• <b>Seen</b><br>"Die Bäder, Seen und Berge der Schweiz". Buchdeckel einer zweisprachigen, französisch-englischen Publikation, veröffentlicht von der Schweizerischen Verkehrszentrale in Basel, 1923 (Schweizerische Nationalbibliothek). Ansichten von Schweizer Seen fanden oft für touristische Plakate oder Prospekte Verwendung. Sie dienten der Darstellung von Badefreuden und sportlicher Betätigung am Wasser oder romantischen Träumereien.

Seen

In der Schweiz gibt es rund 1'480 S. Die meisten von ihnen liegen im Alpenraum, knapp über hundert im Mittelland und vierzehn im Jura. Ihre Grösse reicht von weniger als 10 ha (10% aller Schweizer S.) bis zu einer Fläche von über 570 km2 (Genfersee).

1 - Entstehung und Veränderungen

Aufgrund ihrer Entstehung werden drei Arten von S. unterschieden: Die tekton. S. gehen auf Faltungen, Einbrüche, Verschiebungen und Bergstürze zurück. Glaziale S. haben sich durch Erosion bzw. Auskolkung durch Gletscher und Gletscherbäche sowie durch Eindämmung durch Seiten- und Stirnmoränen gebildet. Schliesslich gibt es noch jene S., die von Menschenhand angelegt wurden. Die Seenlandschaft verändert sich seit der Eiszeit ständig. Durch die Schwemmarbeit der Flüsse und Bäche wurden Wasserflächen zerteilt, verkleinert oder gänzlich beseitigt. So bestand in postglazialer Zeit ein zusammenhängender See zwischen Orbe und Solothurn, der heute nur noch in Teilen als Neuenburgersee, Bielersee und Murtensee existiert. Andere S. wie der Tuggenersee zwischen dem Zürichsee und dem Walensee wurden ganz ausgefüllt. Hingegen haben natürl. und anthropogene Ursachen auch neue S. geschaffen, z.B. den 1749 durch einen Bergsturz entstandenen See von Derborence oder die zahlreichen, v.a. im 20. Jh. angelegten Stauseen (Stauwerke).

Autorin/Autor: Hans Stadler

2 - Frühe Besiedlung

In prähist. Zeit waren vorab die Seeufer bereits besiedelt (Ufersiedlungen). Gründe hierfür waren u.a. die günstigen Verkehrsverbindungen per Boot (Wasserwege), der Fischreichtum der Gewässer (Fischerei) und die Möglichkeit, an den Ufern relativ leicht Ackerböden zu gewinnen. Nomadisierende Fischer hinterliessen in der Mittelsteinzeit (ca. 9'000-5'500 v. Chr.) ihre Siedlungsspuren nicht nur an den Mittelland- und Alpenrandseen, sondern auch an den S. des Alpenraums (z.B. Sarnersee, Lungernsee). In der Jungsteinzeit (ca. 6'500-2'200 v. Chr.) entwickelte sich entlang der S. ein reiches kulturelles Leben. Ufernahe Dörfer mit ebenerdigen Bauten entstanden. Die Besiedlung war dort am dichtesten, wo sich die stark frequentierten Verkehrswege befanden (z.B. am Bielersee).

In der röm. Epoche lagen viele Städte und Kolonien an S., so Genf, Nyon, Zürich oder Bregenz. Der Genfer- und der Bodensee sind auf der Tabula Peutingeriana als Orientierungspunkte eingetragen. Der Schiffsverkehr war kostengünstig und daher verbreitet.

Autorin/Autor: Hans Stadler

3 - Hoheitsrechte

Die Hoheitsrechte über die S., ursprünglich Regalien, gehörten im HochMA als Reichslehen oder gräfl. Recht weltl. oder kirchl. Herrschaften. Einige bedeutendere S. im polit. Kräftefeld der eidg. Orte gelangten im SpätMA unter deren Hoheit oder wurden einer gemeinen Herrschaft angegliedert, z.B. der Nordzipfel des Langensees, der 1513 zur gemeinen Herrschaft Locarno kam. S. mit mehreren Anrainerkantonen bzw. -staaten konnten einen trennenden Einfluss ausüben, so der Bodensee für die Grenzbildung zwischen der Schweiz und Deutschland ab dem 16. Jh. oder der Genfersee im Wirtschaftskrieg des 17. und 18. Jh. zwischen Genf und Savoyen. Die verbindende Wirkung der S. war jedoch ausgeprägter. So waren die Orte um den Vierwaldstättersee kirchlich spätestens ab dem 12. Jh. im Vierwaldstätterkapitel zusammengefasst und ab 1291 bzw. 1332 auch politisch verbündet.

