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Lausanne (Gemeinde)

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Polit. Gem. VD, Bez. L., Hauptort des Kt. Waadt. Die am nördl. Ufer des Genfersees gelegene Gem. erstreckt sich vom Seeufer (Hafen von Ouchy, 373 m) bis zu den Wäldern des Jorat (Les Râpes). Sie umfasst Vidy, Cour, Ouchy, Mornex, Chailly, La Sallaz, Vennes, Montblesson, Vers-chez-les-Blanc, Montheron und Chalet-à-Gobet (871 m) sowie die Exklave Vernand. Wohl 2. Jh. n.Chr. vikanor[um] Lousonnensium, um 280 lacu Lausonio, um 400 civitas Lausanna, 990 Losanna. Ital. und rätorom. Losanna, dt. früher Losannen. Ab 6000 v.Chr. besiedelt, galloröm. Vicus (Lousonna), vom Ende des 6. Jh. bis 1536 Bischofsstadt und Pilgerziel, 1536-1798 Hauptort der bern. Vogtei, seit 1803 Hauptort des Kt. Waadt. Universitätsstadt, seit 1874 Sitz des Bundesgerichts und seit 1915 des Internat. Olymp. Komitees, seit 1993 Olymp. Hauptstadt.

Bevölkerung Lausanne
JahrEinwohner
Anfang 13. Jh.8 000-9 000
1650-1680ca. 5 100
16986 204
17647 191
1798über 9 000
1813ca. 13 000

Jahr18501870a18881900191019301950197019902000
Einwohner17 10825 84533 34046 73264 44675 915106 807137 383128 112124 914
Anteil an Kantonsbevölkerung8,6%11,3%13,5%16,6%20,3%22,9%28,3%26,8%21,3%19,5%
Sprache          
Französisch  25 75035 50946 29358 69188 226101 55595 45598 424
Deutsch  5 7046 6279 66911 08012 40311 9646 7995 365
Italienisch  8523 1465 3173 2433 82912 1946 7554 976
Andere  1 0341 4503 1672 9012 34911 67019 10316 149
davon Spanisch       6 3357 0643 418
Religion, Konfession          
Protestantisch16 10122 59628 43136 65946 16656 30075 55975 09348 49636 084
Katholischb9703 5274 5759 36415 59716 86827 21854 99356 46447 225
Andere373973347092 6832 7474 0307 29723 15241 605
davon jüdischen Glaubens  1844739898181 0091 394919849
davon islamischen Glaubens       6692 7757 501
davon ohne Zugehörigkeitc       2 05614 54821 080
Nationalität          
Schweizer16 02322 35328 20537 23148 64765 23197 119106 22988 90580 213
Ausländer1 0854 1675 1359 50115 79910 6849 68831 15439 20744 701

a Einwohner: Wohnbevölkerung; Religion, Nationalität: ortsanwesende Bevölkerung

b 1888-1930 einschliesslich der Christkatholiken; ab 1950 römisch-katholisch

c zu keiner Konfession oder religiösen Gruppe gehörig

Quellen:Autor; eidg. Volkszählungen

1 - Von der Urzeit bis ins Frühmittelalter

1.1 - Urgeschichte

Die ältesten menschl. Spuren in L. reichen nicht weiter als in das 6. oder 7. Jt. v.Chr. zurück, d.h. bis ins ausgehende Mesolithikum. Feuerstellen, Werkzeuge und Pfeilspitzen aus Silex zeugen von Jägern und Sammlern und deren Lagerplätzen am Ufer des Genfersees in Vidy sowie im Umkreis der späteren Kathedrale. Diese bipolare Siedlungsstruktur - genutzt wurde einerseits das Seeufer, anderseits der Hügel der Cité - prägte das Gebiet L.s von der Urgeschichte bis zum Ende der Römerzeit.

Während die letzten nomadisch lebenden Jäger und Sammler in den Waldgebieten, die sich ab 9500 v.Chr. kontinuierlich entwickelten, kaum zu fassen sind, hinterliessen die ersten Ackerbauern und Viehzüchter des Neolithikums (5500-2200 v.Chr.), welche die Erde urbar machten und Dörfer errichteten (ab Beginn des 4. Jt. v.a. Pfahlbauten), deutlichere Spuren. Auf dem Hügel der Cité gefundene Keramikfragmente, Gruben, Feuerstellen und Pfahllöcher datieren aus dem 5. Jt. v.Chr. Das 1962 und 1989-90 erforschte Gräberfeld von Vidy - untersucht sind nahezu 130 der schätzungsweise 230 Gräber - ist das bedeutendste der mittleren Jungsteinzeit in der Schweiz aus der ca. 30 bis 40 Generationen umfassenden Zeitspanne zwischen 4500 und 3300 v.Chr. Die Toten sind auf der linken Seite in der sog. Hockerstellung bestattet, meist in Steingräbern vom Typ Chamblandes. Die Opferbeigaben und Schmuckgegenstände sind charakteristisch für die Cortaillodkultur. Mehrere Menhire im Westen des Gräberfelds bestätigen Vidys Rolle als Kultzentrum während des Neolithikums. Die Seeufersiedlungen selbst sind hingegen nur durch ältere archäolog. Funde belegt.

