10/08/2007 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Kiltgang

K. bezeichnet das v.a. in ländl. Regionen von der Sitte geregelte Werbeverhalten junger Männer, wonach sie nachts einzeln oder in Gruppen heiratsfähige Mädchen zuhause besuchten, sei es durch Einstieg in ihre Kammern oder Zusammensein in der Stube. Der Einlass wurde oft mit verstellter Stimme, wohlgesetzten Reden oder besonderen Kiltsprüchen verlangt. Nächtl. Rivalenkämpfe gehörten zum typ. Erscheinungsbild (Bräuche). Gegenüber fremden Kiltern herrschte meist Unduldsamkeit; der K. verfolgte so endogame Zwecke. Der Intimität zwischen den Geschlechtern waren regional unterschiedl. Schranken gesetzt; der K. unterstand dabei der Kontrolle durch die lokalen Knabenschaften. Führten die Besuche zur Schwangerschaft, bestand für den Burschen meist Heiratszwang (Ehe). Die frühesten Belege für den K. in der Schweiz stammen aus dem 16. Jh., aber die Sitte ist sicher wesentlich älter. Der K. ist keine schweiz. Besonderheit; er findet sich über weite Teile Mittel- und Nordeuropas, auch wenn er im voralpinen und alpinen Raum eine besondere Formenvielfalt entwickelte, die von Reiseschriftstellern und Kleinmeistern des 18. und 19. Jh. gerne als folklorist. Kuriosität dargestellt wurde. Der K. war unter zahlreichen Bezeichnungen bekannt, darunter z'Stubeti go und z'Liecht go, in Graubünden Hengert, im Maggia-, Lavizzara- und Verzascatal lokal abweichende Formen von naa ai carèi (Fensterln) und in der Waadt héberger.


Literatur
– G. Caduff, Die Knabenschaften Graubündens, 1932
– H.E. Cromberg, Die Knabenschaftsstatuten der Schweiz, 1970
– R. Braun, Industrialisierung und Volksleben, 21979, 69-72
– L. Junod, «Le Pays de Vaud a-t-il connu le "K."?», in SAVk 93, 1997, 17-25
– «Caraa», in Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana 4, 1999-2003, 19

Autorin/Autor: Paul Hugger