Ländliche Unruhen

Unter L. sind kollektive, in ihrem räuml. Ausmass in der Regel lokal oder regional begrenzte Protestbewegungen und Revolten des SpätMA und der frühen Neuzeit zu verstehen, die auf soziale, wirtschaftl., rechtl. und polit. Spannungen und Interessengegensätze zwischen der Herrschaft und der von ihr beherrschten ländl. Bevölkerung (Bauern, unterbäuerl. Schichten) zurückzuführen sind (Soziale Konflikte). Militante Aktionsformen lassen sich dabei nicht scharf von anderen kollektiven Widerstandshandlungen (prozessuale Konfliktaustragung, Leistungs-, Abgabe-, Huldigungsverweigerung usw.) abgrenzen, denn einerseits stellt die gewaltsame Revolte meist den Endpunkt eines langen Eskalationsprozesses dar, in dessen Verlauf sich gewaltfreie Konfliktformen als wirkungslos erwiesen hatten, andererseits blieben friedl. Mittel auch im Stadium der offenen Unruhen Bestandteil der Vorgehensweise der Opponierenden. In Abgrenzung zu städt. Bürger- und Zunftrevolten (Städtische Unruhen) spricht man auch von Bauernrevolten oder -unruhen. Die Zeitgenossen verwendeten unterschiedl. Begriffe. Obrigkeitl. Quellen sprechen von Aufruhr, Aufstand, Empörung, Rebellion oder Revolte, während die Untertanen selbst neutralere und positiver konnotierte Ausdrücke wie Spenn, Streit oder Zwietracht benutzten.

Autorin/Autor: Niklaus Landolt

1 - Historiografie

Die schweiz. Geschichtsschreibung hat sich vergleichsweise früh, ab der 1. Hälfte des 19. Jh., mit L. auseinandergesetzt, wobei sich das Interesse nicht auf den ober- und mitteldt. Bauernkrieg von 1525, sondern auf den "Grossen schweizerischen Bauernkrieg" von 1653 konzentrierte und die Sichtweise lange Zeit eine ausgesprochen obrigkeitsfreundliche blieb. Moderne Fragestellungen des frühen 20. Jh., wie sie Hans Nabholz und Günther Franz formulierten, fanden keine direkte Nachfolge, ebenso wenig der marxist. Ansatz in Hans Mühlesteins Bauernkriegsdarstellung. Erst seit den 1980er Jahren werden neue ausländ. Forschungsansätze (Yves-Marie Bercé, Roland Mousnier, Rodney Hilton) in der Schweiz rezipiert (Peter Blickle, Andreas Suter).

L. ereigneten sich in den Untertanengebieten der alten Eidgenossenschaft in der Zeitspanne vom ausgehenden 14. Jh. bis zu Beginn des 19. Jh. Betroffen waren die Regionen mit städt. (Bern, Zürich, Luzern, Solothurn, Freiburg, Schaffhausen, Basel) und geistl. Obrigkeit (Fürstbistum Basel, Fürstabtei St. Gallen), die Vogteien der Landsgemeindeorte und des Oberwallis sowie die gemeinen Herrschaften. Vier Perioden zeichneten sich durch eine besondere Dichte von L. aus: erstens das 15. Jh. inklusive der Pensionenunruhen 1513-15 in Luzern, Bern, Solothurn und Zürich, zweitens die Reformationszeit 1523-32, drittens die 1640er und 50er Jahre mit dem Bauernkrieg von 1653 als Höhepunkt, viertens das ausgehende 18. Jh., wobei sich diese Periode von den vorhergehenden unterscheidet, weil sich in ihr bereits der Einfluss der Französischen Revolution bemerkbar macht. In Luzern, Bern, Solothurn und Basel stellte der Bauernkrieg eine Zäsur dar, fanden doch in diesen Herrschaftsgebieten nach 1653 bis gegen Ende des 18. Jh. keine grösseren L. mehr statt (die Ausnahme bilden jene auf der Luzerner Landschaft zur Zeit des 2. Villmergerkriegs).

Autorin/Autor: Niklaus Landolt

2 - Ursachen

Den L. lagen polit., soziale und wirtschaftl. Spannungen zu Grunde. Bedingt waren diese durch demograf. (Bevölkerungswachstum) und wirtschaftl. (vordringende Geldwirtschaft) Strukturveränderungen, die eine Verknappung der Ressourcen (Verschlechterung der Land-Mensch-Relation) bzw. eine steigende Konkurrenzierung um diese bewirkten. Parallel dazu verlief die Ausbildung des frühmodernen Territorialstaates (Territorialherrschaft), der zunehmend sowohl die polit.-rechtl. Autonomie der ländl. Untertanen einschränkte als auch die Kontrolle über die wirtschaftl. und fiskal. Ressourcen (Errichtung von Monopolen, Steuern) beanspruchte. Auslösende Momente von L. waren jedoch weniger tatsächl. materielle Not, sondern vielmehr die Verletzung tradierter Normvorstellungen oder die Einschränkung lukrativer Gewinnchancen durch Obrigkeitswillkür bzw. überhöhte Steuer- und Dienstleistungsforderungen. Auch Gerüchte über auswärtige Geschehnisse (1513-15 Pensionenunruhen) oder Feste (Kirchweihen, Fasnacht) konnten aufgestaute Spannungen entladen und in Protestbewegungen umschlagen (Könizer Aufstand von 1513).

