Dialektologie

Die D. ist eine Teildisziplin der Sprachwissenschaft und beschäftigt sich mit der Erforschung von Dialekten. Die im 19. Jh. einsetzende traditionelle Mundartforschung verstand sich als hist.-positivist. Disziplin und untersuchte v.a. ländl.-autochthone Dialektgebiete. Da die Mundarten ältere Sprachformen in grösserem Mass bewahren als die einer stärkeren Normierung unterworfene Hochsprache, zielte deren Analyse auf eine Rekonstruktion früherer Sprachzustände. Ausgehend von den USA und England wendet sich seit der Mitte des 20. Jh. die D. mit modernen linguist. Methoden auch der Erforschung der Dialekte in ihrem sozialen und pragmat. Kontext in sprachlich komplexen städt. Agglomerationen und Zentren zu. Basis jeder dialektolog. Arbeit ist das Sammeln von Material und dessen Publikation in Wörterbüchern, Grammatiken und Monographien von Regionen und Orten, in Sprachatlanten sowie auf Tonträgern.

In der dt. Schweiz leistet die D. mit der Erforschung einer auch im öffentl. Raum lebendigen Dialektkultur einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der diglossischen Sprachsituation und zur Sprachpolitik. In der franz. Schweiz, in der die Dialekte bis auf Reste ausgestorben sind, und in der ital. Schweiz, in der sie trotz einer bis heute existierenden Dialektkultur (Theater, Lied, Dialektliteratur) nie ein hohes Ansehen genossen haben, hat die D. v.a. hist.-dokumentierende Funktion. In der rätorom. Schweiz mit ihrer vom Aussterben bedrohten Sprache hat die Erforschung der rätorom. Idiome, auf die der Begriff Dialekte nur bedingt anwendbar ist, auch spracherhaltende, die sprachwissenschaftl. Arbeit im Bereich der Etablierung der Standardsprache Rumantsch Grischun v.a. normative Funktion (Rätoromanisch).

Am Anfang der schweiz. D. stehen Wörterbuchautoren wie der Luzerner Theologe Franz Josef Stalder mit seinem zweibändigen "Versuch eines schweiz. Idiotikon" (1806-12, Neuausgabe 1995) und der Waadtländer Theologe und Schriftsteller Philippe-Sirice Bridel mit seinem "Glossaire du patois de la Suisse romande" (1866). In der Folge entstanden in einer für die Schweiz charakterist. Zusammenarbeit von Laien und Hochschuldialektologen in allen Sprachgebieten zahlreiche regionale und vier noch in Bearbeitung stehende nationale Dialektwörterbücher: das "Schweiz. Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdt. Sprache" (ab 1881), das "Glossaire des patois de la Suisse romande" (ab 1924), das "Dicziunari Rumantsch Grischun" (ab 1939) und das "Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana" (ab 1952).

Mit seiner Ortsgrammatik "Die Kerenzer Mundart des Kt. Glarus" (1876) eröffnete Jost Winteler die monograf. Arbeit. Wichtige Publikationsorgane für deren Ergebnisse wurden die Reihen "Beiträge zur schweizerdt. Grammatik" (20 Bde., 1910-41), "Beiträge zur schweizerdt. Mundartforschung" (24 Bde., 1949-82), "Sprachlandschaften" (ab 1984) und "Romanica Helvetica" (ab 1922) sowie die Zeitschrift "Vox Romanica" (ab 1941). Sprachgeogr. Grundlagenwerke für die Schweiz sind der von Karl Jaberg und Jakob Jud begründete "Sprach- und Sachatlas Italiens und der Südschweiz" (8 Bde., 1928-40) sowie der von Heinrich Baumgartner (1889-1944) und Rudolf Hotzenköcherle begründete "Sprachatlas der dt. Schweiz" (8 Bde., 1962-97). Hotzenköcherle legte mit der Publikation "Die Sprachlandschaften der dt. Schweiz" (1984) erste wichtige Auswertungen des Sprachatlasmaterials vor. Der Germanist Albert Bachmann und der Romanist Louis Gauchat gründeten 1913 das Phonogrammarchiv der Univ. Zürich, das akust. Dialektdokumente archiviert und Ton- und zugehörige Textdokumente veröffentlicht, wie z.B. "Stimmen der Heimat" (1939), "Der sprechende Atlas" (1952) und "Schweizer Dialekte in Text und Ton" (ab 1951).


Literatur
– S. Sonderegger, Die schweizerdt. Mundartforschung 1800-1959, 1962
– M. Burger, «La tradition linguistique vernaculaire en Suisse romande: les patois», in Le français hors de France, hg. von A. Valdman, 1979, 259-269
– R. Ris, «D. zwischen Linguistik und Sozialpsychologie», in Zs. f. dt. Literaturgesch. 26, 1980, 73-96
Die vierspr. Schweiz, hg. von H. Bickel, R. Schläpfer, 1982 (22000)
– R. Börlin, Die schweizerdt. Mundartforschung 1960-1982, 1987
– D. Petrini, La koiné ticinese, 1988
– R. Liver, Rätoromanisch, 1999
Gömmer MiGro?: Veränderungen und Entwicklungen im heutigen SchweizerDeutschen, hg. von B. Dittli et al., 2003

Autorin/Autor: Christian Schmid