• <b>Umwelt</b><br>"2 x Ja am 17. Mai: Retten wir unsere Gewässer". Tessiner Plakat für die Doppelabstimmung vom 17. Mai 1992 über den Gewässerschutz (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste). Zur Abstimmung gelangten die 1984 eingereichte Volksinitiative zur Rettung unserer Gewässer und das Bundesgesetz vom 24. Januar 1991 über den Schutz der Gewässer, gegen welches das Referendum ergriffen worden war. Das Gesetz wurde angenommen, die Initiative abgelehnt.

Umwelt

Obwohl der Begriff U. seit langem verwendet wird, hat er seine heutige Bedeutung (Gesamtheit aller Umweltmedien, die in komplexer Wechselwirkung die Lebensbedingungen von Mensch und Gesellschaft gestalten) erst in den 1970er Jahren erhalten. Als Eckdatum der Neuorientierung kann das Jahr 1971 gelten, in welchem der Umweltartikel (Art. 24septies aBV, Art. 74 BV) in die Bundesverfassung aufgenommen und das Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal; seit 2006 Bundesamt für Umwelt, Bafu) geschaffen wurden. Ungeachtet dieses späten Wandels der Wahrnehmung war die U. unter langfristiger Perspektive ein wichtiger Faktor in der Geschichte des Menschen und in seinen Beziehungen zur Mitwelt.

1 - Umweltwahrnehmung

Der Bezug Mensch-U. wurde früher meist aus wirtschaftl. Perspektive wahrgenommen. U. umfasste zunächst einmal die Gesamtheit der Ressourcen von Wald und Landwirtschaft, zu denen sich später die Wasserkraft als Ressource der Elektrizitätswirtschaft und die Landschaft als Ressource des Tourismus hinzugesellten. Unter einem solchen Blickwinkel wurde die U. stets als Aussenwelt wahrgenommen, die es durch immer wirksamere Techniken zu bezwingen und zu unterwerfen galt, und die als Ressourcenbasis rationell zu verwalten war. Grundsätzlich versuchten sich frühere Gesellschaften vor den Naturgewalten zu schützen: Deshalb wertete die Geschichte die phys. und moral. Qualitäten derjenigen Menschen besonders positiv, die den Kampf mit den unbezähmbaren Elementen wagten. So wurden die ersten grossen Tunnelbauten, die im ausgehenden 19. Jh. die Alpen durchstachen, als pionierhafte und prometheische Verwirklichung des gigant. Werks dargestellt, "die Alpen in die Knie zu zwingen".

Vom 16. Jh. an und v.a. im 18. und 19. Jh. sprach man von Natur und Landschaft auch unter ästhet. Gesichtspunkten; die U. wurde als Schauspiel empfunden. Die Aufmerksamkeit gegenüber Naturobjekten hing von der Rolle ab, die sie darin spielten. Die Faszination, die von den Schönheiten schweiz. Landschaften ausging, wirkte sich auf zahlreiche Kunstströmungen aus. Sie wurde zudem zu einem festen Bestandteil des Nationalgefühls. Nicht zufällig besingt auch der Schweizerpsalm (Landeshymne) die Schönheiten des Vaterlands. Gegen Ende des 19. Jh. spielte die immer deutlichere Wahrnehmung des sich verstärkenden Gegensatzes zwischen dem ästhet. und dem wirtschaftl. Nutzen der U. für die Gesellschaft eine wesentl. Rolle beim Aufkommen des Naturschutzes und der Heimatschutzbewegung.

Vor 1950 war die Verantwortung gegenüber der Natur hinsichtlich ihrer biolog. und ökolog. Funktionen praktisch kein Thema (Ökologie). Erst seither spricht man von Natur und Landschaft in wissenschaftl. Kategorien und in einer um Objektivierung bemühten Sprache, die Ideologisches und Ästhetisches ausklammert. Dem Anthropozentrismus, der dem Menschen eine privilegierte Position einräumt, wurde der neue Ansatz des Ökosystems gegenübergestellt, worin dem Menschen in der Biosphäre nur ein Platz unter vielen zugestanden wird. Der bipolare Konflikt zwischen Ästhetik und Ökonomie ist einem komplexeren System gewichen, in welchem die materiellen und emotionalen Interessen sowie die Sorge um einen verantwortungsbewussten Umgang mit der U. im Vordergrund stehen -- zusammengefasst unter dem Begriff der nachhaltigen Entwicklung. Aus der bedrohl. Natur ist eine durch menschl. Verhaltensweisen bedrohte U. geworden. Allerdings ist auch diese Ethik nicht ganz frei vom Risiko, dass unter dem Deckmantel des vorurteilsfreien ökolog. Zugangs und der Sorge um die Biodiversität myth. Übersteigerungen stattfinden können.