Autorin/Autor: Hans Stadler

4 - Fischerei, Rebbau und weitere Urproduktion

Die Fischereirechte (Fischenzen) waren Teil der Seehoheit. Die Fischerei wurde vom Hoheitsträger den Fischern als Lehen übertragen. Daneben bestanden genossenschaftl.-allmendrechtl. Formen der Fischerei, etwa auf dem Bielersee, dem Baldeggersee, dem Hallwilersee und dem Vierwaldstättersee. Die Fischer besassen weitgehende Selbstständigkeit und Selbstkontrolle und verfügten über eine eigene, überregionale Organisation, den vor 1397 entstandenen Fischermaien. An einigen S., z.B. am Greifensee, waren die Fischenzen Privateigentum. Ab dem 16. Jh. verstärkten die Obrigkeiten ihren Einfluss. Die Vorschriften über Fanggeräte, Schonzeiten und Fangmengen nahmen zu.

Die südexponierten Hänge an den grossen Seebecken begünstigten den Rebbau. Weinberge an Seeufern wurden vermutlich schon in der Römerzeit eingeführt (z.B. am Genfersee) und prägen bis heute vielerorts das Landschaftsbild.

An den Mündungsdeltas der Zuflüsse wird seit dem 19. Jh. Sand und Kies abgebaut (z.B. im Kanderdelta). Auf den im Winter meist zugefrorenen Kleinseen wie dem Seelisberger-, dem Lauerzer-, dem Klöntalersee oder dem Lac de Joux wurde Eis gewonnen, bis dieses Gewerbe um 1950 überflüssig wurde.

Autorin/Autor: Hans Stadler

5 - Verkehr

Die S. dienten stets als Verkehrswege und bildeten mit den Flüssen und Kanälen (z.B. dem Entreroches-Kanal) ein Wasserwegnetz, das bis zum Ausbau der Strassen im 19. Jh. neben dem Landweg bedeutungsvoll war. Von der röm. Antike an wurde es auch für den Transitverkehr von Norden nach Süden genutzt, so der Zürich- und der Walensee für den Verkehr in Richtung der Bündner Pässe. Die Regelung der Schifffahrt oblag den Hoheitsträgern, etwa den adeligen Landesherren oder den eidg. Orten. Gegen den Willen der zünftig organisierten Schiffergesellschaften eroberte das Dampfschiff im 19. Jh. die S.; 1823 verkehrte ein solches erstmals auf dem Genfersee. Der Ausbau der Strassen und v.a. der Bau der Eisenbahnen entzogen dem Schiffsverkehr einen Grossteil der Güter und Passagiere. Die Schifffahrt ist jedoch bis in die Gegenwart für den Tourismus von Bedeutung.

Autorin/Autor: Hans Stadler

6 - Siedlungsentwicklung

Die vielfältigen Vorteile und Funktionen der S. förderten die fortschreitende Besiedlung der Uferregionen. Es entstanden Fischer-, Winzer- und Hafenorte, an verkehrsgünstiger Lage auch Susten und Zollstätten sowie Marktorte. Diese Entwicklung, deren Anfänge in die Frühgeschichte zurückreichen, intensivierte sich mit dem Aufkommen der Städte im HochMA. Genf, Luzern und Zürich entfalteten sich zu bedeutenden Seekopfstädten mit zentralörtl. Aufgaben für die gesamte Region. Die Siedlungsverdichtung an den S. hält bis in die Gegenwart an. Mit Landschaftsschutzplänen wird seit der 2. Hälfte des 20. Jh. versucht, den Siedlungsdruck zu kanalisieren und die Seeufer vor Überbauungen zu schützen und z.T. wieder öffentlich zugänglich zu machen.

Autorin/Autor: Hans Stadler

7 - Wasserbau, Trinkwasser, Gewässerschutz

Zur Verhinderung von Seespiegelschwankungen und zur Gewinnung von zusätzl. Kulturland wurden vom ausgehenden 16. Jh. an Seeregulierungen und -absenkungen vorgenommen, z.B. im 16. Jh. am Zugersee, 1836 am Lungernsee und 1950 am Zürichsee. Bei Fliessgewässern führten Gewässerkorrektionen ebenfalls zu Seespiegelabsenkungen. So sank der Spiegel des Murtensees nach der 1. Juragewässerkorrektion um 3,3 m.

