• <b>Fahrende</b><br>Blinder Musiker, geführt von einem Gehilfen. Ausschnitt aus einer Abbildung der "Amtlichen Berner Chronik" von  Diebold Schilling,   um 1483 (Burgerbibliothek Bern, Mss.h.h.I.3, S. 357).

Fahrende

Der Sammelbegriff F. umfasst seit dem SpätMA unterschiedl. Gruppen nicht sesshafter Menschen. Er wird bis heute von Nichtsesshaften zur Selbstbezeichnung und in der Amtssprache verwendet. Die Mehrheit des fahrenden Volkes bezeichnet sich seit dem 18. Jh. als Jenische.

1 - Fahrende im Mittelalter

Im MA wurden F. ungeachtet ihrer unterschiedl. Herkunft und den versch. Gründen für ihr Wanderleben als fahrendes Volk oder fahrende Leute bezeichnet. Eine wichtige Gruppe unter den F.n waren die wandernden Berufsleute wie Sänger, Spielleute, Schausteller, Herolde und Gaukler (lat. joculatores), Quacksalber und Chirurgen (Bruch-, Stein- und Starschneider). Sie zogen von Stadt zu Stadt und verdienten ihren Lebensunterhalt auf den Märkten. Mit ihnen zogen Prostituierte ( Prostitution), die so genannten fahrenden Frauen und Töchter. Zeitweise ortsansässig waren dagegen migrierende Handwerker wie Kessler und Hafner sowie Vertreter von Bauberufen wie Steinhauer und -metzen. Ebenfalls nur temporär auf Reisen waren Pilger (Pilgerwesen) und Reisläufer, Fernkaufleute und Markthändler sowie Scholaren und Gesellen.

Nebst den Berufsleuten gehörten religiös-ethnische Minderheiten, vom 13. Jh. an die Juden (Judentum) und ab ca. 1400 die Zigeuner, zu den F.n. Zudem zogen Gruppen von Arbeitsunfähigen (Krüppel, Kranke) und Armen, flüchtigen Kriminellen und Verbannten als fahrende Bettler (Bettelwesen), Landstreicher und Vagabunden durchs Land (Heimatlose). Ihr gemeinsames Merkmal war das Fehlen eines ständigen Wohnsitzes und die Ausübung verwerflicher oder als gering erachteter Dienste (z.B. Schaustellerei). Wegen ihrer Freiheit von Bürgerpflichten wurden die F.n von den Sesshaften (Sesshaftigkeit) sowohl benieden wie auch als Aussenseiter verfolgt.

Ab dem 14. und 15. Jh. verboten städt. Mandate die Beherbergung von F.n. In Basel wurde das fahrende Volk mit anderen Randgruppen in einem eigenen Quartier am Kohlenberg einquartiert und einem eigenen Gericht unterstellt. Gegen soziale Ausgrenzung schlossen sich fahrende Pfeifer, Spielleute und Kessler im 14. und 15. Jh. zu zunftähnlichen, autoritär geleiteten Königreichen zusammen. Die im Hl. Röm. Reich - einschliesslich der heutigen Schweiz - aktiven überregionalen Bünde wurden von Gesellen und Jugendlichen kopiert. Weil diese oft zu Gewalttätigkeiten neigten, lösten Städte und die Tagsatzung diese Bünde später wieder auf.

<b>Fahrende</b><br>Blinder Musiker, geführt von einem Gehilfen. Ausschnitt aus einer Abbildung der "Amtlichen Berner Chronik" von  Diebold Schilling,   um 1483 (Burgerbibliothek Bern, Mss.h.h.I.3, S. 357).<BR/>
Blinder Musiker, geführt von einem Gehilfen. Ausschnitt aus einer Abbildung der "Amtlichen Berner Chronik" von Diebold Schilling, um 1483 (Burgerbibliothek Bern, Mss.h.h.I.3, S. 357).
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Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler

