• <b>Volksmedizin</b><br>Michel Schüppach in seiner Teufelsküche, anonyme aquarellierte Zeichnung, um 1780 (Bernisches Historisches Museum) © Foto Stefan Rebsamen. Der Wunderdoktor von Langnau im Emmental sitzt in einem Kreis mit den Symbolen der sieben Metalle, die den ersten sieben Planeten entsprechen. Umgeben ist er von Eule, Kröte und Fledermaus, die als teuflische Tiere galten. Vorne rechts rührt ein Teufelchen mit einem Stössel in einem Apothekermörser. Vermutlich aufgrund seiner vertieften Kenntnisse der Heilpflanzen und der Alchemie wurden Schüppach magische Kräfte zugeschrieben. Sein Ruf reichte weit über die Landesgrenzen hinaus. Daher empfing er in seinem Kurbetrieb auf dem Dorfberg so illustre Gäste wie Johann Wolfgang von Goethe und Johann Kaspar Lavater.

Volksmedizin

Als sich der Begriff der V. in der 1. Hälfte des 19. Jh. in ärztl. Beschreibungen etablierte, bezeichnete er noch das gesamte Verhalten der breiten Bevölkerung bezüglich ihrer Gesundheit (Gesundheitswesen, Krankheit), beinhaltete also neben Heilpraktiken, die etwa auf der Naturheilkunde und Magie fussten, auch den Bereich der Hygiene oder die Nutzung des gesamten medizin. Angebots, einschliesslich der Ärzte. Er bezeichnete die kaum überschaubare Vielfalt der in der Bevölkerung vorherrschenden Krankheitsvorstellungen und Therapieverfahren. Darstellungen der Ärzteschaft aus dieser Zeit verzichteten indes nicht darauf, viele der gesundheitsbezogenen Verhaltensweisen der Bevölkerung anzuprangern; dasselbe tat Jeremias Gotthelf in seinem Roman "Anne Bäbi Jowäger" (1843-44).

Im späten 19. Jh. setzte sich ein verengtes, noch Ende des 20. Jh. lebendiges Begriffsverständnis durch, das unter V. vornehmlich irrationale Heilpraktiken verstand, die im Gegensatz zur ärztl.-naturwissenschaftl. Medizin standen und auf alter Überlieferung beruhten. V. und "medizin. Aberglauben" wurden oft synonym verwandt. Die V. (etwa einer Region) wurde als etwas Abgeschlossenes, beinahe Wesenhaftes dargestellt. Dahinter stand die romant.-volkskundl. Suche nach einer unverfälschten Urkultur, aber auch der Versuch der sich als autonomen Berufsstand etablierenden Ärzteschaft, ein Therapiemonopol durchzusetzen, indem man sich deutlich von den Methoden und Ansichten der Nicht-Ärzte abgrenzte. Die häufige Verwendung von Begriffen wie Kurpfuscher, Afterärzte oder Charlatane für Laienheiler diente demselben Zweck.

Ab den 1970er Jahren begannen Volkskundler und Medizinhistoriker (Medizingeschichte), das Gesundheitsverhalten der Bevölkerung möglichst wertfrei und in seiner ganzen Breite zu erfassen. Folgerichtig trat der problemat. Begriff der V. in den Hintergrund oder wurde ganz aufgegeben, denn die Grenzen zwischen wissenschaftl., empir. und mag. Medizin, zwischen ärztl. und Laienmedizin lassen sich nicht klar und sinnvoll ziehen, auch wenn Unterschiede zweifellos existieren. Mittlerweile verwendet die Forschung anstelle der V. Begriffe wie Medikalkultur oder medikale Laienkultur.