Während der Bronzezeit (2200-800 v.Chr.) rodeten und bebauten die Ackerbauern ein immer grösseres Gebiet. Einige Überreste aus der Frühbronzezeit zeugen von einer Siedlung in der Cité, während Gräber (oder Depotfunde?) aus dem Beginn des 2. Jt. mit prunkvollen, für die Rhonekultur charakterist. Waffen und Schmuckgegenständen (Dolche, Äxte, Halsringe, Nadeln) auf den Terrassen von Vidy, im Stadtteil La Bourdonnette und auf dem heutigen Friedhof von Bois-de-Vaux entdeckt wurden. Aus der Mittelbronzezeit (1600-1300 v.Chr.) sind nur Einzelfunde überliefert; Siedlungen oder Grabhügel sind bis heute nicht fassbar. Dagegen ist die ausgehende Spätbronzezeit vergleichsweise gut dokumentiert: In den Seeufersiedlungen dieser Epoche (Vidy, Cour und Pierre-de-Cour) traten Keramikware, Waffen, Werkzeuge und Schmuck aus Bronze zu Tage, die für die archäolog. Gruppe Rhin-Suisse-France orientale ab dem 11. Jh. v.Chr. typisch sind. In Vidy wurden mehrere Dutzend Brandgräber - die Bestattungsriten hatten sich geändert - freigelegt, die zum Teil Nahrung (fein verzierte Keramik) sowie persönl. Gegenstände der Verstorbenen (Armringe, Nadeln, bronzene Rasiermesser, Perlen aus Glas oder Gold) als Beigaben enthielten. Damals war der Felssporn der Cité dicht besiedelt; Häuser mit tragenden Pfosten, Strohdächern und Wänden aus Flechtwerk und Lehm wurden rekonstruiert. Eine Befestigung ist nicht nachgewiesen.

In der Eisenzeit wurden die Seeufersiedlungen endgültig aufgegeben. Die Grabhügel in den Wäldern von Vernand gaben mehrere Individuen preis, die zwischen dem 7. und dem 5. Jh. v.Chr., also in der späten Hallstatt- und der frühen Latènezeit, bestattet wurden. Auch in Vidy und in Dorigny finden sich Spuren von hallstattzeitl. Bestattungen. Aus den ersten Phasen der Latènezeit (4.-3. Jh. v.Chr.) stammen Körpergräber aus Beaulieu, Villars-sous-Montbenon und Malley, die eine über die beiden genannten Zentren am Seeufer und in der Cité hinausreichende Besiedlung nahelegen; die Siedlungen selbst sind aber noch nicht gefasst.

In der Spätlatènezeit wurde die kleine Nekropole in Vidy genutzt, die an der gleichen Stelle wie das neolith. Gräberfeld liegt und bis heute ca. 30 Körper- und Brandgräber aus der 2. Hälfte des 2. Jh. v.Chr. freigegeben hat. Die zugehörige Siedlung ist nicht bekannt. In der Cité lassen Zeugnisse aus dem 1. Jh. v.Chr. ein Oppidum vermuten, Reste einer Befestigung wurden aber nicht entdeckt. Unbekannt ist auch, ob die helvet. Bewohner dieses Gebiets am Abenteuer von 58 v.Chr. teilgenommen haben, das in der Niederlage bei Bibracte endete. Einige Überreste in der Cité sowie die ersten, schon in regelmässigen Vierteln angelegten Bauten in Vidy deuten ab der Mitte des 1. Jh. v.Chr. die Entwicklung des galloröm. vicus Lousonna an.

Autorin/Autor: Gilbert Kaenel / AHB

1.2 - Frühmittelalter

Lousonna wurde im Verlauf des 4. Jh. allmählich aufgegeben und seine Bewohner liessen sich auf dem Hügel der Cité nieder. Der bebaute Raum, weniger als 6 ha, beschränkte sich auf die heutigen Strassen Cité-Devant und Cité-Derrière. Die Einrichtung des Bischofssitzes in L. gegen Ende des 6. Jh. (oder noch etwas später) dürfte aus militär., kommerziellen und geogr. Erwägungen erfolgt sein. In der Tat garantierte L., das damals vielleicht schon von einer gewissen kirchl. Infrastruktur profitierte, einerseits Sicherheit und Anschluss an die grossen Verkehrsachsen; andererseits lag es eher am Rand der Diözese. Während des ganzen FrühMA war die Geschichte der Stadt L. aufs Engste mit jener des Bischofssitzes verflochten, was sich in den schriftl. Quellen besonders deutlich abzeichnet, denn der Bischof und das Domkapitel waren sowohl Verfasser wie auch Empfänger von Dokumenten.

Während der ersten Jahrhunderte der Diözese konzentrierten sich die Bevölkerung und das religiöse Leben auf dem Hügel der Cité. Die Kathedrale, deren Name 814 schriftlich belegt ist, muss seit der Ankunft des Bischofs existiert haben. Sie bestimmte die räuml. Organisation und kontrollierte die religiösen Einrichtungen und die Betreuung der Bevölkerung. Ihr unterstanden die Grabkapelle des hl. Thyrsus (seit dem Ende des 6. Jh. belegt), die Kirche Saint-Etienne (ab dem 6. oder 7. Jh. bezeugt), die den Bischof und seinen Klerus beherbergte, und vom 10. Jh. an die Pfarrkirchen Saint-Paul, Saint-Pierre (beide 906 erw.), Saint-Laurent (ab 985-1019) sowie diejenige der Cité, Sainte-Croix (benannt nach dem Kreuzaltar der Kathedrale, vor dem sich die Gem. ursprünglich versammelte).

