26/10/2007 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Krise des Spätmittelalters

Die Wendung K. oder auch Krisen des Spätmittelalters geht auf eine 1935 veröffentlichte Studie des dt. Historikers Wilhelm Abel über die Agrarkrisen und deren demograf. Folgen zurück. Von Krisen im Plural statt allein von einer Krise zu sprechen, ist angesichts der jüngeren Geschichtsschreibung angemessener. Diese befasst sich nämlich nicht nur mit Agrar- und Bevölkerungskrisen, sondern auch mit Krisen im kulturellen und religiösen Leben (Kirche, Judenverfolgung, gesellschaftl. Stellung der Frau) oder im Bereich der Umwelt (Klima). In Europa traten Krisen dieser Art im 14. und 15. Jh. auf, in einem Zeitraum also, der von vielerlei Veränderungen geprägt war, wie der holländ. Historiker Johan Huizinga in seinem 1919 erschienenen Werk "Herbst des Mittelalters" dargelegt hat.

Obwohl das Wort wie auch der Begriff Krise seit den 1810er Jahren in versch. Bereichen bekannt war - als Finanz-, Handels- oder polit. Krise etwa -  interessierten sich die Historiker bis 1930 kaum dafür. Die romant. Schule beschäftigte sich zwar durchaus mit Phänomenen wie Hungersnöten, Kriegen oder der Pest, doch lag ihr v.a. an einer düsteren Schilderung des MA, die der damaligen Vorstellung entsprach und häufig nicht über das Anekdotenhafte hinausging. Für die Positivisten, die sich vorrangig für in den Quellen unmittelbar beschriebene Ereignisse interessierten, war "Krise" kein Forschungsgegenstand.

Mit den wirtschaftl. und sozialen Krisen, die der Westen in den 1920er und 30er Jahren erlebte, wurden einige Historiker aufmerksam auf die wirtschaftl. und sozialen Realitäten der Vergangenheit. Sie lernten, mit den Methoden der Ökonomen Phänomene zu ermitteln, aufgrund derer sich die Krise als wissenschaftl. Gegenstand fassen liess. In der Schweiz begann Hektor Ammann in dieser Pionierzeit mit seinen Arbeiten über die Bevölkerung der Städte und den Handel. Die wichtigsten Forschungsbeiträge stammen aber aus den Jahren 1960-80. Heute weiss man mehr über die Konjunktur und die Zyklen und kann das Ausmass der Erschütterungen, welche sich im 14. und 15. Jh. auf Bevölkerungszahl, Landwirtschaft, Handel und weitere Bereiche auswirkten, genauer bestimmen.

Im letzten Viertel des 20. Jh. entwickelte sich eine neue Art, an Krisenphänomene heranzugehen. Sie zeichnete sich dadurch aus, dass sie Veränderungen des SpätMA nicht als konjunkturelle Zufälle deutete (liberale Anschauung), sondern sie als Erscheinungen eines umfassenden, die gesamte ma. Gesellschaft erfassenden Wandels in den Blick nahm. Krisen wurden verstanden als Folgen und somit als Zeichen von Bewegungen mit tiefgreifenden Auswirkungen auf ein kulturelles System. Gemäss diesem Ansatz ergaben sich zum Teil neue Periodisierungen: Die Veränderungen setzten Ende des 13. Jh. ein, und die Krisen des 14. Jh. breiteten sich in einem grösseren und komplexeren Gefüge aus.


Literatur
– W. Abel, Agrarkrisen und Agrarkonjunktur, 1935 (21966)
– H. Ammann, «Die Bevölkerung der Westschweiz im ausgehenden MA», in Fs. Friedrich Emil Welti, 1937, 390-447
– L. Binz, «La population du diocèse de Genève à la fin du Moyen Age», in Mélanges d'histoire économique et sociale en hommage au professeur Antony Babel 1, 1963, 145-196
– G. Bois, Crise du féodalisme, 1976
– J.-F. Bergier, «Le cycle médiéval», in Histoire et civilisation des Alpes 1, hg. von P. Guichonnet, 1980, 162-264
– F. Graus, Pest - Geissler - Judenmorde, 1987
– P. Dubuis, Une économie alpine à la fin du Moyen Age, 1990
– R. Sablonier, «Innerschweizer Gesellschaft im 14. Jh.», in Innerschweiz und frühe Eidgenossenschaft 1, 1990, 9-233
– H.-J. Gilomen, «Die Schweiz in der spätma. Krisenzeit», in Die Schweiz - gestern - heute - morgen, 1991, 12-18
– H.-J. Gilomen, «Sozial- und Wirtschaftsgesch. der Schweiz im SpätMA», in Geschichtsforschung in der Schweiz, 1992, 41-66
– N. Morard, «Auf der Höhe der Macht», in Gesch. der Schweiz und der Schweizer, 32004, 215-356

Autorin/Autor: Pierre Dubuis / EM