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Morges (Gemeinde)

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Polit. Gem. VD, Hauptort des gleichnamigen Bez., 10 km südwestlich von Lausanne in einer Bucht gelegen, die eine natürl. Anlegestelle bildet. Der Ort mit einer Fläche von nur 3,41 km² liegt an der grossen hist. Handelsachse am rechten Genferseeufer und bildet eines der städt. Zentren der Côte. 1288 Morgia, dt. früher Morsee. 1459 130 Haushalte; 1721 1'942 Einw.; 1764 2'385; 1850 3'241; 1900 4'421; 1950 6'456; 2000 14'154.

1 - Frühgeschichte

Die unter Denkmalschutz stehenden, heute überfluteten frühgeschichtl. Dörfer auf der Höhe von M. wurden ab 1854 von den Archäologen Adolf von Morlot, François Forel, François-Alphonse Forel und Frédéric-Louis Troyon untersucht. Grande-Cité, die grösste und berühmteste Seeufersiedlung, wurde in der Spätbronzezeit genutzt (1031 v.Chr. als einziges dendrochronolog. Datum). Pfahlwerk und Gebäudestrukturen haben sich zum Teil in situ erhalten. Ein Einbaum aus Eichenholz wurde etwa auf der Höhe der Siedlung entdeckt und 1877 zur Hälfte geborgen (heute im Musée d'art et d'histoire in Genf).

Etwa hundert Meter weiter nördlich liegt die Siedlung Vers-l'Eglise, die ebenfalls in der Spätbronzezeit bewohnt war. Ihre erste Belegung reicht jedoch ins Spätneolithikum zurück, nach den in der entsprechenden Schicht aufgefundenen Keramikobjekten zu urteilen in die Zeit zwischen ca. 2900 und 2700 v.Chr. Die Station Vers-l'Eglise weist eine sog. Ténevière (grössere Kiesaufschüttung) auf, die vermutlich in Zusammenhang mit den Hauseinheiten zu interpretieren ist.

Nordöstlich der Grande-Cité liegt die dritte Seeufersiedlung, Les Roseaux, deren erste Besiedlungsphase in die Frühbronzezeit fällt. Zahlreiche Gegenstände wurden hier gefunden, so Randleistenbeile aus Bronze und Tassen aus Feinkeramik (sog. Typus Roseaux). Die Anordnung des Pfahlwerks zeigt die Organisation der Hütten, die im rechten Winkel zum heutigen Ufer ausgerichtet sind. Dendrochronolog. Untersuchungen des Pfahlwerks weisen auf eine Belegung zwischen 1776 und 1600 v.Chr. hin. Eine letzte, kürzere Besiedlungsphase ist der Spätbronzezeit zuzuordnen (dendrochronolog. Datierung 1055 v.Chr.).

Die Bucht von M., deren frühgeschichtl. Siedlungen bemerkenswert gut erhalten sind, scheint später verlassen worden zu sein. Möglicherweise wurde sie von mehreren galloröm. villae der Region landwirtschaftlich genutzt. Ein Gräberfeld aus unbestimmter Zeit wurde im Gebiet En Saint-Jean entdeckt.

Autorin/Autor: Pierre Corboud / CSC

2 - Mittelalter

1286 gründete Ludwig I. von Savoyen in dem Weidegebiet, in dem schon vorher ein Galgen stand, eine Stadt. Eine Burg sorgte für deren Schutz. Städt. Freiheiten sind 1293 belegt. Die Stadtgründung erfolgte auf Kosten der Herrschaft Vufflens, des Bistums Lausanne und des Klosters Romainmôtier, die dort über Rechte verfügten. Die Stadt entwickelte sich rasch zu einem Verwaltungs- und Marktzentrum und zu einem Umschlagplatz für den Gütertransport zu Wasser und zu Lande.

