29/11/2007 | Rückmeldung | PDF | drucken

Haushaltsmaschinen

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Ende des 19. Jh. ging mit dem Rückgang der Zahl der Dienstboten eine Rationalisierung des Haushalts einher. Schon 1869 hatten die Nordamerikanerinnen Catherine Esther Beecher und Harriet Beecher-Stowe (Autorin von "Onkel Toms Hütte") im Zuge der Sklavenbefreiung die häusl. Dienstbarkeit in Frage gestellt und arbeitstechnisch besser eingerichtete Küchen vorgeschlagen. In Anlehnung an den Taylorismus forderte ein halbes Jahrhundert später Christine Frederick im 1921 ins Deutsche übertragenen Buch "Die rationelle Haushaltführung" genau berechnete Zeiteinsparungen. Erna Meyer setzte 1926 im bahnbrechenden Ratgeber "Der Neue Haushalt - Ein Wegweiser zur wirtschaftl. Hausführung" auf die Elektrifizierung und Emma Mettler übertrug diese Erkenntnisse auf den hauswirtschaftl. Unterricht (Hauswirtschaft) in der Schweiz. "Spare Zeit, Kraft und Geld" wurde zum Leitwort der Abt. Hauswirtschaft an der Saffa 1928. Die Forderung deckte sich mit den Anstrengungen der Frauenbewegung für die Anerkennung der Hausfrauenarbeit (Hausarbeit) als Beruf. Wissenschaftlichkeit, gepaart mit Elektrifizierung, machte aus der ehemals von Dienstboten verrichteten Arbeit eine auch für Frauen der oberen Mittelschicht annehmbare Tätigkeit.

Die der Moderne verpflichtete Architektur unterstützte diese Bestrebungen v.a. im Bereich der Küchenarchitektur (Küche), während die Industrie nach amerikan. Vorbild neue H. entwickelte. Diese setzten sich in Europa erst langsam durch. In den 1930er Jahren fehlte es z.B. den meisten Zürcher Haushalten noch an Steckdosen, und H. blieben für die breite Bevölkerung bis in die 1950er Jahre unerschwinglich. Ausserdem bremste ein konservatives Frauen- und Familienbild sowie Arbeitslosigkeit die Rationalisierungsbewegung in Europa zugunsten einer Aufwertung der traditionellen Mutter- und Hausfrauenrolle. Der Nähmaschine mit ihrem doppelten Nutzen für Erwerb (Frauenerwerbsarbeit) und Selbstversorgung war der Durchbruch schon im 19. Jh. gelungen; dennoch hielt sich neben den elektr. Modellen die Tretmaschine bis lange nach dem 2. Weltkrieg. Neben ausländ. wurden schweiz. Marken wie Bernina, Helvetia und Elna angeboten. Kochen mit Gas fand von der Wende zum 20. Jh. an Verbreitung. Elektr. Tisch- und Standherde erschienen ab 1910 auf dem Markt, wurden aber erst von der Zwischenkriegszeit an in grösserer Zahl abgesetzt. Besondere Beachtung erfuhr v.a. nach 1945 das Kochherddesign der Firma Therma.

Der Siegeszug der meisten H. begann mit der Hochkonjunktur der Nachkriegszeit. Dabei spielte das Schweizerische Institut für Hauswirtschaft (SIH) als Prüfungs- und Beratungsstelle eine wichtige Rolle. 1946 vom 3. Schweiz. Frauenkongress des BSF gefordert, wurde das SIH 1947 als gemeinsames Projekt von Frauenbewegung, Wirtschaftsverbänden und ETH Zürich realisiert. In den 1950er Jahren fand der kleine, unauffällige Kühlschrank der Marke Sibir als schweiz. Produkt zwar Eingang in den Haushalt, doch avancierte der importierte, stromlinienförmige Bosch oder Frigidaire gleich dem Automobil zum Leitobjekt des Konsums und paarte sich in der Werbung mit dem Bild der adretten Hausfrau mit Sexappeal. Das Kochen mutierte in der Reklame zum mühelosen Liebesbeweis für Ehemann und Kinder. Im Gefolge der auch an der Saffa 1958 propagierten Konzeption der neuen Einbauküchen und der ab den 1960er Jahren vermehrt aufgehobenen Trennung zwischen Küche, Ess- und Wohnraum wandelte sich der Kühlschrank innert 15 Jahren vom Vorzeigeobjekt zum unentbehrl. Nutzgegenstand.