Zu den Heilmitteln und Heilmethoden der V. zählen u.a. Pflanzen (etwa Heilkräuter), tier. oder menschl. Stoffe, selten Steine (Kristalle), Lebensmittel - in der Schweiz häufig auch Milchprodukte (Molkenkur) -, aber auch Aderlässe (oft in Verbindung mit astrolog. Vorschriften), das Schröpfen, Brechmittel, Schwitzkuren, sakrale Objekte oder Handlungen (Pilgerwesen), mag. Heil- und Schutzhandlungen wie das Spruchheilen, das Tragen von Amuletten sowie Methoden der sog. Sympathie, etwa die Übertragung von Krankheiten auf andere Menschen, Tiere oder Gegenstände. Das therapeut. Spektrum machte selbst vor chirurg. Eingriffen nicht halt. Einige im traditionellen Sinne volksmedizin. Praktiken, z.B. die natürl. und mag. Behandlung von Warzen, wurden im "Atlas der schweiz. Volkskunde" (1950-95) detailliert festgehalten.

Bis ins späte 18. Jh. unterschied sich die V. nicht grundsätzlich von der ärztl. Praxis, wie dies das Arzneibuch "Sicherer und geschwinder Arzt..." (1684, 71748) des Basler Arztes Theodor Zwinger zeigt. Sie basierte im Gegenteil in der Regel auf altem gelehrtem Heilwissen im Rahmen der damaligen Säftelehre; in den folgenden Jahrhunderten blieben die Gesundheitsvorstellungen der Bevölkerung immer auch von Modellen der aktuellen akadem. Medizin beeinflusst, z.B. die romant. Medizin oder die Bakteriologie.

Ebenso bunt und unscharf wie das therapeut. Spektrum gestaltete sich dasjenige der Heiler. Sie wirkten in fliessenden Übergängen im Rahmen der Selbstbehandlung, Familientherapie und Nachbarschaftshilfe oder als therapeut. Spezialisten aller Professionalisierungsgrade, z.B. als ansässige oder reisende Kräuterkundige, Segenssprecher, Starstecher, Schnittärzte, Hebammen, Bader, Handwerkschirurgen oder Wundärzte mit handwerkl. Ausbildung. Zu internat. Berühmtheit gerade unter bürgerl.-städt. Patienten brachte es der Wundarzt Michel Schüppach in Langnau im Emmental, u.a. mit seiner Harnschaudiagnostik. Im Krankheitsfall nutzte die Bevölkerung das Angebot dieser Heiler in einer komplexen Abfolge bis hin zum Gang zum akademisch ausgebildeten Arzt. Verbote aller Art gegen die sog. Quacksalberei - die medizinalpolizeil. Aktivitäten nahmen v.a. ab der Helvetik zu - taten der Vielfalt von Heilern in der Schweiz jenseits der lizenzierten akademisch bzw. handwerklich geschulten Ärzte keinen Abbruch. Die Häufung von Heilern in Appenzell Ausserrhoden ist indes nicht das Produkt alter Traditionen, sondern v.a. auf eine liberale Gesetzgebung des späten 19. Jh. zugunsten der sog. freien Heiltätigkeit zurückzuführen.

Im späten 19. und frühen 20. Jh. gingen die volksmedizin. Praktiken zurück, auch unter dem Druck der schweiz. Ärzteschaft, die das sog. Kurpfuschertum vermehrt anprangerte. Die allg. Modernisierung des Gesundheitsverhaltens der Bevölkerung äusserte sich beispielsweise in der vermehrten Beachtung der Hygiene. So entstand Sauberkeit als Schweizer Tugend in einem komplexen Prozess v.a. während des 19. Jh. Als Reaktion auf die moderne Medizin und den zunehmend professionalisierten Arztberuf wurden in Laienkreisen und unter Laienheilern alternative Heilmethoden populär, die sich von der offiziellen Schulmedizin durch eine Betonung der Naturnähe absetzten. Allerdings lassen sich auch hier keine klaren Grenzen zwischen den einzelnen Feldern ziehen. Die von einem Arzt entwickelte Homöopathie, deren Wirksamkeit wissenschaftlich immer wieder in Frage gestellt wurde, behauptete sich nicht nur in der Eigenbehandlung und unter Laienheilern, sondern auch unter approbierten Ärzten. Die Hydrotherapie als typ. Erfahrungsmedizin von Laien (Bäder) fand ihren Platz innerhalb der akadem. Medizin. Im Zuge der Lebensreformbewegung entstanden bürgerl.-städt. Vereine, etwa für Naturheilkunde oder Vegetarismus. Zu nennen wären z.B. der Zürcher Arzt Maximilian Oskar Bircher-Benner, Sanatorien wie dasjenige des Naturarztes Theodor Hahn oder die lebensreformer. Kolonie auf dem Monte Verità. 1920 wurde die Schweiz. Naturärztevereinigung gegründet.