Autorin/Autor: Gilbert Coutaz / AHB

2 - Vom Hochmittelalter bis zum Ende des Ancien Régime

2.1 - Macht, Politik und Konstituierung der Gemeinde

2.1.1 - Die Macht des Bischofs

Im Zweiten Königreich Burgund (888-1032) genossen Stadt und Kathedrale die Gunst der rudolfing. Herrscher, die L. zu einer ihrer bevorzugten Residenzen und zum Ort ihrer Weihen und ihrer Grablege machten. Zwei der vielen gewährten Gunstbezeugungen veränderten die Stellung des Bischofs dauerhaft. 896 trat Rudolf I. das Marktrecht mit Bussen und Zöllen sowie sämtliche andere gräfl. Rechte über L. an Bf. Boso ab. 1011 dehnte Rudolf III. die gräfl. Gewalt des Bischofs auf die ganze Waadt aus. Ein sichtbares Zeichen der Regalien war die Münzprägung, ein Recht, das der Bischof über seine unmittelbaren Besitzungen hinaus durchsetzte. Im Neubau der Kathedrale in den ersten Jahren des 11. Jh. manifestierten sich ein Wiederaufschwung der Kirche, aus dem auch die Stadt Nutzen zog, sowie der Machtzuwachs des Bischofs, der von da an sowohl als geistl. Oberhaupt als auch als weltl. Fürst auftrat.

Ab 1032 Reichsfürst, war der Bischof den Begehrlichkeiten der grossen Adelsfamilien des Waadtlands ausgesetzt, und die Stadt wurde direkt oder indirekt in die Machtkämpfe ihres Herrn verwickelt. Im Verlauf des 13. Jh. wurde das Haus Savoyen im Norden des Genfersees immer mächtiger, was die Spannungen vermehrte und verschärfte. Die Bischöfe konnten aber verhindern, dass die Gf. bzw. später die Hzg. von Savoyen die Stadt an sich rissen. Vom 11. bis 14. Jh. residierten sie in einem Gebäudekomplex, der - nachdem zu Beginn des 15. Jh. das Schloss Saint-Maire erstellt worden war - als Altes Bischöfl. Schloss bezeichnet wurde. Die Bischöfe besassen auch Schloss Ouchy, das sie im 3. Viertel des 12. Jh. hatten bauen lassen. Dessen Abriss 1885-88 überstand nur der Turm aus dem 13. Jh.

Autorin/Autor: Gilbert Coutaz / AHB

2.1.2 - Die Entstehung der Gemeinde

Bürger und Habitanten von L. erwarben erst spät polit. Rechte. Der Bischof gewährte ihnen ab 1212 zwar einzelne Privilegien, aber keine Autonomie. Mit Gewalt unterdrückte er 1280, 1304 und 1313 Emanzipationsversuche. Ansätze einer Gemeindeorganisation sind ab 1336 feststellbar, eine Verwaltung bestand schon vom Beginn des 14. Jh. an, aber der Bischof war in seinen Vorrechten nicht bedroht. Der heterogene Charakter der Lausanner Bevölkerung, die sich bald auf das Haus Savoyen, bald auf das Domkapitel stützte, sowie die ab 1212 - wohl erst nach einer gewissen Entwicklung - fassbare organisator. Aufteilung in Viertel oder Panner halfen ihm, seine Macht zu wahren. Erst die am 6.7.1481 unterzeichnete Vereinigungsurkunde brachte die Unterstellung der Cité und der vier Quartiere der Unterstadt unter eine einzige Verwaltung. Einige Jahrzehnte später, am 7.12.1525, unterschrieben die Vertreter der Gemeindebehörde als Antwort auf die arrogante Politik der letzten Bischöfe zudem einen Burgrechtsvertrag mit Bern und Freiburg. Dieser Weg sollte sich als fatal erweisen; auch nachdem Bern den Lausannern mit der Eroberung der Waadt 1536 den Bischof und den Hzg. von Savoyen gewaltsam vom Hals geschafft hatte, erlangten diese nicht die Freiheit.

Bis 1536 kamen die Lausanner zum Gerichtstag (Plaid général) in einem Privathaus an der Rue de Bourg zusammen. Die Versammlungen der Unterstadt fanden lange im Dominikanerkloster statt, die der Räte der Cité im Kapitelsaal. Rathäuser wurden am Standort der Markthallen in den Vierteln La Palud und Le Pont errichtet. Das erste Hôtel de Ville im Quartier La Palud datiert aus der Mitte des 15. Jh.; das heutige Gebäude (mit Markthalle und Glockenturm) wurde 1672-75 errichtet und diente von Anfang an als Rathaus. Das Hôtel de Ville im Quartier Le Pont, das Markthalle und Gemeindetaverne umfasste, wurde 1558-60 erbaut und um 1870 abgerissen.

