• <b>Bevölkerungskrisen</b><br>Quelle: L. Hubler, La population de Vallorbe du XVI<SUP>e</SUP> au début du XIX<SUP>e</SUP> siècle, 1984, 431 f.  © 1996 HLS und DDC Information Design, Montreux. Für die Pfarrgemeinde Vallorbe sind im dargestellten Zeitraum viele Krisenjahre belegt: 1731, 1739, 1747-48, 1750, 1755, 1764, 1766, 1768 und 1779 starben mehr Menschen als geboren wurden. Besonders hoch war die Sterblichkeit von 1747 bis 1768; danach erholte sich die Gemeinde wieder.
  • <b>Bevölkerungskrisen</b><br>Quelle: S. Bucher, Bevölkerung und Wirtschaft des Amtes Entlebuch im 18. Jahrhundert, 1974  © 1997 HLS und DDC Information Design, Montreux. Für die Pfarrgemeinde Entlebuch sind im dargestellten Zeitraum auffallend viele Krisenjahre belegt: 1738, 1741–42, 1746, 1756, 1758, 1764, 1766, 1768 und 1771 starben mehr Menschen als geboren wurden. Besonders hoch war die Sterblichkeit von 1758 bis 1771; danach erholte sich die Gemeinde wieder.

Bevölkerungskrisen

B. bzw. Subsistenzkrisen sind das auffallendste Merkmal der Bevölkerungsentwicklung in vor- und frühindustriellen Zeiten. Die moderne Forschung identifiziert sie anhand von Reihen der Geburten (Natalität), Heiraten (Nuptialität) und Todesfälle (Mortalität), die in einem bestimmten Gebiet von Jahr zu Jahr stattgefunden haben; die Standesregister liefern die nötigen Zahlen. Krisenbedingte Wanderungsvorgänge lassen sich demgegenüber aus Quellengründen nicht so leicht feststellen. Obwohl der Einfluss von B. auf die gesamte Bevölkerungsentwicklung unbestreitbar ist, muss angesichts ihrer zufälligen Wirkung die Ansicht aufgegeben werden, dass sie einen Mechanismus der Regulierung darstellen.

Die meisten B. zeigen sich in einem deutl. Anstieg der Todesfälle, deren Zahl die Geburtenzahl mindestens übertrifft, manchmal gar um das Doppelte. Ausser den Todesfällen zeigen auch die Geburtenzahlen eine Krise an. Ihr Rückgang erklärt sich durch den Tod von Müttern und potentiellen Vätern, in Hungersnöten auch durch Veränderungen im Zyklus von Frauen (Hunger-Amenorrhö). Eheschliessungen wurden in Notzeiten häufig verschoben bzw. unterlassen. Von Auswanderungen aus Hunger-, Kriegs- oder Seuchengebieten erfährt man aus Wortquellen. Quantifizierungen sind hier nur möglich, wenn sich nahe beieinander liegende Volkszählungen heranziehen lassen.

<b>Bevölkerungskrisen</b><br>Quelle: L. Hubler, La population de Vallorbe du XVI<SUP>e</SUP> au début du XIX<SUP>e</SUP> siècle, 1984, 431 f.  © 1996 HLS und DDC Information Design, Montreux.<BR/>Für die Pfarrgemeinde Vallorbe sind im dargestellten Zeitraum viele Krisenjahre belegt: 1731, 1739, 1747-48, 1750, 1755, 1764, 1766, 1768 und 1779 starben mehr Menschen als geboren wurden. Besonders hoch war die Sterblichkeit von 1747 bis 1768; danach erholte sich die Gemeinde wieder.<BR/>
Taufen und Todesfälle in Vallorbe 1730-1780

