Glaziologie

G. als Wissenschaft von Schnee und Eis ist unterteilt in die Teilgebiete Schnee und Lawinen, Meereis, Eis auf Flüssen und Seen, Gletscher und Eiskappen, jahreszeitlich und ganzjährig gefrorener Untergrund (Permafrost) sowie die kontinentalen Eisschilde Antarktis und Grönland. Die Schweiz als von den Eiszeiten stark beeinflusstes Hochgebirgsland mit Schnee, Gletschern und Permafrost weist eine lange Tradition international bedeutender glaziolog. Forschungstätigkeit auf. Das gilt ganz besonders für die frühe Erforschung der Gletscher.

Vermutlich die älteste Beschreibung der Form und Ausdehnung eines Gletschers, nämlich des Rhonegletschers im Jahr 1546, ist in der "Kosmographey" von Sebastian Münster (1561) enthalten. Als Begründer der wissenschaftl. Alpenkunde (Alpen) und Erforschung der Gletscher gilt der Universalgelehrte Johann Jakob Scheuchzer ("Beschreibung der Natur-Geschichten des Schweitzerlandes" 1706-08). Johann Heinrich Hottinger befasste sich in seiner bahnbrechenden "Descriptio montium glacialium Helveticorum" (1703) als Erster mit der Entstehung, Bewegung und Grösse der Gletscher. Die frühesten grösseren Werke, die sich ausschliesslich mit der alpinen Gletscherwelt auseinandersetzen, erschienen um die Mitte des 18. Jh.: Johann Georg Altmanns "Versuch einer hist. und phys. Beschreibung der Helvet. Eisbergen" (1751) und Gottlieb Sigmund Gruners "Die Eisgebirge des Schweitzerlandes" (1760). Sie brachten jedoch keine wesentl. Erkenntnisfortschritte. Dies änderte sich mit den Arbeiten von André-César Bordier (1773), Alexandre Charles Besson (1780, 1786), v.a. aber mit den "Voyages dans les Alpes" (1779-96) von Horace Bénédict de Saussure. Als wichtige Neuerungen kamen eigene Beobachtungen und Messungen der Gletscherbewegung hinzu sowie eingehende Beschreibungen der Moränenwälle.

Das 19. Jh. brachte schliesslich nicht nur den Durchbruch der Eiszeittheorie durch Ignaz Venetz (1833), Louis Agassiz (1840, 1847) und Jean de Charpentier (1841), sondern auch die ersten systemat. Untersuchungen an und auf den Gletschern. Wegweisend waren die sog. Gletscherkampagnen von Franz Joseph Hugi von 1827-31 sowie von Louis Agassiz und seinen Gefährten 1840-45 auf dem Unteraargletscher. Ein glaziolog. Monumentalwerk schuf Daniel Dollfus-Ausset (1863-72). Den Wissensstand der G. im 19. Jh. fasste Albert Heim 1885 in seinem "Handbuch der Gletscherkunde" zusammen.

Auf Initiative des Schweizer Alpen-Clubs (SAC) und der Schweiz. Naturforschenden Gesellschaft wurde 1869 ein Gletscherkollegium (Vorläufer der 1893 gegr. Gletscherkomm.) ins Leben gerufen und der Rhonegletscher als Untersuchungsobjekt gewählt. Die Ergebnisse der langjährigen Forschungen am Rhonegletscher (1874-1913) publizierte Paul-Louis Mercanton 1916. 1880 veranlasste François-Alphonse Forel die jährl. Beobachtung der schweiz. Gletscherzungen. Er wurde 1894 Präs. der neu gegründeten internat. Gletscherkommission. Mit ihr wurden die systemat. Gletscherbeobachtungen nach dem Vorbild des 1893 für die Schweiz eingerichteten Messnetzes weltweit koordiniert. Die Nachfolgeorganisation, der World Glacier Monitoring Service (WGMS), wird heute noch in der Schweiz an der Univ. Zürich geführt.

Die Grönlandexpedition von Alfred de Quervain von 1912 markierte das frühe Engagement der Schweiz in den Polarregionen. Heute sind Schweizer Spezialisten führend an der Analyse von tiefen Eisbohrkernen aus Grönland und der Antarktis beteiligt. Die physikal.-chem. Zusammensetzung des Eises gibt wichtige Aufschlüsse über die Atmosphärengeschichte, insbesondere die Entwicklung des globalen Treibhauseffekts und der Luftverschmutzung (Klima).

Mit der Eröffnung des Eidg. Instituts für Schnee- und Lawinenforschung Weissfluhjoch-Davos 1943 festigte die Schweiz ihre führende Rolle im entsprechenden Teilgebiet. Neben dem Umgang mit Lawinen als Naturgefahr steht heute der Schnee als ökonom. und ökolog. Faktor sowie als wichtiger Teil des Wasserkreislaufes im Hochgebirge im Vordergrund des Interesses.

Im Gegensatz zu den subpolaren Tiefländern von Sibirien, Alaska und Kanada setzte die Erforschung des Permafrostes im Hochgebirge erst um 1970 ein. Interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener geowissenschaftl. Institutionen und der Einsatz hoch entwickelter Technologien (Bohrungen, geophysikal. Sondierungen, numer. Modelle, Geoinformatik) prägen dieses jüngste Forschungsgebiet der G. in der Schweiz von Beginn an. Eine umfassende Ausbildung wird seit Mitte der 1980er Jahre an der Universität und der ETH Zürich angeboten. Seit Mitte der 1990er Jahre beteiligt sich die Schweiz am Aufbau nationaler und internat. Messnetze im Hinblick auf mögl. Klimaänderungen, wobei die Entwicklung der Gebirgsgletscher ein wichtiger Indikator darstellt. Wie schon die Diskussion über die Eiszeiten, die während des 19. Jh. in die Auseinandersetzung um die Sintfluttheorie und das christl. Schöpfungsbild geriet, geht es im wissenschaftl. Diskurs um den gegenwärtigen Eisschwund im Zusammenhang mit Einflüssen des Menschen auf die Klimaentwicklung der kommenden Jahrzehnte und Jahrhunderte um weltanschaul. Aspekte - hier um die Veranwortung für die Lebensqualität zukünftiger Generationen.


Literatur
– R. Haefeli, «Research on Snow, Avalanches, Ice and Glaciers», in The Development of Geodesy and Geophysics in Switzerland, hg. von J.C. Thams, 1967, 72-83
– G. de Q. Robin, C. Swithinbank, «Fifty Years of Progress in Understanding Ice Sheets», in Journal of Glaciology, Special Issue 1987, 33-47
Into the Second Century of Worldwide Glacier Monitoring - Prospects and Strategies, hg. von W. Haeberli et al., 1998

Autorin/Autor: Wilfried Haeberli, Hanspeter Holzhauser