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Burgdorf (Gemeinde)

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Polit. Gem. BE, Hauptort des Amtsbez. B. Sie umfasst die ehemals befestigte Altstadt links der Emme (Schloss, Oberstadt, Unterstadt), Aussenquartiere in der Gürtelzone und an den Ausfallstrassen sowie Flächenbebauungen im Talboden beidseits der Emme und auf dem Moränenhügel. Auf Gemeindegebiet liegen der heute industrialisierte Schachen beidseits der Emme (Lochbach und Brunnmatt im Süden, Neumatt und Buchmatt im Norden), das waldreiche Unterbergental links und das Trockental rechts der Emme (Inneres und Äusseres Sommerhaus, Grafenschüren). B. hat eine evang.-ref. (Stadtkirche) und seit 1884 eine röm.-kath. Kirchgemeinde. Seit 1803 ist das Schloss Sitz der Bezirksbehörden. 1236 in oppido Burchtorff, franz. Berthoud.

Die Stadt liegt an der Talenge über dem Austritt der Emme aus dem Emmental ins tiefere Mittelland; sie überwachte den west-östl. Strassenverkehr über die lange Zeit einzige Emmenbrücke (Zollstelle) und den Flossverkehr emmeabwärts. Die Gründung von Burg und Stadt gehörte in das burgund.-zähring. Konzept einer zweiten Mittelland-Transversale vom Genfersee zum Rhein, die südlich der römischen verlief. Im 18. Jh. gab Bern beim Ausbau seines Kunststrassennetzes der Route über Kirchberg den Vorrang gegenüber jener über B.-Wynigen, was B. im 19. Jh. bewog, für den Anschluss an die Eisenbahn Bern-Olten zu kämpfen. Der Planungsverband "Region B." umfasst auch Teile der Amtsbez. Fraubrunnen und Trachselwald. B. beherbergt regionale Schulen und kulturelle Einrichtungen. Als Knotenpunkt der Bahnlinien Olten-Bern, Solothurn-Thun, B.-Langnau und im alten Landstrassennetz liegt B. günstig für Industrie und Gewerbe (Markthalle).

Bevölkerung Burgdorf
JahrEinwohner
17641 225
17981 295

Jahr 18501880a191019301950197019902000
Einwohner 3 6366 5819 3679 77211 58615 88815 37314 714
SpracheDeutsch 6 4439 1319 53511 18813 85613 49413 088
 Französisch 65122146215175131116
 Italienisch 6291591301 394662402
 Andere 1123321304631 0861 100
KonfessionProtestantisch 6 2568 7659 08710 62812 88211 3289 934
 Katholisch 2895216218802 8092 2411 993
 Andere368164781971 8042 787
 davon konfessionslos      533986
NationalitätSchweizer3 4856 2268 8999 48911 30913 81313 30512 404
 Ausländer1513554682832772 0752 0682 310

a Einwohner und Nationalität: Wohnbevölkerung; Sprache und Konfession: ortsanwesende Bevölkerung

Quellen:StABE, BFS, BernHist

1 - Älteste Siedlungsspuren

Funde aus Neolithikum, Spätbronze- und Hallstattzeit bezeugen die frühe Besiedlung des Raums, wobei der Schwerpunkt bis ins MA rechts der Emme lag: Zu nennen sind Einzelfunde unter den Flühen, im Fernstallwald und Lerchenbühl (neolith.) sowie auf dem Schlossfelsen (spätbronzezeitl.), ein Erdwerk mit Doppelwall und Graben (hallstattzeitl. Fürstensitz?) auf den Gisnauflühen, hallstattzeitl. Grabhügel auf den Flühen, im Bättwilhölzli, bei Grafenschüren und im Wietlisbachwald, ein frühma. Reihengräberfeld auf dem Gsteig sowie ein Schalenstein im Pleerwald.

