• <b>Städtische Unruhen</b><br>Hinrichtung des Verschwörers Samuel Henzi in Bern. Holzschnitt aus einer Sammlung verschiedener Schriftstücke, die unter dem Titel "Verschwörung von 1749" herausgegeben wurden, 1749 (Burgerbibliothek Bern, Mss.h.h.XIV.70). 1749 versuchte eine Gruppe von Bürgern, die im Kleinen Rat der Stadt Bern nicht mehr vertreten war, das Patriziat zu stürzen. Sie stellte die Alleinherrschaft einer kleinen Anzahl von Familien in Frage, welche die Ratssitze für sich beanspruchten. Samuel Henzi verfasste im Namen der Verschwörer eine regierungsfeindliche Denkschrift und weitere Schriften. Die Regierung liess rund 70 Personen verhaften und verhängte gegen die Anführer verschiedene Strafen. Henzi wurde am 17. Juli 1749 enthauptet.

Städtische Unruhen

Als S. werden Soziale Konflikte, Protestbewegungen und Revolten des SpätMA und der frühen Neuzeit bezeichnet, die in der Regel auf eine Stadt beschränkt waren und polit., soziale, wirtschaftl., rechtl. oder kulturell-religiöse Ursachen hatten. Die Konfliktlinie verlief zwischen der Stadtherrschaft (Stadtherr oder Rat) einerseits, der Bürgerschaft oder seltener der nicht-bürgerl. Bevölkerung oder Sondergruppen andererseits. Konflikte zwischen einer Stadt und ihren abhängigen Landschaften werden dagegen als Ländliche Unruhen bezeichnet, wobei sich beide Aspekte überlagern können (Waldmannhandel 1489, Könizer Aufstand 1513, S. in Luzern und Bern 1651-53, Chenaux-Handel 1781-84). Die Verlaufsformen und Aktionsmittel der S. umfassen eine breite Palette: Wahlen und Abstimmungen, symbol. Aktionen und Demonstrationen, Verschwörungen und gerichtl. Prozesse sowie Gewaltausübung gegen Sachen und Personen. Während die Protestbewegungen von den Akteuren als "(Staats-)Reformation", "Renovation der Republik" und "Eidgenossenschaft" gedacht waren, sprachen die Ratsregimente von "Unruhen", "Verschwörung", "Rebellion", "Auflauf" und "Tumult" sowie neutrale Beobachter von "Wirren", "Affairen" oder "Händeln".

Autorin/Autor: Andreas Würgler

1 - Historiografie

Die frühe liberale Geschichtsschreibung konzipierte ab dem 18. Jh. die Schweizer Geschichte als Abfolge von ländl. und städt. Unruhen, die in die Helvetik, in die Regeneration und schliesslich in den Bundesstaat von 1848 mündete. Das freisinnige Bürgertum des 19. Jh. sah sich in der Tradition der "Zunftdemokratie" der städt. Bürgerschaft des SpätMA und der frühen Neuzeit und die von oligarch. Ratsklüngeln hingerichteten Rebellen als Vorkämpfer der liberalen Demokratie. Nach einigen Monografien zu S. im frühen 20. Jh. konzentrierte sich die Forschung ab den 1980er Jahren eher auf ländl. Unruhen. Erst spät wurden die Judenpogrome des SpätMA (Antisemitismus), die Streiks von Gesellen und Hungerproteste des 18. Jh. als S. thematisiert. S. erfassten als stadtinterne Konflikte die grossen Hauptstädte der Kantone ebenso wie kleinere Landstädte. Seltener waren Auflehnungen von Landstädten gegen die Hauptstadt. Begründet wurden die Beschwerden meist mit alten Rechten, die der Gem. oder den Zünften zugestanden hätten, nun aber vom Rat nicht mehr gewährt würden. Weil die Träger der S. solche Rekurse auf alte Freiheitsbriefe auch zukunftsorientiert interpretierten, leiteten sie daraus oft einen Anspruch auf mehr Partizipation, bessere Kontrolle des Regiments und mehr Transparenz der Regierungstätigkeit ab. Gerade auf diese Forderungen nach mehr polit. Öffentlichkeit bezog sich dann die liberale Geschichtsschreibung.