Im MA war M. saisonale Residenz des Hofs von Savoyen und Sitz einer Kastlanei. Das städt. Territorium bildete ein einziges Lehen, das dem sog. Klafterzins (droit de toisé) unterstellt war, einer Abgabe, die nach der zur Strasse hin gerichteten Stirnseite der jeweiligen Parzelle bemessen wurde. Der Plan der seit ihrer Gründung durch Befestigungen begrenzten Stadt entsprach denjenigen der Zähringerstädte; die Anlage war durch zwei 13-18 m breite Längsstrassen - angelegt für die grossen Jahrmärkte - sowie eine dritte, parallel geführte Strasse geprägt, die von der raschen Erweiterung des ursprüngl. Stadtplans zeugt (Couvaloup, 1318 erw.). Hinzuweisen ist ferner auf den rechtwinklig angelegten Platz für den Wochenmarkt, die Gässchen mit Abwasserkanälen sowie die streifenförmigen Parzellen. Die meisten Häuser waren mit Innenhöfen für Licht und Belüftung, manche zudem mit Wendeltreppen und Lauben ausgestattet. Die religiösen Einrichtungen sowie die mit ihnen verbundenen Fürsorge- und Bildungsanstalten mit Pfarrhäusern, dem Spital und dem Kollegium befanden sich in der Nordhälfte des Ortes in der Nähe der Kirche. Der Handel entfaltete sich dagegen v.a. in der südl. Stadthälfte, rund um den Hafen und den Marktplatz. Dort lagen auch die Markthallen, das Kornhaus, das Schlachthaus und die wichtigen Gasthöfe, deren bedeutendste die Auberge de la Croix Blanche (Grande-Rue 70-72, Fassade in spätgot. Stil, um 1550) war.

Das Schloss im Süden der Stadt gleicht mit seinem annähernd quadrat. Grundriss und den vier runden Ecktürmen demjenigen von Yverdon, das vielleicht als Vorbild diente. Einer der Rundtürme, mächtiger und etwas stärker abgesetzt als die anderen, diente als Hauptturm. Der erhöhte Innenhof bedeckt die ma. Kasematten, die bereits um 1340 bezeugt sind. An der Seeseite war aussen - einzigartig in der Schweiz - eine befestigte Küche an die Festung angegliedert, die 1363 repariert und in Berner Zeit in eine Plattform für Schützen, später in eine Aussichtsterrasse umgewandelt wurde.

Die ersten Syndics sind um 1375 bezeugt. Das Rathaus, gegen 1515-20 errichtet, ist das älteste öffentl. Gebäude dieser Art im Kt. Waadt (vorstehender Treppenturm, monumentales Portal von 1682, Fassaden im spätgot. Stil). Vor seiner Errichtung waren die öffentl. Versammlungen in der Kirche, im Spital oder in einer Herberge abgehalten worden. Bis ins 16. Jh. führte ein Kl. Rat mit sechs oder sieben Migliedern sowie ein Generalrat (Conseil général) die laufenden Geschäfte. 1514 wurden stattdessen je ein zwölf- und ein vierundzwanzigköpfiger Rat eingerichtet, die beide bis zum Ende des Ancien Régime bestanden. Die Gem., deren erste Statuten von 1511 datieren, besass ihre eigenen Masseinheiten, ihr Schützenfest au papegay (1518 bezeugt; die Schützenkönige erhielten Kronen, die zu den ältesten erhaltenen des Kt. Waadt gehören), zwei Gemeindebacköfen, ein 1328 erw. Prundhaus, ein Siechenhaus (1340-1564) und ein dem Hl. Rochus geweihtes Spital (1518). Der Pranger befand sich auf dem Marktplatz, das Gefängnis auf der Burg, der herrschaftl. Galgen in Tolochenaz.

