Anzeiger

A. sind Zeitungen (Presse), die überwiegend private, geschäftl. oder öffentl. Annoncen und Inserate enthalten. Als erster A. in der Schweiz kam ab 1729 in Basel ein wöchentl. "Avis-Blättlein" mit Anzeigen heraus. Es veröffentlichte Adressen für den Kauf und Verkauf von Waren und Dienstleistungen, Lebensmittelpreise und Postkurse, dann Todesfälle, Eheschliessungen und Geburten, schliessl. unter der Überschrift "Allerhand Nachrichten" Anzeigen von Lotterien und Reisemöglichkeiten. Das "Avis-Blättlein" änderte seinen Titel mehrmals und wurde 1856 von den Basler Nachrichten abgelöst, die nun als Tageszeitung auch polit. Informationen enthielten.

Ein weiterer A. erschien 1730 unter dem Titel "Donnstags-Nachrichten von Zürich". Nach zahlreichen Titeländerungen fusionierte er 1843 mit dem seit 1837 erscheinenden "Tagblatt der Stadt Zürich". In der Westschweiz kamen einige Jahre später die ersten "Feuilles d'avis" heraus: 1738 in Neuenburg, 1762 in Lausanne, 1775 in Yverdon, 1783 in Genf. Das Avisblatt von Lausanne ("Annonces et avis divers", Vingt-quatre Heures) beschränkte sich in der Anfangszeit auf Anzeigen, andere veröffentlichten daneben auch Kurznachrichten aus dem Ausland. Weit über die Kantonsgrenzen hinaus bekannt wurde der "Allg. Schweiz. Anzeiger" in Zürich, der ab 1863 wöchentl. erschien, aber bereits 1865 wegen der grossen Konkurrenz lokaler Blätter wieder einging. Zwei Drittel seines Inhalts waren mit Inseraten versehen, und die Zeitung galt als eines der ersten Handelsblätter der Schweiz, mit Artikeln über Zoll- und Handelsverträge, Kapitalmarkt, Bank- und Eisenbahnwesen. Versch. Gem., Kt. und auch der Bund ("Bundesblatt") schufen A., Amts- oder Tagblätter für amtl. und private Bekanntmachungen, denen z.T. Zusammenfassungen in- und ausländ. Ereignisse beigefügt waren.

In den 1860er Jahren erschien ein neuer Zeitungstyp, der die traditionelle Zeitungslandschaft veränderte und einen raschen Aufschwung nahm: der Generalanzeiger. Er kam zuerst in Deutschland auf, dann in der Schweiz, wo er als Nachrichtenblatt oder Informationszeitung bekannt wurde, im Gegensatz zum damals verbreiteten Meinungsblatt oder der polit. Zeitung. Der Generalanzeiger war eine polit. unabh., inhaltl. etwas farblose Lokal- oder Regionalzeitung, die den redaktionellen Teil mit Alltagsinformation aus dem Verbreitungsgebiet besonders pflegte und sich an ein allg. Publikum richtete, um einen möglichst grossen Abonnentenkreis und damit Inserenten für Geschäfts- und Kleinanzeigen zu gewinnen.

In der Deutschschweiz erschien als erste grössere Zeitung dieses Typs ab 1893 der vom dt. Verleger Wilhelm Girardet gegr. "Tages-Anzeiger für Stadt und Kt. Zürich" (Tages-Anzeiger), der in wenigen Jahren an Auflagestärke alle polit. Zeitungen des Landes übertraf. Die Absicht des Herausgebers war, eine polit. neutrale Zeitung mit objektiver Berichterstattung zu schaffen, welche eine Lücke in der stadtzürcher. polit. Presselandschaft ausfüllte. 1897 folgte ein zweiter Generalanzeiger, der "Luzerner Tages-Anzeiger" (Luzerner Neuste Nachrichten). In der Westschweiz war ein ähnl. Zeitungstyp schon 1879 erschienen, die vom Amerikaner James Bates gegr. Tribune de Genève. Es folgten 1893 "La Tribune de Lausanne" (Le Matin) und 1898 in Genf La Suisse. Die drei Westschweizer Zeitungen mit ihrem Boulevardcharakter waren vorwiegend Strassenverkaufsblätter, während die Deutschschweizer Generalanzeiger von Anfang an zum grössten Teil im Abonnement abgesetzt wurden. Neben den zahlreichen polit. Meinungsblättern blieben die Vertreter des Generalanzeigertyps selten, obwohl sie mit ihren rasch steigenden Verkaufsauflagen bald zu den grössten Zeitungen des Landes gehörten.

In jüngster Vergangenheit sind in allen Gebieten der Schweiz (meist wöchentl. erscheinende) Gratis-A. mit reduziertem Textteil aufgekommen, die mit Auflagen von z.T. mehr als 200'000 Exemplaren oft einträgl. sind, v.a. auf der Inseratenebene aber auch eine Gefährdung für die abonnierte Informationspresse darstellen. Einige grössere A. werden angesichts der zunehmenden Konkurrenz auch von Tageszeitungs-Verlagen herausgegeben. Zahlreiche A. haben sich 1990 zum Verband Schweiz. Gratiszeitungen zusammengeschlossen. 2005 wurden in der Schweiz rund 350 Gratis-A. mit einer Gesamtauflage von über 8 Mio. Exemplaren und einem Werbeumsatz von ca. 300 Mio. Fr. gezählt.


Literatur
– Blaser, Bibl.
Deux cents ans de vie et d'histoire vaudoises: La Feuille d'Avis de Lausanne, 1762-1962, 1962
– WEMF AG für Werbemedienforschung (div. Publ. seit 1964)
Veröff. der Schweiz. Kartellkomm. 7, H. 3/4, 1972
Presserecht, Presseförderung, 1975
Dictionnaire des journaux, 1600-1789, 2 Bde., hg. von J. Sgard, 1991

Autorin/Autor: Ernst Bollinger