Autorin/Autor: Andreas Würgler

2 - Ursachen

Im SpätMA entzündeten sich S. oft am Versuch der sich formierenden Stadtgemeinden, sich von der Stadtherrschaft zu lösen (z.B. Lausanne gegen den Bischof). Vor dem Hintergrund des schwachen Kaisertums machten sich etwa Zürich, Bern, Solothurn, Murten und Laupen im 13. Jh. als Reichsstädte selbstständig. Andere vermochten ihre Stadtherren erst spät ganz aus der Stadt zu drängen, so Freiburg 1478 und Genf 1526 den Hzg. von Savoyen, Chur 1524 bzw. 1526 und Basel 1521 bzw. 1529 ihren Fürstbischof. Parallel zu oder nach der Ablösung der Stadtherren kam es zu innerstädt. Kämpfen um die Macht. Dabei handelte es sich einerseits um Elitekonflikte zwischen den städt. Adeligen (Ministerialen) und den aufsteigenden nichtadeligen Kaufleuten, Rentnern und Wechslern (Bankiers), andererseits um Kämpfe zwischen diesen Eliten und den meist in Zünften organisierten Handwerkern. Die Bürger vermochten ihren Einfluss über den neu installierten Gr. Rat zu sichern, der oft nach einem bestimmten Schlüssel aus den Zünften gewählt wurde (Zunftstädte). Wo die Zünfte über weniger Gewicht verfügten, trat mit unterschiedl. Erfolg die Bürgergemeinde als ganze auf (Bern, Genf, Luzern). In Bern führte die Doppelstellung vornehmer Adeliger, die zugleich Burger der Stadt und Inhaber ländl. Gerichtsherrschaften waren, zum Twingherrenstreit. Die Bürger von über 20 Städten des eidg. Gebiets vertrieben und ermordeten im SpätMA die ansässigen jüd. Gemeinden. Die Pogromwelle im Gefolge der Pest von 1348 traf die Juden in grossen und kleineren Städten des Mittellands. Spätere Wellen begrenzten sich 1401 auf die Ostschweiz oder in den 1420er Jahren auf Freiburg, Bern und Zürich.

Zu Beginn der frühen Neuzeit löste die Reformation in Zürich, St. Gallen, Chur, Bern, Basel, Solothurn sowie später in Genf mehr oder weniger heftige S. aus. Ausser in Solothurn gelang es den meist von Handwerkern und z.T. auch von Ratsmitgliedern getragenen reformator. Bewegungen, den neuen Glauben durchzusetzen. Unabhängig von der Konfession tendierte die soziopolit. Entwicklung in den Städten zur Oligarchie. Die polit. Elite monopolisierte in Freiburg 1627, in Bern 1643 und in Luzern 1773 als rechtlich abgeschlossenes Patriziat das aktive und passive Wahlrecht für den Rat und die einträglichen städt. Ämter (Patrizische Orte). Auch in den Zunftstädten bildete sich eine sozial abgeschlossene Aristokratie. Der Widerstand gegen den Ausschluss aus der Politik wurde zu einer der Hauptursachen der S. im 17. und 18. Jh. Während die patriz. und aristokrat. Eliten die städt. Politik als ihre geheime Privatangelegenheit behandelten, beharrten die Zünfte und Bürger auf ihren - z.T. in geschworenen Briefen und Verträgen zugesicherten - Rechten auf Kontrolle der Rechnungen und Teilhabe an Entscheidungsprozessen. Die Koinzidenz von S. mit Missernten und Hungerkrisen ist für die Basler Wirren 1691 und für Genf (1698, 1749, 1789) festgestellt worden. Doch insgesamt fanden in der alten Eidgenossenschaft im Vergleich zu anderen Ländern nur wenig Hungerunruhen statt. Indirekte und direkte Steuern und ihre Verwendung waren eine häufige Konfliktursache im SpätMA (z.B. Zürich 1336, Bern 1384), spielten aber nach der Reformation, abgesehen von Schaffhausen 1689 und Genf 1707, keine Rolle mehr. Die Aussenpolitik konnte dagegen bis ins 18. Jh. Anlass zu S. bieten, insbesondere die Allianz mit Frankreich (in Zürich 1614, 1658, 1777) oder der 2. Villmergerkrieg 1712 (Luzern, Zürich), aber auch die Verstrickung in den Dreissigjährigen Krieg (Chur).