Autorin/Autor: François Walter / AZ

2 - Umweltnutzung und -probleme

Umweltprobleme im engeren Sinne betreffen Veränderungen in der Natur, die negativ bewertet und der menschl. Aktivität angelastet werden. Ihr Ausmass hängt weitgehend von den Entwicklungen des Klimas, der Bevölkerung und des Verbrauchs an Energie ab.

Eine Periodisierung der Umweltgeschichte unter dem Gesichtspunkt der Energienutzung führt zu einer Dreigliederung: Die bis um 1860 bestehende Agrargesellschaft wirtschaftete mit lokal gewonnener Biomasse (namentlich Holz, Lebens- und Futtermittel), die Industriegesellschaft danach bis um 1950 mit per Bahn v.a. aus Deutschland importierter Kohle, die seither etablierte Konsumgesellschaft mit weltweit gefördertem Erdöl und Erdgas. Der im Verhältnis zur gesamten Lohn- und Preisentwicklung langfristige Preisrückgang für fossile Energieträger seit 1958 hat einen verschwender. Umgang erlaubt. Von den 1950er Jahren an haben der Energieverbrauch, der Flächenbedarf von Siedlungen, damit auch der Abfall und die Schadstoffbelastung der Umweltmedien Boden, Wasser und Luft einen enormen Wachstumsschub erfahren (der Berner Geograf Heinz Wanner prägte für dieses Phänomen den Begriff des "1950er Syndroms").

Der Boden war in der Agrargesellschaft als lokaler Lieferant von Biomasse die Basis von Reichtum und Macht und zugleich das wichtigste Steuersubstrat. Seine Nutzung war durch Bodennutzungssysteme meist streng geregelt. Um Versorgungsengpässe zu vermeiden, wurde die Zahl der Esser längerfristig der Produktionskapazität des Bodens angepasst. So konnte z.B. die Burgergemeinde des gut erforschten Walliser Dorfs Törbel mit sozialen und kulturellen Strategien (Ehehindernisse, Abwanderung) in Verbindung mit der Kontrolle kollektiver Ressourcen (Waldnutzung, Alprechte) langfristig ein dynam. Gleichgewicht von Bevölkerung und Bodenertrag erhalten. In manchen Gegenden wurde der Wald jedoch für den Brennholzbedarf von Städten, für energieintensive Gewerbe (z.B. Eisen- und Glasverarbeitung) und im 19. Jh. für den Export übernutzt. Hinweise auf eine relative Übernutzung des Bodens in vorindustriellen Zeiten geben auch die Intensität und die Ursachen der Nutzungskonflikte. Wo das Gleichgewicht nicht erhalten werden konnte, wirkten auch Subsistenzkrisen regulierend auf die Bodennutzung. Die Erkenntnis der relativen Schutzlosigkeit, mit welcher die Bodennutzung in der Agrargesellschaft Naturkatastrophen (v.a. Dürreperioden, Überschwemmungen, Bergstürze, Hagel, Lawinen, Stürme), aber auch Schädlingen und Viehseuchen ausgesetzt war, führte in dieser Periode namentlich in den Bereichen der Vorratshaltung, der Kornpolitik und der Waldpflege zu individuellen, kollektiven sowie obrigkeitl. Massnahmen.

Die liberale Rechtsordnung des 19. Jh. gab den Boden zur Nutzung und Verfügung frei. Doch blieb die Siedlung bodenschonend, weil das räuml. Wachstum der Städte in der Industriegesellschaft zur Vermeidung langer und teurer Arbeitswege auf die Reichweite der öffentl. Nahverkehrsmittel beschränkt war. Bodenschonend blieb auch die Landwirtschaft, weil sie erst gegen Ende des 19. Jh. mit leichten Maschinen ausgestattet wurde und in geringem Umfang hoffremde Hilfsstoffe einsetzte.

