Historisches Lexikon der Schweiz (HLS) Dictionnaire historique de la Suisse (DHS) Dizionario storico della Svizzera (DSS)

1 - Deutschschweiz

Die deutschschweiz. D., die sich im Wesentlichen in der mittelhochdt. Zeit (11.-15. Jh.) ausgebildet haben (Deutsch), gehören mehrheitlich zum Hochalemannischen (Kennzeichen: Chind für Kind); einzig die Stadt Basel ist Teil des Verbreitungsgebiets des Niederalemannischen (Khind). Das Samnauntal zählt dagegen - als einziges Gebiet in der Deutschschweiz - zum bairisch-österreichischen Sprachraum.

Die schweizerdeutschen Mundarten lassen sich nach versch. Gesichtspunkten gliedern, wobei sich die jeweiligen Mundarträume vielfach überlappen. Prägende Nord-Süd-Gegensätze sind etwa nördliches schneie/schnaie, boue/baue gegen südliches schniie, buue oder nördliches Strooss/Ströössli gegen südliches Straass/Sträässli. Ein auffälliger Ost-West-Gegensatz ist u.a., dass die östl. Hälfte der Deutschschweiz beim Verb einen Einheitsplural kennt: mir/ir/si mached, wogegen in der westl. Deutschweiz ein Zweiformenplural gebräuchlich ist: mir mache / (d)ir mached, si mache (im Wallis gilt gar dreiförmiger Plural: wier machu, ier machud, schi machunt). Aber auch das nördl. Schweizerdeutsch weist selbst deutliche Gruppierungen auf. Nordwestl. Eigenheiten sind z.B. die Vokaldehnung, also baade statt bade, sowie die Erweichung von anlautendem t, etwa Disch für Tisch. Typisch für das nordöstl. Schweizerdeutsch hingegen sind etwa monophthongierte Formen Bomm statt Baum und Gaass statt Geiss sowie das eingeschränkte Vorkommen oder sogar Fehlen des überoffenen ä, z.B. lèse statt läse. Das südliche bzw. alpine Schweizerdeutsch ist sehr stark aufgegliedert. Einerseits hat es zahlreiche altertümliche Sprachzüge bewahrt, anderseits aber auch viele eigenwillige Neuerungen zu verzeichnen, die aber oft nur kleinräumig Gültigkeit erlangt haben. Die Mundarten der meisten Deutschbündner Täler gehören im Übrigen nicht der östlichen, sondern südwestl. Mundartgruppe an, da sie im HochMA vom Wallis her besiedelt worden sind (Walserdeutsch). Weiterhin charakteristisch für das Schweizerdeutsche sind die vielfältigen rom. Einflüsse v.a. im Bereich des Wortschatzes wie etwa Dähle (Föhre, Kiefer) oder Perron, Billet usw.

Im 18. und noch zu Beginn des 19. Jh. galten die regionalen oder lokalen D. häufig als gegenüber der Hochsprache verderbte bzw. abgesunkene Sprachvarianten. Die vollständige Durchsetzung der Standardsprache in der Schweiz erfolgte allerdings erst mit der Einführung der allg. Schulpflicht im 19. Jh., wobei das Schriftdeutsch als "Schweizerhochdeutsch" bis heute gewisse landschaftl. Besonderheiten beibehielt. Die weitere Ausbreitung der Schriftsprache in den versch. Lebensbereichen liess Befürchtungen aufkommen, die Mundarten würden aussterben; besonders ausgeprägt waren solche Ängste vor dem 1. Weltkrieg in Städten wie Zürich und Basel, die einen Ausländeranteil von zeitweise über 30% (mehrheitlich Reichsdeutsche) aufwiesen. Schon im 19. Jh. wurde daher damit begonnen, die verschiedenen D. aufzuzeichnen und mit Wörterbüchern wie dem 1862 begründeten "Schweiz. Idiotikon" zu sichern (Dialektologie). Die polit. Umwälzungen nach dem 1. Weltkrieg führten aber zu einer wesentl. Schwächung des dt. Einflusses; nach 1933 wurde die Mundart im Rahmen der Geistigen Landesverteidigung bewusst gepflegt und gefördert. Gleichzeitig entwickelte sich, nach vereinzelten Ansätzen seit etwa 1800 und einem ersten Höhepunkt um 1900, eine mannigfaltige Dialektliteratur.

In der 2. Hälfte des 20. Jh. drang das Schweizerdeutsche als selbstverständl. Umgangssprache in alle Bereiche des öffentl. Lebens (Politik, Kirche, Schule, Massenmedien) vor. Seit Jahrzehnten werden die alten städt. und ländl. Grundmundarten ergänzt durch besonders in Ballungszentren zu beobachtende Mischmundarten und, stärker durch die Standardsprache beeinflusst, Anpassungs- und Halbmundarten. Teilweise ist dabei eine Überlagerung durch eine überregionale, aber noch der Mundart zuzuordnende deutschschweiz. Umgangssprache mit einem Ausgleich der Lokal- und Regionalmundarten festzustellen. Hinzu kommen eine internationalisierte, techn. Sachsprache, die Hinwendung zu einer standardsprachlich gefärbten höheren Verkehrssprache und eine gefühlsbetontere mittlere und niedere Verkehrssprache (Slang). Die neue Sprachform wirkt zwar mundartlich, ist aber nicht mehr eindeutig einem Ort oder einer Region zuzuweisen, sondern entwickelt sich vielmehr zu einer gesamtschweizerdeutschen Umgangssprache.

Autorin/Autor: Peter Ott