<b>Städtische Unruhen</b><br>Hinrichtung des Verschwörers Samuel Henzi in Bern. Holzschnitt aus einer Sammlung verschiedener Schriftstücke, die unter dem Titel "Verschwörung von 1749" herausgegeben wurden, 1749 (Burgerbibliothek Bern, Mss.h.h.XIV.70).<BR/>1749 versuchte eine Gruppe von Bürgern, die im Kleinen Rat der Stadt Bern nicht mehr vertreten war, das Patriziat zu stürzen. Sie stellte die Alleinherrschaft einer kleinen Anzahl von Familien in Frage, welche die Ratssitze für sich beanspruchten. Samuel Henzi verfasste im Namen der Verschwörer eine regierungsfeindliche Denkschrift und weitere Schriften. Die Regierung liess rund 70 Personen verhaften und verhängte gegen die Anführer verschiedene Strafen. Henzi wurde am 17. Juli 1749 enthauptet.<BR/>
Hinrichtung des Verschwörers Samuel Henzi in Bern. Holzschnitt aus einer Sammlung verschiedener Schriftstücke, die unter dem Titel "Verschwörung von 1749" herausgegeben wurden, 1749 (Burgerbibliothek Bern, Mss.h.h.XIV.70).
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Autorin/Autor: Andreas Würgler

3 - Konfliktformen und Träger

Schwörtage und Wahltermine waren oft der Anlass, an dem latente Spannungen manifest wurden. Im 17. Jh. experimentierte man in Zürich und Bern mit versch. Wahlverfahren (geheime Wahl, Loselemente, Rotationszwang), die das "Praktizieren" (Bestechen) einschränken sollten. Trotzdem äusserte sich in Bern im 18. Jh. bei den etwa alle zehn Jahre stattfindenden Ergänzungen des Gr. Rats deutl. Unmut über die Vetternwirtschaft der regierenden Familien. Meist formulierten Mitglieder aus Fam., die nicht mehr im Rat vertreten waren, ihre Kritik mit heimlich verteilten Spottversen oder auch handschriftlich oder gedruckt verbreiteten Broschüren. Gelegentlich kam es zu verbotenen Versammlungen, 1749 zur Henzi-Verschwörung mit weitreichenden Reformplänen. Mit bewaffneter Gewalt verliefen v.a. S. im SpätMA (Brun'sche Zunftrevolution, Mordnächte) sowie die Judenpogrome. Zu den symbol. Aktionen gehören die öffentl. Versammlung vor dem Rathaus (Basel 1528, 1691, Zürich 1713, 1777), die Belagerung des Rathauses und Gefangensetzung des Rats (Basel 1691) oder Predigten und reformator. Theater (Zürich, Bern 1520er Jahre). Spätestens seit den Basler Wirren (1691) erzeugten S. ein grosses Presseecho in den Zeitungen Europas. Die Henzi-Verschwörung und die Auseinandersetzungen nach dem Chenaux-Handel (Après-Chenaux 1782-1784) sowie v.a. die Genfer Revolutionen des 18. Jh. wurden - u.a. von Jean-Jacques Rousseau und Voltaire - in der europ. Presse breit diskutiert, insbesondere auch in den calvinist. Ländern. S. erlebten vom 15. bis ins 18. Jh. oft eine Eidgenössische Vermittlung, bei der ad hoc bestimmte oder von der Tagsatzung delegierte Politiker die Konflikte zu schlichten suchten. Nach 1648 liessen die Hauptstädte die eidg. Vermittlung nur noch widerstrebend (Basel 1691, Freiburg 1782-84) oder gar nicht mehr zu (Zürich 1713 und 1777, Bern 1749), während Genf von 1707 bis 1782 mehrmals auf die Intervention von Bern, Zürich und Frankreich angewiesen war. Neben den von Zünften (Zürich 1336, 1520er Jahre, 1713, 1777) getragenen S. oder den von Handwerksgesellen (Genf zwischen 1533 und 1794, Basel 1794) ausgerufenen Streiks kam es auch zu Einzelaktionen (Jean Daniel Abraham Davel, Gaudot-Affäre 1768, Meister- und der Waserhandel 1769 und 1780 in Zürich) oder sog. Verschwörungen kleiner Kreise (Pfyffer-Amlehn-Handel in Luzern 1559-1573, Komplott Gallatin in Genf 1698). Die städt. Schichten ohne Bürgerrecht meldeten sich selten zu Wort. Nur in Genf bildeten die Natifs den Kern der Opposition ab den 1770er Jahren und in Lugano forderten die cittadini antichi (nach 1467 zugewandert) und die avventizzi (Zugezogene) ab dem 17. Jh. von den vicini (Alteingesessene) mehr Partizipation, erlangten aber erst 1787 Erfolge. Frauen spielten kaum eine sichtbare Rolle in S.; ihr Wirken im Hintergrund ist noch wenig erforscht. Besser zu fassen ist dagegen die Rolle der ref. Pfarrerschaft, die von den Ratsherren sittenstrenge Politik und tugendhaftes Verhalten einforderte.