Die Lebensweise der Konsumgesellschaft führte durch die zunehmende Motorisierung, den Bau der Nationalstrassen und den wachsenden individuellen Bedarf an Wohn- und Wirtschaftsraum zu einer Vergrösserung des Siedlungsgebiets. Seit 1950 hat sich die überbaute Fläche der Schweiz mehr als verdoppelt. Gegen 130'000 ha wertvolles Kulturland sind verloren gegangen. Auf den verbleibenden Flächen wird das Bodengefüge, das Bodenleben und die Bodensubstanz v.a. im schweiz. Mittelland zunehmend gefährdet und zerstört. Über verschmutzte Luft sowie durch Düngung, Klärschlamm, Pflanzenschutz- und Futtermittel wird der Boden mit bedeutenden Schadstoffmengen belastet. Naturnahe Flächen wie Trockenwiesen sind fast völlig verschwunden.

Das Wasser wurde in der Agrargesellschaft punktuell durch häusl. Abwasser von Städten sowie durch gewerbl. Aktivitäten (z.B. Gerberei) verschmutzt. Mit der Urbanisierung im Zeitalter der Industriegesellschaft mussten zur Verhütung von Epidemien bessere Wege zu deren Entsorgung gefunden werden. Abwässer wurden in Kanalisationen gesammelt und in die Flüsse geleitet. Lange Zeit wurde die Giftigkeit industrieller Schadstoffe unterschätzt. So leerte nach Mitte des 19. Jh. die Basler Chemiefirma Geigy die stark arsenhaltigen Rückstände ihrer Produktion direkt in den Rhein. In der Krisen- und Kriegsperiode 1930-50 ging die Verschmutzung der Gewässer als Folge der intensiveren Wiederverwertung von Reststoffen stark zurück. Die Geschichte des Wassers in der Periode der Konsumgesellschaft ist historiografisch noch nicht aufgearbeitet. Namentlich gilt dies für die Verschmutzung des Grundwassers als Folge der landwirtschaftl. Massentierhaltung.

Die Verunreinigung der Luft war in der Agrargesellschaft kein Thema, mit Ausnahme der Geruchsemissionen bestimmter Handwerke. Erst im späten 19. Jh. wurde in Städten in grösserem Masse mit Steinkohle geheizt. Fälle von industrieller Luftverschmutzung sind vereinzelt auf Grund von Gerichtsfällen aktenkundig geworden. So verlangten (Obst-)Bauern im Wallis Schadenersatz von der Aluminiumfabrik in Chippis, als diese während des Booms im 1. Weltkrieg ihren Ausstoss an Fluorgasen versechsfachte und damit Bäume und Vieh in Mitleidenschaft zog. In den 1950er und 60er Jahren wurden Gesundheitsschäden auch bei den Arbeitern der Alusuisse nachgewiesen ("Fluorkrieg").

Systemat. Messungen des Schadstoffgehalts in der Luft werden erst seit den 1960er Jahren durchgeführt. Für den Zeitraum seit 1910 hat das Buwal die Qualität der Luft anhand von Schadstoff erzeugenden Aktivitäten (z.B. Heizen, Autofahren, bestimmten Produktionsverfahren) aus Statistiken und gemessenen Emissionsfaktoren für die gesamte Schweiz hochgerechnet: 1910-50 blieben die Emissionen von Schwefeldioxid (SO2), Stickoxiden (NOx), flüchtigen organ. Verbindungen (VOC) und Kohlendioxid (CO2) etwa auf gleichem Niveau. 1950-90 stiegen sie um das Zweieinhalb- (SO2) bis Siebenfache (NOx) an. Im selben Zeitraum stiegen der Strassengütertransport auf das Elffache, der Benzinverbrauch auf das Zwölffache, die Anzahl Personenwagen auf das Zwanzigfache, der Luftverkehr sogar noch stärker (Verkehr), alles begleitet von entsprechenden Lärmemissionen.

