• <b>Taufe</b><br>Taufe im bernischen Oberhasli. Kolorierte Aquatinta von  Franz Niklaus König,  1805 (Musée historique de Lausanne). Mit dem Ritual der Taufe wurde das Neugeborene nicht nur in die christliche Gemeinschaft aufgenommen, sondern auch Teil der Gesellschaft; erst mit dem Tod sollte diese Bindung enden. Der Stich Königs, sowohl Genre- als auch Trachtenbild, zeigt den Aufbruch der Familie zur Kirche.

Taufe

Durch das allen christl. Kirchen gemeinsame Sakrament der T. wird der Taufanwärter in die Heilsgemeinschaft der Kirche aufgenommen. Voraussetzung ist seine Glaubensbereitschaft. Der Taufakt bewirkt die Vergebung der Sünden (v.a. der Erbsünde). Urbild ist das Wirken Johannes des Täufers am Jordan. Während im Frühchristentum noch weitgehend durch Eintauchen ins Wasser getauft wurde, begnügte man sich später mit dem Besprengen oder Benetzen des Hauptes.

Die ursprüngl. Erwachsenentaufe wich seit dem 6. Jh. der Kindertaufe. An dieser hielten - im Gegensatz zu den Täufern - auch die Reformatoren Zwingli und Calvin fest. Da nach kath. Lehrmeinung die ungetauft verstorbenen Kinder in den Limbus (Vorhölle) gelangten, war man vom 13. Jh. an bemüht, möglichst bald nach der Geburt, nicht mehr nur vor Ostern und Pfingsten, zu taufen. Säuglinge, deren Leben in Gefahr war, erhielten die Nottaufe durch die Hebamme oder eine andere Person. Aus der Sorge um das Schicksal tot geborener Kinder entwickelte sich im SpätMA die Wallfahrt zu bestimmten, v.a. marian. Gnadenstätten. Beispiele dafür sind Oberbüren (Gem. Büren an der Aare) im 15. Jh., Rigi-Kaltbad (Gem. Weggis), Bitsch und Disentis ab dem 17. Jh. Zeigte sich am Gnadenaltar beim toten Kind eine vermeintl. Lebensregung, wurde sofort getauft. Auch evang. Christen sorgten sich angesichts der hohen Rate ungetauft verstorbener Kinder (3-4%) um deren Heil, obschon die ref. Kirche die Nottaufe klar ablehnte. Noch um 1850 wurden Totgeborene gemäss einer Enquete im Bernbiet heimlich nachts unter der Dachtraufe der Kirche bestattet, im Glauben, das Dachwasser würde die Wirkung einer T. haben. Ungetaufte Kinder wurden - ausser im Kt. Zürich vom 17. Jh. an - in der Regel nicht auf dem Friedhof beigesetzt.

<b>Taufe</b><br>Taufe im bernischen Oberhasli. Kolorierte Aquatinta von  Franz Niklaus König,  1805 (Musée historique de Lausanne).<BR/>Mit dem Ritual der Taufe wurde das Neugeborene nicht nur in die christliche Gemeinschaft aufgenommen, sondern auch Teil der Gesellschaft; erst mit dem Tod sollte diese Bindung enden. Der Stich Königs, sowohl Genre- als auch Trachtenbild, zeigt den Aufbruch der Familie zur Kirche.<BR/>
Taufe im bernischen Oberhasli. Kolorierte Aquatinta von Franz Niklaus König, 1805 (Musée historique de Lausanne).
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Seit dem frühen MA wird bei der T. auch der Vorname verliehen. Dabei verwendete man die in der Fam. tradierten Namen, abgestuft nach Verwandtschaftshierarchie: Grosseltern, Geschwister usw. Für die Täuflinge waren besondere Taufkleider in Gebrauch, die in wohlhabenden Fam. über Generationen weitergegeben wurden. Auch eigene Taufgefässe und geschmückte oder geschnitzte Taufwiegen waren üblich, so etwa in der Waadt. Besondere Bedeutung kam der Wahl der Paten (Patenwesen) zu.

Seit dem 17. Jh. wissen wir von Patengeschenken (v.a. Löffel und Becher). Im evang. Bereich wurden Taufzettel mit eingewickeltem "Göttibatzen" üblich: handgeschriebene oder vorgedruckte Papiere, oft reich ornamentiert, mit Segenssprüchen, die bei der T. übergeben wurden (erster Beleg aus dem Kt. Bern 1629). Dieses Genre erhielt sich bis ins 20. Jh. und bildete einen wichtigen Bereich der Volkskunst. Die Patenverpflichtung mit dem jährl. Geschenk an Neujahr (Helsete) endete meist an der Schwelle zur Adoleszenz (Konfirmation und Firmung). Naturgemäss bildete sich um den wichtigen Initiationsritus der T. (Übergangsriten) viel Brauchtümliches: der festlich gestaltete Zug der Taufgesellschaft zur Kirche, das Taufmahl, oft aufwendig und mit neckischen erot. Spielen gestaltet. Solche Begleiterscheinungen erregten im Ancien Régime das Missfallen der Obrigkeit. Im kath. Bereich wurde die Mutter zwei bis drei Wochen nach der Geburt bei ihrem ersten Kirchgang vor dem Marienaltar ausgesegnet (Reinigung).


Literatur
– A. Brüschweiler, Jeremias Gotthelfs Darstellung des Berner Taufwesens, 1926
– E. Welti, Taufbräuche im Kt. Zürich, 1967
– C. Rubi, T. und Taufzettel im Bernerland, 1968
Encycl.VD 10, 20-27
– P. Binda, L'albero della vita. Nascita, battesimo, prima infanzia nel Moesano, 1984
– C. Santschi, «Les sanctuaires à répit dans les Alpes occidentales», in ZSK 79, 1985, 119-143
– K. Weber, Berner Taufzettel, 1991

Autorin/Autor: Paul Hugger