29/08/2005 | drucken

Volkskunde



V. (europ. Ethnologie) ist die empir. und vergleichende Wissenschaft von der Alltagskultur. Als Erfahrungswissenschaft untersucht sie kulturell geprägte Verhaltensweisen, Sachgüter, Einstellungen, Werte und Symbole, die im Alltag typisch und für Lebenswelten sinngebend sind. War die traditionelle V. eher auf untere und mittlere Sozialschichten - daher auch die Bezeichnung V. - ausgerichtet, so bezieht die heutige Forschung auch die bürgerl. Kultur mit ein. Der wissenschaftl. Standort variiert je nach Betrachtungsweise: V. erscheint z.B. als Synthesenfach zwischen Ethnologie, Soziologie und Alltagsgeschichte, als regionale Sozialgeschichte oder als Regionalethnografie. Die vorzugsweise auf kleinere Gruppen und Lebenswelten (z.B. Familie, Nachbarschaft, Vereine, Berufsgruppen, Gemeinde, Quartier und Region) gerichteten Zugänge verhelfen zu fachl. Eigenständigkeit, schwergewichtig unter dem Aspekt von Symbolstrukturen und Kommunikation.

Im Vordergrund stehen Mikroanalysen, die auch hist. Entwicklungen einschliessen. Die Gegenstandsbereiche der V. decken den ganzen Alltag ab, erfahren gemäss Fachverständnis und Zeitstil jedoch unterschiedl. Gewichtung. Nach langer Hinwendung zu bäuerl.-alpinen Lebenswelten, oft in hist. Betrachtung, öffnete sich die moderne V. vermehrt gegenwartsbezogenen Themen, auch interdisziplinär. Sie erschliesst städt. Alltagsleben, Kulturkontakte, Folklorismus und Tourismus ebenso wie geschlechts- und altersspezif. Lebenslaufgestaltung, Massenkultur oder die Technisierung des Alltags. Mit dem Verweis auf den herkömml. Kanon (z.B. Nahrung, Kleidung, Wohnen, Geräte, Brauch, Fest, Spiel, Frömmigkeit, Aberglaube, Lied und Sage) lassen sich viele Erscheinungen zwischen Tradition und Moderne nicht mehr erklären - neue Konzepte und Kontextualisierung drängen sich auf.

Die volkskundl. Betrachtungsweise versucht, Alltag und Lebenswelten funktional ganzheitlich oder segmentär zu erschliessen und auch den Wandel von Vermittlungsprozessen zu erfassen. Allgemein sind hermeneut. Ansätze von zentraler Bedeutung. Während sich die aktuelle Feldforschung hauptsächlich qualitativer Methoden (teilnehmende Beobachtung, Interview) bedient, betreibt die hist. V. Quellen-, Objekt- und Bildanalysen.

Die V. der Schweiz formierte sich auf der Basis philolog.-hist. bzw. dialektolog. Interessen und überwand die mytholog. Reliktforschung ohne nationalpolit. Färbung. In der Deutschschweiz gingen wichtige Impulse von der durch Eduard Hoffmann-Krayer 1896 gegründeten Schweiz. Gesellschaft für V. aus (Schweiz. Archiv für V., Aktion Bauernhausforschung, Atlas der schweiz. V., Internat. Volkskundl. Bibliographie, Abteilung Film), ebenso vom 1937 in Basel eröffneten Institut für V. und vom Schweiz. Museum für V. (1944), dem heutigen Museum der Kulturen in Basel. Den ersten Lehrstuhl richtete die Univ. Zürich 1946 ein, Basel folgte 1965. In Bern wurde V. bis 2001 in Germanistik und Dialektologie verankert, während Neuenburg und Freiburg Regionalkulturelles der Ethnologie, Lausanne und Genf den Sozialwissenschaften und den Museen zuwiesen.


Literatur
– E. Hoffmann-Krayer, Feste und Bräuche des Schweizervolkes, 1913, (Neudr. 1940 und 1992)
– R. Weiss, V. der Schweiz, 1946 (41984)
ASV, 1950-89
– H. Bausinger, V.: von der Altertumsforschung zur Kulturanalyse, 1971
Beitr. zur Ethnologie der Schweiz, 1980
Encycl.VD 10-11
– C. Burckhardt-Seebass, «Spuren weibl. V.», in SAVk 1991, 209-224
Hb. der schweiz. Volkskultur, hg. von P. Hugger, 3 Bde., 1992
– A. Niederer, Alpine Alltagskultur zwischen Beharrung und Wandel, 1993
Zürcher Beitr. zur Alltagskultur, hg. von U. Gyr, W. Leimgruber, 1996-
– U. Gyr, «Ethnologie aus der Sicht der Schweiz. V.», in Europ. Ethnologie - Ethnologie Europas, hg. von C. Giordano, J. Rolshoven, 1999, 45-62

Autorin/Autor: Ueli Gyr