Bei der Bewertung von Landschaft aus umwelthist. Sicht ist zwischen ästhet. und ökolog. Gesichtspunkten zu unterscheiden. Die techn. Möglichkeiten der Agrargesellschaft liessen wenige tief greifende Veränderungen der Landschaft zu, von denen namentlich die Rodungen (Landesausbau) zu erwähnen sind. Die Reste der Naturlandschaft sowie die versch. Bewirtschaftungsweisen bildeten eine Vielfalt von Nischen für Biodiversität. Im Zuge der Agrarmodernisierung wurde die Bodennutzung im 19. und frühen 20. Jh. durch verstärkten Einschluss marginaler Böden (z.B. Allmenden) in die Bewirtschaftung und durch vermehrte Düngung intensiviert. Beide Prozesse gingen mit einer grossflächigen Ausräumung der Kulturlandschaft (z.B. Rodung von Hecken) und einer in der 2. Hälfte des 20. Jh. beschleunigten Verdrängung der wild lebenden Fauna und Flora (z.B. Magerwiesen, einheim. Grossraubtiere) einher.

In der Periode der Industriegesellschaft entlastete der Import von Kohle einerseits die Gebirgswälder vom Nutzungsdruck und bereitete den Weg für das erste eidg. Forstgesetz von 1876. Andererseits induzierte er im schweiz. Mittelland zusammen mit dem Bau der Eisenbahnen tief greifende Eingriffe in marginal genutzte Ökosysteme: Gewässerkorrektionen zwängten Flüsse und Bäche in ein festes, von Hochwasserdämmen begleitetes Bett, und Feuchtgebiete (Moore) wurden mit Hilfe der neuen Technik der Röhrendrainage ab 1850 flächenhaft trockengelegt (bis 1900 allein im Kt. Bern 15'685 ha). Im späten 19. Jh. wurden im Mittelland und später in den Alpen Kraftwerke gebaut. Viele alpine Landschaften wurden durch Bergbahnen und Hotelbauten umgestaltet. Aufgrund der Betroffenheit über den Landschaftswandel wurden nach der Wende zum 20. Jh. die Vereinigung für Heimatschutz und der Schweiz. Bund für Naturschutz gegründet, die Widerstandsaktionen gegen grosstechn. Eingriffe in die Landschaft organisierten (z.B. Rheinau-Initiative von 1954).

Die weit umfangreicheren und tiefer greifenden ästhet. und ökolog. Landschaftsveränderungen durch die Konsumgesellschaft seit 1950 stehen grösstenteils im Zusammenhang mit dem Bau des Autobahnnetzes: einmal durch den grossflächigen Strassenkörper selber, dann durch die von ihm mitverursachten Güterzusammenlegungen, schliesslich durch die Attraktivität des neuen Verkehrsträgers für Dienstleistungsbetriebe -- u.a. grossflächige Lagerhallen -- und den Wohnungsbau. In den Alpen fällt der Bau von Zweitwohnungen und Transportanlagen bis in die Gegenwart ins Gewicht. Andererseits führte die Abwanderung aus wirtschaftl. Randgebieten zum Vordringen des Waldes und liess agrar. Flächen verganden.

Autorin/Autor: Christian Pfister

3 - Umweltschutz

In den vorindustriellen Agrargesellschaften war die grundsätzlich nachhaltige Wirtschaftsweise trotz gewisser relativer Übernutzungsprobleme (Wald, Alpweiden, Fluren und Allmenden, Bewässerung, Wasserkraft) geprägt von der Sorge um das Überleben der Gemeinschaft durch Erhaltung der lokalen Ressourcen. Die zerstörer. Auswirkungen von Industrialisierung und Verstädterung im 19. Jh. auf die natürl. U. wurden dagegen erst gegen Ende des Jahrhunderts als Gefahren wahrgenommen und intensiver diskutiert. Diese "präökolog. Einstellungen" (François Walter) führten zu einem punktuellen Umweltbewusstsein und zu sektoralen Schutzbemühungen etwa in der Forstpolitik, im Arten-, Gewässer- oder Lärmschutz. Der aus diesen Anfängen hervorgegangene moderne Umweltschutz umfasst die Gesamtheit der Bestrebungen des Menschen zur Erhaltung, Wiederherstellung oder Verbesserung seiner natürl. Lebensgrundlagen. Dazu gehören insbesondere Luftreinhaltung, Gewässer-, Lärm-, Boden-, Natur- und Landschafts- sowie Artenschutz. Lenkungsmöglichkeiten bieten überdies v.a. die Raumplanung und die Energiepolitik.

