Luftfahrt

L. umfasst die Benutzung des Luftraums durch Luftfahrzeuge jegl. Art sowie die damit verbundene Infrastruktur. Sie gliedert sich in die Bereiche militär. (Luftwaffe) und zivile L., diese in die Verkehrs- und die allg. L.

1 - Ballone und Luftschiffe

Der erste bemannte Aufstieg eines Ballons in der Schweiz gelang dem Franzosen Jean-Pierre Blanchard 1788 in Basel. Im 19. Jh. errangen versch. Schweizer mit Erfindungen von Luftfahrzeugen v.a. im Ausland Erfolge, so Jakob Degen in Wien als Erfinder eines flugfähigen Schlagflügelapparats (1810) und des ersten flugfähigen Hubschraubermodells (1816).

Ab den 1880er Jahren machten in der Schweiz Eduard Spelterini, später auch Théodore Schaeck und Emil Messner als Gasballonfahrer von sich reden. Spelterinis Ballonfahrten und Luftfotografien ab 1893 trugen zur Popularität des Ballonsports bei. 1900 erfolgte die Aufstellung einer schweiz. Ballontruppe, 1901 die Gründung des Aero-Club der Schweiz (AeCS). Aufsehen erregten 1931-32 Auguste Piccards Ballonfahrten in die Stratosphäre und 1999 die erste Weltumrundung im Ballon durch seinen Enkel Bertrand Piccard.

Das Aufkommen gesteuerter Luftfahrzeuge (Zeppelin-Luftschiffe, LZ) bewog die Tourismusstadt Luzern 1910 zum Bau einer Luftschiffstation, von der aus die Aero Genossenschaft Luzern 1910-12 mit einem Prall-Luftschiff Fahrten organisierte. Bedeutung erlangten in den 1930er Jahren die "Schweizerfahrten" des LZ 127 Graf Zeppelin. 2003 wurde der tourist. Luftschiffbetrieb über dem Vierwaldstättersee erneut aufgenommen. Trotz guter Frequenz (über 11'000 Passagiere) wurde er nach dem letzten Flug vom 3.7.2006 aufgrund von Lärmemissionen wieder eingestellt.

Autorin/Autor: Henry Wydler

2 - Pionierjahre des Motorflugs - zivile Flugzeugindustrie

1910 wurden mit einem Wright-Doppeldecker im März erste Flüge über dem gefrorenen St. Moritzer See durchgeführt. Im August überflog Armand Dufaux den Genfersee der Länge nach, und im September gelang Geo Chavez erstmals eine Überfliegung der Alpen (Simplonpass). Schweizer Pioniere der L. waren Edmond Audemars (Erstflug Paris-Berlin 1912), Emile Taddeoli (Überflug des Mont Blanc 1919), Ernest Failloubaz (Brevet No. 1 1910, schweiz. Manöverflüge 1911), René Grandjean (Erbauer eines Ski- und Wasserflugzeugs 1912), Max Bucher (erster schweiz. Nachtflug 1911) und François Durafour (Landung auf dem Mont Blanc 1921). Am nachhaltigsten prägte Oskar Bieder die Frühzeit der schweiz. L.

In beiden Weltkriegen war die Schweizer Luftwaffe vom Nachschub abgeschnitten, die schweiz. Industrie und Rüstungsbetriebe somit zum Bau von Flugzeugen und Triebwerken zu militär. Zwecken gezwungen. Ab den 1920er Jahren machten sich Alfred Comte und die Dornier-Werke (Flug- und Fahrzeugwerke Altenrhein), nach dem 2. Weltkrieg v.a. die Pilatus Flugzeugwerke einen Namen in der zivilen Flugzeugindustrie.

Autorin/Autor: Henry Wydler

3 - Verkehrsluftfahrt

Nach 1918 versuchten ehem. Militärpiloten sich mit umgebauten Kriegsflugzeugen eine Existenz aufzubauen. Sie gründeten erste Fluggesellschaften: 1919 in Zürich die Aero-Gesellschaft Comte-Mittelholzer & Co. und die Ad Astra, Schweiz. Luftverkehrs AG, die 1920 zur Ad Astra Aero fusionierten, in Genf die Avion-Tourisme, 1925 die Basler Luftverkehr AG Balair und 1929 die Alpar in Bern. Der erste Luftpostflug führte 1919 von Zürich nach Bern, der Kurs wurde jedoch bald eingestellt. Ab 1922 erfuhr die Luftpost einen nur vom 2. Weltkrieg unterbrochenen Aufschwung. 1920 wurde als Aufsichtsbehörde über die zivile L. das Eidg. Luftamt (seit 1979 Bundesamt für Zivilluftfahrt, BAZL) geschaffen.