Autorin/Autor: Gilbert Coutaz / AHB

2.1.3 - Hauptort der bernischen Vogtei

1536 wurde L. wie das übrige Waadtland Untertanengebiet Berns. Dieses trat in die Rechte und den Besitz des Bischofs ein, errichtete aber in zwei Schenkungen 1536 und 1548 die Herrschaft L., deren Territorium kleiner war als jenes der Vogtei, und gestand der Stadt diverse Grundstücke zu, insbesondere Wald im Jorat und Rebberge im Lavaux. Der bern. Vogt residierte im Schloss Saint-Maire. In der Stadt eignete sich Bern zahlreiche Rechte an, u.a. die Gerichtsbarkeit. Die Gemeindebehörden bestanden aus dem Rat der Vierundzwanzig, der die wichtigsten Fragen behandelte, dem Rat der Sechzig, der sich mit Verwaltungsangelegenheiten und der Verleihung des Bürgerrechts befasste, sowie dem Rat der Zweihundert, der nach der Abschaffung des Generalrats die Bürgerschaft vertrat. An der Spitze der Verwaltung stand, unterstützt von Säckelmeister und Baumeister, der Bürgermeister, der schon 1529 die beiden Syndics ersetzt hatte. Er wurde zuerst für drei Jahre und ab 1545 auf Lebenszeit bestimmt. Schon im 17. Jh. wurden mehrere Verwaltungskammern gebildet (u.a. für die Bereiche Polizei, Arme und Waisen sowie im 18. Jh. auch Gesundheit und Hygiene).

Die Wahlen in die Räte führten zu Machtkämpfen in L.s regimentsfähigen Fam., die eine schmale Oligarchie bildeten. 1669 intervenierte Bern, reorganisierte das Wahlsystem, schuf das Amt des Generalkontrolleurs und untersagte den Lausannern, den Zugang zum Bügerrecht völlig zu unterbinden; dennoch wurde dessen Erwerb immer kostspieliger. Bern verbot auch Schwurgemeinschaften der Handwerker wie z.B. 1669 die Abtei der Gerber. Seit dem Scheitern der Verschwörung von Isbrand Daux 1588 (Daux-Verschwörung) unterhielt die Lausanner Oligarchie gute Beziehungen mit den Landesherren. Als Major Jean Daniel Abraham Davel 1723 eine Erhebung gegen das Regime versuchte, zeigten ihn die Lausanner Räte in Bern an und verurteilten ihn zum Tod.

Die bern. Behörden achteten darauf, dass die ehem. Bischofsstadt nicht an Bedeutung gewann. Um 1690 ersuchte L. um die Erlaubnis, einen modernen Hafen zu bauen; Bern wählte aber Morges als Standort. Die Stadtmauern, Symbol des städt. Prestiges, wurden im 17. Jh. nicht durch massive Bollwerke und Schanzen verstärkt, wie das etwa in mehreren Hauptorten von souveränen Ständen geschah. Für Bern war L. nur eine einfache Landstadt, auch wenn der Vogt der einzige nicht lausann. Beamte war. Im 18. Jh. empfanden immer mehr Lausanner diese Bevormundung als Zumutung, weshalb sie die Franz. Revolution begrüssten oder gar auf Banketten wie in Les Jordils (1791) hochleben liessen.

Autorin/Autor: Anne Radeff / AHB

2.2 - Siedlungsstruktur, Bevölkerung und Stadtentwicklung

2.2.1 - Mittelalter

Das schon um 1000 einsetzende demograf. Wachstum der Stadt erreichte 1219 seinen Höhepunkt. Mit 8'000-9'000 Einwohnern war L. zu dieser Zeit die bevölkerungsreichste Stadt der heutigen Westschweiz. 1219-1377 verlor L., das 1219, 1240 und um 1368 gänzlich oder teilweise abbrannte, wieder die Hälfte seiner Bevölkerung. Der Niedergang setzte sich bis in die Mitte des 17. Jh. fort.

Zwischen dem 6. und dem 13. Jh. versiebenfachte sich das bebaute Gebiet. Nach einer Phase des Rückzugs infolge der alemann. Wanderungswellen und der allg. Unsicherheit im FrühMA erschlossen sich die Bewohner vom 9. Jh. an ungeachtet der sporad. Einfälle der Sarazenen und der Ungarn im 10. Jh. neuen Raum. Die erste Ausdehnung erfolgte gegen Süden, in das Gebiet der Cité-Dessous und von dort aus ab dem 9.Jh. in Richtung des Marktquartiers La Palud. Ebenfalls in Zusammenhang mit dem Handel und den Verkehrswegen entwickelten sich die Stadtviertel Bourg und Saint-Laurent. Zur Verbindung der Quartiere, die durch die Täler der Louve und des Flon getrennt waren, war der Bau von Brücken notwendig. Die Erstellung der wichtigsten Brücke, jener zwischen Bourg und La Palud, führte zur Entstehung des Quartiers Le Pont, das im frühen 13. Jh. erwähnt wird, aber vermutlich älter ist. Diese Viertel, welche die vier Panner der Unterstadt bildeten, waren ursprünglich nicht durch eine Mauer geschützt, im Unterschied zur Cité, die sehr früh befestigt war. Die Erweiterung der Stadtmauer folgte zwar der Ausdehnung der Stadt, allerdings oft mit Verspätung. Sie wurde in den letzten Jahren des 16. Jh. mit dem Einbezug der Vorstädte Ale, Chêne, Marterey, Etraz und Barre in die Verteidigungsanlagen fertiggestellt. Der ab dem 12. Jh. befestigte Hafen von Ouchy hatte zu einem unbekannten Zeitpunkt den älteren beim Vicus in Vidy abgelöst und spielte schon im MA eine wichtige Rolle für den lokalen und regionalen Handelsverkehr.