<b>Umwelt</b><br>"2 x Ja am 17. Mai: Retten wir unsere Gewässer". Tessiner Plakat für die Doppelabstimmung vom 17. Mai 1992 über den Gewässerschutz (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).<BR/>Zur Abstimmung gelangten die 1984 eingereichte Volksinitiative zur Rettung unserer Gewässer und das Bundesgesetz vom 24. Januar 1991 über den Schutz der Gewässer, gegen welches das Referendum ergriffen worden war. Das Gesetz wurde angenommen, die Initiative abgelehnt.<BR/>
"2 x Ja am 17. Mai: Retten wir unsere Gewässer". Tessiner Plakat für die Doppelabstimmung vom 17. Mai 1992 über den Gewässerschutz (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
(...)

Der Umweltschutzgedanke fand seit den späten 1960er Jahren sehr schnell grosse - allerdings nach Sprachräumen unterschiedliche und zuerst v.a. in der Deutschschweiz - Resonanz in der Schweizer Bevölkerung. Einerseits lässt sich dies als Reaktion auf die zunehmende, anthropogen bedingte Veränderung der natürl. U. verstehen. Andererseits schufen erst der wachsende Wohlstand breiter Schichten und damit die Erfüllung primärer Bedürfnisse die materiellen Voraussetzungen dafür, dass die Anliegen der Ökologischen Bewegung in kostspieligen Sanierungsmassnahmen umgesetzt wurden: Kläranlagen, Filteranlagen, Katalysator, Lärmschutz. Der Wandel hin zur Konsumgesellschaft war somit gleichzeitig Auslöser einer in ihren Dimensionen neuartigen Umweltverschmutzung als auch Vorbedingung zu deren breiter gesellschaftl. Wahrnehmung.

Obwohl der moderne Umweltschutz und der ältere Naturschutz viele Gemeinsamkeiten aufweisen, lassen sich historisch in Bezug auf Problemlagen, Ziele, Akteure und polit. Strategien wichtige Unterschiede feststellen. So beschränken sich die Ziele der Umweltbewegung im Gegensatz zum frühen Natur- und Heimatschutz nicht auf die Erhaltung natürl. U. in Reservaten (Naturschutzgebiete, Nationalpark), sondern beziehen sich in einer Gesamtschau auf die weltweite U. Als neue Leitwissenschaft etablierte sich die Ökologie. Dies führte zur Forderung nach weitreichenden Eingriffen in Gesellschaft und Wirtschaft und zog zwangsläufig andere polit. Strategien nach sich. So wandte die Umweltbewegung, z.B. die Antiatombewegung, schon in den frühen 1970er Jahren alle Formen des modernen Massenprotests an, während sich die Naturschützer (wie Pro Natura oder der WWF) eher scheuten, grundlegende Einwände gegen das polit. System zu formulieren oder gar auf die Strasse zu tragen. Aus der Umweltbewegung entstand eine Reihe von grünen Parteien und Gruppen (u.a. Greenpeace), welche v.a. in den 1980er Jahren fast das gesamte polit. Spektrum umfassten, sich mehrheitlich aber links der Mitte ansiedelten.

Die ersten Erfolge bei der Bekämpfung der ökolog. Folgeschäden von Urbanisierung und Industrialisierung wurden im Gewässerschutz erzielt. Regulative Eingriffe von städt. Obrigkeiten zum Schutz des Trinkwassers vor der Verschmutzung mit Fäkalien und Abwässern sind seit der Antike dokumentiert. Kläranlagen entstanden in der Schweiz jedoch erst im 20. Jh. und vorerst nur dort, wo -- wie 1917 in St. Gallen -- die Abwässer einer Stadt deren eigene Wasserversorgung unmittelbar bedrohten. Industrielle Abwässer führten vom späten 19. Jh. an zu punktuellen Fischsterben; ein einschlägiger Artikel im eidg. Fischereigesetz von 1888 blieb jedoch wirkunglos. Grösseren Anstoss erregte in der Zwischenkriegszeit die von der Landwirtschaft herrührende Überdüngung von seichten Seen (u.a. Murtensee, Hallwilersee), die sich im Auftreten der Burgunderblutalge äusserte. Erste Initiativen zur punktuellen Sanierung von Gewässern gingen von den Kantonen aus (v.a. Zürich). 1953 übertrugen Volk und Stände in Art. 24quater aBV dem Bund die Kompetenz zur Gesetzgebung auf dem Gebiet des Gewässerschutzes, doch blieb das 1957 in Kraft getretene Gewässerschutzgesetz weitgehend toter Buchstabe: Unzureichende finanzielle Anreize zur Erstellung von Kläranlagen durch die Gemeinden, der Mangel an Fachleuten und einschlägigen Erfahrungen (Grenzwerte) gelten als Ursachen. Dazu machte die Industrie unter Berufung auf das Gleichbehandlungsprinzip die Klärung ihrer Abwässer von der Klärung der häusl. Abwässer abhängig.

