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Moudon (Gemeinde)

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Polit. Gem. VD, Bez. Broye-Vully. Der Ortskern gliedert sich in eine Oberstadt auf einem Sporn beim Zusammenfluss von Mérine und Broye und einer Unterstadt, die sich flussabwärts entlang der Broye erstreckt. M. liegt am Schnittpunkt zweier hist. Wege, von denen der eine Italien mit dem Burgund, der andere Genf mit Bern verband. Die Gem. umfasst den nordöstl. Teil des Weilers Bressonnaz-Dessous, die Weiler Plan und Villaret sowie zahlreiche grosse, meist im MA entstandene Landgüter (u.a. Alliérens, Beauregard, Belflori, Chalabruz, Cornier, Frémont, La Baume, La Cerjaulaz, La Faye, Le Grand-Pré, Grange-Verney, Gréchon, Montsandon, Valacrêt). Die Weiler Rossenges und L'Abbaye wurden 1749 zur Gem. Rossenges zusammengelegt. Zur Römerzeit Minnodunum oder Minnidunum, um 1000, 1154 und 1180 Meldun, 1161 Moudon (volkssprachl. Form), 1167 Meldunum oder Mildunum, früher dt. Milden. Um 1300 ca. 300 Feuerstätten; 1550 239; 1764 1'475 Einw.; 1798 1'512; 1803 1'343; 1850 2'443; 1900 2'683; 1950 2'476; 2000 4'371.

Auf den kelt. Ursprung der Ansiedlung verweist deren auf -dunum endender Name. Zur Römerzeit war M. ein vicus von einer gewissen Bedeutung, wie eine Nekropole, Inschriften und ein Votivaltar aus der 1. Hälfte des 3. Jh. belegen. M. wird als Etappe im "Itinerarium Antonini" und in der "Tabula Peutingeriana" erwähnt. Die schon im Frühchristentum gebaute Pfarrkirche Saint-Etienne stand auf den Grundmauern eines heidn. Kultgebäudes in der Nähe der heutigen Kirche. Die Völkerwanderung zwang die Einwohner, sich auf den durch die Flüsse geschützten Sporn zurückzuziehen. Dort errichteten sie die neue Kirche Notre-Dame, die auch obere Kapelle genannt wurde und heute nicht mehr besteht.

1011 trat der Kg. von Burgund M. und die restl. Grafschaft Waadt an den Bf. von Lausanne ab. Dieser verfügte im Broyetal über eine relativ grosse Macht und nannte insbesondere das Schloss Lucens und das Dorf Curtilles ab dem 9. Jh. sein Eigen. Während der burgund. Erbfolgekriege griff Gf. Amadeus I. von Genf die Herrschaft des Bischofs an und beschnitt dessen Rechte, indem er in M. zwischen 1127 und 1132 ein castrum errichtete. Dieses castrum bildete den alten Kern der Oberstadt. Wahrscheinlich wurde es um 1190 von den Hzg. von Zähringen und um 1207 von Gf. Thomas von Savoyen erobert. Erstere bauten dort den grossen Burgturm. Im Vertrag von Burier (1219) anerkannte der Bischof wie vor ihm die Gf. von Genf M. als savoy. Besitz. Er blieb jedoch Lehensherr von M. Als Stützpunkt der savoy. Expansion im Waadtland erweiterte sich die Stadt im 13. Jh. rasch über ihren Kern hinaus. Es entstanden die Häusergruppen Vieux-Bourg (Anfang 13. Jh.), Rotto-Borgeau (heute unterer Teil der rue du Château), Plans-Borgeaux (vor 1258, heutige Grand-Rue), Bâtie (um 1281, heute rue Grenade und rue du Temple) und Mauborget (vor 1311). Die Kirche Saint-Etienne, die Ende des 13. und Anfang des 14. Jh. ihr heutiges Aussehen erhielt, zeugt von dieser Zeit des grossen Wachstums. Zu den beiden älteren Hospizen, dem vor 1228 errichteten Hospiz der Johanniter und dem zwischen 1231 und 1245 eröffneten Hospiz der Chorherren vom Gr. St. Bernhard, kam 1297 jenes der Jungfrau Maria hinzu, das von den Burgern verwaltet wurde. Die Burger bauten nach und nach eine Gemeindeverwaltung auf. 1357 wird erstmals ein Rat erwähnt, die ersten erhaltenen Gemeinderechnungen stammen von 1407. Nachdem Peter II. von Savoyen den Sitz der Vogtei Waadt um 1260 in M. errichtet hatte, wurde die Stadt zum Verwaltungs- und Gerichtszentrum. Hier trafen sich regelmässig die Waadtländer Landstände, weshalb M. manchmal auch als Hauptstadt bezeichnet wurde. Seine Freiheiten, deren erste bekannte Fassung von 1285 datiert, wurden von zahlreichen Waadtländer Städten übernommen.

