• <b>Lutry</b><br>Ausschnitt aus  Thomas Schöpfs   Karte des Standes Bern. Kolorierter Kupferstich, 1578 (Zentralbibliothek Zürich, Abteilung Karten und Panoramen). Die schematische, aber doch detaillierte Darstellung zeigt das Genferseeufer zwischen Cully und Lutry. Im Ancien Régime erstreckte sich das Gebiet des Fleckens bis nach Savigny (links unten im Bild) und umfasste auch die Weiler Le Châtelard (Chastagnier) und Montagny. Die über die ganze Karte verteilten, stilisierten Rebstöcke weisen auf die Bedeutung des Weinbaus für die Region hin.

Lutry

Polit. Gem. VD, Bez. Lavaux-Oron, auf einer mehrstufigen Geländeterrasse zwischen Genfersee und Jorat gelegen, bestehend aus dem Städtchen L. sowie den Weilern Curtinaux, Savuit, Le Châtelard, Corsy, La Conversion, Echerins, Bossières, Le Daley, Montagny, Le Petit Bochat, Le Miroir und La Croix. Bis 1823 umfasste sie auch Savigny. 908 in Lustraco villam, 1124 monasterium Sancti Martini cum villa quae dicitur Lustriacus, 1147 Lustriey. 1416 200 Haushalte; 1550 191 (bzw. 902 Einw.); 1764 409 (bzw. 1'780 Einw., davon 507 in Savigny); 1798 2'433 Einw. (davon 785 in Savigny); 1850 2'011; 1900 2'243; 1950 2'916; 1980 5'884; 2000 8'270.

1 - Urgeschichte und Antike

Schon 1835 und wiederum 1894 wurden in Le Châtelard neolith. Grabstätten mit insgesamt rund dreissig Steinkistengräbern des sog. Chamblandes-Typs entdeckt. Sie enthielten drei Axtklingen aus behauenem Silex sowie Teile einer Muschelkette. 1895 stiess man in Montagny auf einen neuen Fundort mit Gräbern der gleichen Art wie in Le Châtelard. Sie sollen bedeutende Beigaben wie aus Hirschgeweih gefertigte Schäfte für Beile, eine geschliffene Steinaxt sowie steinerne Spinnwirtel enthalten haben. Diese Gegenstände, die in Ufersiedlungen des Neolithikums häufig anzutreffen sind, kommen im damaligen Inventarverzeichnis der Gräber jedoch nicht vor. 1927 befanden Archäologen deshalb, diese Funde seien fälschlicherweise den Grabstätten zugeordnet worden, und schrieben sie ohne weitere Belege einer vermuteten Ufersiedlung unterhalb von Montagny zu.

Im Aug. 1984 kam beim Bau des unterird. Parkhauses La Possession ein Alignement von 24 Menhiren, davon 18 noch aufrecht stehend, zu Tage. 13 grosse Menhire (2-4 m hoch) waren in einer Linie angeordnet, die elf anschliessenden kleineren Steine (0,3-0,8 m hoch) beschrieben eine Kurve Richtung Süden. Die Menhire werden in der Forschung traditionell dem Beginn des mittleren Neolithikums zugewiesen, doch legen Keramikreste eine Benutzung des Alignements bis gegen Ende des Neolithikums oder in die Frühbronzezeit nahe. Menhir Nr. 14 ist eine figürl. Stele, in die geometr. Verzierungen (x-förmig gekreuzte Linien, symmetr. Kreise, Zickzacklinie) eingeritzt sind. Die Darstellung einer längl. Form findet sich auch auf Menhiren in Südfrankreich. Seine bzw. ihre Bedeutung ist unbekannt.

An versch. Orten der Gem., so u.a. in Curtinaux, Le Châtelard, Savuit und Gantennaz, belegen Funde die Besiedlung in röm. Zeit. Es handelt sich dabei um Ziegel, Mauern, Teile von Bauten und Ornamenten sowie Mauerreste eines Aquädukts.

