19/04/2012 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Dialekte

D. oder Mundarten sind von der Hoch-, Schrift- oder Standardsprache verschiedene, regional ausgeprägte Formen gesprochener Sprache. In der franz. Schweiz zählt man heute auch die versch. Varianten des sog. Patois - mit diesem Ausdruck werden lokale Sonderformen erfasst, die jeweils nur von kleinen Gruppen gesprochen werden - zu den D.n.

In den vier Sprachregionen der Schweiz kommt den jeweiligen D.n eine unterschiedl. Bedeutung zu. Das Schweizerdeutsch hat sich in der 2. Hälfte des 20. Jh. auch in den Medien (Radio, Fernsehen) als Alltagssprache durchgesetzt, während die D. in der französischsprachigen Schweiz so gut wie keine und in der italienischsprachigen eine beschränkte Rolle spielen. Für die Angehörigen der Sprachminderheiten birgt die ausgeprägte Diglossie in der Deutschschweiz - das Nebeneinander von gesprochenen D.n und dem geschriebenen Hochdeutsch - grosse Verständigungsprobleme; ein Ausweichen auf das Englische, das als Verkehrssprache allgemein immer wichtiger wird, befriedigt aber nicht. Die Art und Weise, wie in den zweisprachigen Kantonen mit diesem Verständigungsproblem umgegangen wird, ist für die gesamte Schweiz richtungsweisend. Eine generelle Einführung des Unterrichts in Schweizerdeutsch in den rom. Teilen der Schweiz erscheint chancenlos (Mehrsprachigkeit). Die nationale Identität ist in der Deutschschweiz eng an den Gebrauch des Dialekts gekoppelt, der ein entscheidendes Unterscheidungskriterium gegenüber Deutschland bzw. den Deutschen darstellt. Demgegenüber betrachten sich die französischsprachigen Schweizer als Teil der internationalen franz. Sprachgemeinschaft (Frankofonie), zu deren Reichtum sie mit regionalen Sprachgewohnheiten beitragen. Diese Gewohnheiten beschränken sich in der Regel - wie bei dem berühmten Zahlwort nonante, das der "Petit Larousse" zulässt - auf Ausdrücke aus dem regionalen Wortschatz. In der ital. Schweiz werden D. v.a. im Familien- und Freundeskreis gesprochen; ausserdem besteht bis heute eine Dialektliteratur (Theater, Lieder usw.). Das rätorom. Sprachgut bestand überhaupt nur aus verschiedenen D.n, bis 1982 aus diesen die Kompromisssprache Rumantsch Grischun entwickelt wurde.

Autorin/Autor: Manfred Gsteiger / PvC

1 - Deutschschweiz

Die deutschschweiz. D., die sich im Wesentlichen in der mittelhochdt. Zeit (11.-15. Jh.) ausgebildet haben (Deutsch), gehören mehrheitlich zum Hochalemannischen (Kennzeichen: Chind für Kind); einzig die Stadt Basel ist Teil des Verbreitungsgebiets des Niederalemannischen (Khind). Das Samnauntal zählt dagegen - als einziges Gebiet in der Deutschschweiz - zum bairisch-österreichischen Sprachraum.

Die schweizerdeutschen Mundarten lassen sich nach versch. Gesichtspunkten gliedern, wobei sich die jeweiligen Mundarträume vielfach überlappen. Prägende Nord-Süd-Gegensätze sind etwa nördliches schneie/schnaie, boue/baue gegen südliches schniie, buue oder nördliches Strooss/Ströössli gegen südliches Straass/Sträässli. Ein auffälliger Ost-West-Gegensatz ist u.a., dass die östl. Hälfte der Deutschschweiz beim Verb einen Einheitsplural kennt: mir/ir/si mached, wogegen in der westl. Deutschweiz ein Zweiformenplural gebräuchlich ist: mir mache / (d)ir mached, si mache (im Wallis gilt gar dreiförmiger Plural: wier mache, ier mached, schi machunt). Aber auch das nördl. Schweizerdeutsch weist selbst deutliche Gruppierungen auf. Nordwestl. Eigenheiten sind z.B. die Vokaldehnung, also baade statt bade, sowie die Erweichung von anlautendem t, etwa Disch für Tisch. Typisch für das nordöstl. Schweizerdeutsch hingegen sind etwa monophthongierte Formen Bomm statt Baum und Gaass statt Geiss sowie das eingeschränkte Vorkommen oder sogar Fehlen des überoffenen ä, z.B. lèse statt läse. Das südliche bzw. alpine Schweizerdeutsch ist sehr stark aufgegliedert. Einerseits hat es zahlreiche altertümliche Sprachzüge bewahrt, anderseits aber auch viele eigenwillige Neuerungen zu verzeichnen, die aber oft nur kleinräumig Gültigkeit erlangt haben. Die Mundarten der meisten Deutschbündner Täler gehören im Übrigen nicht der östlichen, sondern südwestl. Mundartgruppe an, da sie im HochMA vom Wallis her besiedelt worden sind (Walserdeutsch). Weiterhin charakteristisch für das Schweizerdeutsche sind die vielfältigen rom. Einflüsse v.a. im Bereich des Wortschatzes wie etwa Dähle (Föhre, Kiefer) oder Perron, Billet usw.

