• <b>Vallorbe</b><br>Ausschnitt aus der südorientierten Karte des Kantons Bern. Kolorierte Kupferplatte von  Thomas Schöpf,   1578 (Zentralbibliothek Zürich, Abteilung Karten und Panoramen). Die Karte zeigt den Lauf der Orbe und deren Zufluss Jougnenaz zwischen der Grenze zu Frankreich (rote Linie unten auf der Darstellung), Vallorbe und der Stadt Orbe. Zu erkennen ist unweit des Schlosses Les Clées das Priorat Romainmôtier, dem Vallorbe unterstellt war. Romainmôtier war 1537–1798 eine Berner Landvogtei. 1798 wurde Orbe Bezirkshauptort.

Vallorbe

Polit. Gem. VD, Bez. Jura-Nord vaudois. Das an der schweiz.-franz. Grenze gelegene V. umfasst 2'310 ha, davon 1'542 ha Wald, und wird auf drei Seiten von Bergen begrenzt. Nur gegen Osten öffnet es sich dank der Jougnenaz und Orbe in Richtung Freigrafschaft Burgund bzw. Schweizer Mittelland. Das Gemeindegebiet erstreckt sich von 610 m auf 1480 m, wobei sich bis auf die Weiler Le Day, Le Creux und Bellevue die Siedlungen am Ufer der Orbe auf einer Höhe von 750-800 m befinden. 1139 de valle urbanensi, 1148 de valle urbe. 1550 22 Haushalte; 1703 925 Einw.; 1764 900; 1850 1'491; 1870 1'982; 1900 3'279; 1920 4'621; 1950 3'896; 1970 4'028; 2000 3'247 (davon über ein Viertel Ausländer, ohne Grenzgänger).

<b>Vallorbe</b><br>Ausschnitt aus der südorientierten Karte des Kantons Bern. Kolorierte Kupferplatte von  Thomas Schöpf,   1578 (Zentralbibliothek Zürich, Abteilung Karten und Panoramen).<BR/>Die Karte zeigt den Lauf der Orbe und deren Zufluss Jougnenaz zwischen der Grenze zu Frankreich (rote Linie unten auf der Darstellung), Vallorbe und der Stadt Orbe. Zu erkennen ist unweit des Schlosses Les Clées das Priorat Romainmôtier, dem Vallorbe unterstellt war. Romainmôtier war 1537–1798 eine Berner Landvogtei. 1798 wurde Orbe Bezirkshauptort.<BR/>
Ausschnitt aus der südorientierten Karte des Kantons Bern. Kolorierte Kupferplatte von Thomas Schöpf, 1578 (Zentralbibliothek Zürich, Abteilung Karten und Panoramen).
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Bis ins MA blieb das Tal abseits der Passstrasse über den Col de Jougne unbewohnt. Es gehörte zum Cluniazenserkloster Romainmôtier, von wo auch die ersten Siedler kamen. 1148 erhielt Romainmôtier vom Bf. von Lausanne die Kirche St. Pankraz. 1139 wird ein kleines unabhängiges Priorat erwähnt. Wegen dessen Ärmlichkeit verzichtete der Prior darauf, dort zu wohnen. Nachdem das Amt des Priors und jenes des Kämmerers von Romainmôtier in Personalunion ausgeübt worden waren, wurde das Priorat 1322 ins Mutterhaus integriert. Ein Meier hatte die Gerichtsbarkeit inne. 1403 wurden die Bewohner von V. von der Leibeigensteuer befreit.

Nach der Eroberung der Waadt durch Bern wurde V. 1543 der Vogtei Romainmôtier unterstellt und zum Sitz der Kastlanei. 1713 ersetzte ein Zwölfer- und ein Vierundzwanzigerrat die Vorgängerversammlung. 1798 schlossen sich mehrere Einwohner von V. der probern. Légion fidèle an. 1798-2006 gehörte V. zum Bez. Orbe und wurde 1803 Kreishauptort. Obschon eine Mehrheit der Bewohner in der Industrie arbeitete, dominierten in der Gem. lange Zeit die Radikalen und Liberalen. Nur zwischen 1950 und 1957 wurde V. von den Sozialdemokraten regiert. In den 1990er Jahren besassen die Freisinnigen und Sozialdemokraten im Gemeinderat (Legislative) gut 80% der Sitze. Die Radikalen und die Liberalen stellten nach ihrer Fusion zur liberalradikalen Partei 2010 wieder die Mehrheit. Als Grenzgemeinde wurde V. ab Mitte des 17. Jh. in die Verteidigungsdispositive einbezogen (Bannwald und bern. Hochwachten, in den 1930er Jahren Befestigungsbauten). Auch bekam es die Folgen militär. Konflikte zu spüren: 1636-38 Flüchtlinge aus der Freigrafschaft Burgund, 1815 Schweizer Grenztruppen, 1871 Internierung der Bourbakiarmee, 1940-45 Schliessung des Tunnels Mont-d'Or, 1945 Kapitulation von Marschall Philippe Pétain.

Die Kirchgemeinde V. blieb auch nach der Reformation bestehen. Die heutige Pfarrkirche datiert von 1712. Die freikirchl. Gemeinde existierte 1847-1966. Eine 1890 in V. erstellte kath. Kapelle (1976 Neubau) zeugt von der Bedeutung der Italiener und Franzosen für das Dorf.