Autorin/Autor: Patrick Moinat / AHB

2 - Gemeinde und Priorat

Als ehem. Königsgut der Rudolfinger (Festungsturm aus dem 11. Jh. in Crêt-Bernard), das nach dem Tod Rudolfs III. zum Reichsgut wurde, kam L. 1079 durch eine Schenkung von Ks. Heinrich IV. an den Bf. von Lausanne und verblieb bis 1536 in dessen weltl. Herrschaftsgebiet. Die Abtei Saint-Maurice besass in L. etliche, 1263 erstmals erw. Güter, die sie 1017 vom Kg. von Burgund erhalten hatte. Zwischen 1025 und 1124 wurde aufgrund der Schenkung eines gewissen Anselme auf dem durch das Delta der Lutrive gebildeten Schwemmkegel ein Benediktinerpriorat gegründet, das der Abtei Savigny-en-Lyonnais (Rhône-Alpes) unterstand. Das Priorat, das mit zahlreichen Schenkungen und Kirchensätzen in den Diözesen Lausanne, Sitten und Genf bedacht wurde und um die fünfzehn Mönche zählte, nahm einen raschen Aufschwung. Es übte bis 1548 seine Herrschaft auch über Villette und Paudex aus. Zu Beginn des 15. Jh. gab es seine Leibeigenen frei. Das Städtchen L., dem der Bischof gewisse Freiheiten gewährt hatte, entwickelte sich ab dem 1. Viertel des 12. Jh. um das Priorat herum. 1368 dienten die Soldaten von L. unter den beiden Bannern des Priorats und des Bistums. Nur die Leute von Corsy unterstanden direkt der Herrschaft Corsier, die erst 1798 verschwand. Während des ganzen MA belasteten Konflikte die Beziehungen zwischen Mutterabtei, Priorat, Bischof und Städtchen.

<b>Lutry</b><br>Ausschnitt aus  Thomas Schöpfs   Karte des Standes Bern. Kolorierter Kupferstich, 1578 (Zentralbibliothek Zürich, Abteilung Karten und Panoramen).<BR/>Die schematische, aber doch detaillierte Darstellung zeigt das Genferseeufer zwischen Cully und Lutry. Im Ancien Régime erstreckte sich das Gebiet des Fleckens bis nach Savigny (links unten im Bild) und umfasste auch die Weiler Le Châtelard (Chastagnier) und Montagny. Die über die ganze Karte verteilten, stilisierten Rebstöcke weisen auf die Bedeutung des Weinbaus für die Region hin.<BR/>
Ausschnitt aus Thomas Schöpfs Karte des Standes Bern. Kolorierter Kupferstich, 1578 (Zentralbibliothek Zürich, Abteilung Karten und Panoramen).
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Städt. Charakter erhielt L. zu Beginn des 13. Jh. durch eine von Bf. Berthold erstellte Ringmauer (1212-19) und einen von Wilhelm von Ecublens errichteten Viereckturm, die sog. Tour de l'Evêque (1221-29). Die Weiler Curtinaux, Savuit, Le Châtelard und Corsy sowie die Quartiere Friporte, Voisinand und Bourg Neuf entstanden ausserhalb der Mauern, wobei bald eine zweite Ringmauer letztere wieder umfasste. 1291 wird das Spital des Priorats, 1348 jenes der Stadt erwähnt. Mit dem Bau eines inneren Hafens wurden 1408 Markthallen erstellt. Auf Betreiben der Mönche legte man um das Städtchen herum einen Weinberg an. Eine Bruderschaft des Hl. Geistes (1307) bildete den Beginn der Gemeindeorganisation. Vom 13. Jh. an trieb L. die Rodungen an den Monts-de-L. voran, die im 17. Jh. abgeschlossen wurden, und liess Felder, Weiden und Wälder durch Bauern bewirtschaften, die nach und nach das Bürgerrecht erhielten.