Autorin/Autor: Gilbert Coutaz / AHB

2.2.2 - Frühe Neuzeit

Trotz der polit. Bedeutungslosigkeit L.s schrumpfte dessen Bevölkerung nicht. In weniger als 200 Jahren verdoppelte sie sich annähernd und stieg von ca. 5'000 Einwohnern um 1650 auf mehr als 9'000 im Jahr 1798, was sicherlich nicht allein auf das natürl. Wachstum der Stadt zurückzuführen ist (hist. Studien zur Bevölkerungsentwicklung liegen allerdings bis heute nicht vor). Die hugenott. Flüchtlinge, von denen überaus viele auf der Durchreise in L. Aufenthalt machten - 1698 wurden mehr als 1'000 gezählt -, stellen keine ausreichende Erklärung für das demograf. Wachstum L.s dar; dieses dürfte vielmehr im Wesentlichen auf Zuzüger aus der Umgebung zurückzuführen sein. Da die Stadtmauern die räuml. Ausdehnung blockierten, führte diese Zuwanderung zur Nutzungsverdichtung innerhalb und zu einer Intensivierung des Landhausbaus ausserhalb der Stadt. 1798 rangierte L. an fünfter Stelle unter den Städten der heutigen Schweiz hinter Genf, Zürich, Basel und Bern. Es lag damit weit vor den anderen Städten des Waadtlands, von denen Vevey als nächstgrösste kaum ein Drittel von L.s Bevölkerungszahl erreichte.

Im Unterschied zu Städten, die von Grund auf neu errichtet wurden, war L. nicht nach einem geometr. Plan angelegt. Bei der räuml. Entwicklung der Stadt spielten verkehrsgeograf. und sozialtopograf. Aspekte eine Rolle. Die Vorstädte enstanden längs der wichtigsten Handels- und Verkehrswege: Marterey lag an der Ausfallstrasse Richtung Bern, L'Ale an jener Richtung Frankreich, Le Grand-Chêne an jener nach Genf, Le Petit-Chêne an jener nach Ouchy sowie zum Genfersee und Etraz an der Strasse Richtung Italien. Bevorzugt waren die Quartiere an der Achse Italien-Frankreich, wobei sich die wohlhabendsten Leute auf den besonnten Hügeln niederliessen, die ärmsten in den schattigen Senken. Als die Fernverkehrsstrassen überlastet waren, wurde der Verkehr - wie in der Rue de Bourg zu beobachten ist - auf Umfahrungen verlagert. Die wenigen Plätze waren sehr klein; die Promenade von Montbenon wurde erst im 18. und 19. Jh. ausserhalb der Mauern angelegt.

Autorin/Autor: Anne Radeff / AHB

2.3 - Wirtschaft und Gesellschaft

2.3.1 - Mittelalter

Von der Merowingerzeit an verfügte L. über eine Münzstätte und zog Handwerker an, welche die Kathedrale bzw. deren versch. Nachfolgebauten errichteten. Die vier dreitägigen Jahrmärkte - einer davon für den Viehhandel - hatten nur lokale Bedeutung. Die Stadt lag im Zentrum ihres Territoriums, das sich über eine Fläche von 10'500 ha von der Venoge zur Paudèze und vom Seeufer bis zu den Wäldern des Jorat erstreckte, und bezog ihre Lebensmittel aus der Umgebung. L.s finanzieller und ökonom. Einfluss blieb im MA gering, was durch seine polit. Schwäche, seine Rivalität mit dem Haus Savoyen, die im Vergleich zu anderen Territorialherren der Region eher blasse Rolle des Bischofs und die Nähe Genfs bedingt war.

Autorin/Autor: Gilbert Coutaz / AHB

2.3.2 - Ancien Régime

In der frühen Neuzeit war die Industrie- und die Handelstätigkeit dagegen sehr rege. Am Ende des 18. Jh. verkauften die Gerbereien ihre Häute in Savoyen und Genf. Manufakturen stellten Strümpfe aus Baumwolle, Seide oder Wolle her, die sie nicht nur nach Deutschland, Spanien und Italien, sondern auch auf die Antillen und in die Levante exportierten. Spitzen, Klöppelarbeiten und Bandspitzen wurden in L. hergestellt, wo man auch Rohseide verarbeitete und daraus Gaze fertigte. Das Eau d'arquebusade zur Wundheilung wurde bis nach England ausgeführt. Die Druckereien publizierten dt., franz. und lat. Texte. Steinschneider bearbeiteten Kristall- oder Buntglas, das sie nach Genf und Besançon exportierten. Uhrmacher stellten Uhrenräderwerke her, die in Genf verkauft wurden. Der Export lief über die grossen europ. Messen (v.a. Frankfurt) oder über Händler, die sich in den grösseren Städten wie Genf niedergelassen hatten. Einige Lausanner Bürger waren in Handelszentren der Nachbarländer tätig (v.a. Bordeaux und Marseille), und einzelne Lausanner Banken wie Louis Porta et Cie. florierten.

