06/10/2011 | Rückmeldung | PDF | drucken

Atomwaffen

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Bereits vor und während des 2. Weltkriegs beschäftigten sich schweiz. Atomphysiker wie Paul Scherrer mit der militär. und zivilen Nutzung der Atomenergie. Am 3.9.1945 befasste sich die Landesverteidigungskomm. (LVK) und am 5.11.1945 eine vom Eidg. Militärdep. (EMD, heute VBS) einberufene Konferenz erstmals mit der Atombewaffnung. 1946 setzte der Bundesrat auf Initiative des EMD eine "Studienkomm. für Atomenergie" ein, welche auch die Möglichkeit schweiz. A. zu untersuchen hatte. 1953-55 beschaffte der Bund unter grösster Geheimhaltung in einem Dreiecksgeschäft mit Belgien und Grossbritannien vorsorgl. 10 t Uran, davon über 5 t als militär. Kriegsreserve. Die atomare Bewaffnung der Grossmächte und A.-Pläne neutraler Staaten wie Schweden führten ab 1954 zu einer Debatte in Offizierskreisen über eine atomare Ausrüstung der Schweiz. 1957 verlangte die Schweiz. Offiziersges. A. für die Armee.

1958 bejahte der Bundesrat unter dem Eindruck der sowjet. Bedrohung die atomare Bewaffnung der Schweiz und beauftragte das EMD mit weiteren Abklärungen. Sofort formierte sich in der Öffentlichkeit Widerstand. 1959 reichten Pazifisten und Religiös-Soziale eine Volksinitiative für ein Verbot von A. ein (Antiatombewegung). Die in der A.-Frage gespaltene SPS -- Parteipräs. Walter Bringolf befürwortete A. -- reichte eine zweite Initiative nach, die ein Mitspracherecht des Volkes bei der Beschaffung von A. forderte. Nach einer heftigen öffentl. Debatte lehnten Volk und Stände am 1.4.1962 und 26.5.1963 beide Initiativen im Verhältnis von 2:1 ab. Gestärkt durch diese Ergebnisse setzte das EMD eine Studiengruppe ein, um Kauf oder Eigenentwicklung von takt. A. zu studieren.

Nach 1963 veränderte sich aber das Umfeld für eine schweiz. Atombewaffnung grundlegend. 1963 unterzeichnete die Schweiz das partielle Atomteststoppabkommen; die Verhandlungen um einen Atomsperrvertrag verliefen erfolgversprechend. Der Bundesrat gab ab der Mitte der 1960er Jahre der Nichtverbreitung von A. und der konventionellen Bewaffnung der Armee einen höheren sicherheitspolit. Stellenwert als der Beschaffung von eigenen A. Zudem wurden Zweifel an der militär. Wirksamkeit von takt. A. laut. Nachdem sich die militär. Diskussion bis Mitte der 1960er Jahre vorwiegend auf takt.-techn. Ebene bewegt hatte, führten sie nun Publizisten wie Gustav Däniker auf die polit.-operative Ebene. 1969 unterzeichnete die Schweiz den Atomsperrvertrag (erst 1976 nach Widerständen im Ständerat genehmigt). Der Bundesrat hielt sich aber die nukleare Option offen für den Fall, dass der Atomsperrvertrag scheitern sollte. Das techn. Wissen des "atomaren Schwellenlandes" Schweiz hatte ab 1969 der "Arbeitsausschuss für Atomfragen" (AAA) der Generalstabsabt. sicherzustellen. Nachdem im "Bericht über die militär. Landesverteidigung" 1966 die atomare Bewaffnung noch als Option genannt wurde (Landesverteidigung), erwähnte sie der "Bericht des Bundesrates über die Sicherheitspolitik der Schweiz" 1973 nicht mehr (Sicherheitspolitik). Der AAA begann die Atomwaffenfrage unter "passiven" Aspekten (Wirkung von A., Schutzmöglichkeiten) zu studieren. In den 1980er Jahren wurden die letzten Reste der schweiz. A.-Pläne liquidiert: Der Bundesrat hob 1981 die Geheimhaltung für die Uranreserven auf, die der zivilen Nutzung zugeführt wurden, und löste 1988 den AAA auf. 1995 stimmte die Schweiz der unbefristeten Verlängerung des Atomsperrvertrags, der ein vollst. Verbot der A.-Versuche und ein effizientes Überprüfungssystem vorsieht, und 1996 dem umfassenden Atomteststoppabkommen zu.


Literatur
– G. Däniker, Strategie des Kleinstaats, 1966
– G. Schwab, The Swiss Atomic Debate and its Implications, 1968
– N. Michel, La prolifération nucléaire, 1990, 42-68
– P. Hug, «La genèse de la technologie nucléaire en Suisse», in Relations internationales, Nr. 68, 1991, 325-344
– D. Metzler Die Option einer Nuklearbewaffnung für die Schweizer Armee, Liz. Basel, 1995
– J. Stüssi-Lauterburg, Hist. Abriss zur Frage einer Schweizer Nuklearbewaffnung, Ms., 1995
– R. von Falkenstein, Vom Giftgas zur Atombombe, 1997

Autorin/Autor: Marco Jorio