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Orbe (Gemeinde)

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Polit. Gem. VD, Bez. Jura-Nord vaudois. Neben der Stadt O., die auf einem Hügel in einer Flussschleife der O. liegt, umfasst die Gem. mehrere Weiler (Granges Saint-Germain, Granges Saint-Martin, Mont Choisi, Le Puisoir). Um 280 Urba, 1179 versus Orbam, dt. früher Orbach. 1416 266 Feuerstätten; 1798 1'662 Einw.; 1850 1'923; 1900 2'080; 1950 3'565; 1980 3'985; 2000 5'139.

In röm. Zeit stand auf der Anhöhe Boscéaz eine Villa, deren Mosaike erhalten sind. Das am Weg zum Jougne-Pass (Jougne) und an der Schnittstelle wichtiger Verkehrsachsen (Verbindung Jura-Alpen und Rhein-Rhone) gelegene O. ist seit jeher ein Durchgangsort. Im MA bildeten die linksufrige villa Tavellis mit der Pfarrkirche Saint-Germain und die rechtsufrige villa Tabernis mit der Kirche Saint-Martin die beiden Brückenköpfe beim Orbeübergang am Fuss des Hügels, auf dem die Burg und der Marktflecken angelegt waren. 888 im Besitz Rudolfs I., wurde O. eine Pfalz der hochburgund. Herrscher (zweites Königreich). In einer Münzstätte wurden Denare im Namen Konrads des Friedfertigen (937-993) geschlagen. Nach dem Tod des letzten Rudolfingers 1032 wurde das Gebiet ins Reich eingegliedert und 1076 überliess es Ks. Heinrich IV. mit Gf. Wilhelm II. dem Einflussbereich des Herzogtums Burgund. Um 1168 gelangte eine Hälfte der Herrschaft O. an Amadeus II. von Montfaucon, Gf. von Montbéliard. 1183 gehörten die Kirchen und ein Grossteil von O. dem Kloster Baulmes, dessen Güter dem Priorat Payerne zufielen. 1275 wurde das gegen Ende des 11. Jh. errichtete Spital vom Priorat Romainmôtier verwaltet, das ab 1139 bereits die angrenzende Kapelle Notre-Dame besessen hatte. Amadeus III. von Montfaucon-Montbéliard liess O. um 1235 befestigen (Bourg-Vieux und Bourg-Neuf). 1233 wies die Burg einen runden Bergfried auf. Die Anlage erlaubte die Kontrolle über die Strasse, die unter Umgehung von Les Clées den Jura erschloss und in der Gegenrichtung nach Lausanne führte. Zusammen mit Echallens bildete O. eine burgund. Enklave inmitten der Besitzungen Savoyens und des Fürstbistums Lausanne. Girard de Montfaucon gewährte O. das gleiche Stadtrecht wie Moudon, das seine Witwe Jaquette von Grandson 1352 bestätigte. Durch Erbgang fiel die Herrschaft 1379 an die Gf. von Montbéliard, 1410 an Ludwig von Chalon, Fürst von Orange. Nachdem O. 1475 zum ersten Mal von den Eidgenossen eingenommen und danach durch Hugo von Chalon zurückgewonnen worden war, empfing Karl der Kühne Anfang 1476 in O. die eidg. Gesandten. Nach Ende der Burgunderkriege fiel das Gebiet des Hauses Chalon diesseits des Jura an Bern und Freiburg, die O. zusammen mit Echallens 1484-1798 als gemeine Herrschaft verwalteten. 1798 unterstützte eine Mehrheit der Stadtbevölkerung gegen den Widerstand der Notablen die Helvet. Revolution. Während des Stecklikriegs, als sich die Regierung der helvet. Republik in der Folge ihrer Kapitulation nach Lausanne zurückzog, wurde O. im Sept. 1802 kurzzeitig von Föderalisten besetzt. 1798-2006 war O. Hauptort des gleichnamigen Bezirks.