Die Jahrmärkte zogen v.a. Besucher aus der Region, aber auch solche aus der Eidgenossenschaft und dem Ausland an. Daneben fanden jeden Samstag in mehreren Vierteln der Stadt, namentlich in La Palud, Le Pont sowie in der Rue de Bourg, schon im 9. Jh. bezeugte Wochenmärkte statt, die streng reglementiert waren und von den Lausanner Behörden heftig verteidigt wurden. In den Markthallen wurden Spezialmärkte abgehalten, für Getreide in La Palud, für Milchprodukte, Früchte und Gemüse in Le Pont. Das Getreide stammte u.a. von den ertragreichen Kornfeldern der ca. 60 grossen Landgüter, welche die Stadt im Norden umgaben. Kleinbesitzer, die fast alle in der Stadt wohnten, verfügten über einzelne Feld- und Wiesenparzellen. Im Süden von Saint-François zog sich der Rebberg, der im Besitz einiger Bürger und zahlreicher Weinbauern war und einen Wein von mässiger Qualität hergab, bis zum See hinunter. In den Anhöhen bei Les Râpes kamen zwei Typen des Grundinhabers bzw. zwei Bewirtschaftungsformen nebeneinander vor: Einerseits die Lausanner Grossgrundbesitzer, die inmitten grosser Lichtungen ihre Chalets hatten und deren Pächter v.a. Viehzucht betrieben, und andererseits die Kleinbauern, die trotz des rauen Klimas auf Gütern von 3-6 ha Getreide anbauten, was ihnen wahrscheinlich in guten Jahren das Überleben sicherte.

Autorin/Autor: Anne Radeff / AHB

2.3.3 - Die Lausanner Gesellschaft am Ende der frühen Neuzeit

Die Volkszählung vom Mai 1798 im Kt. Léman vermittelt ein Bild der Lausanner Gesellschaft (mit Ausnahme von Cour und Ouchy) gegen Ende der frühen Neuzeit. In der Stadt waren etwa ein Drittel der Einwohner Bürger von L., auf dem Land mehr als 40%. Ein gutes Drittel der Nichtbürger (Habitanten) stammte aus der nächsten Umgebung, den späteren Bezirken L. und Lavaux, wobei diejenigen aus dem Norden des Waadtlands zahlreicher waren als diejenigen aus der Seegegend, denen auch andere Städte zur Auswahl standen. Die Familienoberhäupter waren länger in der Stadt ansässig als die Arbeiter und v.a. das Gesinde, das oft den Arbeitsplatz wechselte. Bauern und Winzer bildeten zwei Drittel der Bevölkerung ausserhalb der Mauern, mehr als ein Viertel in den Vorstädten und knapp 6% in der Stadt. Im Industrie- und Gewerbesektor dominierte die Textilindustrie, gefolgt von der Lederverarbeitung und dem Baugewerbe sowie der Metallverarbeitung und der Nahrungsmittelbranche. Handwerker und Fabrikarbeiter waren in der Stadt viel zahlreicher vertreten (mehr als die Hälfte der Familienvorstände) als auf dem Land (ein Viertel). Unter den Personen, die eine dienende Tätigkeit verrichteten, waren die Hausangestellten (mehrheitlich Frauen) zahlenmässig die wichtigste Gruppe; sie stellten in der Stadt mehr als 40% der im 3. Sektor Beschäftigten, auf dem Land aber weniger als 10%.

Die soziale Topografie war sehr heterogen. Im unteren Teil des Quartiers Bourg residierten die reichen Bürger mit ihrer Dienerschaft in herrschaftl. Häusern, während die eher bedürftige Bevölkerung - Rebbauern, Taglöhner, Gärtner, Handwerker und Angestellte - kleine Häuser im oberen Teil des Viertels und in den Vorstädten bewohnte. Im Quartier Saint-Laurent dominierten die oft auf Feinmetallverarbeitung spezialisierten Handwerker. Die Schlachthäuser, Metzgereien und Gerbereien lagen im Quartier Le Pont, durch das der Flon und sein Ableitungskanal flossen. Hier wohnten die Berufsleute aus dem lederverarbeitenden Gewerbe dicht gedrängt neben versch. anderen Handwerkern (Schneider, Maurer, Zimmermänner), mehreren Händlern und wenigen Bauern. Pastoren, Professoren und Studenten der Akademie sowie zahlreiche Handwerker aus dem Baugewerbe wohnten in der Cité. Das Quartier La Palud war von vergleichsweise grossen Freiflächen und herrschaftl. Wohnhäusern geprägt, die sich um das Rathaus gruppierten; zu der Bevölkerung des gehobenen Viertels zählten zahlreiche Rentiers mit ihrem Dienstpersonal. Ausserhalb der Mauern lebten die Ausbürger, zu denen Weinbauern, Pflüger oder auch Gärtner zählten. Einige Händler und Rentiers unterhielten auf dem Land um L. grosse Hausgemeinschaften. In Chailly und Les Râpes überwogen Bauernfamilien und Taglöhner.