Autorin/Autor: Anne Marie Dubler

2 - Vom Hochmittelalter bis zur Helvetik

2.1 - Stadtgründung und Stadtherren

Im HochMA lag der Raum B. im Bereich des burgund. Königshofs Kirchberg und kam nach 1080 an die Zähringer. Diese oder die hochburgund. Könige erbauten auf dem linken Ufer die Burg. Der zähring. Stadtgründung (Oberstadt-West) im letzten Viertel des 12. Jh. folgte vor 1287 die erste (Oberstadt-Ost) und 1287-1300 die zweite kyburg. Stadterweiterung durch Einbezug der vorstädt. Siedlung Holzbrunnen (Unterstadt). Alter Markt (innerhalb der Burgbefestigung, 1322 rechtlich in die Stadt einbezogen), Barfüsserkloster und (Niederes) Spital lagen anfangs ausserhalb der Stadtmauern. Um 1300 hatte die Stadt ihre definitive Ausdehnung innerhalb des Mauerrings erreicht. Ab 1323 bestand ein Bauverbot im Umkreis der Mauern; erst nach 1800 wuchs B. über diese hinaus. Nach dem Tod des letzten Zähringers 1218 konnte dessen Witwe ihre Ansprüche auf B. nicht durchsetzen, die Haupterben, die Gf. von Kyburg, nahmen Stadt und Burg an sich. Ab 1273 war das Haus Neu-Kyburg Stadtherr. Sein polit. Lavieren zwischen Österreich und Bern brachte Ungemach, so 1363 die Verpfändung B.s an Österreich trotz gegenteiligem Versprechen an die Stadt von 1331. Der von Rudolf II. von Kyburg vom Zaun gebrochene Burgdorferkrieg zwang B. nach Rudolfs missglücktem Überfall auf Solothurn zur Kriegserklärung an Bern; dies führte zur Belagerung durch Bern und dessen Verbündete.

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler

2.2 - Burgdorfs Autonomie im bernischen Staat

Nach eidg. Vermittlung erwarb Bern die Kleinstadt 1384. Der Niedergang der Kyburger hatte B. polit. und wirtschaftl. Privilegien eingebracht, die Bern 1384 alle anerkannte. Dies erklärt die einzigartige Autonomie B.s im altbern. Staat. Basis des Stadtrechts war die vom Haus Neu-Kyburg gewährte Handfeste von 1273 (1300, 1322, 1326 bestätigt) mit zwei verschollenen Vorläufern, ergänzt durch Stadtsatzungen von 1465, 1540 und 1622. B. besass das niedere Gericht im sog. Stadtgericht (heutiges Gemeindegebiet links der Emme) und ab 1323 das hohe Gericht innerhalb der Burgernziele. Der Landtag (Blutgericht) fand vor dem Rathaus statt, Richtstätte war der Galgenbühl über dem Lindenfeld. Ab 1394 erwarb B. vom verarmten Adel stückweise Niedergerichte, Grundbesitz, v.a. auch Wälder in Stadtnähe, und errichtete eigene Herrschaften: 1394 Rütschelen, 1395 Grasswil, 1400 Wil (heute Gem. Rütschelen), 1402 Inkwil (bis 1720), 1423 und anfangs 16. Jh. Nieder- und Oberösch, 1429 Bettenhausen, 1429 und 1509/10 Thörigen, 1431 Gutenburg, Lotzwil, 1435 Kleindietwil. Daraus schuf B. die Vogteien Grasswil (Grasswil, Ösch, Heimiswil) und Lotzwil (Thörigen, Lotzwil) unter der alternierenden Verwaltung eines Ratsherrn. Hochgerichtlich unterstanden diese Dörfer ab 1406 dem bern. Landvogt von Wangen (Vergleich von 1460). Im 17. und 18. Jh. kam es mit diesem um B.s Niedergerichte zu Prozessen, die für B. stets mit Verlusten endeten.

