Mischehen

In der Schweiz bezeichnet der Ausdruck Mischehe eine ehel. Verbindung zwischen Angehörigen versch. Konfessionen oder Religionen oder zwischen Personen unterschiedl. Nationalität. Vom MA bis zur Helvet. Republik bestimmte das Territorialitätsprinzip, wer wen heiratete. Die Ehe war nur gültig, wenn beide Ehegatten der offiziellen Konfession des Kantons angehörten. Bern verlangte beispielsweise die Konversion des kath. Ehepartners oder - wenn dies nicht passierte - die Auswanderung des Paars. Interkonfessionelle Verbindungen waren jedoch sehr selten (Ehehindernisse). Die auswärtige Ehegattin musste überdies den finanziellen Anforderungen der Gem. des Ehegatten genügen; anderenfalls drohte dem Paar der Verlust des Bürgerrechts oder die Ausweisung. Im 19. Jh. erlaubte das Bundesgesetz vom 3.12.1850 die Ehe zwischen Angehörigen verschiedener christl. Konfessionen und vereinheitlichte die kant. Praktiken. Einige Kantone hatten nämlich zu Beginn des 19. Jh. die Ziviltrauung eingeführt und damit die Schliessung von M. erleichtert, während manche kath. Kantone diese Verbindungen weiterhin verboten.

Insbesondere in den Grenzgebieten führten die gestiegene Mobilität der Bevölkerung und die Einwanderung von den 1870er Jahren an zu einer starken Zunahme der Ehen zwischen Personen unterschiedl. Nationalität oder Konfession. Kurz vor dem 1. Weltkrieg besass in jeder sechsten Ehe einer der beiden Partner eine ausländ. Staatsangehörigkeit. Dieser Anteil, der bis Mitte des 20. Jh. weitgehend unverändert blieb, steigt seit den 1990er Jahren rasant an: 1990 machten die M. 25% aus, 2003 waren es 41%. Die Statistiken, die den Anfang dieser Entwicklung ab 1960 zeigen, liefern jedoch nur ein unzureichendes Bild der Wirklichkeit. Sie vernachlässigen zum einen den Geburtsort der ausländ. Personen - eingewanderte Ehepartner der zweiten oder gar dritten Generation können in der Schweiz geboren sein, ohne das Bürgerrecht zu besitzen - zum anderen lassen sie die im Land des ausländ. Partners geschlossenen M. ausser Acht. Ausserdem lässt sich eine Zunahme des Anteils der M. auch auf unterschiedliche familiäre Praktiken zurückführen. So können z.B. eingebürgerte Nachkommen der zweiten Generation Ehepartner aus dem Herkunftsland ihrer Eltern wählen.

1880 lag der Anteil von Ehen zwischen Angehörigen versch. Religionen oder Konfessionen in der Schweiz bei rund 5%, 1990 bei 23%. Im 19. Jh. bestanden erhebl. Unterschiede zwischen den einzelnen Kantonen: Im Wallis und in Obwalden betrug der Anteil 1880 0,5%, in Basel-Stadt 22%. Nach 1970, als der Anteil gesamtschweizerisch bei 15% lag, war die Zunahme besonders stark, wobei sich die kant. Unterschiede deutlich verringerten (1990 in Uri 9%, in Basel-Stadt 30%). Die kirchl. Behörden stellten sich lange Zeit gegen diese Verbindungen. In Genf galten sie aus Sicht der Reformierten im 19. Jh. als Bedrohung für das Genfer Nationalgefühl.

Die jüd. Religion, die von der Mutter auf die Kinder übertragen wird, verbietet Ehen mit sog. Gojim. Dennoch machte die religiöse Endogamie in der jüd. Gemeinschaft 2000 nur 54% aus, 1944 waren es noch 60%. In den islam. Gemeinschaften nahm die Endogamie ab 1970 stark zu (2000 73%), was mit einer ausgewogeneren Geschlechterverteilung innerhalb der islam. Bevölkerungsgruppe zusammenhängt. M. sind somit ein wichtiger Indikator für die Säkularisierung einer Gesellschaft und die Integration der Zugewanderten.


Literatur
– J. Candolfi, Les mariages mixtes en Suisse, 1951
– C. Bovay, F. Rais, L'évolution de l'appartenance religieuse et confessionnelle en Suisse, 1997
– G. Guisolan, «Les enjeux protestants de la prévention des mariages mixtes 1840-1950», in ZSK 96, 2002, 79-95
– S.A. Aldeeb Abu-Sahlieh, Ehen zwischen schweiz. und muslim. Partnern, 42003 (franz. 1996)
– C. Bovay, R. Broquet, Religionslandschaft in der Schweiz, 2004, 63-91

Autorin/Autor: Anne-Lise Head-König / EM