Autorin/Autor: Anne Radeff / AHB

2.4 - Religiöse und kulturelle Aspekte

2.4.1 - Vor der Reformation

Als geistl. und intellektuelles Zentrum der Diözese zog L. versch. Ordensgemeinschaften an. 1142 liessen sich die Zisterzienser in Montheron - die Abtei hiess ursprünglich Thela - in den Wäldern des Jorat nieder. Im 12. Jh. wurde Saint-Thyrse, nach seinem neuen Schutzpatron von nun an Saint-Maire genannt, zur Kirche der Augustiner Chorherren. 1234 gründeten die Dominikaner ein Kloster, das Maria Magdalena geweiht war, und zwischen 1258 und 1262 riefen die Franziskaner das ihrige ins Leben. 1267 liessen sich Zisterzienserinnen in Bellevaux nieder, 1280 Dominikanerinnen in Chissiez. Für Pilger und Reisende wurden die Spitäler Saint-Jean (vor 1177), Saint-Nicolas (nahe der Vuachère, Ende 12. Jh.), Sainte-Catherine (im Jorat, Anfang 13. Jh., 1497 in ein Karmelitenkloster umgewandelt) und Notre-Dame (die grösste Einrichtung, in der Mercerie, 1277-79) gebaut. Das Siechenhaus in Epesses aus dem 13. Jh. wurde Mitte des 15. Jh. nach Vidy verlegt. 1494 erging der Beschluss zum Bau des Spitals Saint-Roch für Pestkranke. Neue Pfarrkirchen wurden in Vidy (1207) und in Ouchy (Saint-Théodule, erw. 1228) errichtet. Die erste Kathedrale wurde in der 2. Hälfte des 9. Jh. durch ein Bauwerk ersetzt, dem wiederum im frühen 11. Jh. eine rom. Kirche und schliesslich der heutige Bau folgten. Letzterer wurde 1150 begonnen, nach mehreren Bränden und Planänderungen im got. Stil ausgeführt und 1275 in Gegenwart von Rudolf I. von Habsburg und Papst Gregor X. geweiht.

L. beherbergte eine Stiftsschule, mehrere Klosterschulen und ab dem 14. Jh. auch städt. Schulen. Als erster Buchdrucker in Lausanne ist Jean Belot 1493 bezeugt; er zog, wie viele andere vor dem Aufschwung dieser Branche im 18. Jh., als Wanderdrucker durchs Land. Einer der ersten Syndics von L., Jean Bagnyon, war auch Autor eines Erfolgsromans. Die Kathedrale und der bischöfl. Hof trugen den Stein- und Holzbildhauern, den Kunstschlossern und Goldschmieden (Antoine Bovard) zahlreiche Aufträge ein.

Autorin/Autor: Gilbert Coutaz / AHB

2.4.2 - Kirche und Kultur in der frühen Neuzeit

Der erste ref. Prediger in L. war der Franziskaner Franz Lambert (1522). Trotz des Drucks von Bern wurde in der Folge den Predigern, allen voran Guillaume Farel, nicht erlaubt, das Wort Gottes in der Stadt zu verkünden. Die manchmal sehr antiklerikal eingestellte Bevölkerung - dies illustrieren z.B. die Beschwerden von 1533 - blieb mehrheitlich dem alten Glauben treu. Die Ankunft der Berner 1536 veränderte die Lage: Pierre Viret begann schon im März zu predigen, den Lausannern wurde die Konfessionsfreiheit gewährt und die Kirchen Sainte-Marie-Madeleine sowie Saint-François von Reformierten benutzt. Auch kam es in einzelnen Gotteshäusern zum Bildersturm. Nach der Disputation von L. wurde die Messe im Oktober abgeschafft. Der Kirchenschatz der Kathedrale wurde 1537 nach Bern gebracht, 1563 auch der Hauptaltar.

Die ma. Pfarreien wurden zu einer einzigen Kirchgemeinde vereinigt. Von den Kirchen blieben einzig die ehem. Kathedrale, die fortan als Grand Temple bezeichnet wurde, und Saint-François als ref. Kirche der Unterstadt bestehen. Saint-Etienne wurde in ein Zeughaus umgewandelt, Saint-Paul und das Schiff von Saint-Pierre wurden abgerissen, nur der Chor der letztgenannten Kirche überdauerte bis ins 18. Jh. Die ref. Kirche Saint-Laurent, errichtet 1716-19, ersetzte eine ma. Kirche am selben Ort; der Turm der Vorgängerin wurde aber erst 1761 in Zusammenhang mit der weitgehenden Neuerrichtung (1763 vollendet) niedergelegt. 1663 wurde Les Râpes Epalinges und der neuen Kirchgemeinde Les Croisettes zugeteilt. Zwei Sittengerichte - das dritte für die Deutschsprachigen wurde erst 1737 geschaffen - wachten über die Tugendhaftigkeit der Lausanner.

Ab 1537 besass L. eine ref. Akademie. 1559 befand sich diese in einer Krise, so dass mehrere Professoren L. verliessen und nach Genf zogen. Trotz dieses Bedeutungsverlusts, von dem ihre neue Genfer Konkurrentin profitierte, konnte sie sich halten. Die beiden Akademien waren während der ganzen frühen Neuzeit die einzigen Institutionen in Europa, die französischsprachige Pastoren ausbildeten. Ab 1729 übernahm das von Antoine Court geschaffene Seminar die Ausbildung der für Frankreich vorgesehenen Kandidaten. Trotz des von Bern ausgeübten Drucks - von 1675 an waren die Professoren verpflichtet, ein Glaubensbekenntnis zu unterschreiben - zog die Akademie einige Gelehrte wie die Historiker Abraham Ruchat und Charles Guillaume Loys de Bochat an, die weit über die Eidgenossenschaft hinaus bekannt waren. Im 18. Jh. verliessen allerdings der Mathematiker und Philosoph Jean-Pierre de Crousaz sowie der Jurist Jean Barbeyrac L. Richtung Deutschland.