Im 18. und noch zu Beginn des 19. Jh. galten die regionalen oder lokalen D. häufig als gegenüber der Hochsprache verderbte bzw. abgesunkene Sprachvarianten. Die vollständige Durchsetzung der Standardsprache in der Schweiz erfolgte allerdings erst mit der Einführung der allg. Schulpflicht im 19. Jh., wobei das Schriftdeutsch als "Schweizerhochdeutsch" bis heute gewisse landschaftl. Besonderheiten beibehielt. Die weitere Ausbreitung der Schriftsprache in den versch. Lebensbereichen liess Befürchtungen aufkommen, die Mundarten würden aussterben; besonders ausgeprägt waren solche Ängste vor dem 1. Weltkrieg in Städten wie Zürich und Basel, die einen Ausländeranteil von zeitweise über 30% (mehrheitlich Reichsdeutsche) aufwiesen. Schon im 19. Jh. wurde daher damit begonnen, die verschiedenen D. aufzuzeichnen und mit Wörterbüchern wie dem 1862 begründeten "Schweiz. Idiotikon" zu sichern (Dialektologie). Die polit. Umwälzungen nach dem 1. Weltkrieg führten aber zu einer wesentl. Schwächung des dt. Einflusses; nach 1933 wurde die Mundart im Rahmen der Geistigen Landesverteidigung bewusst gepflegt und gefördert. Gleichzeitig entwickelte sich, nach vereinzelten Ansätzen seit etwa 1800 und einem ersten Höhepunkt um 1900, eine mannigfaltige Dialektliteratur.

In der 2. Hälfte des 20. Jh. drang das Schweizerdeutsche als selbstverständl. Umgangssprache in alle Bereiche des öffentl. Lebens (Politik, Kirche, Schule, Massenmedien) vor. Seit Jahrzehnten werden die alten städt. und ländl. Grundmundarten ergänzt durch besonders in Ballungszentren zu beobachtende Mischmundarten und, stärker durch die Standardsprache beeinflusst, Anpassungs- und Halbmundarten. Teilweise ist dabei eine Überlagerung durch eine überregionale, aber noch der Mundart zuzuordnende deutschschweiz. Umgangssprache mit einem Ausgleich der Lokal- und Regionalmundarten festzustellen. Hinzu kommen eine internationalisierte, techn. Sachsprache, die Hinwendung zu einer standardsprachlich gefärbten höheren Verkehrssprache und eine gefühlsbetontere mittlere und niedere Verkehrssprache (Slang). Die neue Sprachform wirkt zwar mundartlich, ist aber nicht mehr eindeutig einem Ort oder einer Region zuzuweisen, sondern entwickelt sich vielmehr zu einer gesamtschweizerdeutschen Umgangssprache.

Autorin/Autor: Peter Ott

2 - Französische Schweiz

Die D. oder die Formen des Patois in der franz. Schweiz sind das Resultat eigenständiger Weiterentwicklungen des im jeweiligen Gebiet gesprochenen Lateins. Mit Ausnahme der jurass. D., welche die Franche Comté sprachgeografisch gewissermassen in die Schweiz hinein verlängern und zu der nordfranz. Sprachgruppe, der Langue d'oïl, gehören, zählen sie zum Frankoprovenzalischen, einer rom. Sprache, die zwar dem Französischen nahe verwandt ist, sich aber doch von diesem unterscheidet. Der frankoprovenzal. Mundartraum erstreckt sich längs der alpinen Transitrouten zwischen dem Aostatal und Lyon. In der Schweiz umfasst er die - in Bezug auf die sprachl. Entwicklung gesehen - konservativsten Gebiete des Galloromanischen überhaupt: In D.n des Mittelwallis erhielten sich die lat. Qualität der Auslautvokale (andernorts wurde das lat. [u] zum [y]) und teilweise, wie im Altfranzösischen, auch Reste der Deklination im Zweikasussystem.