Die Hauptforderungen der Untertanen waren die Respektierung der alten Freiheiten und Rechte, die Ausweitung oder Bewahrung der wirtschaftl., polit. und richterl. Selbstbestimmung, die Rücknahme neu aufgelegter Abgaben und Verpflichtungen sowie die Beseitigung von Missständen in der obrigkeitl. Herrschaftspolitik (Pensionenwesen, Verwaltung). Die L. hatten somit eher defensiven Charakter; ein Anspruch auf Mitbestimmung in Angelegenheiten der Staatsführung wurde bis in die 2. Hälfte des 18. Jh. selten geäussert, so anlässlich der L. in der 1. Hälfte des 16. Jh. und im Bauernkrieg von 1653. Mit der Forderung nach Aufhebung der Leibeigenschaft nahmen die L. zur Zeit der Reformation eine Sonderstellung ein. Sie hoben sich auch dadurch ab, dass sich die Untertanen zur Legitimation ihres Widerstands nicht mehr nur auf das alte Recht, sondern auch auf das göttl. Recht und das Evangelium beriefen. Bei den übrigen L. des SpätMA und der frühen Neuzeit waren allein altrechtl. Bezüge ausschlaggebend, wobei die Landleute alte Freiheitsbriefe und Privilegien sowie die eidlich verpflichtete Gegenseitigkeit des Herrschaftsverhältnisses geltend machten. Verschiedentlich (deutlich im Bauernkrieg von 1653) legitimierten sie ihren Widerstand auch mittels Berufung auf die alteidg. Bünde und die Befreiungstradition. Damit brachten sie sowohl traditionalistische als auch utopische, eigenständige Idealvorstellungen von gerechter Herrschaft und sozialer Ordnung zum Ausdruck. Die konkrete Veränderung der bestehenden Herrschaftsverhältnisse wurde jedoch vor dem Ende des 18. Jh. selten (Bauernkrieg von 1653) und nie mit letzter Konsequenz angestrebt.

Autorin/Autor: Niklaus Landolt

3 - Konfliktformen und Träger

Obwohl irrationale Momente bei der Auslösung eine Rolle spielen konnten, waren L. nie unkontrollierte, eruptive Erhebungen, sondern folgten spezifischen, durch Kultur, Rechtsvorstellungen, gesetzl. und polit. Umfeld sowie strateg. Kalkül vorgezeichneten Mustern der Konfliktaustragung. Konkrete Gewaltanwendung blieb eine seltene, meist an brauchtüml. Formen gebundene Erscheinung (Dachabdecken, Hauslaufen, Brunnentauchen, Bartscheren), die entweder zur Disziplinierung abtrünniger Personen aus den eigenen Reihen oder gegenüber Vertretern der Herrschaft erfolgte. Sie kam in der Regel erst dann zur Anwendung, wenn gewaltlose Mittel der Interessendurchsetzung wie Beschwerden und Verweigerung der Abgaben oder des Huldigungseids erfolglos geblieben waren oder die Herrschaft ihrerseits zu militanten Formen der Konfliktlösung gegriffen hatte.

Die Untertanen handelten in der Regel im Rahmen der existierenden Kommunalverbände (Gem., Landstädte, Ämter). Mit Ausnahme des Bauernkriegs von 1653 kamen Bestrebungen zur Herstellung einer breiten, tragfähigen und kontinuierl. Mobilisierung der Bevölkerung über die Grenzen eines Herrschaftsgebiets hinaus und einer entsprechenden Organisation nie zum Tragen. Ebenso blieben engere Kontakte zwischen städt. Bürgertum eines Hauptortes und der Landbevölkerung vereinzelte, auf das SpätMA beschränkte Erscheinungen (Waldmannhandel 1489, Rorschacher Klosterbruch 1489); der zunehmende Stadt-Land-Gegensatz (Stadt-Land-Beziehungen) in der frühen Neuzeit unterband solche Verbindungen, nur beim Umsturz in Genf 1792 (Genfer Revolutionen) kam es zum Brückenschlag zwischen Stadt- und Landbevölkerung. Im SpätMA fanden die Untertanen städt. Obrigkeiten ferner noch mehrmals die Unterstützung der Innerschweizer Landsgemeindeorte (Grüningerhandel 1441, Böser Bund im Berner Oberland 1445-51, Wädenswilerhandel 1467-68). Während die soziale Herkunft der meist männl. Teilnehmerschaft schwierig zu eruieren ist, ist für einige Unruhen die besondere Rolle von Knabenschaften sowie von Frauen nachgewiesen (Landestroublen 1726-40). Die Führerschaft stammte bis ins 18. Jh. aus der ländl. Mittel- und Oberschicht (reiche Bauern, Wirte, Müller, meist Dorf-, Gerichts- und Vogteibeamte). Um 1525 traten zudem reformatorisch gesinnte Geistliche als Anführer auf.