B.s Stadtbehörde bestand aus dem Kl. (12 Mitglieder) und dem Gr. Rat (32 Mitglieder) unter Vorsitz des kyburg., ab 1384 bern. Schultheissen (Verwalter des Schultheissenamts). Kleinräte, von B. vorgeschlagen, wurden von Bern gewählt, Grossräte vom Kl. Rat ernannt. Oberstes städt. Amt war bis 1659 jenes des Burgermeisters (Stadtverwalter), der in seiner Funktion, v.a. auch als Stellvertreter des Schultheissen, 1659 vom Venner abgelöst wurde. Einträgl. Ämter waren Vogtstellen (Grasswil-, Lotzwil-, Spital-, Waisenvogt), Grossweibel, Eichmeister, Kornverwalter, Zöllner usw. Ab dem 14. Jh. hatte B. Ausburger in weitem Umkreis aufgenommen, die in der Stadt Grundbesitz oder Udel (Pfand) hatten und Steuern, Fuhr- und Kriegsdienst leisteten. 1431 beschränkte Bern seine Landstadt B. auf einen Ausburgerbez. (Kirchspiele Kirchberg, Koppigen, Wynigen, Rüti, Hasle, Oberburg, Affoltern, Dürrenroth), in welchem B. Steuern erhob und zum Kriegsdienst aufbot. Im bern. Milizheer führte B. wie unter Kyburg das eigene Banner, dem ausser der Stadt 19 Kirchspiele (Ausburgerbezirk und Schultheissenamt) zugeteilt waren. Als befestigte Stadt war B. Sammelplatz für die Oberländer Kontingente.

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler

2.3 - Kirche, soziale Einrichtungen und Schule

Die 1249 erw. Stadtkirche auf dem Kirchbühl (Marienpatrozinium) war anfänglich Filiale der Kirche Oberburg mit Kapelle und Friedhof (1325 neu geweiht). In Übereinkunft mit Kyburg (Patronatsherren) wurde sie 1401 von Oberburg gelöst und verselbstständigt; Bern übernahm den Kirchensatz. Der Kirchenbau 1471-1512 war eine Leistung der Stadt und ihrer Bürger mit vielen privaten Stiftungen (u.a. Altäre der Zünfte). Während diese in der Reformation (1528) untergingen, blieb die nun ref. Kirche der Stolz der Bürgerschaft. Um 1280 gründeten die Stadtherren das Barfüsserkloster zwischen Ober- und Unterstadt mit Konventgebäude, Heiligkreuzkirche (Stiftergrab) und Friedhof. 1456 stellte sich das kleine Kloster unter Ratsaufsicht. In der Reformation 1528 säkularisiert, wurde die Kirche 1541 abgetragen; das Konventgebäude diente als burgerl. Pfrundhaus (1821 abgerissen). Erst ausserhalb, später in die Unterstadt einbezogen, lag das Niedere Spital (1287 erw.), vermutlich eine Stiftung der Alt-Kyburger, ein Armen-, Kranken- und Pilgerasyl. Seine Katharinenkapelle, 1324 von Oberburg abgelöst, erhielt 1326 einen Kaplan, der nach Schenkung der Kirche Heimiswil an das Spital (1340-41, 1347 inkorporiert) auch diese betreute. Das 1419 gestiftete Obere Spital diente ebenfalls als burgerl. Alters- und Krankenheim. 1742 wurde das Obere, 1839 das Niedere Spital (heute Schlachthaus) aufgehoben. An der Landstrasse jenseits der Emme entstand wohl im 13. Jh. das 1316 erw. Siechenhaus; erhalten sind ein spätgot. Nachfolgebau (frühes 16. Jh.) und die zugehörige Bartholomäuskapelle (Mitte 15. Jh.). Im 17.-18. Jh. beherbergte das Siechenhaus alte Pfründner. Der Schulmeister der 1300 erwähnten städt. Lateinschule versah von der Reformation bis zur Anstellung eines Provisors (1575) auch das Siechenhaus und die Kirche Heimiswil. 1664 gründete die Stadt die Deutsche Lehrmeisterei zur Vorbereitung auf die Lateinschule. 1755 wurden alle drei städt. Schulen, einschliesslich der 1639 gegr. Töchterschule, zusammengelegt. Eine Schule für Hintersassenkinder wurde 1773 eingerichtet.