Kirchlich gehörte M. im MA zur ehem. Pfarrkirche Notre-Dame in Joulens (Gem. Echichens). Die Stadtkapelle, die 1306 erstmals ohne Hinweis auf das Patrozinium erwähnt ist (1490 Notre-Dame), war auf der Lausanner Seite an die Befestigungsmauer angelehnt; ihr ausspringender Turm, der an das Stadttor grenzte, diente auch der Verteidigung. Ab 1537 bildete M. mit Tolochenaz eine Kirchgemeinde; die Kapelle wurde für den ref. Gottesdienst umgewandelt. 1769 wurde sie abgerissen. Ausserhalb der Stadtmauern, aber auf dem Gebiet von M. lag auf der Genf zugewandten Seite zudem das 1497-1500 gegr. Kloster der Colettaner, das auch als Franziskanerabtei bezeichnet wurde. Eidg. Truppen verwüsteten es 1530 und 1536. An seiner Stelle befand sich dann lange der Friedhof.

Autorin/Autor: Paul Bissegger / CSC

3 - Frühe Neuzeit

Stadt und Schloss wurden 1475 und 1530 geplündert. Nach der Eroberung der Waadt durch die Berner 1536 wurde M. 1539 das Zentrum einer Vogtei. Das Schloss war in einem bedauernswerten Zustand. Die neuen Herren liessen die obere Hälfte der Befestigungen in den 1540er Jahren neu errichten, um sie den Erfordernissen der Artillerie anzupassen. Da sich M. nicht rasch genug den Bernern angeschlossen hatte, musste es die beiden Stadttore schleifen. 1769 und 1803 wurden diese endgültig zerstört. Aus der frühen Neuzeit, einer Epoche des Wohlstands, stammt ein reiches Erbe an Bauten, so z.B. das Berner Kornhaus (1690-92, mit Salzmagazin) am Ort eines vormals befestigten Privathauses, von dem noch einige Bauspuren zeugen, das um 1560 umgebaute heutige Museum Forel an der Grande-Rue 54 mit dem Arkadeninnenhof von 1670 sowie das Gebäude an der Grande-Rue 94 mit seiner bemerkenswerten Fassade von 1682. Eine Lateinschule (scola grammaticalis) bestand in M. bereits in der 2. Hälfte des 15. Jh. Das um 1574 erbaute Collège de Couvaloup war auch von den grossen Vorbildern der Akadamien von Genf, Lausanne und Bern inspiriert. Das neue, 1769-76 erstellte Gotteshaus ist vom franz. Klassizismus beeinflusst und zählt zu den Meisterwerken der ref. Architektur in der Schweiz. Ein deutschsprachiger Gottesdienst ist mit Unterbrechungen ab 1710 belegt. Ab dem ausgehenden 18. Jh. wurden auch die Gebiete ausserhalb der Stadtmauern überbaut. In versch. Bauwellen entstanden Landhäuser (La Gottaz, La Prairie, La Gracieuse) sowie die Vorstädte an den Ausfallstrassen Richtung Lausanne und Genf.

Eine kleine Hafenanlage ist 1536 bezeugt, von der aus bald ein Kursschiff nach Genf verkehrte. 1664 wurde ein einfacher Hafendamm aus Pfählen gebaut, der allerdings den zeitgenöss. Galeeren keinen Schutz bot. Die Berner Regierung beschloss deshalb, in M. und nicht in Lausanne-Ouchy einen Handels- und Militärhafen anzulegen, der ihre kleine Flotte aufnehmen konnte. 1691-96 entstand der heutige Hafen mit zwei kurvenförmigen Molen, 1702 dann das Zollgebäude. Da M. Ausgangspunkt für mehrere Verkehrsverbindungen wie z.B. den Chemin des Mulets nach Payerne war und in gewisser Weise die Einmündung des Entreroches-Kanals (1638-1829) in den Genfersee bildete, war der Ort ein bedeutender Umschlagplatz für Güter wie Salz, Wein und Getreide. Die wirtschaftl. Aktivitäten von M., seit dem MA ein Markt- und Umschlagplatz, waren stärker auf den Transitverkehr als auf die Güterproduktion ausgerichtet. Die Schuhmacher, die ihre eigene Bruderschaft und Schützengesellschaft hatten, waren im 16. und 17. Jh. sehr einflussreich. Sie wurden im 18. und 19. Jh. durch die Gerber abgelöst, denen nun im lokalen Gewerbe grösseres Gewicht zukam. Zu den grössten sozioprofessionellen Gruppen gehörten am Ende des Ancien Régime 1798 - in der Reihenfolge ihrer Bedeutung - die Rentiers, Kaufleute, Weinbauern, Landwirte, Schuhmacher, Schneider, Zimmerleute und Schreiner.