Gegen Ende des 18. Jh. nahmen L. unter dem Einfluss von Protoindustrialisierung, Aufklärung und Franz. Revolution eine neue Gestalt an. In den nach 1789 zunächst in den Heimindustrie- und Weinbauregionen an Zahl und Intensität rasch zunehmenden Revolten wurden nun Forderungen nach Gewerbefreiheit, polit. Gleichberechtigung von Stadt und Land sowie Beseitigung der feudalen Grundlasten laut. Entsprechend traten nichtbäuerl. Kleinunternehmer auf der Landschaft als Anführer auf (Stäfnerhandel 1794-95). Mit Ausnahme des Umsturzes in Genf 1792 endeten diese Bewegungen indessen mit obrigkeitl. Erfolgen. Auch nach der teilweise unter dem Druck der Untertanen (Basel, Waadt, Unterwallis) 1798 erfolgten Aufhebung der Untertanenverhältnisse dauerte der ländl. Widerstand an; bereits 1799 ereigneten sich durch die kath. Geistlichkeit beeinflusste antihelvet. und antifranz. L., nach 1801 gaben die wechselnde und oft inkonsequente Gesetzgebung sowie insbesondere der Wiederbezug von Grundzins und Zehnt Anlass zu Konflikten zwischen Landbevölkerung und Regierung (so der Bourla-Papey-Aufstand 1802 in der Waadt).

Autorin/Autor: Niklaus Landolt

4 - Ergebnisse

L. endeten in vielen Fällen mit einer Schlichtung durch eidg. Orte oder die Tagsatzung und mit der Aufsetzung eines schriftl. Vertrags, in dem die bestehenden Rechtsverhältnisse oder eventuelle Neuordnungen festgehalten wurden. In diesem Sinn trugen L. immer - unabhängig vom Erfolg oder Misserfolg des Widerstands - zu einer Verrechtlichung und Verschriftlichung der Herrschaftsbeziehungen bei. Eigentliche richterl. Befugnisse hatte die Tagsatzung allerdings nicht, auch zeigte sie im Laufe der frühen Neuzeit immer weniger Bereitschaft, auf die Anliegen der Untertanen einzugehen. Im Bauernkrieg von 1653 und v.a. im 18. Jh. erzwangen die Obrigkeiten die Konfliktlösung zunehmend mit militär. Mitteln. Für die Landleute fielen die Bewegungen des SpätMA und der ersten Jahrzehnte des 16. Jh. positiver aus als die späteren Revolten, weil gewisse polit. Mitbestimmungsbefugnisse (Ämteranfragen) gesichert wurden und der Modernisierung des Staatswesens entgegengewirkt werden konnte. Gleichzeitig bewirkten diese L. aber auch eine Kriminalisierung von Widerstand und trugen zu einem engeren Zusammenschluss der eidg. Orte bei (Stanser Verkommnis 1481). In der frühen Neuzeit zeichneten sich die L. bezüglich der unmittelbaren Ergebnisse für die Untertanen durch weitgehende Erfolglosigkeit aus. Allerdings dürften die Konflikte langfristig eine hemmende Wirkung auf absolutist. Tendenzen der einzelnen Orte ausgeübt haben (Absolutismus); jedenfalls gelang es den Obrigkeiten im 17. und 18. Jh. nicht, eine moderne Steuer- und Militärorganisation aufzubauen, nachdem sich die Untertanen v.a. der Städteorte vom späten 16. Jh. an bis 1653 immer wieder dagegen zur Wehr gesetzt hatten.

Quellen und Literatur

Literatur
– G. Franz, «Der Kampf um das "alte Recht" in der Schweiz im ausgehenden MA», in VSWG 26, 1933, 105-145
– H. Nabholz, «Der Kampf der Schweizerbauern um Autonomie und Befreiung von den Grundlasten», in Wirtschaft und Kultur, 1938, 484-502 (Nachdr. 1966)
– P. Felder, «Ansätze zu einer Typologie der polit. Unruhen im schweiz. Ancien Régime 1712-1789», in SZG 26, 1976, 324-389
– W. Schulze, Bäuerl. Widerstand und feudale Herrschaft in der frühen Neuzeit, 1980
– H. Böning, Revolution in der Schweiz, 1985
– A. Suter, "Troublen" im Fürstbistum Basel (1726-1740), 1985
– P. Blickle, Unruhen in der ständ. Gesellschaft, 1988
– P. Bierbrauer, Freiheit und Gem. im Berner Oberland 1300-1700, 1991
– A. Würgler, Unruhen und Öffentlichkeit, 1995
– H. Neveux Les révoltes paysannes en Europe, 1997
– A. Zurfluh «La révolte populaire mise en perspective», in BSSI 105, 2002, 123-142
Bauern, Untertanen und "Rebellen", hg. von J. Römer, 2004

Autorin/Autor: Niklaus Landolt