• <b>Rathäuser</b><br>Gotisches Portal der Ratsstube von Mellingen. Aquarellierte Bleistiftzeichnung von   Ludwig Vogel,   um 1840 (Schweizerisches Nationalmuseum). Die Ratsstube von Mellingen mit Schnitzereien von Hans Wiederkehr stammt aus dem Jahr 1467. Mit dem Portal repräsentierte sich die Kleinstadt. Über dem Kielbogen, der von zwei Fialen flankiert wird, prangt das doppelte Stadtwappen. 1889 erwarb die Eidgenossenschaft die nur noch teilweise erhaltene Inneneinrichtung und demontierte sie. 1896 erfolgte der Einbau des Portals mit den Wappen, der mit Trauben und einem Trinkspruch verzierten Deckenbalken sowie einiger weniger originaler Wandelemente ins Landesmuseum in Zürich.

Rathäuser

R. sind Amtsgebäude selbstverwalteter Siedlungen. Nach dem Siegel wurde das Rathaus zum zweiten Symbol kommunaler Autonomie (Stadt, Gemeinde). Vorgänger war meist eine Rats-, Gerichts- oder Bürgerstube (franz. poêle communal, poêle de la justice), wo Räte oder Urteilsfinder (Gerichtswesen) ungestört beraten sowie Bürger sich besprechen und gesellig zusammensitzen konnten. In Basel und Zürich gab es R. um die Mitte des 13. Jh., in den übrigen grösseren Städten im 14. Jh., die ländl. Hauptorte folgten dem städt. Beispiel.

Als Haus der Gemeinschaft diente das ma. Rathaus ursprünglich vielen Zwecken: Sitzungen der Räte, des Gerichts, Repräsentation, Kanzlei, Gefängnis, Folterkammer, Zeughaus und Kornhaus, Kauf- und Waaghaus, Fleischschal (Metzgerei), Wirtschaft (Ratsmahlzeiten, Empfänge und Festlichkeiten der Bürger) und Tanzdiele, in der Innerschweiz sogar als Wäschetrocknungsraum. In grösseren Städten blieben bald nur die Kernfunktionen im Rathaus. Baulich enthielt das ma. Rathaus meist eine offene Halle im Erdgeschoss, nutzbar für Märkte und Urteilsverkündungen bei schlechtem Wetter, und eine oder mehrere Ratsstuben für die Versammlung der Räte in den Obergeschossen; die Stadthäupter sassen an der Fensterseite, die Ratsherren auf Bänken längs der Wände. Ferner gab es meist eine Küche sowie Diensträume.

Die ältesten erhaltenen R. in der Schweiz stehen in Bern (ab 1406), Baden (1497), Freiburg (als Kornhaus ab 1502), Basel (ab 1504), Zug (ab 1505), Rheinfelden (1531), Sursee und Stein am Rhein (ab 1538), Chur (um 1540) und Appenzell (ab 1561). Der Bautyp des Berner Rathauses machte bis ins Süddeutsche und Elsässische Schule. Frühe Ratsstuben haben sich in Genf (ab 1455), Mellingen (im Schweiz. Landesmuseum Zürich) und Basel (ab 1512) erhalten. Im ital. Sprachgebiet hat nur das Rathaus in Poschiavo die Zeiten überdauert. Oft wurden die R. mit Uhren und Glocken ausgestattet; die eigene Zeitmessung wurde zum dritten Symbol der kommunalen Autonomie. Im 16. Jh. beanspruchten in grösseren Städten Ratsausschüsse und Verwaltung zusätzl. Räume: So wurden in Bern (ab 1526) und Basel (ab 1535) Kanzleien angebaut (Verwaltungsgebäude). Aus barockem Repräsentationsbedürfnis heraus wurden - oft stilverspätet - neue R. errichtet: Luzern (ab 1602), Schwyz (ab 1642), Sitten (ab 1657), Lausanne (ab 1673), Lenzburg (ab 1677), Zürich (ab 1694), Delsberg (ab 1742), Bischofszell (ab 1747), Winterthur (ab 1782), Neuenburg (ab 1784), Frauenfeld (ab 1790) und Zofingen (ab 1792). Selbst Dörfer bauten sich R., wie das Gerichtshaus in Burgau in der Gem. Flawil (1639) oder das Zendenrathaus in Ernen (ab 1750).