1363 sind zwei Syndics und mehrere Rechtskundige (prudhommes) erwähnt, die dem Ort vorstanden. Ende des 14. Jh. wurde ein Stadtrat gewählt, der seine Befugnisse Statthaltern übertrug. Herrschaftsvertreter waren der Vogt, der Kastlan und der Mistral, die je versch. Gerichten vorsassen und Stadtbürger als Geschworene zur Seite hatten. Ein Vitztum und ein Meier vertraten das Priorat Romainmôtier. Unter bern. Herrschaft wurde O. von einem Zwölferrat und einem Rat der Vierundzwanzig geleitet. Dem Gericht sass ein Kastlan vor, der abwechselnd von Bern und Freiburg ernannt wurde. Das Rathaus entstand 1786-89. Vor der Reformation standen in O. sechs Kirchen und Kapellen: Saint-Germain (7. Jh.?, Pfarrkirche), Saint-Martin (10. Jh.), die beiden zu Romainmôtier gehörenden Notre-Dame-des-Vignes (12. Jh.) und die Spitalkapelle Notre-Dame (12. Jh., um 1405-07 nach einem Brand wiederaufgebaut), Saint-Eloi (1424) sowie die Kirche des Klosters Sainte-Claire, das 1427 auf Anregung Johannas von Montbéliard gegründet und mit dessen Leitung die hl. Colette von Corbie betraut worden war. 1554 führte O. die Reformation ein. Altäre, Kapellen und Kirchen wurden zerstört; erhalten blieb einzig die Kirche Notre-Dame, die zur Pfarrkirche wurde und 1521-25 sowie 1687-90 grössere Veränderungen erfuhr.

Die Holzbrücke Pont des Granges oder Pont-du-Vua ist im 12. Jh. belegt. Der steinerne Pont Saint-Eloi oder Pont du Moulinet wurde 1424 mit Mitteln errichtet, die der Eremit Girard Borrellier gesammelt hatte. Der 1826-30 von Henri Perregaux weiter flussabwärts gebaute Grand-Pont zählte damals zu den grössten Brücken im Kanton. 1871 kaufte Julien Rod die ab dem 15. Jh. belegte Mühle am linken Ufer. 1880 neu errichtet und 1902 ans rechte Ufer verlegt, waren die Mühlen der Moulins Rod SA bis 1999 in Betrieb. Die 1848 eröffnete Brasserie d'Orbe (später Fertig Frères SA) bestand bis 1974. 1892 baute die Société des Usines de l'Orbe ein Stauwehr zur Stromerzeugung für die Eisenbahnlinie O.-Chavornay. 1901 wurde die Compagnie des forces motrices des lacs de Joux et de l'Orbe gegründet. Die im selben Jahr errichtete Schokoladefabrik Peter bot so viele Arbeitsplätze, dass die Bevölkerung in zehn Jahren um über tausend Personen wuchs. 1907 kam es dort zu einem Streik, der auf andere Ortschaften im Kanton übergriff und zu einem Truppeneinsatz führte. Das Unternehmen Peter schloss sich 1904 und 1911 mit den Schokoladeproduzenten Kohler und Cailler zu einer Gruppe zusammen, die 1929 von Nestlé übernommen wurde. 1968 wurde in der Fabrik in O. eine Kaffeeproduktionsstätte des Nestlé-Konzerns Schweiz eingerichtet. Anlässlich der Trockenlegung der Sümpfe Ende des 19. Jh. entstanden die Strafanstalten in der Orbeebene (Bochuz), zu denen ein grosser Landwirtschaftsbetrieb gehört. Der Bau der Autobahnen A1 und A9 (1989) beschleunigte O.s Wirtschaftsentwicklung und seinen Wandel zur Wohngemeinde. Anfang des 21. Jh. bildete die Stadt ein Zentrum der Nahrungsmittelindustrie, das eng mit dem Centre de technologie de l'environnement (TecOrbe, 2006) zusammenarbeitete.


Literatur
– J. Ogiz, O. à travers les siècles, 1895, (Neudr. 2001)
– F. Barbey, «O. sous les sires de Montbéliard et de Chalon», in RHV 19, 1911, 136-142, 161-170, 193-203, 289-296, 321-330, 369-380
– L. Junod, O., 1955
HS V/1, 577-583
– L. Desponds, Fabrique d'O., 2001

Autorin/Autor: Fabienne Abetel-Béguelin / EM