Die dicht besiedelten Regionen an Genfer-, Zürich- und Bodensee beziehen einen beachtl. Teil ihres Trinkwassers aus den S. Durch die Abwässer wurden die S. verschmutzt und leiden seit der Mitte des 20. Jh. teilweise an Eutrophierung. Kläranlagen sowie Sauerstoffzufuhr und Zwangszirkulation in kleineren S. verbesserten die Situation. Der Gewässerschutz wird regional koordiniert und ist auf Konkordate bzw. internat. Übereinkommen abgestützt, z.B. 1960 am Bodensee und 1962 am Genfersee. Er förderte den regionalen Zusammenhalt und führte zur institutionalisierten Zusammenarbeit, etwa 1987 im Conseil du Léman und 1994 in der Bodenseekonferenz. Forschungs- und Beratungsaufgaben übernimmt die Eidg. Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz in Dübendorf, die 1936 an der ETH Zürich gegründet wurde. Sie ist seit 1960 mit dem 1916 gegr. Forschungszentrum für Limnologie in Kastanienbaum (Gem. Horw) zusammengeschlossen.

Autorin/Autor: Hans Stadler

8 - Kulturgeschichtliche Aspekte

Bis in die frühe Neuzeit wurden hauptsächlich die funktionalen Aspekte der S. wahrgenommen. Bauten mit Seeanstoss entstanden fast ausschliesslich für das Seegewerbe (Fischerei, Schifffahrt) oder dienten der Befestigung (z.B. Schloss Chillon). Herrschaftl. Villen und Schlösser errichtete man in respektvoller Distanz zum Wasser. Eine Ausnahme bildeten die sog. Weiherhäuser mit Seeanstoss. Diese repräsentativen Wohnbauten, die von einem Wassergraben umgeben sind, entstanden v.a. im 16. und 17. Jh.

Mit der Aufklärung und dem im 19. Jh. aufkommenden Tourismus wurden die S. als Naturideal und Erholungsgebiet entdeckt. An den Seeufern entstanden Hotelbauten mit breiten Quaianlagen, z.B. in Lugano, Genf, Luzern und Brunnen. In Seenähe wurden zusätzl. Nobelquartiere errichtet (etwa Ouchy in Lausanne). Der seit dem 16. Jh. überlieferte Wassersport - namentlich Schwimmen - entwickelte sich im 20. Jh. zum Breitensport. Auch Segeln, Bootssport und Surfen nahmen an Beliebtheit zu.

Der Wandel in der Wahrnehmung der S. widerspiegelte sich in der Kunst und Literatur. Landschaftsmaler und v.a. Grafiker schufen ab dem ausgehenden 18. Jh. Darstellungen von Seenlandschaften und ihren Sehenswürdigkeiten, die bei den Touristen Absatz fanden. Seit Friedrich Gottlieb Klopstocks "Ode an den Zürichsee" (1750) und Jean-Jacques Rousseaus "Julie ou la Nouvelle Héloïse" (1761) sind die S. auch Thema der schöngeistigen Literatur. Kulturelle Vereinigungen beschäftigen sich mit den Seeregionen, wie der 1868 gegr. Bodenseegeschichtsverein, der Forschungen zur Naturkunde und Geschichte aller drei Anrainerländer betreibt.

<b>Seen</b><br>"Die Bäder, Seen und Berge der Schweiz". Buchdeckel einer zweisprachigen, französisch-englischen Publikation, veröffentlicht von der Schweizerischen Verkehrszentrale in Basel, 1923 (Schweizerische Nationalbibliothek).<BR/>Ansichten von Schweizer Seen fanden oft für touristische Plakate oder Prospekte Verwendung. Sie dienten der Darstellung von Badefreuden und sportlicher Betätigung am Wasser oder romantischen Träumereien.<BR/><BR/>
"Die Bäder, Seen und Berge der Schweiz". Buchdeckel einer zweisprachigen, französisch-englischen Publikation, veröffentlicht von der Schweizerischen Verkehrszentrale in Basel, 1923 (Schweizerische Nationalbibliothek).
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Autorin/Autor: Hans Stadler

Quellen und Literatur

Literatur
– F.K. Mathys, Wassersport, Ausstellungskat. Basel, 1975
– E. Egli, S. der Schweiz in Landschaft und Kultur, 1979
– A.-M. Dubler, Handwerk, Gewerbe und Zunft in Stadt und Landschaft Luzern, 1982, v.a. 95-97
Der Vierwaldstättersee und die S. der Zentralschweiz, hg. von P. Stadelmann, 1984, (mit Bibl.)
Segeln in der Schweiz, 1989
– K. Aerni, «Zusammenhänge zwischen Verkehrs- und Siedlungsentwicklung in der Schweiz seit dem MA», in Geographica Helvetica 46, 1991, 71-78
– H. Finke, W. Vogel, Dem See nah sein, 1991
– N. Schnitter, Die Gesch. des Wasserbaus in der Schweiz, 1992
– H. Kläui, S. im MA, 1993

Autorin/Autor: Hans Stadler