Autorin/Autor: Paul Bissegger / CSC

4 - 19. und 20. Jahrhundert

M. hatte im Ancien Régime eine bedeutende wirtschaftl. und kulturelle Entwicklung erlebt und verfügte seit 1767 über eine öffentl. Bibliothek. Der Ort wurde zum Nährboden für Patrioten (Jean-Jacques Cart, Henri Monod, Jules Muret) und zu einem Zentrum der Waadtländer Revolution. 1798 wurde M. Bezirkshauptort. Mit dem Anschluss an die Eisenbahnlinie und dem Bau des Bahnhofs entstand an der westl. Peripherie der Stadt ein neuer Entwicklungsschwerpunkt. Die erste Eisenbahnlinie des Kantons verband 1855 M. mit Yverdon. Dann folgten 1856 die Strecke M.-Lausanne, 1858 die Strecke M.-Genf und schliesslich 1895 die Strecke M.-Bière-Apples, die das Hinterland erschloss. Während der 2. Hälfte des 19. Jh. erfuhr die Stadt dank der Dampfschifffahrt sowie des zeitweiligen Anschlusses des Hafens an die Eisenbahn (1855-62) eine Belebung der Geschäftstätigkeit. In unmittelbarer Hafennähe befand sich die Schiffswerft der Schifffahrtsgesellschaft Compagnie générale de navigation sur le lac Léman (1858-89). Das Schloss, das ab 1803 als kant. Zeughaus diente, wurde um 1836-39 durch einige Nutzbauten ergänzt und 1871 durch eine Explosion beschädigt. Von 1925 an beherbergte es das waadtländer Militärmuseum. In M. besteht seit 1844 eine kath. Kirche, seit 1862 eine Kapelle der Eglise libre und seit 1891 eine ref. Kapelle für Gottesdienste in dt. Sprache. 1922 wurde die kant. Landwirschafts- und Weinbauschule Marcelin gegründet (heute Agrilogie Marcelin). Versch. Unternehmen prägten das Wirtschaftsleben der Gem. im 19. und 20. Jh.: eine Gasfabrik (1867-1932), das Transportunternehmen Friderici AG (1890, dann in Tolochenaz), die Biscuitfabrik Oulevay AG (1899-1992), die Metallkonstruktionswerkstätte der Société industrielle de Morges (1907-79), die Giesserei Neeser AG (1947) und die Teigwarenfabrik Gala (1988-2005). Zwischen 1900 und 1940 dehnte sich die Stadt weiter aus; neue Villen- und Einfamilienhausquartiere entstanden. Auf den ersten Zonenplan von 1934 folgten 1957 und 1970 Richtpläne. Letzterer trägt auch der 1961-64 erbauten Autobahn, die das Gemeindegebiet in zwei Teile spaltet, sowie der Bevölkerungsexplosion ab den 1950er Jahren Rechnung. Seit 2007 ist die Gem. in das Agglomerationsprojekt Lausanne-M. eingebunden (Palm), das auf die Schaffung von 30'000 Arbeitsplätzen bis 2020 abzielt.

Autorin/Autor: Paul Bissegger / CSC

Quellen und Literatur

Literatur
HS V/1, 400-403
– P. Corboud, C. Pugin, «Les stations littorales de M. Vers-l'Eglise et des Roseaux: nouvelles données sur le Néolithique récent et le Bronze ancien lémaniques», in JbSGUF 75, 1992, 7-36
– P. Corboud, Les sites préhistoriques littoraux du Léman, Diss. Genf, 1996
Kdm VD 5, 1998
– S. Gervasi, J. Longchamp, M., traces d'un passé récent, 2007

Autorin/Autor: Paul Bissegger / CSC