Fehlender Reisekomfort, Wetterabhängigkeit, ähnl. Streckenpläne wie die Eisenbahn und die gegenseitige Konkurrenz behinderten den kommerziellen Erfolg der Fluggesellschaften und erzwangen Zusammenschlüsse, so 1931 der Balair und der Ad Astra Aero zur Swissair. Die von Walter Mittelholzer geleiteten Flugexpeditionen in die Arktis, nach Asien und Afrika, seine Luftfotografien und Publikationen trugen in der Vorkriegszeit viel zur Anerkennung der Schweizer L. bei. Insgesamt machten geringe Geschwindigkeiten (200 km/h) und kurze Reichweiten die L. gegenüber den Eisenbahnen noch wenig konkurrenzfähig. Mit dem Ausbruch des 2. Weltkriegs kam die zivile L. vorerst zum Erliegen. Ab 1940 wurden einzelne Strecken wieder bedient (Locarno-Barcelona, Zürich-München, Zürich-Stuttgart-Berlin), doch als 1944 eine schweiz. Maschine bei einem Luftangriff auf Stuttgart zerstört wurde, stellte die Swissair den Betrieb ein. Nach Kriegsende begann auch in der Schweiz der Ausbau der Flughäfen (Flugplätze) in Erwartung einer raschen Zunahme des Flugverkehrs, die mit der allg. wirtschaftl. Expansion nach 1950 auch eintraf. Ab 1951 betrieb die Swissair zielgerichtet den Ausbau des Verkehrsnetzes. Im Gleichschritt mit der allg. techn. Entwicklung der L. führte sie ab 1960 Düsenflugzeuge und ab 1971 Grossraumflugzeuge ein. Bis 1995 weitete sie ihr Liniennetz auf 340'000 km mit 117 Destinationen in mehr als 70 Ländern aus.

Im rasch wachsenden Markt entstanden Nischen für neue Fluggesellschaften, so die Globeair (1961-68) in Basel und die SATA (1968-78) in Genf, die sich auf Charterflüge spezialisierten. Im europ. Linienverkehr wurden 1979 die Crossair und 1989 die Air Engiadina tätig. 1994 arbeiteten im Charterverkehr 120 Unternehmen, darunter die TEA Basel, die Aéro-Jet sowie 24 Helikopterbetriebe, bis 1995 auch die 1993 fusionierten Swissair-Töchter Balair (ab 1957) und CTA (ab 1978). Die rasante Entwicklung des gewerbl. Luftverkehrs zwischen 1955 und 1995 auf Schweizer Flughäfen beruhte auf der Flugtätigkeit v.a. der Swissair (1995 51% der Fluggäste, 73% der Fracht), aber auch der rund 85 ausländ. Liniengesellschaften. Brachte die Ablehnung der EWR-Verträge durch die Schweizer Stimmberechtigten 1992 der Schweizer L. erhebl. Nachteile im europ. Luftraum, erhält sie mit dem Inkrafttreten der bilateralen Verträge wieder gleichberechtigten Zugang zum liberalisierten europ. Luftraum. Gleichzeitig erlebte aber die internat. L. eine schwere Krise (Überkapazitäten), die 2001-02 den Zusammenbruch der Swissair-Gruppe mitverursachte. An der unter dem Namen Swiss neu gegr. Gesellschaft hielt die dt. Lufthansa ab 2005 zunächst eine Beteiligung von 49%. Seit dem 1.7.2007 ist die Swiss zu 100% im Besitz der Lufthansa.

Entwicklung des gewerblichen Luftverkehrs auf Schweizer Flughäfen 1925-2005
JahrFluggästeFracht/Post (in t)
192516 576 112
193591 671 626
194515 986 173
19551 259 89027 048
19654 443 809115 291
197510 964 000316 497
198516 015 105581 539
199523 749 966731 244
200034 426 801532 046
200530 832 869340 791

Quellen:BAZL; Aerosuisse

Die Gesetzgebung in der L. wurde 1922 dem Bund übertragen (Art. 37ter BV). Das schweiz. Luftrecht basiert im Wesentlichen auf dem Luftfahrtgesetz von 1948, das oft und letztmals 1998 revidiert worden ist (u.a. Aufhebung des Monopols der Swissair im Linienverkehr, Anpassung an die Liberalisierung der L. in der EU), sowie auf dem Bundesgesetz von 1959 (Luftfahrzeugbuch). Dem Warschauer Abkommen (Haftungsrecht) ist die Schweiz 1934 beigetreten, der Internat. Zivilluftfahrt-Organisation ICAO 1947, der Europ. Zivilluftfahrt-Konferenz ECAC 1955. Der 1945 gegr. Internat. Luftverkehrsverband IATA, dem u.a. auch die Swiss angehört, unterhält einen Sitz in Genf.