2 - Fahrende und Halbansässige in der Neuzeit

Ab dem 16. Jh. wuchs die fahrende Bevölkerung. Das Leben auf der Landstrasse wurde für sie zum Alltag, ohne dass sie die Aussicht gehabt hätten, zu ihrem früheren Leben zurückzukehren. V.a. der Anteil an einheim. Armen sowie an ausländ. Kriegsvertriebenen, -invaliden und Deserteuren nahm zu. Die in Gruppen umherziehenden Männer, Frauen und Kinder schlugen sich mit Gelegenheitsarbeiten, Betteln und Diebstählen durch. Sie setzten dabei v.a. auf die Hilfe der Landbevölkerung und auf die Spenden von Klöstern und öffentl. Almosenämtern. Die Obrigkeiten suchten ihnen mit Beherbergungs- und Bettelverboten die Lebensgrundlage zu entziehen und sie über die Grenzen abzuschieben. Insbesondere die gewaltbereiten kriminellen Gaunerbanden (Räuber), die sog. starken Bettler oder Jauner, wurden als Landplage bekämpft, indem die repressiven Massnahmen zur Kontrolle der Mobilität ausgebaut wurden.

Dagegen wurden ursprünglich fahrende Berufsleute (Wanderarbeit) ab dem 16. Jh. zunehmend in die sesshafte Bevölkerung integriert: Im Obrigkeitsstaat des Ancien Régime waren Kessler und Hafner in regionale Landzünfte und Wanderhändler (Hausierer) in Krämergesellschaften eingebunden. In der Regel verfügten sie über eine feste Wohnstätte. Wie die hausierenden jüd. Landhändler, die ab dem 17. Jh. in den aarg. Dörfern Lengnau und Endingen Wohnsitz hatten, waren sie nur beruflich unterwegs. Auch fahrende Korbflechter, Bürstenbinder, Scherenschleifer, Geschirrflicker, Hosen- und Strumpfstricker (Lismer), Finken- und Handschuhmacher, welche aufgrund ihrer untergeordneten Berufe ein geringes soziales Ansehen genossen, wechselten zwischen Wanderleben und Ortsansässigkeit. Sie bevölkerten die im 16. Jh. entstehenden Armensiedlungen auf Allmenden, in Schachen (Flussufern) und an Waldrändern. Während Wochen oder Monaten zogen sie mit ihrer Ware oder auf Arbeitssuche durch die Dörfer und Märkte, kehrten jedoch regelmässig an ihren Wohnort zurück.

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler

3 - Lebens- und Verhaltensweisen von Fahrenden

Die F.n entwickelten in der ihnen feindlich gesinnten Umgebung Überlebensstrategien; sie reisten z.B. im Schutz von Gemeinschaften, im Familien- und Sippenverband. Oft wanderten mehrere, auch nicht verwandte Fam. zusammen, während Einzelne seltener unterwegs waren. Die Gruppen bestanden meist aus etwa gleich vielen Männern und Frauen sowie einer grossen Anzahl Kinder. Diese reisten mit den Eltern oder einem Elternteil, v.a. mit der ledigen, verlassenen oder verwitweten Mutter. Männer und Frauen waren meist im Konkubinat verbunden, doch sind auch kirchl. Heiraten belegt. Im Beziehungsnetz kam den Frauen grosse Bedeutung zu, da das Betteln und damit der wichtigste Teil des Lebensunterhalts in ihrer Verantwortung lag. Frauen waren daher oft älter und erfahrener als ihre Lebensgefährten.

Die Kinder wurden von Eltern, älteren Geschwistern und Verwandten in die Lebensweise der F.n eingeführt. Das gemeinsame Wanderleben der Menschen unterschiedlichster geogr. und sozialer Herkunft förderte die Entstehung einer sich ständig weiterentwickelnden, gemeinsamen Kultur. Dazu gehörten eine eigene Sprache (Nasallaute der Jenischen, Rotwelsch), eine Zeichensprache (Zinken), Kenntnisse der Heilkunst und Magie sowie eine Religiosität, die sich bei Kirchweihen und Wallfahrten (St. Jost in Oberägeri, Gersauer Feckerkilbi, Engelweihfest in Einsiedeln) in bunter Festfreude äusserte.