<b>Rathäuser</b><br>Gotisches Portal der Ratsstube von Mellingen. Aquarellierte Bleistiftzeichnung von   Ludwig Vogel,   um 1840 (Schweizerisches Nationalmuseum).<BR/>Die Ratsstube von Mellingen mit Schnitzereien von Hans Wiederkehr stammt aus dem Jahr 1467. Mit dem Portal repräsentierte sich die Kleinstadt. Über dem Kielbogen, der von zwei Fialen flankiert wird, prangt das doppelte Stadtwappen. 1889 erwarb die Eidgenossenschaft die nur noch teilweise erhaltene Inneneinrichtung und demontierte sie. 1896 erfolgte der Einbau des Portals mit den Wappen, der mit Trauben und einem Trinkspruch verzierten Deckenbalken sowie einiger weniger originaler Wandelemente ins Landesmuseum in Zürich.<BR/>
Gotisches Portal der Ratsstube von Mellingen. Aquarellierte Bleistiftzeichnung von Ludwig Vogel, um 1840 (Schweizerisches Nationalmuseum).
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Von der Innenausstattung haben sich insbesondere Öfen erhalten. An Möbeln sind noch Ratstische und Schultheissenthrone (Bern) vorhanden, vom übrigen Hausrat Zinnkannen und silberne, künstlerisch geformte Trinkgefässe (gestiftet durch Ratsmitglieder und benützt bei Mahlzeiten). Der Schmuck diente hauptsächlich der Selbstdarstellung: Wappen des Orts, seiner Verbündeten und Herrschaften, besonders als gegenseitig geschenkte Glasgemälde (erhalten u.a. in Basel); gemalte Darstellungen von Richter- und Herrschertugenden (auch als Mahnung) mit Beispielen aus der Bibel und der Antike oder als Allegorien, Schlachtenbilder und Veduten. Am bekanntesten sind die Bilder von Hans Holbein dem Jüngern im Basler Rathaus, von denen sich nur noch wenige Fragmente im Kunstmuseum Basel erhalten haben.

Im 19. Jh. erfolgte in den meisten Stadtkantonen die Trennung von Kantons- und Stadtregierung, wobei meist die Stadtbehörde in andere, Stadthaus genannte Gebäude auswich. Die erhöhten Platzanforderungen der Demokratie (Parlamentssäle) und der Bedarf an zusätzl. Verwaltungsräumen erforderten Anpassungen bei den R.n der Hauptorte. Die Eidgenossenschaft errichtete sich 1852-57 das Bundesrathaus (heute Bundeshaus West), für das Parlamentsgebäude (1894-1902) wurde der lat. Begriff der Curia verwendet (Curia Confoederationis Helveticae). Die Rathausneubauten des 19. und beginnenden 20. Jh. folgten älteren Vorbildern: La Chaux-de-Fonds 1803, Altdorf ab 1805, Le Locle 1839, das Stadthaus Winterthur von Gottfried Semper 1865-69, der Palazzo civico in Bellinzona von Enea Tallone 1924-25. Moderne Bauten finden sich unter den zahlreichen Gemeindehäusern der Nachkriegszeit (Uster von Bruno Giacometti 1960-62), die nach dem Vorbild der grösseren Städte oft auch als R. bezeichnet werden.


Literatur
– J. Gantner, A. Reinle, Kunstgesch. der Schweiz 4, 1962, 83-86
– B. Carl, Klassizismus 1770-1860, 1963, Taf. 18-27
– P.F. Kopp, Schweiz. Ratsaltertümer, 1972
– P.F. Kopp, «Vom Essen und Trinken in alten R.n», in SAVk 74, 1978, 46-69
Hôtels de ville et de gouvernement vaudois, 1994
– S. Tipton, Res publica bene ordinata, 1996

Autorin/Autor: Peter F. Kopp