Erst mit der Institutionalisierung des Gewässerschutzes in Bund und Kantonen, der wachsenden Schlagkraft und Kompetenz von Fachverbänden, der intensiven Berichterstattung über Störfälle und der Ausschüttung von Bundessubventionen kam die Erstellung von Kläranlagen aus der Pionierphase heraus. Das revidierte Gewässerschutzgesetz von 1971 gab dem Bund die Kompetenz zum Erlass einheitl. Konzentrationsgrenzwerte. Die folgende grosszügige eidg. und kant. Subventionspraxis löste in den 1970er Jahren einen eigentl. Boom im Kläranlagenbau aus, der jedoch mit einer sprunghaft steigenden Belastung der öffentl. Haushalte erkauft werden musste. Der Gewässerschutz verdankt seine Erfolge zu einem guten Teil der Hochkonjunktur und der für seine Anliegen günstigen Grundstimmung in den 1960er Jahren. Die Katastrophe von Schweizerhalle richtete 1986 die Aufmerksamkeit der internat. Öffentlichkeit auf die Gefahren der grenzüberschreitenden Gewässerverschmutzung durch grosse Chemieunfälle. Die erneute Revision des Gewässerschutzgesetzes von 1991 vergrösserte in Bezug auf die Restwassermengen den Stellenwert des Umweltschutzes, ohne allerdings die Vorherrschaft der energiewirtschaftl. Interessen in Frage zu stellen.

Der Verfassungsartikel zum Umweltschutz, Art. 24septies aBV (in Art. 74 BV überführt), wurde 1971 mit 93% Jastimmen angenommen. Sowohl der Mensch als auch seine natürl. U. sollten vor schädl. oder lästigen Einwirkungen geschützt werden. Damit wurde Umweltschutz Bundessache, wobei der Vollzug grundsätzlich an die Kantone delegiert wurde. Besonderes Gewicht erhielt die Bekämpfung von Luftverunreinigung und Lärm. In der Folge erwies sich die Ausarbeitung eines Gesetzes aus zwei Gründen als schwierig. Zum einen drängten mit der 1975 einsetzenden Rezession wirtschaftl. Probleme den Umweltschutz etwas in den Hintergrund und erlaubten Wirtschaftskreisen, Umweltschutzinitiativen mit dem Hinweis auf ihre finanziellen Folgen erfolgreich zu bekämpfen. Zum anderen erwies sich die Umsetzung des Umweltschutzes im Rahmen der gewachsenen Rechts- und Verwaltungsstruktur prinzipiell als schwierig. Fast alle Bereiche des Umweltschutzes erforderten als Querschnittsaufgabe die Zusammenarbeit mehrerer Verwaltungsstellen sowie die Abstimmung der jeweiligen Rechtsgrundlagen. Aus diesen Gründen verabschiedete das eidg. Parlament trotz nie erlahmendem Druck der Umweltbewegung erst im Herbst 1983 ein Umweltschutzgesetz. Die im Sept. 1983 öffentlichkeitswirksam lancierte Diskussion um das "Waldsterben" dürfte die plötzl. Entschlussfähigkeit des Parlaments kurz vor den Wahlen positiv beeinflusst haben. Im Gesetz geregelt sind die Bereiche Luftreinhaltung, Lärm, Bodenschutz, Abfälle, Erschütterungen und Strahlen sowie die Prüfung der Umweltverträglichkeit von Anlagen und der Katastrophenschutz. Geprägt wird das umfangreiche Gesetzeswerk von den vier Grundsätzen der schweiz. Umweltpolitik: dem Vorsorgeprinzip, dem Verursacherprinzip, dem Kooperationsprinzip und dem Selbstverantwortungsprinzip. Basierend auf dem Umweltschutzgesetz bzw. auf dem Strahlenschutzgesetz von 1991 wurden seither folgende Verordnungen erlassen: die Luftreinhalteverordnung (1985), die Verordnung über umweltgefährdende Stoffe (1986), die Verordnung über Schadstoffe im Boden (1986), die Lärmschutzverordnung (1986), die Verordnung über die Umweltverträglichkeitsprüfung (1988), die Techn. Verordnung über Abfälle (1990), die Verordnung über den Schutz vor Störfällen (1991), die Strahlenschutzverordnung (1994), die Verordnung über Belastungen des Bodens und zwei Gewässerschutzverordnungen (alle 1998).

