• <b>Militärunternehmer</b><br>Der Lochmann-Saal aus dem Haus Zum Langen Stadelhof, der abgebaut und im Schweizerischen Landesmuseum in Zürich 1897 vollständig wiederaufgebaut wurde. Fotografie, 1970 (Schweizerisches Nationalmuseum). Heinrich Lochmann aus Zürich, Oberst in französischen Diensten, liess um 1600 in seinem Landhaus im Stadelhofen einen prunkvollen Barocksaal einrichten und diesen mit 54 Porträts von französischen Königen, Adligen und Heerführern ausstatten. Oberst Lochmann erhielt 1654 von König Ludwig XIV. für sich und seine Nachkommen den Adelstitel.

Militärunternehmer

Der M. nahm in der Kriegsverfassung vom HochMA bis zum Ende des 18. Jh. eine zentrale organisator. Funktion wahr. Als privater Unternehmer bot er den Herrschaftsträgern, Kriegsherren genannt, Truppen gegen Bezahlung an. Der Vertrag, in dem die Leistungen vereinbart wurden, hiess Privat- oder Standeskapitulation, je nach dem, ob der M. diesen eigenhändig oder durch seine heimatl. Obrigkeit vertreten abschloss. Zwei Ausprägungen des Militärunternehmertums sind bekannt: Bis etwa 1550 hoben die Anführer - wie die ital. Condottieri - ein Heer auf eigenes Risiko aus und vermieteten dieses dem Meistbietenden; bereits ab 1450 bildeten M. ihre Einheit auch im Auftrag des Kriegsherrn. Die letztere Geschäftsform war die in der damaligen Eidgenossenschaft übliche. Nach beiden Modellen blieb der M. Eigentümer seines Verbandes, über den er nach Belieben verfügte.

Vom 13. Jh. an deckte das Lehensaufgebot den Bedarf an Kriegstruppen nicht mehr und professionelle Söldnerheere wurden immer gefragter (Reisläufer). Bereits vor, v.a. aber nach den Burgunderkriegen brachte der gute Ruf der eidg. Krieger den Schweizer M.n Werbeaufträge zahlreicher europ. Herrscher ein (Fremde Dienste). Da die M. bis zur Einführung der stehenden Heere um 1650 auch Kreditoren ihrer Auftraggeber waren, den Schweizern aber die Beziehungen zu den Kapitalgebern fehlten, stiegen sie nicht zu Grossunternehmern auf. Mehr als vier Kompanien besass keiner gleichzeitig.

Nach 1650 veränderte sich das Solddienstgeschäft. Bewaffnung und Kleidung wurden vom Kriegsherrn bestimmt und die neuen Kriegstechniken verlangten Ausbildungsdrill und konsequenten Dienstbetrieb (Kriegführung). Die Auftraggeber bevorschussten nun die Werbungen der M. und griffen öfter reglementierend und gewinnmindernd in die innere Struktur der eidg. Standesregimenter ein. Gegen Ende des 18. Jh. waren die meisten Eigentümerkompanien überschuldet oder verpfändet, so dass ihre Verstaatlichung von den M.n auch als Befreiung empfunden wurde.

