• <b>Jungparteien</b><br>Eine Sitzung der Zürcher und der Westschweizer Delegation der sozialdemokratischen Jugendorganisation der Schweiz (SJO) auf dem Zürichsee. Fotografie, 1916 (Schweizerisches Sozialarchiv, F 5008-Fa-065). Zwischen den beiden Genossen aus der Westschweiz sitzt links mit Hut Edy Meyer, Zentralpräsident der SJO ("Jungburschenvater"), rechts von ihnen Willi Münzenberg, ab 1913 Sekretär der Organisation und Redaktor der Monatszeitschrift "Die freie Jugend". Ganz rechts am Ruder Willi Trostel. Die SJO umfasste zur Zeit des Ersten Weltkriegs 175 Sektionen mit fast 6'000 Mitgliedern.

Jungparteien

Unter J. versteht man die an eine polit. Partei mehr oder weniger fest angebundene Organisation für jüngere Parteimitglieder oder -sympathisanten. Dabei beschränkt sich die Mitgliedschaft nicht auf Jugendliche (Jugend), sondern umfasst in der Regel Personen bis zum 35. Altersjahr. J. bekennen sich zu den Grundzielen der Mutterpartei, geniessen aber eine gewisse Unabhängigkeit. In den Entscheidungsgremien der Mutterpartei sind sie mit Delegierten vertreten und erhalten oft auch Einsitz im Leitungsausschuss.

J. waren in der Schweiz entweder primär Erneuerungsbewegungen für die Mutterpartei mit entsprechenden Auseinandersetzungen (Jungfreisinn, Jungsozialisten, Jungbauern) oder aber ein von der Mutterpartei bewusst eingesetztes Instrument für die Rekrutierung und Schulung des Nachwuchses (Junge CVP und Junge SVP). Nachdem die J. ab 1930 sehr erfolgreich neue Mitglieder geworben hatten, verloren sie nach dem Krieg rasch an Attraktivität. Der Anspruch der polit. Einflussnahme auf die Mutterpartei erlosch, und die Aktivitäten beschränkten sich auf die Beteiligung an den diversen kant. und lokalen Jugendparlamenten (Jugendpolitik). Erst die Politisierung ab Ende der 1960er Jahre führte zu einer eigenständigen Rolle der J. zurück (Jugendunruhen). Wegen der Konkurrenz durch neue linke Parteien sowie des Aufkommens neuer themenorientierter Bewegungen (Umwelt, Frauen, Dritte Welt usw.) konnten sie aber ihre frühere Bedeutung nicht mehr zurückerlangen.

Die Jungsozialisten (Juso) entstanden aus lokalen, zwar sozialistisch ausgerichteten, aber hauptsächlich auf Freizeitaktivitäten beschränkten Jugendorganisationen, die sich 1906 im Verband schweiz. Jungburschenvereine konstituierten. Dieser war anarchistisch und zunehmend auch pazifistisch geprägt und wurde unter der Führung von Willi Münzenberg in die Mutterpartei integriert sowie 1911 in Sozialdemokrat. Jugendorganisation der Schweiz umbenannt. Ideolog. Auseinandersetzungen innerhalb der SPS führten nach dem 1. Weltkrieg zur Abspaltung der Kommunist. Partei (1921), welcher sich die sozialist. Jugendpartei anschloss. Erst ab 1926 verfügte die SPS mit der Gründung der Sozialist. Jugend der Schweiz wieder über eine nationale Jugendpartei. Kritik an der sich vom Prinzip des Klassenkampfs allmählich distanzierenden Mutterpartei führte rasch zu Disziplinierungsmassnahmen durch die SPS und auch diesmal wieder zu einem Anschluss der Jungpartei an die kommunist. Bewegung (Léon Nicoles Fédération socialiste suisse). Die 1961 unter dem Namen Vereinigung Junger Sozialdemokraten (VJS) erfolgte Neugründung verstand sich weitgehend als Nachwuchs- und Rekrutierungsorganisation und entwickelte kaum Aktivitäten. Erst die polit. Radikalisierung der späten 1960er Jahre brachte eine Neubelebung und Bestrebungen, auf die polit. Ausrichtung der SPS einzuwirken. Gegen aussen wurde dies 1971 mit der Liquidation der VJS und der Gründung der Schweiz. Jungsozialisten manifestiert.