Die Dialekte der franz. Schweiz unterscheiden sich infolge unterschiedlicher Entwicklungen erheblich voneinander, weshalb sie häufig ausserhalb des eigenen Verbreitungsgebiets nicht mehr verstanden werden. Diese Aufsplitterung, die auf das Fehlen von Normen, einer schriftl. Tradition und jeglicher übergreifenden Instanz zurückzuführen ist, hat wiederum wesentlich zum Bedeutungsverlust und schliesslich zum Aussterben der D. in weiten Teilen der franz. Schweiz im 20. Jh. beigetragen. Dabei spielte allerdings auch das Verbot der D. in der Schule eine Rolle, das seit Beginn des 19. Jh. besteht. In den wenigen Gebieten, in denen noch Dialekt gesprochen wird (Ende des 20. Jh. im Wallis 6,3% der Bevölkerung, in Freiburg 3,9%, im Jura 3,1%), werden die lokalen und regionalen Sprachtraditionen heute nicht mehr automatisch von einer Generation an die nächste weiter gegeben; eine Ausnahme bildet diesbezüglich die Walliser Gem. Evolène, in welcher der lokale Dialekt in einigen Familien immer noch tradiert wird.

Die Erhaltung des Patois, die auch in der 1976 redigierten jurass. Verfassung verankert ist, ist das Ziel der Fédération romande et interregionale des patoisants, die nach einer langen, schon 1947 einsetzenden Diskussion 1954 unter dem Namen Conseil des patoisants romands gegründet wurde. Diese Bemühungen und die gelegentl. Versuche, die Mundarten zu unterrichten, reichten aber nicht aus, um die D. zu beleben. Die Forschung begann auf Initiative von Louis Gauchat anfangs des 20. Jh., den reichen Wortschatz der versch. Dialekttraditionen zusammenzutragen. In dem überaus umfangreichen "Glossaire des patois de la Suisse romande", das aus diesen Bemühungen entstand, sind seit 1924 mehr als 5'000 Seiten publiziert worden.

Autorin/Autor: Andres Kristol / PvC

3 - Italienische Schweiz

Die D. der ital. Schweiz gehören zu den lombard. Mundarten (Italienisch). Mit den piemontesischen und den emilianischen D.n bilden sie die galloitalische Mundartgruppe, deren einzelne Ausprägungen ihren Ursprung in der Gallia cisalpina haben und zum Teil Gemeinsamkeiten mit franz. D.n aufweisen. Deren auffälligstes Merkmal ist, abgesehen vom Wegfall der nicht betonten Endvokale ausser dem a, die Verwendung der Umlaute ü und ö (mür, cör, wie im Französischen mur, cœur im Gegensatz zum italienischen muro, cuore). Auch innerhalb der ital. Schweiz bestehen zwischen den einzelnen D.n beachtliche Unterschiede. Die D. des Mendrisiotto, d.h. des Südtessins, differieren nur wenig von denjenigen in den südlich anschliessenden Gebieten der Lombardei. Je mehr man sich dem Alpenhauptkamm nähert, desto häufiger werden die Gemeinsamkeiten mit den übrigen D.n der Alpen: So die Semipalatisierung der okklusiven Velare (c-, g-) in den Tälern, die Beibehaltung der Gruppen cl-, pl-, fl- (clama, planta, flur) im Bergell sowie der Endung -s in der 2. Person Einzahl der Verben in Poschiavo. Der Rhotazismus des -l- zwischen Vokalen tritt in dem zentralen Streifen zwischen Chiasso und Bedretto auf, nicht aber im Westen im Becken der Maggia und im Osten im italienischsprachigen Bündnerland.

