rats (z.B. in Zürich im 13. Jh.). Als eidg. Orte im 15. Jh. sukzessive das Amt des R.s erwarben (z.B. Zürich 1400, St. Gallen 1415, Schaffhausen 1415-29), wurde dieser zum Vorsitzenden bzw. Vollzugsbeamten des Blutgerichts. Unter der Bezeichnung R. bestand dieses Amt in St. Gallen und Appenzell Innerrhoden (1606-1872) bis ins 19. Jh. weiter.


Literatur
– W. Meyer, Verwaltungsorganisation des Reiches und des Hauses Habsburg-Österreich im Gebiete der Ostschweiz, 1933
– Schib, Schaffhausen
– E. Ehrenzeller, Gesch. der Stadt St. Gallen, 1988, v.a. 53 f.
HRG 4, 810-814
AppGesch. 3, 60
GKZ 1

Autorin/Autor: Waltraud Hörsch