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler

2.4 - Wirtschaft und Gesellschaft

B. war der einzige städt. Marktort zwischen Solothurn und Bern. Seine Bürger genossen die üblichen städt. Privilegien (persönl. Freiheit, Freizügigkeit, freier Grundstückerwerb, Zollvergünstigungen). Neben Bauern nahmen im SpätMA auch Mitglieder des kyburg. Ministerialadels Wohnsitz (z.B. von Mattstetten, von Büttikon, Michel von Schwertschwendi), indes ohne in der Stadtpolitik eine wesentl. Rolle zu spielen. Im 14. Jh. baute B. seine Wirtschaft durch Aufkauf von kyburg. Besitz aus: 1325 Allmenden, 1335 Transitzoll, Brot- und Fleischschal, 1372 und 1402 Emmenzölle, Zölle in Goldbach und Kirchberg, 1383 Mass und Gewicht. Im 15. Jh. war B. mit rund 900 Einwohnern grösser als die meisten bern., aarg. und westschweiz. Kleinstädte. Acker- und Gartenbau, in denen die meisten Bürger nebenberuflich tätig waren, spielten bis 1798 eine erhebl. Rolle. Daneben erlangten Handwerk und Gewerbe (Gerberei, Woll- und Leinenweberei) regionale Bedeutung. Die meisten Bürger waren Handwerker. Im 14. und 15. Jh. organisierten sich diese in Gesellschaften ohne polit. Ansprüche und Einfluss. Nebst der Funktion als gesellschaftl. Foren hatten sie städt. Verpflichtungen: u.a. Reisgeld-Verwaltung, Betreuung des Feuerwehr- und Wachtdienstes bis 1632. Fünf Gesellschaften besassen eigene Häuser in der Oberstadt (Schmiede-Zimmerleute, Metzger-Schuhmacher 1367 erw., Pfister, Weber 1378 erw., Schneider), eine in der Unterstadt (Gerber). Jede Gesellschaft umfasste mehrere Handwerke, die Schmiede und Zimmerleute allein 22 eisen-, stein- und holzverarbeitende. Auch Nichthandwerker hatten später Zutritt.

Die wirtschaftl. Blüte im 15. Jh. ermöglichte den Aufbau der städt. Herrschaften, Bau und Unterhalt der Befestigungen und öffentl. Gebäude (Rathaus, Kaufhaus) sowie den Kirchenbau. Die gute Konjunktur der Stadtwirtschaft ging indes ab den 1460er und 70er Jahren schrittweise in wirtschaftl. Stagnation über. Innere Gründe lagen im Übergang auf die Zunftwirtschaft, deren Bestimmungen seit Ende des 16. Jh. die freie Entwicklung der Handwerke zunehmend hemmten. Die Berufsausübung wurde vom Kauf von Bürgerrecht, Wehr und Meisterschaft abhängig gemacht. Im 17. und 18. Jh. verschlechterten obrigkeitl. Preis- und Lohndiktate die materielle Lage der Handwerker, die sich mit Zusatzeinkommen abzusichern hatten. In Selbstgenügsamkeit waren die meisten Bürger auf städt. Ämter und Ämtchen (Sackträger, Turmwächter, Weibel, Bote usw.) aus, behalfen sich mit Gartenbau auf städt. Pflanzland, mit unentgeltl. Holz und Weide und verliessen sich auf die öffentl. Altersversorgung im Spital. Dabei verpassten sie die neue Entwicklung: Im Landhandwerk und in den Dorfmärkten (v.a. Langenthal, Langnau, zeitweise Sumiswald) war ihnen vom 16. Jh. an Konkurrenz erwachsen, der mit Zunftprivilegien nicht beizukommen war. Die Einfuhrverbote für fremde Ware (1619, 1666-74) untergruben B.s Stellung als regionales Markt- und Dienstleistungszentrum (seit 1639 vier Jahrmärkte). B.s Unternehmerfeindlichkeit behinderte fremde Unternehmer, wie z.B. den Stahlfederfabrikanten Harrison (1769-82), oder vertrieb sie in die Nachbargemeinden. Wenige einheim. Unternehmen erlangten Bedeutung, so die Leinwandhandels- und Verlagshäuser Trechsel (vor 1627) und Fankhauser (1630) oder die Geschützgiesser Maritz (17.-18. Jh.).