Die Flugsicherung oblag 1931-87 der Radio-Schweiz AG, 1988-2000 der Swisscontrol und seit 2001 liegt sie in der Verantwortung der Skyguide. Genf führte 1945 als erster Flughafen ein Instrumenten-Landesystem (ILS) ein, Zürich 1954 die erste Radarstation. 1998 waren neben den drei Landesflughäfen Zürich, Basel-Mülhausen und Genf-Cointrin auch einige Regionalflughäfen mit ILS ausgerüstet. Die beiden Kontrollzentren (ACC) Zürich und Genf-Cointrin teilen sich in die Radarüberwachung des schweiz. Luftraums, wobei seit 2001 die zivile und militär. Flugsicherung durch ein einziges Unternehmen erbracht wird.

Entscheidendes zur Entwicklung der schweiz. L. beigetragen haben namentlich Theodor Real (Aufbau der Fliegertruppe), Arnold Isler (erster Direktor des Eidg. Luftamts), Jakob Ackeret (ETH-Professor für Aerodynamik), Eduard Amstutz (ETH-Professor für Flugzeugstatik und -bau) sowie Walter Berchtold (Swissair).

Autorin/Autor: Henry Wydler

4 - Allgemeine Luftfahrt

Erstmals 1946 wurde mit Flugeinsätzen die Personenrettung eines im Gebirge notgelandeten Flugzeugs durchgeführt (Dakota der US-Luftwaffe auf dem Gauligletscher). Fredy Wissel ab 1950 und Hermann Geiger ab 1952 setzten als Erste systematisch Flächenflugzeuge mit Skiern und Rädern für Touristik-, Versorgungs- und Rettungsflüge ein. Helikopter bewährten sich bei Rettungseinsätzen der 1952 gegr. Schweizerischen Rettungsflugwacht und seit 1958 in der Luftwaffe. Seither erfüllten Helikopter vielfältige Aufgaben.

Zum Ballon- kam in den 1920er Jahren der Segelflugsport hinzu. Viele nationale und internat. Segelfluglager trugen zu dessen Verbreitung bei. Nach 1945 nahm der Motorflugsport grossen Aufschwung. Es folgten nach 1970 weitere Flugsportarten wie Fallschirmspringen, Delta- und Gleitschirmfliegen. Dem AeCS, dem nationalen Dachverband des Flugsports und der Leichtaviatik, gehörten um 2005 über 20'200 Mitglieder an, dem 1974 gegr. Schweiz. Hängegleiterverband 13'690 Delta- und Gleitschirmpiloten. Dem AeCS ist vom Bund auch die Organisation und Administration der flieger. Abklärung Sphair übertragen worden.

In der Schweiz registrierte Luftfahrzeuge 1955-2005
JahrMotorflugzeuge (gewerbsmässige)Motorflugzeuge (nicht gewerbsmässige)HelikopterSegelflug
1955 189 256   6 169
1960 250 261   6 235
1965 252 474  14 325
1970 313 712  27 417
1975 345 900  52 602
1980 3701 202 102 780
1985 4051 304 139 950
1990 5621 389 1991 035
1995 5881 480 2381 072
20002 0112461 033
20051 892285949

Quellen:BAZL; Aerosuisse

Quellen und Literatur

Archive
– VHS, u.a. Bilderslg. des AeCS
Quellen
– BAZL, Jber.
Literatur
Aero-Revue, 1926-
– E. Tilgenkamp, Schweizer L., 3 Bde., 1941-42
– G. Bridel, Schweiz. Strahlflugzeuge und Strahltriebwerke, 1975
– K.W. Streit, J.W.R. Taylor, Gesch. der L., 1975
– R. Eichenberger et al., Sechs Schweizer Flugpioniere, 1987
– G. Heuberger, Die Luftverkehrsabkommen der Schweiz, 1992
– H.R. Degen et al., Schweizer Flugtechniker und Ballonpioniere, 1996
– G. Bridel et al., Schweizer Wegbereiter des Luftverkehrs, 1998
– A. Waldis, Gastgeber Verkehrshaus der Schweiz, 1999
Du ballon au jet, hg. von R. Jeanneret, G.-A. Zehr, 2000
– O. Britschgi, A. Waldis, Flugpioniere in und über Luzern, 2000
– E. Wyler, Bordbuch der Schweizer L., 1783-2000, 2001
Swissair: Mythos & Grounding, hg. von R. Lüchinger, 2006
– U. von Schroeder, Remember Swissair, 2006

Autorin/Autor: Henry Wydler