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Marchenstreit

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Bezeichnung für Grenz- und Nutzungskonflikte zwischen einzelnen Talschaften bzw. Gem. oder Talschaften und Klöstern im SpätMA und in der frühen Neuzeit. Der Begriff "March" leitet sich vom germ. marcha in der Bedeutung von Mark, Grenzland, Gemarkung ab (Grenzen). Marchenstreitigkeiten sind in ganz Europa zu finden und beschränken sich keineswegs auf den Alpenraum. Gemeinsame Nutzungen, Umstellung von Acker- auf Viehwirtschaft, Bevölkerungsdruck, wirtschaftl. Expansionsbestrebungen und Kolonisation von Gebieten mit unklar definierten Hoheits- und Eigentumsrechten gelten als Auslöser der Streitigkeiten.

Bekanntester M. im Gebiet der heutigen Schweiz ist derjenige zwischen Schwyz und dem Kloster Einsiedeln. 1018 vergabte Kg. Heinrich II. die Wälder des hinteren Sihltals und das Alpthal dem Kloster. Bereits vor 1100 trieben die Schwyzer den Landesausbau in diesem Gebiet nördlich der Wasserscheide der Mythen voran. Auf Klage von Abt Gero gegen die immer weiter vordringenden Schwyzer entschied Kg. Heinrich V. 1114 zugunsten des Klosters. Auch Kg. Konrad III. bestätigte im Rechtsstreit von 1143 die Grenzziehung von 1114. Der Nutzungsdruck durch die Schwyzer verstärkte sich indessen; sie erschlossen neue Weiden, rodeten und errichteten Hütten. Auch das wirtschaftlich prosperierende Kloster war auf dieses Gebiet angewiesen und beanspruchte seine bis anhin nur extensiv genutzten Ländereien. Dies war u.a. eine Folge der intensivierten Wirtschaftsbeziehungen zur Stadt Zürich.

Das Kloster reagierte auf das Vorgehen der Schwyzer mit Fehde und liess durch seine Rapperswiler Kastvögte das schwyzer. Vieh pfänden und die Hütten verbrennen. Einen Rückschlag erfuhr der Einsiedler Konvent 1217, als Gf. Rudolf II. von Habsburg einen im Vergleich zu den Urteilen von 1114 und 1143 für die Schwyzer vorteilhaften Entscheid traf: Das Gebiet der heutigen Gem. Oberi- und Unteriberg sowie Alpthal wurde zu Schwyz geschlagen. Die Echtheit der Urkunde von 1217 ist in neuerer Zeit jedoch angezweifelt worden. Im Verlauf des 13. Jh. erschlossen die Schwyzer konsequent neues Land im Stiftsgebiet. Wiederum berief sich der Abt auf die freie Verfügungsgewalt des Königs über unkultiviertes Land und die daraus resultierende Rechtmässigkeit der Schenkungsurkunde von 1018. Die Schwyzer hingegen machten ihren gewohnheitsrechtl. Anspruch als Kolonisten geltend.

Ab 1173 hatten die Habsburger das Vogtrecht über Schwyz. Mit der Übernahme der Schirmvogtei über das Kloster durch Rudolf I. von Habsburg 1283 entwickelte sich der M. immer mehr von einer hauptsächlich wirtschaftl. zu einer polit. Auseinandersetzung. Das Haus Habsburg musste seine Schirmverpflichtungen gegenüber dem Kloster wahrnehmen. 1311 versuchte der Zürcher Obmann Rudolf Mülner der Ältere erneut im M. zu vermitteln, denn Zürich war aus wirtschaftl. Gründen an einem Frieden interessiert. Mülner wies dabei die Schwyzer an, in den Gebieten Studen und Altmatt Stiftsgüter an das Kloster zurückzuerstatten. Der Überfall der Schwyzer auf das Kloster Einsiedeln 1314 und die so erfolgte Verschärfung des M.s gehören auch zu den Ursachen des Morgartenkriegs von 1315. Eine Lösung des Konflikts gelang erst 1350 mit dem durch Thüring von Attinghausen vermittelten Frieden. Die darin detailliert festgelegten Marken bilden grösstenteils noch heute die Grenzen zwischen den Bez. Schwyz und Einsiedeln.

Auch in anderen Gebieten der Schweiz gab es Marchenstreitigkeiten. So kämpfte Uri zwischen 1375 und 1472 mit dem Kloster Engelberg im Gebiet der Blackenalp unterhalb des Surenenpasses (Engelberger M., geregelt 1513) um Nutzungsrechte und die Anerkennung der Territorialgrenzen. Weitere Streitigkeiten um Grenzverläufe gab es zwischen Schwyz und Uri im Gebiet zwischen Bisisthal und Schächental (Galtenäbnet und Ruosalp), Schwyz und Glarus (Euloch und Richisau im Pragelgebiet), Uri und Glarus (Klausenpass), zwischen Hasli und Kerns, den Genossenschaften von Bedretto und Faido oder zwischen Savièse und Conthey im Wallis.


Literatur
– A. Riggenbach, Der M. zwischen Schwyz und Einsiedeln und die Entstehung der Eidgenossenschaft, 1966
– P.J. Brändli, «Ma. Grenzstreitigkeiten im Alpenraum», in MHVS 78, 1986, 19-188
– R. Sablonier, «Innerschweizer Ges. im 14. Jh.», in Innerschweiz und frühe Eidgenossenschaft 2, 1990, 9-233, v.a. 143-153

Autorin/Autor: Kaspar Michel