Die 1228 erstmals erw. Pfarrei L. umfasste auch Savigny (1598 abgetrennt), Belmont-sur-Lausanne (1766-1846) und Villette (1846-63). Die dem hl. Martin geweihte Prioratskirche diente auch als Pfarrkirche (Kreuzaltar dem hl. Klemenz geweiht). Nach dem teilweisen Neubau (1250-60) über einem Gebäude aus dem 11. Jh. wurde die Kirche 1344 nach einem Brand umgestaltet, zwischen 1569 und 1591 wieder instand gestellt und erweitert sowie 1889-1907 restauriert.

Um L. zu verwalten, setzte das Priorat einen Statthalter, die Bischöfe einen Meier ein, die beide ihren Sitz im sog. "Schloss" hatten. Das Meieramt wurde in der adligen Fam. Mayor de L. erblich, gab ihr auch den Namen und überlebte die Eroberung der Waadt durch die Berner. Der Letzte des Geschlechts, Claude Mayor de L. (gestorben 1598), wurde durch einen Kastlan ersetzt. Dieses Amt übten bis 1798 die Crousaz von Corsier aus. 1536 widersetzte sich L. erfolglos der bern. Eroberung und der Reformation. Das Priorat wurde 1537 aufgehoben und die bischöfl. Güter säkularisiert. 1536-1798 war L. Teil der Vogtei Lausanne und wurde durch die Stadtbürger mittels eines achtzehnköpfigen Zweitrats und eines Zwölferrats mit einem Bannerherrn an der Spitze regiert. Die Gerichtsbarkeit lag in den Händen von vier Gerichten: den Konsistorien von L. und Savigny, dem Gerichtshof des Kastlans und jenem des Herrn von Corsier.

1798 schloss sich L. im letzten Moment der Waadtländer Revolution an. Als Teil des Bez. Lavaux (1798-2006) verwaltete während der Helvetik eine elfköpfige Munizipalität, die von einem Syndic angeführt wurde, die Gemeinde. 1803-25 waren es 15 Munizipalräte und Beamte mit dem Gemeinderat (ab 1815) an der Spitze. Ab 1826 wählten die neuen Gem. L. und Savigny ihre eigenen Behörden.

Die Rebberge, die im Ancien Régime teils Freiburger, Berner, Lausanner und Yverdoner Patriziern, teils den Bewohnern von L. gehörten, bildeten auch im 19. und zu Beginn des 20. Jh. die wichtigste Einnahmequelle (seit 1906 Weinbaugenossenschaft). Mit dem Bau eines Hafens (1836-38), von Quaianlagen (ab 1863) und einer Anlegestelle (1816, 1912) öffnete sich die Stadt dem See. 1822 wandelte man die Markthallen in eine Schule um, in deren Anbau 1885 das Zollgebäude untergebracht wurde. Der Bahnhof von L. an der Simplonstrecke wurde 1861 eingeweiht, die Station La Conversion an der Linie nach Bern 1862. Um 1920 folgte die Haltestelle Bossières. Eine Strassenbahnlinie verband L. ab 1896 mit Lausanne. Die Zeit um die Wende zum 20. Jh. war einerseits durch den Zuzug vieler nichtbürgerl. Familien, andererseits durch die Reblauskatastrophe geprägt. Letztere löste eine beispiellose Wirtschaftskrise aus. In den 1950er Jahren setzte der Rückgang des Weinbaus und parallel dazu die Verstädterung ein. L. lehnte die Ansiedlung von Industriebetrieben ab, förderte hingegen kleinere und mittlere Unternehmen. 2000 zählte man in L. rund deren 400. Ab den 1960er Jahren wuchs L. mit der Lausanner Agglomeration zusammen und wandelte sich zur beliebten Wohngemeinde vermögender Schichten.

Autorin/Autor: Louis-Daniel Perret / AHB

Quellen und Literatur

Literatur
– C. Masserey, «Un monument mégalithique sur les rives du Léman», in ArS 8, 1985, 2-7
HS III/1, 803-831
L., arts et monuments, 2 Bde., hg. von M. Grandjean, 1990-91
– J.-L. Voruz, «Hommes et dieux du Néolithique», in JbSGUF 75, 1992, 37-64
– L.-D. Perret, L. sous le régime bernois, 2000