Die grössten Erfolge weist der Vollzug des Umweltschutzgesetzes in Bereichen auf, in denen einzelne Schadstoffe dank techn. Innovationen ohne grössere Investitionen substituiert werden konnten, z.B. beim Bleigehalt des Benzins oder beim Schwefelgehalt des Heizöls. Auf grossen Widerstand trafen Massnahmen dagegen überall da, wo entweder einzelne Industrien ihre Produktion nur nach grossen Investitionen umweltverträglich hätten gestalten können (z.B. Aluminium- und Stahlindustrie) oder wo individueller Verzicht (z.B. auf automobile Mobilität) geboten wäre. Gerade in den Bereichen Luftreinhaltung und Lärm ist es bisher nicht gelungen, den nötigen Beitrag des Verkehrs zur Erreichung der Qualitätsziele einzufordern. Die Debatte über den Umweltschutz ist denn auch geprägt von einer kontinuierl. Kontroverse zwischen Gruppierungen, welche das Potenzial des techn. Umweltschutzes im Rahmen der Marktwirtschaft für ausreichend halten, und solchen, die eine grundsätzl. Neuorientierung im Umgang mit natürl. Ressourcen als zwingende Voraussetzung erachten. Die Entscheidungsfindung wird erschwert durch die Komplexität der meisten Umweltprobleme, welche sich nur selten in einfachen Kausalketten erklären lassen.

Die globale Dimension vieler Umweltprobleme und der zu ihrer Lösung vorgeschlagenen Strategien machten den Umweltschutz seit den 1980er Jahren vermehrt zum Thema der internat. Politik. Bereits an der ersten UNO-Konferenz zum Thema Umweltschutz von Stockholm 1972 forderten Wissenschaftler wie Politiker eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit in Umweltschutzfragen. Das 1987 verabschiedete Protokoll von Montreal über Stoffe, welche die stratosphär. Ozonschicht abbauen, schuf die Grundlagen zur Eindämmung der Emissionen von Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW) und verwandten Stoffen. Am UNCED-"Erdgipfel" von Rio de Janeiro 1992, der bisher grössten Umweltkonferenz, standen die Klimaveränderung, der Artenschutz und die Zerstörung der trop. Regenwälder im Zentrum. Auch wenn der Grundsatz der nachhaltigen Entwicklung unbestritten blieb, endete der Erdgipfel wie auch die folgenden Klimagipfel, die u.a. 1995 in Berlin, 1997 in Kyoto, 1998 in Buenos Aires, 2009 in Kopenhagen und 2012 in Doha stattfanden, ohne Umsetzung der Beschlüsse. Insbesondere wurden keine konkreten Massnahmen zur reduzierten Produktion von Treibhausgasen ergriffen. Die Schweiz will die Reduktion ihrer Treibhausgasemissionen im Inland bis 2020 (um mindestens 20% gegenüber 1990) mit dem revidierten CO2-Gesetz erreichen, das ab 2013 in Kraft ist.

Autorin/Autor: Ueli Haefeli-Waser

4 - Umweltgeschichte

Die Umweltforschung ist ein junger Zweig der Wissenschaft, der sich erst in der 2. Hälfte des 20. Jh. entwickelt hat. Der erste Lehrstuhl in der Schweiz wurde 1997 an der Univ. Bern geschaffen. Die Umweltgeschichte oder Hist. Umweltforschung als junge Subdisziplin der Geschichte untersucht Wirkungszusammenhänge von Gesellschaften mit ihrer natürl. U. Dies geschieht auf zwei Ebenen: jener der phys.-materiellen Prozesse (Geschichte der U.) und jener der Umweltkommunikation.