Autorin/Autor: Hermann Romer

1 - Militärischer Führer als Unternehmer

Das Berufsbild des M.s ist geprägt durch die Doppelrolle als Unternehmer und Offizier. Er warb die Rekruten, organisierte den Geschäftsbetrieb der Einheit und führte sie auf dem Kriegszug. Der Inhaber der Kompanie war vom 17. Jh. an aber nicht mehr immer auch deren Eigentümer, sondern oft nur Pächter, d.h. Subunternehmer. Als im 18. Jh. die Kosten der Truppen stiegen, schlossen sich mehrere M. zu Miteigentümern einer Einheit zusammen. Der bescheidene Wohlstand in der Schweiz definierte nun die Halbkompanie zur Regelform des militär. Unternehmens. Bereits im 16. Jh. betreuten professionelle Agenten, meist Subunternehmer des M.s, die Werbung der Kompanien. Oft waren es Familienangehörige des Hauptmanns, deren Verhandlungsgeschick und Umgang mit den Dienstwilligen zum wirtschaftl. Erfolg des M.s beitrugen. Üble Werbetricks der Agenten halfen nach, wo die Kontingente allein mit Überredungskunst nicht mehr zu füllen waren. Die Investitionen in das Kriegsgeschäft konnten sehr rentabel sein, allerdings war das Verlustrisiko entsprechend hoch. Schweizer M. neigten eher zu grossen Sicherheiten und kleinen Gewinnen. Nur etwa 10% suchten die riskanten Gewinne in nicht avouierten, d.h. von den Obrigkeiten nicht bewilligten Kompanien. Üblicherweise wandelten die M. ihre Privatkapitulation mit dem Kriegsherrn so bald als möglich mittels Avouierung in eine Standeskapitulation des Heimatortes um, die ihnen neben dem Werbeprivileg auch Rechtsschutz bei Vertragsbrüchen des Kriegsherrn bot. Die Voraussetzungen der Avouierung waren Land- oder Bürgerrecht und Immobilienbesitz im Ort.

<b>Militärunternehmer</b><br>Der Lochmann-Saal aus dem Haus Zum Langen Stadelhof, der abgebaut und im Schweizerischen Landesmuseum in Zürich 1897 vollständig wiederaufgebaut wurde. Fotografie, 1970 (Schweizerisches Nationalmuseum).<BR/>Heinrich Lochmann aus Zürich, Oberst in französischen Diensten, liess um 1600 in seinem Landhaus im Stadelhofen einen prunkvollen Barocksaal einrichten und diesen mit 54 Porträts von französischen Königen, Adligen und Heerführern ausstatten. Oberst Lochmann erhielt 1654 von König Ludwig XIV. für sich und seine Nachkommen den Adelstitel.<BR/><BR/>
Der Lochmann-Saal aus dem Haus Zum Langen Stadelhof, der abgebaut und im Schweizerischen Landesmuseum in Zürich 1897 vollständig wiederaufgebaut wurde. Fotografie, 1970 (Schweizerisches Nationalmuseum).
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Die Einnahmen des M.s setzten sich aus der Soldpauschale auf dem effektiven Mannschaftsbestand, aus Gratifikationen, Schlachtensold, Zinsen für Vorschüsse, Einkünften aus dem Marketendergeschäft und aus der Kriegsbeute zusammen. Der Mannschaftssold dominierte die Ausgabenseite, daneben mussten Werbeunkosten und Verluste aus Währungsdifferenzen gedeckt werden. Auch Bestechungsgelder, Zinsen auf Darlehen und Quartierkosten belasteten den Kompanie-Etat. Die grössten Geschäftsrisiken stellten nicht krieger. Einsätze, sondern Desertionen, Seuchen und Vertragsbrüche des Kriegsherrn dar. Der Gewinn des Hauptmanns betrug bis 1650 ein Mehrfaches seiner Investitionen, um 1700 belief er sich auf 18% und um 1750 nur noch auf 12% seiner Investitionen. Gegen Ende des 18. Jh. arbeitete der M. meist defizitär.

Autorin/Autor: Hermann Romer

2 - Soziale Herkunft und Karrieren

Noch um 1500 stand das Militärgeschäft allen risikobereiten Glücksrittern offen, wobei Adelige über die besten Startbedingungen verfügten, rekrutierten sie doch aus der eigenen Gefolgschaft. Mit der Abschliessung des Patriziats verringerten sich für bürgerl. Aufsteiger die Möglichkeiten einer militär. Karriere. Die Kompanien in den Standesregimentern blieben den regierenden Geschlechtern vorbehalten. Das geteilte Eigentum an den Kompanien öffnete auch ärmeren Patriziern den militär. Aufstieg, da die Übernahme eines Regiments den Kompanieeigentümern vorbehalten war. Im 16. und 17. Jh. verliefen der wirtschaftl., der militär. und der polit. Aufstieg der M. meist parallel. Ihre Kenntnisse eigneten sie sich in der Praxis an. Die Laufbahn begann auch für den Schweizer M. als Höfling an einem Fürstenhof. Später trat er als Kadett in die Familienkompanie ein, übernahm die Werbung für diese und hatte mit etwa 35 Jahren genügend Erfahrungen gesammelt, um die Kompanie unternehmerisch und taktisch zu führen. Der Trend zum Familienunternehmen setzte schon im 16. Jh. ein. Das gesamte Unternehmen wurde von Generation zu Generation vererbt und trug nicht wenig zur Abschliessung der eidg. Oberschichten bei. Die meisten Fam. stellten ab dem 17. Jh. Hauptleute aus Tradition. Damit wurde der Fremdendienst zur Karriereplattform für die Rats- und Ämterlaufbahn in der Heimat. Alternde Kompanieinhaber liessen zwar ihre Kompanien durch jüngere Subunternehmer führen, blieben aber deren Eigentümer, während sie zu Hause die eigene polit. Karriere betrieben.