Auch äussere Gründe trugen zur Stagnation bei: Im Lauf des Ancien Régime entwerteten sich die Einkünfte der städt. Herrschaften, und das ehemals gute Einkommen aus der Ausburgersteuer ging durch erzwungene Zugeständnisse zurück. Durch den Bau der Landstrasse über Kirchberg (1756-64) geriet B. ins Abseits des Transitverkehrs, und Berns Zollvereinheitlichung beschnitt seine Einnahmen (Kirchbergzoll 1745 an Bern verpachtet). Verheerende Brände (1706 Ober-, 1715 Unterstadt) bedingten den Neubau ganzer Strassenzüge. Insgesamt stagnierte die Bevölkerungszahl, weil Neubürger nach 1655 nur noch selektiv aufgenommen wurden, um den Bürgern die städt. Privilegien zu erhalten. Der Anteil der minderberechtigten Hintersassen lag 1764 bei hohen 40%. Im Rat hatte die Zahl der Handwerker abgenommen; immer weniger Familien besetzten die Ratsstellen. Zeitweilig zählte der Gr. Rat mangels Kandidaten nur 27 statt 32 Mitglieder. Es bildete sich ein kleinstädt. Patriziat, das den hauptstädt. Lebensstil kopierte. Standesgemäss waren Tätigkeiten im Rat, in der Stadtverwaltung, der Offiziersdienst daheim und im Ausland. Der städt. Anspruch auf Vorrang in polit.-rechtl. (Steuerpolitik gegenüber Ausbürgern) und gewerbl. Hinsicht (Verbot von Konzessionsgewerbe und Märkten ausserhalb B.s) erbitterte die Landbevölkerung, z.B. von Sumiswald. Im Bauernkrieg 1653 fühlte sich das berntreue B. bedroht, wurde aber verschont. Der Einfall der Franzosen 1798 und die erzwungene helvet. Staatsordnung machten dem obsolet gewordenen Kleinstadtidyll mit dem Verlust der Herrschaften und Privilegien ein Ende.

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler

3 - Von der Helvetik bis zur Gegenwart

3.1 - Burgdorfs politische Neuausrichtung nach 1798

Nach dem Zusammenbruch der alten Ordnung 1798 und Ansätzen für eine Neuausrichtung (u.a. polit. Rechte für Hintersassen) setzte die bern. Obrigkeit in B. 1804 eine der früheren ähnliche, restaurative Stadtverfassung mit Stadtrat (27 Mitglieder), Kl. Rat (9 Mitglieder) und Präsidenten durch. In zuvor politisch benachteiligten Burgdorfer Familien erwuchs Opposition dagegen; dazu gehörte v.a. die Juristen- und Schreiberfamilie Schnell mit den Brüdern Johann, Johann Ludwig und Karl. Sie trieben als Wortführer der bern. Regenerationsbewegung den demokrat. Umschwung von 1830-31 entscheidend voran ("Berner Volksfreund", Burgdorfer Tagblatt). 1832 gab sich B. ein Gemeindereglement, das die Stadtpolitik neu einer durch Gemeindesteuern finanzierten Einwohnergemeinde übergab; die Burgergemeinde blieb Verwalterin des bisherigen Gemeindevermögens (endgültige Vermögensausscheidung 1853). Mit der Reorganisation der Einwohnergemeinde 1919-20 ersetzte ein Stadtrat (40 Mitglieder) die Gemeindeversammlung; dem Gemeinderat (7 Mitglieder) steht ein seit 1964 vollamtl. Stadtpräsident vor.