Ursachen von B. waren Seuchen, Hungersnöte und Kriegsereignisse. An Epidemien traf vor 1700 die Pest um 1349, 1519, 1541, 1564, 1611, 1630 und 1636 die ganze Schweiz. Sie bewirkte je nach Gebiet Bevölkerungsverluste zwischen 10% und 50%. Letztmals überzog sie 1666-68 die Schweiz; danach wirkten sich offenbar die polizeil. Sperrmassnahmen der umliegenden Länder und einiger eidg. Orte aus. Andere Seuchen wie Pocken, Cholera, Typhus, Fleckfieber und Grippe bewirkten geringere Menschenverluste. Die Grippeepidemie von 1918 tötete 24'500 Menschen, weniger als ein Promille der schweiz. Bevölkerung. Es gab Epidemien, die nur oder vorab eine bestimmte Bevölkerungsgruppe trafen, so die Kinderseuchen Dysenterie (Ruhr) und Pocken oder das Kindbettfieber (Geburt). Dabei waren die Kinderseuchen für die Bevölkerungsentwicklung langfristig wichtiger als solche, die Erwachsene betrafen (Cholera, Fleckfieber).

Nach dem Ende der Pestzüge setzte sich ein neuer Typus der B. durch: Auf die durch zahlreiche Sterbefälle gekennzeichnete crise de type ancien folgte die crise larvée, welche v.a. Geburten und Heiraten absinken liess. Hungersnöte und Teuerungen (Inflation) beeinflussten die Bevölkerungszahlen zunächst ebenfalls durch Zunahme der Todesfälle (um etwa 60% gegenüber 200% bei einer Pest), sodann aber v.a. durch einen Rückgang der Heiraten und Taufen. Kriegsereignisse mit weit reichenden demograf. Folgen waren in der Schweiz selten: Zu gravierenderen Bevölkerungsverlusten kam es z.B. in den Gebieten, die vom Dreissigjährigen Krieg betroffen waren (Fürstbistum Basel, Fricktal). Im helvet. und napoleon. Zeitalter erlitten die Bevölkerungen der Innerschweiz (Entlebuch, Uri) v.a. 1798-99 schwere Verluste, während sich die Einbussen im Mittelland in bescheidenen Ausmassen bewegten.

Es ist lehrreich, die Entwicklung nach einer B. zu betrachten: Den meisten Pestzügen folgte eine schnelle Erholung (Rekuperation). Die Sterblichkeit war eine Zeit lang niedrig, viele neue Ehen wurden geschlossen und die Zeugung von Kindern erfolgte ungehemmt. Ausserdem zogen Städte und Dörfer viele Zuwanderer an. Die Stadt Basel z.B. holte Bevölkerungsverluste von gegen 30% in 16 Jahren auf, die Kleinstadt Liestal solche von 11-19% schon in acht Jahren. Anders verhielt es sich nach einer Teuerung oder Hungersnot: Die Taufziffern blieben durchschnittlich, und es lässt sich v.a. kein Heiratsgipfel beobachten. Insbesondere erfolgte keine Rückwanderung von Menschen, die wegen der Teuerung das Land verlassen hatten. Zur Milderung, Verhinderung und schliesslich Überwindung von B. trugen Massnahmen der Vorratshaltung (seit dem SpätMA), der Hygiene (v.a. im 19. Jh.), eine sozial verträglichere Ressourcenverteilung und allgemein die Industrialisierung bei.

Während frühere Forscher (Malthusianismus, Wilhelm Bickel) der Mortalität, v.a. derjenigen bei Seuchenzügen, eine Hauptrolle zugeschrieben haben, neigt man heute zu komplexeren Modellen (Alfred Perrenoud), welche auch die Bevölkerungsstruktur einbeziehen, auf welche die Mortalitätsveränderungen einwirkten. Daraus ergeben sich Regulationsmechanismen, mit denen auf die Verluste reagiert wurde.


Literatur
– W. Bickel, Bevölkerungsgesch. und Bevölkerungspolitik der Schweiz seit dem Ausgang des MA, 1947
– M. Mattmüller, Bevölkerungsgesch. der Schweiz, Tl. 1, 2 Bde., 1987
– A. Perrenoud, «Maladies émergentes et dynamique démographique», in History and Philosophy of the Life Sciences 15, 1993, 297-311

Autorin/Autor: Markus Mattmüller