Die F.n wanderten, vor Verfolgung nie sicher und ständig ausweichend, von einem Unterschlupf zum anderen. Sie verfügten über Treffpunkte an abgelegenen Orten (Feuerplätze im Wald, "Bettlerküchen"), schliefen in kleinen Wirtshäusern und v.a. auf Höfen, deren Besitzer sich mehr vor der angedrohten Brandstiftung der F.n, dem "roten Hahn", als vor obrigkeitl. Strafe für das Beherbergen fürchteten. Bevorzugte Aufenthaltsorte waren daher Weiler- und Einzelhofgebiete sowie Grenzregionen, bis um 1900 insbesondere in der Zentralschweiz, den Kt. Graubünden, Tessin, St. Gallen, Appenzell, im Seeland und im fürstbischöfl. Jura sowie in den Einzelhofgebieten der Kt. Bern, Solothurn und Aargau.

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler

4 - Integrationszwang im 19. und 20. Jahrhundert

Weder Beherbergungsverbote noch sporad. Wegweisungen vermochten die F.n vor 1800 zu vertreiben. Erst im 19. und 20. Jh. wurden mit staatl. Mitteln Lebensweise und Kultur der F.n zu verdrängen versucht. Mit der Assimilation an die sesshafte Gesellschaft sollte die Nichtsesshaftigkeit überwunden werden. Berufsloses Landstreichertum und Betteln, das seit dem MA immer wieder verboten worden war, wurde zum Straftatbestand. Ebenso war das Umherziehen mit schulpflichtigen Kindern untersagt und neue amtl. Vorschriften und Kontrollen (Passwesen, Niederlassung, Fremdenpolizei, Hausiererpatente) engten die Lebensweise der F.n immer mehr ein. Ab den 1820er Jahren wurden viele Sippen durch Zwangseinweisungen vagierender Erwachsener in Korrektionsanstalten und von Kindern in Heime (Anstaltswesen) sowie durch die Zwangseinbürgerungen der Heimatlosen auseinander gerissen.

Noch im 20. Jh. hatte das 1926 gegr. "Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse" der Stiftung Pro Juventute mit Kindswegnahmen die Zerstörung der Familien- und Sippenstrukturen und fahrender Lebensweise zum Ziel. Das Hilfswerk verlagerte den zuvor auf lokaler, kant. oder privater Ebene geführten Kampf gegen "das Übel der Vagantität" auf die nationale Ebene, wofür es Psychiatrie, Gemeinnützigkeit, Fürsorge- und Polizeibehörden instrumentalisierte. Bis 1973 wurden mehr als 600 Kinder ihren Fam. entrissen, dann wurde die Aktion auf öffentl. Druck hin eingestellt. Dass das Hilfswerk seine Ziele nur bedingt erreichte, ist v.a. dem erstarkten Selbstbewusstsein der F.n selbst zu verdanken. Seit den 1970er Jahren vertreten F., die sich in Interessengemeinschaften organisiert haben, ihren Anspruch auf Anerkennung ihrer Lebensweise und ihrer eigenständigen Kultur auch politisch. 1997 wurde die Stiftung "Zukunft für Schweizer F." gegründet, die den Auftrag hat, die Lebensbedingungen der fahrenden Bevölkerung zu sichern und zu verbessern.

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler

Quellen und Literatur

Literatur
– A.M. Dubler, Armen- und Bettlerwesen in der Gemeinen Herrschaft "Freie Ämter", 1970
– T. Huonker, Fahrendes Volk - verfolgt und verfemt, 1987
– F. Graus, «Organisationsformen der Randständigen», in Rechtshist. Journal 8, 1989, 235-255
– P. Witschi «Minderheiten: Nichtsesshafte unter Sesshaften», in Hb. der schweiz. Volkskultur 2, hg. von P. Hugger, 1992, 837-846
– E. Schubert, Fahrendes Volk im MA, 1995
– W. Leimgruber et al., Das Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse, 1998
– T.D. Meier, R. Wolfensberger, Eine Heimat und doch keine, 1998
– U. Germann «Das "Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse"», in Traverse, 2000, H. 1, 137-149
– L. Tcherenkov, S. Laederich The Rroma, 2004