Langsamer verlief die Verbreitung der Tiefkühltechnik. Schliessabteile in dorfeigenen Gefrierräumen und die ersten Tiefkühltruhen im Keller dienten auf dem Lande der Vorratshaltung von eigenem Gemüse und Obst (Konservierung). Mit den Selbstbedienungsläden und der Ausweitung des Angebots an Tiefkühlprodukten bis hin zu fertigen Menüs wurden separate Gefriertruhen zum üblichen Küchenmobiliar, ohne aber je die Selbstverständlichkeit der Kühlschränke zu erlangen. Als ideale Ergänzung dazu erfuhr der Mikrowellenherd von den 1980er Jahren an eine rasche Verbreitung. Er spielt v.a. auch im Einpersonenhaushalt, der zahlenmässig bedeutendsten Haushaltsform seit den 1990er Jahren, eine Rolle. Mit der neuen Technik droht der emotionale Gehalt beim Herstellen der Mahlzeiten, die für weibl. Hausarbeit typ. Dualität von Sach- und Beziehungsaspekten, verloren zu gehen. Die weiter ausgebaute Einbauküche mit Geschirrspüler und elektron. Backofen diente der Erhaltung der Küche als Ort der "Arbeit aus Liebe". Die zusätzl. H., die von den 1960er Jahren an Verbreitung fanden, fanden in der Einbauküche ihren diskreten Platz, denn als immer billigere Massenware verloren elektr. Fruchtpresse, Mixer, Friteuse, Toaster und Kaffeemaschine das anfängl. Prestige.

Ähnlich verlief die Entwicklung bei der Mechanisierung der Reinigungsprozesse. Der zu Beginn des 20. Jh. mit einem Elektromotor ausgestattete Staubsauger erschien Anfang der 1920er Jahre für ein gehobenes Publikum auf dem Markt, und 1930 wurde ein erstes Modell im Versandkatalog von Jelmoli angeboten. Aber erst ab den 1950er Jahren wurde er zu einem erschwingl. Gerät für breite Schichten, auch wenn der Teppichklopfer noch lange selbstverständl. Haushaltsaccessoire blieb. Die in den 1960er und 70er Jahren angepriesenen elektr. Blocher erwiesen sich mit der Versiegelung von Parkettböden einerseits, der Verbreitung des Spannteppichs andererseits bald als überflüssig. Bereits Ende des 19. Jh. erschien Werbung für Waschmaschinen. Die Verzinkerei Zug AG (Metallwaren Zug), die ab 1913 mit der Kombination von Wasser und Elektromotor die Mechanisierung des Waschens vorantrieb, warb ab Ende der 1920er Jahre regelmässig für Zentrifugen und Vorwaschmaschinen. Erst mit der Vollautomatisierung in den 1950er Jahren wurde aber das Waschen mit der Maschine selbstverständlich. Die anfänglich kleinen Nachkriegsmodelle mit Zentrifuge und Handkurbel für das Auswringen wurden durch Trommelmodelle mit integrierter Wäscheschleuder abgelöst. In den neu erstellten Wohnblocks gehörte der Automat nun zur Ausstattung jeder Waschküche, von den 1980er Jahren an z.T. ergänzt durch einen Tumbler. Das Bedürfnis nach sog. Zeitsouveränität hat seitdem auch in Einzelhaushalten zu vermehrter Anschaffung von Waschmaschinen mit integriertem Trockner geführt. Mehr Waschen bedeutete aber mehr Bügeln. Das von der Zwischenkriegszeit an verbreitete schwere elektr. Bügeleisen aus Eisen wurde erst in den 1960er Jahren von leichteren, regulierbaren Modellen, z.B. der Marke Jura, abgelöst. Das Dampfbügeleisen machte das vorgängige Einspritzen der getrockneten Wäsche überflüssig. Trotz der Mechanisierung wird wegen der durch H. ermöglichten neuen Reinlichkeits- und Hygienestandards kaum weniger Zeit für Waschen und Putzen aufgewendet als vor der Rationalisierungsbewegung. Daran wird auch die Dampfstation als neueste Errungenschaft nichts ändern.


Archive
– BHM, Slg. und Ausstellung "Wandel im Alltag"
– MFG, Slg. und Ausstellung "Schaulager der Designslg."
– SLM, Slg. und Ausstellung "Kulturgeschichtl. Rundgang"
Literatur
– G. Heller, Propre en ordre, 1979
– L. Berrisch, «Rationalisierung der Hausarbeit in der Zwischenkriegszeit», in SZG 34, 1984, 385-397
– S. Giedion, Die Herrschaft der Mechanisierung, 31987 (engl. 1948)
Waschtag, Ausstellungskat. Biel, 1988
HaushaltsTräume, 1990
– E. Joris, «Die Schweizer Hausfrau», in Schweiz im Wandel, hg. von S. Brändli et al., 1990, 99-116
Oikos, hg. von M. Andritzky, Ausstellungskat. Stuttgart und Zürich, 1992
Technisiertes Familienleben, hg. von S. Meyer, E. Schulz, 1993
– F. Blumer-Onofri, Die Elektrifizierung des dörfl. Alltags, 1994
– A. Bähler, «Die Veränderung des Arbeitsplatzes Haushalt durch das Eindringen der Haushalttechnik», in Arbeit im Wandel, hg. von U. Pfister et al., 1996, 171-192
– C. Glauser, Die Gesch. des Staubsaugers, 1999

Autorin/Autor: Elisabeth Joris