10/11/2004 | Rückmeldung | PDF | drucken

Fabrikbauten

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Fabriken sind Arbeitshäuser, in denen eine grosse Anzahl von Lohnarbeitern mit Werkzeugen oder Maschinen Investitionsgüter oder Massenprodukte für den Konsum herstellen. Besondere Bauten für räumlich konzentrierte Produktion entwickelten sich bereits mit den Manufakturen. Vorläufer waren Klöster, Arbeitshäuser für Züchtlinge und Waisenkinder (z.B. das Zürcher Waisenhaus von 1637) und, was die Mechanik betrifft, Mühlen. In der Schweiz entstanden nach ital. Vorbild erste grössere Manufakturbauten - in der zeitgenöss. Sprache als Fabriken bezeichnet - für die Seidenzwirnerei (1730 Seidenmühle Zürich, 7'776 Spindeln), nach franz. Vorbild solche für die Stoffdruckerei (ab 1691 Kattundruckereien in Genf, Neuenburg, Basel, Zürich und im Thurgau). Die Kattundruckereien wurden in der Regel schlossartig mit Hofanlagen und im Stile des Klassizismus oder des Spätbarocks gestaltet.

Über England setzte sich das Fabriksystem international vorerst in der Baumwollspinnerei durch, ab 1802 mit der durch Wasserkraft betriebenen Spinnerei Hard bei Wülflingen auch in der Schweiz (Industrialisierung). Mit möglichst kurzen Kraftübertragungsdistanzen wurden um den Wasserradantrieb meist vier bis sechs Geschosse für Fabriksäle mit innerer Tragkonstruktion aus Holz und verputzten Hau- oder Feldstein-Aussenmauern in Form reiner Zweckbauten erstellt. Oft gestalteten die Unternehmer mit Weihern, Villen, Pärken, Fabriken und Arbeiterhäusern ihr eigenes kleines Reich. Mit Dampfkraft und Elektrizität konnten neue Raumkonzepte realisiert werden. Die Schwerindustrie baute Hüllen um ihre internen Hebeeinrichtungen für Gussstücke und Maschinen: Eingeschossige Fabrikhallenbauten mit integrierten Kranbahnen fanden ab den 1850er Jahren Verbreitung. Für die Arbeitsplatzbeleuchtung in den tiefen Bauten wurden Sägezahndächer (sog. Shedhallen, nach dem engl. Shed-Patent) und Oblichtdächer (nach den Schweizer Patenten von Carl Arnold Séquin und Karl Löhle) erstellt. Eisen, Glas und Backsteine setzten sich als wichtigste Baumaterialien durch. In den Jahrzehnten des Stilpluralismus um 1900 dienten Fabrikfassaden der Repräsentation von Kapitalkraft und für Werbezwecke (z.B. Brauerei Feldschlösschen in Rheinfelden, Elektrizitätswerke). Die Hinwendung vom Historismus zum Neuen Bauen führte zu einer Zweckarchitektur mit Betonkonstruktionen, kubischen Formen und Ablesbarkeit der Nutzung (z.B. Sulzer in Winterthur, 1912 und 1932).


Literatur
– H.-P. Bärtschi, Industrialisierung, Eisenbahnschlachten und Städtebau, 1983, 444-472

Autorin/Autor: Hans-Peter Bärtschi