Die wirtschaftl. Lage B.s verbesserte sich nach anfängl. Krisen erst ab 1831. Wirtschaft und Bevölkerung begannen zu wachsen. Führend wurden die Nahrungsmittel- (u.a. Brauereien Lochbachbad, Steinhof) und die Textilindustrie, die teils auf Burgdorfer Unternehmen (Fankhauser), allgemein auf der Oberaargauer Leinwandtradition mit Verlagsspinnerei und -weberei basierte, meist kombiniert mit Tuchhandel. Die Fabrikproduktion setzte etwas später mit Flachsspinnereien (1839) und Zwirnereien (1843) ein. Burgdorfer Unternehmer errichteten anfangs des 19. Jh. im nahen Oberburg, später auf Gemeindeboden Webereien (1857, 1861, 1894), die z.T. mit Bleichereien und Färbereien verbunden waren. Ab Mitte des 19. Jh. kamen neue Zweige dazu: Kunstwolle-, Hemden-, Strickerei-, Steppdecken-, Hutfabrikation, ferner eine Wollspinnerei; die Strohflechterei konnte sich nicht festsetzen. Nach 1831 war B. als Standort für auswärtige Unternehmer interessant geworden: Textilfirmen siedelten aus Walkringen (1839) und Eriswil (1850er Jahre), eine Käsehandelsfirma aus Trubschachen (1849), die zukünftige Maschinenfabrik von Wynigen (1883) nach B. über. Ausschlaggebend war B.s Aussicht auf Anschluss an die 1857 eröffnete Bahnlinie Olten-Bern. Die Stadt erbrachte für dieses Ziel grosse Eigenleistungen (Aktienkauf, Landabtretung, Emmenverbauung, Tunnelbau). Als nächstes wurden die Linien nach Solothurn 1875, Langnau 1881 und Thun 1899 eröffnet, diese als erste elektr. Normalspurbahn Europas. Strassenkorrektionen (u.a. am Stalden 1829-34) und neue Emmenbrücken verbesserten B.s Verkehrssituation ebenfalls. Weitere Käsefirmen mit internat. Geschäftsbeziehungen (1848, 1859) und das vorher wenig vertretene Metallgewerbe siedelten sich an (u.a. Giesserei 1881, Maschinenbau 1883, Pflug- und Hammerfabrik sowie Bäckereimaschinenbau um 1890). Zum allg. Aufschwung trugen lokale Kassen und Banken bei (Sparkasse 1821-48, Amtsersparniskasse 1834, Kantonalbank-Filiale 1858, Bank in B. 1864) sowie lokale wirtschaftspolit. Verbände (Handels- und Industrieverein 1860, Kaufmänn. Verein 1862, Handwerker- und Gewerbeverein 1879).

Im 20. Jh. führte die Krise im Textilsektor zu Fusionen (1913) und Betriebsaufgaben. 1998 bestanden nur noch eine Leinenweberei und eine Wollgarnfabrik. Neue Branchen hielten Einzug: Betriebe der chem.-pharmazeut., fotochem. (1916) und Farbbranche sowie eine Stanniolfabrik (Neugründung 1922). 1932 eröffnete B. seine Markthalle. Zu Beginn des 21. Jh. waren Bauunternehmen, Verpackungsindustrie, Maschinen-, medizin. Geräte-, Metall- und Stahlbau, Schuhhandel neben mittlerem und Kleingewerbe vertreten. Der Dienstleistungssektor war jedoch bei weitem der grösste Arbeitgeber in B. Zur wirtschaftl. Expansion parallel verlief im 19. Jh. eine relativ starke Bevölkerungszunahme. Die Zuzüger stammten meist aus der näheren ländl. Umgebung. B.s wiedergewonnene Stellung manifestierte sich im Zuzug von Unternehmern wie Miescher und Schmid (Textilfabrikanten), Mauerhofer (Käsehandel), Langlois (Buchverlag) und Aebi (Maschinenfabrik) sowie von Intellektuellen wie etwa Johann Heinrich Pestalozzi, Dichterpfarrer Gottlieb Jakob Kuhn, dem Politiker Eduard Blösch, dem Mathematiker Jakob Steiner, dem Pharmazeuten Friedrich August Flückiger und dt. Emigranten, die die Stadt während kürzerer oder längerer Zeit belebten. Nach 1900 verringerte sich das Bevölkerungswachstum. Als sechstgrösste Stadt im Kanton verzichtete B. auf Eingemeindungen, im Unterschied zu Thun, das so bis 1920 das einst politisch wichtigere B. überflügelte.

