Raumfahrt

Der Vorstoss des Menschen in den erdnahen und interplanetaren Weltraum mit automat. oder von Menschen gesteuerten Raumfahrzeugen hat zum Ziel, die Erde als Planeten zu beobachten, Himmelskörper unseres Sonnensystems zu erforschen und Astronomie jenseits der behindernden Erdatmosphäre zu betreiben.

Die Schweiz spielt seit den ausgehenden 1950er Jahren in der R. eine aktive Rolle. Auf Einladung des Bundesrats fand 1960 in Meyrin bei Genf die weltweit erste Regierungskonferenz über internat. R.-Zusammenarbeit statt. Aus ihr ging 1964 die Europ. Raumforschungsorganisation Esro hervor. 1975 bildete sich durch den Zusammenschluss der Esro mit der ebenfalls 1964 gegr. Europ. Trägerraketenorganisation Eldo die Europ. Weltraumorganisation ESA (European Space Agency). Die ESA ist ein Beispiel erfolgreicher europ. Zusammenarbeit. Sie ist finanziell und institutionell unabhängig von der EU und umfasste 2010 18 Mitgliedstaaten. Die Schweiz, Gründungsmitglied von Esro und ESA, gab wesentl. Impulse zur Konzeption und Struktur der Organisation. Sie leistete im Jahr 2009 Beiträge in der Höhe von 150 Mio. Fr. (3,3% des Gesamtbudgets). Dank den ESA-Programmen gehört Europa heute zu den grössten "Weltraummächten" der Erde, neben den USA, Russland und China.

Die ersten grösseren Beiträge der Schweiz an die internat. R. datieren aus den 1960er Jahren. 1967 startete die von der Firma Contraves entwickelte Höhenforschungsrakete Zenit Messgeräte, die von der Univ. Bern und vom Observatoire de Genève entwickelt worden waren. Ein erster Höhepunkt für die schweiz. Weltraumforschung war 1969 die Mondlandung von Apollo 11, bei der als einziges nichtamerikan. Experiment ein segelförmiges Instrument zur Analyse des Sonnenwinds mitgeführt wurde, eine Gemeinschaftsentwicklung der Univ. Bern und der ETH Zürich. Schweizer Institute waren auch an der Analyse von Mondbodenproben beteiligt. In Anknüpfung an diese Pionierleistung organisierte die Schweiz 1994 in Beatenberg das erste internat. Symposium über die Rückkehr zum Mond.

Heute gibt es an allen schweiz. Universitäten, an den beiden Eidg. Techn. Hochschulen, am Physikal.-Meteorolog. Observatorium Davos und am Paul-Scherrer-Institut in Villigen Forschungsgruppen, die im Rahmen von ESA-Programmen oder in direkter Kooperation mit der Nasa und der russ. R. an weltraumwissenschaftl. Missionen beteiligt sind. Sie werden meist vom Schweiz. Nationalfonds unterstützt und von der Komm. für Weltraumforschung der Schweiz. Akademie der Naturwissenschaften koordiniert. Zu den wichtigsten Projekten mit schweiz. Mitwirkung zählen die ESA-Magnetosphärensonden Geos (ab 1977), das Weltraumlabor Spacelab (seit 1981), die Giotto-Sonde der ESA zum Kometen Halley (1985-86), der ESA-Sternvermessungssatellit Hipparcos (1989), die ESA-Sonnenpolsonde Ulysses (1990), das ESA-Infrarotobservatorium ISO (1992), das ESA-Sonnenobservatorium Soho (1995), die Nasa-Magnetosphärensatelliten ISEE-1 (1977), DE (1981), Ampte (1984) und Polar (1995), die Nasa-Sonnenwindsonden ISEE-3 (1978) und Wind (1994), die russ. Marssonden Phobos (1988), die russ. Raumstation Mir (1986-2001), die Astronomiemission Integral (seit 2002), die Kometenmission Rosetta (seit 2004), die Huygens-Sonde, welche 2005 auf dem Titan landete, das Automat. Transfervehikel der Internat. Raumstation und die zwei Teleskope Herschel und Planck (seit 2009). Der Schweizer Astronom und Pilot Claude Nicollier gehörte zur ersten Gruppe von ESA-Astronauten und war bei vier Missionen des Space Shuttle (1992, 1993, 1996, 1999 mit Weltraumspaziergang) im Rahmen von gemeinsamen Projekten der ESA und Nasa im Einsatz.

Im Bereich der Erdbeobachtung mit den europ. Wettersatelliten (Meteosat ab 1977, MetOp ab 2006) und den ESA-Fernerkundungssatelliten (ERS ab 1991, Envisat ab 2002, EarthExplorer-Missionen ab 2009) sind schweiz. Hochschulinstitute und das Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie MeteoSchweiz aktiv beteiligt. Mehrere Forschergruppen führen überdies biolog., medizin. und materialwissenschaftl. Experimente unter Schwerelosigkeit durch. Seit 1995 bestehen in der Schweiz auch zwei internat. Institute zur koordinierten Auswertung von Messdaten wissenschaftl. Satelliten: das International Space Science Institute (ISSI) in Bern und das auf die Gammastrahlen-Astronomie spezialisierte Integral Science Data Centre (ISDC) in Versoix. Die Leistungen der schweiz. Industrie konzentrieren sich auf den Bau der Nutzlastverkleidungen der Ariane-Trägerraketen, Satellitenstrukturen, feinmechan. und mikrotechn. Elemente, Zeit- und Frequenzstandards für Satelliten sowie auf eine Reihe weiterer anspruchsvoller weltraumtechn. Produkte für den Bau und die Ausrüstung von Satelliten, Trägerraketen, Startanlagen und Bodenstationen.

Neben ihrer Mitgliedschaft in der ESA ist die Schweiz auch vier internat. Satelliten-Betriebsorganisationen beigetreten: der 1964 gegr. Intelsat (Internat. Fernmeldesatelliten-Organisation), der 1976 gegr. Inmarsat (Internat. Hochseefunksatelliten-Organisation), der 1982 gegr. Eutelsat (Europ. Fernmeldesatelliten-Organisation) und der 1983 gegr. Eumetsat (Europ. Wettersatelliten-Organisation).


Literatur
– W. Büdeler, Gesch. der R., 21982
– B. Stanek, R. Lex., 1983
Europa im Weltraum - und die Schweiz?, 1991
– J.-B. Desfayes, Espace Nicollier, 1992
Die Schweiz, Europa und die R., 2000

Autorin/Autor: Peter Creola