Autorin/Autor: Andreas Würgler

4 - Ergebnisse

Während S. im SpätMA mitunter zur Vertreibung des Stadtherrn oder zum Machtwechsel - neue Eliten (Bürger, Handwerker) ersetzen alte (Adelige, Kaufleute) - führten, ging es in der frühen Neuzeit nur noch um Machtbegrenzung und -teilhabe, denn die in den städt. Räten vertretenen Fam. konnten sich ab dem 16. Jh. immer besser gegen Aufsteiger behaupten. Immerhin gelang es den Bürgern in Bern (1680er Jahre), Schaffhausen (1689), Basel (1691) und Zürich (1713), den Gr. Rat bzw. die Zünfte gegenüber dem Kl. Rat zu stärken. Zu weit gehende Forderungen wehrten die regierenden Fam. aber mit zum Teil drast. Repressionsmassnahmen ab: Unzufriedene wurden verbannt oder gar hingerichtet wie 1691 Johannes Fatio in Basel, 1707 Pierre Fatio in Genf oder 1749 Samuel Henzi in Bern. Während die adligen Stadtherren im SpätMA ungehorsame Landstädte, die mit fremden Herren Burgrechte eingingen (Richensee, Sempach, Willisau in den 1380er Jahren), mit deren Zerstörung bestraft hatten, so entzogen die Hauptstädte der eidg. Orte jenen Städten wichtige Kompetenzen oder das Stadtrecht, die sich in Konflikten auf die "falsche" Seite gestellt hatten, wie Bremgarten, Rapperswil und Baden in den Konfessionskriegen 1531 und 1712, Olten und Wiedlisbach im Bauernkrieg von 1653, Stein am Rhein 1783-84 wegen Anrufung der Reichsgerichte. Von der Stadt Bern militärisch besetzt wurden die Landstädte, die sich in der Helvetischen Revolution im Frühjahr 1798 emanzipieren wollten (Aarau, Aarburg, Brugg, Zofingen). Dagegen kam es in Basel, Lausanne, Lucens, Luzern, Zürich und Schaffhausen zum Sturz der alten Eliten durch die Patrioten, die sich z.T. auf die Unterstützung der Landgebiete verlassen konnten.

Autorin/Autor: Andreas Würgler

Quellen und Literatur

Literatur
– P. Felder, «Ansätze zu einer Typologie der polit. Unruhen im schweiz. Ancien Régime 1712-1789», in SZG 26, 1976, 324-389
– Braun, Ancien Régime, 256-313
– K. Simon-Muscheid, Basler Handwerkszünfte im SpätMA, 1988
– M. Michaud, «L'après-Chenaux: Les troubles en ville de Fribourg», in Ann. frib. 60, 1992/93, 7-56
– S. Burghartz, «Frauen - Politik - Weiberregiment», in Frauen in der Stadt, hg. von A.-L. Head-König, A. Tanner, 1993, 113-134
– R. Graber, Bürgerl. Öffentlichkeit und spätabsolutist. Staat, 1993
– L. Wiedmer, Pain quotidien et pain de disette, 1993
– L. Mottu-Weber, «"Tumultes", "complots" et "monopoles"», in Des archives à la mémoire, hg. von B. Roth-Locher et al., 1995, 235-256
– A. Würgler, Unruhen und Öffentlichkeit, 1995
– A. Würgler, «Revolution aus Tradition», in Revolution und Innovation, hg. von A. Ernst et al., 1998, 79-90
– M. Stercken, «Stadtzerstörungen durch die Herrschaft und infolge Konfliktsituationen im 13. und 14. Jh.», in Stadtzerstörung und Wiederaufbau 2, hg. von M. Körner, 2000, 53-76
– R. Gerber, Gott ist Burger zu Bern, 2001
– G. Ehrstine, Theater, Culture, and Community in Reformation Berne, 1523-1555, 2002
– O. und N. Fatio, Pierre Fatio et la crise de 1707, 2007

Autorin/Autor: Andreas Würgler