Autorin/Autor: Heinz Schibler

3.2 - Stadtentwicklung und regionale Aufgaben

Städtebauliche Konzepte (u.a. von Bauinspektor Robert Roller 1840) wurden wenige realisiert. Erst nach 1850 dehnte sich die Stadt den Ausfallachsen entlang über Mauerring und Gürtelzone aus; ihre Entfestigung vollzog sich zwischen 1807-65. Während sich Gewerbe und Industrie längs der Bachläufe ansiedelten, entstanden neue Quartiere an den Ausfallstrassen und seit 1857 im Umfeld des Bahnhofs; einzig Gsteig, mit Gymnasium, Technikum und kath. Kirche von grösserer Bedeutung, erhielt 1901 einen Strassenplan. Der Stadtbrand von 1865 zerstörte den grössten Teil der westl. Oberstadt. Nach dem Wiederaufbau konzentrierten sich Bauvorhaben für hundert Jahre auf die Neuquartiere im Talboden (Meiefeld, Neumatt, Ey, Felsegg, Einungerquartier), auf der oberen Allmend (Schlossmatt, Einschlag), 1910-30 auf Genossenschaftssiedlungen (u.a. Lerchenbühl). Ab den 1960er Jahren entstanden längs der Zubringer der neuen Autobahn und beidseits der Emme ausgedehnte Gewerbezonen. Beim Ausbau der städt. Infrastruktur war die durch B.s Hügellage erschwerte Wasserversorgung zu sichern (Quellfassung Tannen 1898, Pumpwerke Einschlag und Fernstall 1919, 1953, 1971). 1862 wurde B. mit Gas, ab 1899 mit Elektrizität versorgt.

Zu B.s regionalen Aufgaben gehören grössere Sozialwerke, v.a. das von 26 Gemeinden getragene Regionalspital: 1877 vom Ökonom.-Gemeinnützigen Verein des Amtes B. als Bezirksspital gegründet, 1894 mit dem städt. Krankenhaus fusioniert, erfuhr es 1956-59 und 1976-80 Erweiterungen. B. bietet ferner Altersheime und -siedlungen, ein Alterspflegeheim (1978) sowie das Sonderschulheim Lerchenbühl für geistig behinderte Kinder und das Schulungs- und Arbeitszentrum für Behinderte, u.a. mit Lehr- und Dauerwerkstätten. Ein Teil des Schulangebots ist auf kant. und regionale Bedürfnisse ausgerichtet, so das Gymnasium (Progymnasium 1855, Gymnasium 1873), das erste bern. Technikum (1892, heute Fachhochschule für Technik und Architektur) und die Berufsschulen. Der Armeemotorfahrzeugpark in B. gehört zu den grössten der Schweiz. Das städt. Freizeitangebot dient auch der Region: Frei- und Hallenbad (1974), Sportzentren Neumatt und Lindenfeld. Die Solennität ist seit 1729 das Fest der Burgdorfer Jugend. Zum kulturellen Angebot der Stadt gehört neben Museen (Schlossmuseum, Museum für Völkerkunde, Helvet. Goldmuseum, alle drei im Schloss), Galerien und Theater (Emmentaler Liebhaberbühne) seit 1991 das Schweiz. Zentrum für Volksmusik, Trachten und Brauchtum im Kornhaus. 2002 wurde das Museum Franz Gertsch in der Unterstadt eröffnet.

Autorin/Autor: Heinz Schibler

Quellen und Literatur

Quellen
SSRQ BE II/9
Literatur
Heimatbuch des Amtes B. und der Kirchgem. Utzenstorf und B., 2 Bde., 1930-38
– P. Lachat, Das Barfüsserkloster B., 1955
– F. Häusler, Das Emmental im Staate Bern bis 1798, 2 Bde., 1958-68
– P. Lachat, Die Kirchensätze zu Oberburg, B. und Heimiswil bis zur Reformation, 1960
– P. Lachat, Zunft zur Pfistern in B., 1960
– A.G. Roth, Ein Führer durch die Stadt B., 21969
– M. Winzenried et al., B.: Gesch. und Gegenwart, 1972
Kdm BE Land 1, 1985
– A.-M. Dubler, «Das polit.-wirtschaftl. Umfeld des Burgdorfer Kirchenbaus 1471-90», in Burgdorfer Jb. 59, 1992, 65-88
– A. Baeriswyl et al., B. Kornhaus, 1995
– A.-M. Dubler, «Die Herrschaften der Stadt B. im Oberaargau», in Jb. des Oberaargaus, 1996, 105-130