Um 1285 wurden nahe der Quelle der Orbe auf Betreiben des Abts von Romainmôtier eine Sägerei und eine erste Eisenhütte (Hochofen) eingerichtet. Die Bevölkerung zählte ca. 500 Personen, als sie in der 1. Hälfte des 14. Jh. durch die Pest dezimiert wurde. Nach den Plünderungen durch eidg. Truppen 1475 im Zuge der Burgunderkriege lebten im Dorf nur noch 20 Familien. 1499 standen sieben Wasserwerke in Betrieb und der Aufschwung setzte ein. 1528 wurde der erste von drei neuen Hochöfen gebaut, um 1697 der letzte eingestellt. Von nun an bezogen die Raffinerien das Eisen aus der Freigrafschaft Burgund. Zwischen 1600 und 1800 siedelten sich mehr als 50 kleine Schmieden um die grossen Eisenhütten an. Es wurden v.a. Werkzeuge, später Nägel (1710 108 Nagelschmiede), dann Feilen hergestellt. Die kleine lokale Oberschicht aus Schmiedemeistern und Notablen arbeitete mit oft selbstständigen Handwerkern der Eisenverarbeitung zusammen. 1798 war V. ein Industrieort, in dem 76% der Erwerbstätigen von der Industrie und dem Handwerk, 20% von der Landwirtschaft und 4% vom Dienstleistungssektor lebten. Die Landwirtschaft wandte sich vom 16. Jh. an der Viehzucht und der Käseproduktion zu, doch bis ins 19. Jh. wurde auch Getreide angebaut. Mit einer Ausnahme dienten Ende des 20. Jh. alle Alpen der Sömmerung von Rindern.

Mit der Inbetriebnahme der Eisenbahnstrecke V.-Lausanne 1870 und der Linie V.-Pontarlier 1875 änderte sich der Charakter des Dorfs, das zudem 1883 von einer Feuersbrunst zerstört wurde. Der Durchstich des Tunnels Mont-d'Or 1915 (Linie V.-Frasne) festigte die Bedeutung V.s auf der Strecke der Jura-Simplon-Bahn und beschleunigte den Wandel in der Bevölkerungszusammensetzung, denn zahlreiche Gastarbeiter (gut 1'000 von ihnen waren im Tunnelbau beschäftigt) liessen sich in V. nieder, die meisten waren Italiener. Die Arbeitsmöglichkeiten vervielfältigten sich. Es entstanden Elektrizitätswerke, eine Kalkfabrik zur Herstellung von Zement (1870-1933) sowie eine Chlor- (1972 Schliessung) und eine Bakelit- bzw. Kunststofffabrik (ab 1904). Auch das Transportwesen und der Tourismus (1905 acht Hotels) schufen neue Arbeitsplätze. Die Feilenherstellung konzentrierte sich auf die 1899 gegr. Usines métallurgiques de V. (1902-18 Niederlassung in St. Petersburg). Der 1869 gebaute Viadukt von Le Day, die Staumauer, das 1908 eröffnete und 2012 renovierte Kasino mit Musik- und Theatersaal sowie der Bahnhof (der erste stammte von 1870, der zweite von 1915) gaben V. ein städt. Gepräge. 1900 erhielt der Weiler Le Day eine Schule 1915 wurde anstelle des alten Gebäudes aus dem Jahr 1827 in V. ein neues Schulhaus errichtet. Die Krise der 1930er Jahre bremste ein erstes Mal den Aufschwung. Auch die Rezession von 1975 führte zur Schliessung mehrerer Unternehmen. Die Anzahl Stellen im Transport- und Zollwesen ging zurück. 1988 gehörte V. zu den armen Gem. des Kantons. Dennoch wurde 1984 ein Schul- und Sportzentrum und 1987 eine Festhalle eingeweiht. Dank Sehenswürdigkeiten wie der Grotten (seit 1974), des Eisen- (seit 1980) und des Eisenbahnmuseums (seit 1990) sowie der Festung 39-45 Pré-Giroud (seit 1988) und des Juraparks (seit 2002) entwickelte sich der Tagestourismus, dem auch der Anschluss V.s 1989 an die A9b zugute kam. Ferner hält der TGV der Linie Paris-Dijon-Lausanne seit 1984 in V. 2005 stellte der 2. Sektor 47% der Arbeitsplätze. Die Zahl der Grenzgänger betrug 1955 55, 1991 731 und 2012 530. Die Schulen von V. und neun weiteren Gem. sind seit 2001 zusammengefasst (Primar- und Sekundarschulanlagen von V., Ballaigues und Vallon du Nozon).


Literatur
– A. Radeff, «Naissance d'une communauté agro-industrielle du Jura suisse», in Etudes rurales, 1977, Nr. 68, 107-140
– P.-L. Pelet, Fer, charbon, acier dans le Pays de Vaud 2, 1978; 3, 1983
– L. Hubler, La population de V. du XVIe au début du XIXe siècle, 1984
V., hg. von J. Combe, 1989
HS III/2, 514-516, 601-604

Autorin/Autor: Jean-Philippe Dépraz / SIL