Eine bedeutende Vermittlungsrolle für Vorstellungen und Praktiken jenseits der Schulmedizin spielten Druckerzeugnisse: Sammlungen von im engeren Sinne volksmedizin. Rezepten, die vielfältigen schweiz. Hauskalender mit ihren Gesundheitsinformationen oder populäre, häufig naturheilkundlich orientierte Hausarztbücher. Zu letzterer Kategorie gehören die mehrfach aufgelegten Werke "Die Frau als Hausärztin" (1901) der Ärztin Anna Fischer-Dückelmann und "Chrut und Uchrut" (1911) des Kräuterpfarrers Johannes Künzle.

Eine allg. Skepsis der Bevölkerung gegenüber der Schulmedizin begünstigt seit den 1980er Jahren das Aufkommen von rund 200 sog. erfahrungsmedizin., teils esoter. Heilmethoden (Esoterik), die in der Schweiz von mehr als zehntausend registrierten Anbietern praktiziert und von Patienten meist parallel zum offiziellen Angebot genutzt werden. In den meisten Schweizer Kantonen werden Naturheilkundige heute nach einer Prüfung zugelassen. 2012 wurden beispielsweise in der Schweiz rezeptfreie Medikamente im Wert von rund 726 Mio. Fr. verkauft (Fabrikpreise).

<b>Volksmedizin</b><br>Michel Schüppach in seiner Teufelsküche, anonyme aquarellierte Zeichnung, um 1780 (Bernisches Historisches Museum) © Foto Stefan Rebsamen.<BR/>Der Wunderdoktor von Langnau im Emmental sitzt in einem Kreis mit den Symbolen der sieben Metalle, die den ersten sieben Planeten entsprechen. Umgeben ist er von Eule, Kröte und Fledermaus, die als teuflische Tiere galten. Vorne rechts rührt ein Teufelchen mit einem Stössel in einem Apothekermörser. Vermutlich aufgrund seiner vertieften Kenntnisse der Heilpflanzen und der Alchemie wurden Schüppach magische Kräfte zugeschrieben. Sein Ruf reichte weit über die Landesgrenzen hinaus. Daher empfing er in seinem Kurbetrieb auf dem Dorfberg so illustre Gäste wie Johann Wolfgang von Goethe und Johann Kaspar Lavater.<BR/><BR/>
Michel Schüppach in seiner Teufelsküche, anonyme aquarellierte Zeichnung, um 1780 (Bernisches Historisches Museum) © Foto Stefan Rebsamen.
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Literatur
– I. Baumer, Rätorom. Krankheitsnamen, 1962
– M. Möckli-von Seggern, Arbeiter und Medizin, 1965
– G. Heller, "Propre en ordre", 1979
Heilen und Helfen, Ausstellungskat. Kippel, 1993
SAVk 89, 1993, Nr. 1
– E. Wolff, «"V." - Abschied auf Raten», in Zs.f. Volkskunde 94, 1998, 233-257
Krank - was nun?, hg. von H. Steinke, P. Meier, 2003
– J. Debons, Les soins populaires en Valais, 2009

Autorin/Autor: Eberhard Wolff