Auf der Ebene der phys.-materiellen Prozesse werden einerseits natürl. Einflüsse rekonstruiert, die die Gesundheit der Bevölkerung und/oder die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft beeinträchtigten (z.B. klimat. Anomalien, Naturkatastrophen, Epidemien, Viehseuchen), andererseits negativ bewertete (Neben-)Wirkungen ökonom. Aktivitäten auf Umweltmedien (Boden, Wasser, Luft, Fauna und Flora). Zu diesem Zweck arbeitet die Umweltgeschichte mit jenen naturwissenschaftl. Disziplinen zusammen, die Datentypen aus natürl. Archiven (z.B. Ablagerungen im Boden, Pollenprofile, Knochenfunde) untersuchen. Gut erforscht ist beispielsweise die Geschichte des Klimas, während zur Entwicklung der pflanzl. und tier. Artenvielfalt noch mehr Fragen offen sind.

Auf der Ebene der Umweltkommunikation wird die Wahrnehmung, Bewertung und Deutung von Vorgängen innerhalb des natürl. Lebensraums durch versch. Gruppen der Gesellschaft sowie die Legitimation von umweltbedeutsamen Handlungen thematisiert. Die der Kommunikation zugrunde liegenden Weltbilder sind von Kultur zu Kultur verschieden und verändern sich mit der Zeit (z.B. religiöse, technokrat., umweltdeterminist. Deutungsmuster). Das allgemein anerkannte Konzept der nachhaltigen Entwicklung in seiner dreifachen Bedeutung von ökonom. Effizienz, Umweltverträglichkeit und sozialer Gerechtigkeit wird auch der umwelthist. Bewertung der Vergangenheit zugrunde gelegt.

Autorin/Autor: Christian Pfister

Quellen und Literatur

Literatur
  • Umweltwahrnehmung

    – F. Walter, «L'historien et l'environnement», in Natures, Sciences, Sociétés 2, 1994, 31-39
    – F. Walter, Bedrohl. und bedrohte Natur, 1996 (franz. 1990)
    – F. Walter, «Une histoire de l'environnement, pour quoi faire?», in Milieux naturels, espaces sociaux, 1997, 33-42
    – R. Delort, F. Walter, Histoire de l'environnement européen, 2001
  • Umweltnutzung und -probleme

    – K. Ewald, «Der Landschaftswandel», in Tätigkeitsber. der Naturforschenden Ges. Baselland 30, 1978, 55-308
    – R.McC. Netting, Balancing on an Alp, 1981
    – R. Häberli et al., Bodenkultur, 1991
    – L. Burckhardt, «Die U. im Stadtstaat», in Verh. der Naturforschenden Ges. in Basel 102, 1992, 47-110
    – M. Ritter, «Aspekte einer Beschreibung der Tierwelt Basels», in Verh. der Naturforschenden Ges. in Basel 102, 1992, 211-276
    – Pfister, Bern
    Das 1950er Syndrom, hg. von C. Pfister, 21996
    – «Suisse», in Examens des performances environnementales, 1998
  • Umweltschutz

    – W. Bussmann, Gewässerschutz und kooperativer Föderalismus in der Schweiz, 1981
    – A. Giger, «Umweltorganisationen und Umweltpolitik», in Schweiz. Jb. für Polit. Wiss. 21, 1981, 49-77
  • Umweltgeschichte

    – C. Pfister, A. Schuler, «Hist. Umweltforsch.», in Geschichtsforsch. in der Schweiz, 1992, 169-187
    – H. Zwicky, Umwelt als Aktivierungsgrund, 1993
    – G. Hirsch, «Beziehungen zwischen Umweltforsch. und disziplinärer Forsch.», in Gaia 4, 1995, 302-314
    Traverse, 1997, Nr. 2
    – S. Bachmann, Zwischen Patriotismus und Wiss., 1999
    – R. de Miller, Matériaux pour l'histoire de l'environnement en Suisse, 1999
    – P. Knoepfel et al., Analyse des politiques suisses de l'environnement, 2010
    – C. Rohr et al., «Umweltgeschichtsforsch. in der Schweiz und ihr Beitr. zur Kulturgesch.», in Traverse, 2012, H. 1, 193-209