<b>Jungparteien</b><br>Eine Sitzung der Zürcher und der Westschweizer Delegation der sozialdemokratischen Jugendorganisation der Schweiz (SJO) auf dem Zürichsee. Fotografie, 1916 (Schweizerisches Sozialarchiv, F 5008-Fa-065).<BR/>Zwischen den beiden Genossen aus der Westschweiz sitzt links mit Hut Edy Meyer, Zentralpräsident der SJO ("Jungburschenvater"), rechts von ihnen Willi Münzenberg, ab 1913 Sekretär der Organisation und Redaktor der Monatszeitschrift "Die freie Jugend". Ganz rechts am Ruder Willi Trostel. Die SJO umfasste zur Zeit des Ersten Weltkriegs 175 Sektionen mit fast 6'000 Mitgliedern.<BR/>
Eine Sitzung der Zürcher und der Westschweizer Delegation der sozialdemokratischen Jugendorganisation der Schweiz (SJO) auf dem Zürichsee. Fotografie, 1916 (Schweizerisches Sozialarchiv, F 5008-Fa-065).
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Nachdem bereits im 19. Jh. lokale und regionale Gruppierungen das Prädikat jung vor dem Namen Liberal, Radikal, Demokratisch oder Freisinnig geführt hatten, kam es zu Beginn des 20. Jh. - meist als interne Opposition zu den etablierten freisinnigen Kantonalparteien - zur Gründung einer Reihe von Jungfreisinnigen Parteien. Diese waren als Sektionen in die nationale FDP integriert. Zwischen 1905 und 1909 sowie zwischen 1916 und 1920 konnte die Schweiz. Jungfreisinnige Vereinigung auf nationaler Ebene einen bescheidenen Einfluss ausüben. Die 1928 ins Leben gerufene nationale Organisation der Liberalen Jugend der Schweiz (später Jungliberale Bewegung der Schweiz) wuchs allerdings nicht aus diesen jungfreisinnigen Parteien heraus, sondern verstand sich als eigenständige Erneuerungsbewegung für das liberale Gedankengut. Nach dem 2. Weltkrieg schlossen sich dieser Bewegung mehrere der älteren kant. jungfreisinnigen Parteien an. Die Bewegung nannte sich nun Jungfreisinnige Schweiz.

Auf der Grundlage der kath. Jugendbewegung entstanden zu Beginn des 20. Jh. lokale und kantonale polit. Jungmännervereine. Nach Wahlniederlagen der Katholisch-Konservativen nach dem 1. Weltkrieg wurden diese auf Initiative des Parteisekretärs Paul Kubick gezielt gestärkt und ausgebaut. 1931 erfolgte unter dem Namen Bund der Schweizer Jungkonservativen ihr Zusammenschluss zu einer nationalen, fest in die Mutterpartei integrierten Jungpartei. Abgesehen von Spannungen in den 1930er Jahren, als sich die Jungpartei im Rahmen der Erneuerungsbewegungen für eine Totalrevision der Bundesverfassung einsetzte, blieb das Verhältnis zur Mutterpartei eng und ungetrübt. Analog zu deren Namenswechsel erfolgte 1971 die Umbenennung in Junge CVP.

Die Jungbauern (Bauernheimatbewegung), die sich der Schulung der bäuerl. Jugend verschrieben hatten, entfernten sich in den 1930er Jahren von der Politik der BGB und bildeten eine eigene Bewegung, die sich ab 1940 zunehmend isolierte. 1968 entstand eine damals Junge Mitte genannte Junge SVP aus dem Zusammenschluss von in kant. Jugendparlamenten aktiven Parteifraktionen der BGB. Noch stärker als die Junge CVP war sie nicht einer Parteierneuerung, sondern der Nachwuchsschulung und -rekrutierung verpflichtet.


Literatur
– P. Gilg, Jugendl. Drängen in der schweiz. Politik, 1974
– E. Gruner, Die Parteien in der Schweiz, 21977, 252-265
– A. Gebert, Jungliberale Bewegung der Schweiz 1928-1938, 1981
– U. Kälin, A. Frei Berthoud "Leben heisst kämpfen": Bilder zur Gesch. der Sozialist. Arbeiterjugend Zürich, 1926-1940, 2001
– M. Eggel "D' Juunge wellent's wisse!": Jungparteiengründungen im Oberwallis im 20. Jh., Liz. Bern, 2007

Autorin/Autor: Hans Hirter