Dem Entfaltungsraum der D. sind in zweifacher Hinsicht Grenzen gesetzt: Einerseits ist die Verbreitung einer überregionalen dialektalen Gemeinsprache (Koine) festzustellen, die nach und nach die lokalen Mundarten verdrängt. Anderseits ist zu betonen, dass in der ital. Schweiz der Gebrauch des Dialekts zwischen zwei Gesprächspartnern einen gewissen Grad an Vertrautheit voraussetzt. Man spricht D. in der Familie und unter Nachbarn, Gleichaltrigen und Kollegen, aber kaum mit Unbekannten. Man verwendet Mundart in kleinen Gruppen oder im Dorf- oder Quartierladen, aber nicht auf grossen Versammlungen oder in Geschäften in der Innenstadt. Innerhalb dieser Einschränkungen erweist sich der Dialekt, sei es in lokaler Ausprägung, sei es in Form der Koine, in der ital. Schweiz als durchaus lebensfähig. Er bleibt die Alltags- und Umgangssprache eines grossen Teils der einheimischen Bevölkerung. Gemäss der Volkszählung 1990 sprechen 42% der Tessiner Dialekt in der Familie (davon ca. 20% als einzige Sprache, die übrigen polylingual). Addiert man zu diesen 42% noch die entsprechenden Werte über den Mundartgebrauch in Schule und Beruf, so ergibt sich, dass gemäss ihren eigenen Angaben ca. die Hälfte der Kantonsbevölkerung Dialekt als Alltagssprache verwendet.

Der reiche und vielfältige Wortschatz der D. aus der ital. Schweiz wird in dem 1921 begründeten "Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana" zusammengestellt. Zwischen 1952 und 2003 erschienen 61 Faszikel dieses monumentalen Werks, die den Wortschatz bis zum Wort cavezzá erfassen. Um die Aufzeichnung und die Bewahrung der dialektalen Orts- und Flurnamen der ital. Schweiz kümmert sich das "Repertorio toponomastico ticinese" des Staatsarchivs, das zwei Reihen herausgibt. Untersuchungen zu diversen Aspekten der lokalen Alltagssprache und damit auch der D. sind auch dem Osservatorio linguistico della Svizzera italiana anvertraut.

Autorin/Autor: Federico Spiess / PvC

4 - Rätoromanische Schweiz

Das Rätoromanische gliedert sich in zahlreiche D., die sich in Aussprache, Wortschatz und Grammatik beträchtlich voneinander unterscheiden und von denen fünf eine bis ins 16. und 17. Jh. zurückreichende Schreibtradition ausgebildet haben (Rätoromanische Literatur). Das Engadinische (Ladin) umfasst die D. Vallader im Unterengadin, Putèr im Oberengadin und Jauer im Münstertal. Surselvisch (Sursilvan) wird im Vorderrheintal von Flims bis Tschamut, Sutselvisch (Sutsilvan) im Schams, Domleschg sowie am Heinzenberg und Surmeirisch (Surmiran) im Oberhalbstein gesprochen. Ein unterscheidendes Merkmal des Engadinischen gegenüber den anderen bündnerrom. D.n ist die Wahrung von ü und ö, die sonst zu i und e werden (cumün, chöd, anderweitig cumin, tgiet). Das Oberengadinische hat zudem das lateinische betonte A zu e weiterentwickelt (chesa, bunted, fer, sonst chasa/casa, buntà/buontad, far). Lautl. Eigenheiten des Surmeirischen sind die Diphthonge ei und ou (meir, vousch, anderweitig mür/mir, vusch). Das Surselvische geht eigene Wege in der Behandlung des prädikativen Adjektivs. Das ursprüngliche lateinische -s der männl. Formen hat sich erhalten. Es heisst: in bi capi "ein schöner Hut", jedoch il capi ei bials "der Hut ist schön". Ein weiteres Merkmal des Surselvischen ist der Verlust der unbetonten Personalpronomina, von denen nur reflexives se erhalten geblieben ist.

Aufgrund des Mehrheitsprinzips - man wählte möglichst die Version, welche die meisten oben genannten D. pflegten - wurde im letzten Drittel des 20. Jh. das Rumantsch Grischun als gemeinsame Kompromiss- oder Brückensprache geschaffen. Da der Abstand zwischen Rumantsch Grischun und den gesprochenen D.n grösser ist als derjenige zwischen den gesprochenen D. und deren Schriftvarianten, wurde die neue Schriftsprache aber nicht überall begeistert aufgenommen.

Autorin/Autor: Felix Giger

Quellen und Literatur

Literatur