Nachdem M. in den Burgunderkriegen zweimal geplündert worden war, kam die Stadt 1536 unter bern. Herrschaft. Sie verlor ihre Vorrechte, blieb aber Hauptort einer kleineren Landvogtei, deren Vogt seinen Sitz in Lucens hatte. Die Stadt wurde gezwungen, die Reformation anzunehmen. In der folgenden, 250 Jahre dauernden Friedenszeit vermochte sich die Gemeindeverwaltung zu stärken. Es bildeten sich der Rat der Zwölf und der Rat der Vierundzwanzig, welche die Gemeindevorsteher und den Bannerherrn wählten. Im 17. Jh. bauten sich die Besitzer der umliegenden Herrschaften, die eine wichtige Rolle in der Politik der Stadt spielten, in M. Patrizierhäuser. Im 18. Jh. errichtete das wohlhabende Bürgertum Bauten, die das Stadtbild heute noch prägen. M. lebte vom Baugewerbe, dem Transitverkehr und dem Handwerk, das die Bedürfnisse des tägl. Lebens deckte (Gerbereien, Mühlen, zahlreiche Herbergen).

Nach der Revolution von 1798 war M. bis 2006 Hauptort des gleichnamigen Bez., danach wurde es dem Bez. Broye-Vully zugeordnet. 1830-50 wurden die Stadttore abgerissen, breitere Strassen angelegt und ein neues Rathaus gebaut, um M. ein zeitgemässes städtebaul. Aussehen zu verleihen. 1876 erhielt M. Anschluss an die Broyetalbahn, 1902 an die Jorat-Strassenbahn und 1964 wurde eine Umfahrungsstrasse gebaut. Da der Verkehr am Ortskern vorbeiführte, verlor M. seine Funktion als Verkehrsknotenpunkt. Ab dem Ende des 19. Jh. wurde M. Sitz versch. Institutionen: 1869 einer Gehörlosenschule (seit 2004 Fondation Mérine), 1889 der Ecole cantonale de fromagerie et d'industrie laitière (2004 geschlossen), 1951 der kant. Landwirtschaftsschule, 1837 des kant. Zeughauses, 1912 des eidg. Zeughauses, 1981 des Waffenplatzes (2002 geschlossen) und 2000 des kant. Handelsregisteramts. 2000 gab es in der Gem. 23 Bauernbetriebe. M. war ein auf die Landwirtschaft ausgerichtetes Handelszentrum, besass aber auch andere wichtige Einrichtungen wie die Eisenwarenhandlungen Braillard (1820) und Bryois (1827), den Käsehandel Beutler (1899, ab 1974 Fromco SA), die Tuchfabrik Gebr. Meyer (ab Ende des 18. Jh.), eine Ersparniskasse (1822), einen Milchverband (1843) und einen Landwirtschaftsverband (1856). Im Talgrund siedelte sich Schwerindustrie an, so 1951 die Giesserei und mechan. Werkstätten Gisling SA, 1956 die Karton- und Papierfabrik Moudon SA (2004 übernommen von der Papirec SA, einer Firma der Recycling-Gruppe Barec) und 1968 die Schelling Emballages SA (heute Model Emballages SA). Das Wohngebiet dehnte sich nach 1900 ausserhalb des hist. Kerns aus. Am Stadtrand entstanden Einfamilienhäuser und Wohnblöcke und auf den umliegenden Hügeln wurden Villen gebaut. Der letzte Erweiterungsplan stammt von 1989 und stellt die Oberstadt, die seit 1945 als Kulturgut von nationaler Bedeutung eingestuft ist, und ihre Umgebung unter Schutz.


Literatur
– J.-F. Poudret, Coutumes et coutumiers 1, 1998
– J.-D. Morerod, Genèse d'une principauté épiscopale, 2000
Kdm VD 6, 2006

Autorin/Autor: Monique Fontannaz / CN