Ganzes Haus

Der Begriff G. wurde 1854 vom dt. Kulturhistoriker Wilhelm Heinrich Riehl geprägt. Das vom österr. Sozialhistoriker Otto Brunner 1956 unter diesem Namen vorgelegte Konzept bezeichnet ein Modell der ma. und frühneuzeitl. Hausgemeinschaft (franz. maisonnée, Haushalt). Gemäss diesem waren unter einem Dach und unter der hausherrl. Gewalt (Hausrecht) des Haushaltsvorstandes nicht nur die Fam., sondern auch nichtverwandtes, unverheiratetes und kinderloses Dienstpersonal (Knechte, Mägde, Gesellen, Lehrlinge) vereint. Das G. bildete im städt. (handwerkl., kaufmänn.) wie im ländl.-bäuerl. Bereich eine Einheit von Wohnen und Arbeiten, von Produktion und Konsum. In der prakt. Anwendung in der schweiz. Sozialgeschichte des MA und der frühen Neuzeit hat das rechtskonservativem Denken entspringende Modell method. Anstösse gegeben, aber auch Kritik und Ablehnung erfahren.


Literatur
– O. Brunner, «Das "ganze Haus" und die alteurop. "Ökonomik"», in Neue Wege der Verfassungs- und Sozialgesch., hg. von O. Brunner, 1968, 103-127, (11956)
– E. Isenmann, Die dt. Stadt im SpätMA, 1988, 292 f.
– C. Opitz, «Neue Wege der Sozialgesch.?», in Gesch. und Ges. 20, 1994, 88-98

Autorin/Autor: Alfred Zangger