Autorin/Autor: Hermann Romer

3 - Staatliche Kontrolle des Kriegsunternehmertums und dessen Niedergang

Ein signifikantes Merkmal der eidg. Kriegspolitik ab 1500 war das Auftreten der Obrigkeiten als Solddienstanbieter auf dem europ. Markt. Damit konkurrierten sie die privaten M., lösten aber auch einen obrigkeitl. Kontrolldruck auf das Geschäft aus. Mittels Standeskapitulationen und Werbepatenten versuchten sie, die Aktivitäten der M. mit ihren Absichten im Kriegsgeschäft in Übereinstimmung zu bringen. Das herrschaftl. Interesse hinter der Kontrolle richtete sich auf die Erhaltung der Kompaniepfründen für die Ratsfamilien, die Vermeidung aussenpolit. Verwicklungen und die Sicherung der wirtschaftspolitisch lukrativen Pensionen. Mit Mandaten wollten die Regierungen v.a. nicht bewilligte Werbungen verhindern, aber erst im 18. Jh. kontrollierten Werbe- oder Rekrutenkammern die effektive Einhaltung derselben. Die Werbekammern waren auch mit Gerichtsaufgaben betraut, etwa bei Besoldungs- und Beförderungskonflikten. Bis dahin hatten die Landvögte meist willkürlich die Einhaltung der Werbepatente und Reislaufverbote kontrolliert.

Neue Kriegstechniken verlangten nach Senkung der Kompanie-Sollbestände und moderne Waffen nach Exerzierdrill. Ersteres schränkte die Gewinne des M.s massiv ein und Letzteres schreckte Werbewillige ab, was zu Steigerungen bei den Werbekosten führte. Nicht zuletzt sinkende Monatssolde im Kriegsdienst und steigende Löhne in der Verlagsindustrie trockneten den Söldnermarkt in den protoindustrialisierten Regionen im 18. Jh. aus. Die Reihen füllten vermehrt deportierte Sträflinge und kriegsuntaugl. Soldaten, weshalb das Vertrauen der Kriegsherren in die Eigentümerkompanien schwand. Endgültig überlebt hatte sich die Institution des M.s, als nach der Franz. Revolution und den Napoleon. Kriegen immer mehr Staaten die Söldner- durch Wehrpflichtheere ersetzten.

Autorin/Autor: Hermann Romer

Quellen und Literatur

Literatur
– H. Suter, Innerschweiz. Militär-Unternehmertum im 18. Jh., 1971
– H. Steffen, Die Kompanien Kaspar Jodok Stockalpers, 1975
– W. Bührer, Der Zürcher Solddienst des 18. Jh., 1977
– W. Pfister, Aargauer in fremden Kriegsdiensten, 2 Bde., 1980-84
– G. de Meuron, Le régiment Meuron 1781-1816, 1982
– V. Ruckstuhl, Aufbruch wider die Türken, 1991
– H. Romer, Herrschaft, Reislauf und Verbotspolitik, 1995
– B. Koch, «Kronenfresser und dt. Franzosen», in SZG 46, 1996, 151-184
Gente ferocissima, hg. von N. Furrer et al., 1997
– J. Steinauer, Patriciens, fromagers, mercenaires, 2000
Schweizer in "Fremden Diensten", hg. von H.R. Fuhrer, R.-P. Eyer, 2005

Autorin/Autor: Hermann Romer