Im 17. Jh. liessen sich die Druckerdynastie Gentil, die Gründer des "Almanach de Lausanne", und einige Buchhändler dauerhaft in L. nieder. Das 18. Jh., in dem die Grasset und die Heubach in der Stadt tätig waren und die "Encyclopédie" von Diderot und d'Alembert neu gedruckt wurde, stellte gewissermassen das goldene Zeitelalter des Lausanner Buchdrucks dar. Zur gleichen Zeit genossen Goldschmiede wie Elie Papus und Pierre-Henri Dautun internat. Renommee. Während die angesehensten Maler wie Louis Ducros wegzogen, hielten sich Schriftsteller wie Voltaire und Edward Gibbon während ihrer Reisen längere Zeit in L. auf und frequentierten die Salons der Stadt. Der Arzt Auguste Tissot zog Patienten aus ganz Europa an. Die Zahl der Landhäuser vervielfachte sich und mehrere ma. Gebäude wurden durch Neubauten ersetzt, namentlich das Rathaus (1672-75) und das Spital (1766-71).

Autorin/Autor: Anne Radeff / AHB

3 - 19. und 20. Jahrhundert

3.1 - Institutionen und politisches Leben

3.1.1 - Revolution und Helvetische Republik

Die Revolutionsbankette von 1791 bewogen Bern zu einer Machtdemonstration: Den Waadtländer Städten bzw. deren Delegierten wurde in L. ein Verweis erteilt. 1797 empfingen die Lausanner Napoleon Bonaparte bei dessen Durchreise nach Rastatt mit grossem Jubel. Der Cercle des Jeunes négociants im Stadtviertel La Palud wurde ab Anfang Januar 1798 zum Sammelpunkt der sog. Petitionnaires (Bittsteller), dem späteren Vereinigungskomitee (Comité de réunion), die in einer ersten Phase die Versammlung der Waadtländer Stände, dann die Unabhängigkeit forderten. Ein aus den Räten hervorgegangenes Überwachungskomitee (Comité de surveillance) rief die Abgeordneten der anderen Waadtländer Städte und Landgemeinden nach L., wo sie sich bald zur provisor. Repräsentativversammlung vereinigten. Am 24. Januar proklamierte das Comité de réunion die Leman. Republik. Ende Januar 1798 marschierte die Armee von General Philippe Romain Ménard in der Stadt ein, ungefähr 9'000 Mann, die untergebracht und verpflegt werden mussten; L. trug 160'000 von insgesamt 700'000 franz. Pfund zur "Ménard-Anleihe" bei. Im April verliessen die Truppen die Stadt.

Die Verwaltungskammer des Kt. Léman, der mit der Verfassung der Helvet. Republik entstanden war, hatte ihren Sitz in L. Auf Gemeindeebene bestand die Munizipalität von L. aus elf Mitgliedern; diesen stand als erster Präsident Jean Antoine Oboussier vor. Präsident der Gemeindekammer war Victor Secretan.

Im Mai 1802 stiessen die Bourla-Papey in die Stadt L. vor, willigten dann aber in den Rückzug ein. Einige Monate später, am 19. September, suchte die von den föderalist. Truppen verfolgte Regierung der Helvet. Republik in L. Zuflucht. Der Präfekt des Kt. Léman, Henri Monod, war entschlossen, Stadt und Regime zu verteidigen. Die Ankündigung der Mediation Napoleons am 4. Oktober rettete die Situation.

Autorin/Autor: Frédéric Sardet / AHB

3.1.2 - Institutionen und politisches Leben nach 1803

Mit der Mediationsakte von 1803 wurde die ausführende Gewalt dem Stadtrat anvertraut, dem der Stadtpräsident vorstand und dessen 19 Mitglieder von der Gemeindeversammlung für sechs Jahre gewählt wurden. Die Verwaltung organisierte man in vier Abteilungen (Polizei, Armenpflege, Forstwesen und Wirtschaft). 1815 wurde ein hundertköpfiger Gemeinderat als kommunale Legislative geschaffen. Die Grösse der Exekutive sowie die Dauer der Amtszeiten wurde 1873 und 1882 schrittweise reduziert. Nach dem 2. Weltkrieg wurden die Kompetenzen innerhalb und zwischen den Direktionen mehrfach umverteilt und die heute ca. 40 Ämter häufig umbenannt. Seit 1980 wird der früher vom Gemeinderat gewählte Stadtrat direkt vom Volk gewählt.

Sechs 1882-1965 erlassene kommunale Reglemente widerspiegeln die Veränderungen im öffentl. Dienst, dessen Personalbestand infolge Aufgabenerweiterungen stetig wuchs. 1873 gab es 180 Gemeindeangestellte, 1911 schon 800 Beamte, darunter 150 Frauen. Der Bestand erhöhte sich zwischen 1950 und 1980, als die Verwaltung von L. 3'311 Arbeitsplätze bot, um den Faktor 2,4. Dann bot die Kritik an den hohen Lohnkosten einer weiteren Vergrösserung der Verwaltung Einhalt, was zu einer relativen Stabilisierung des Bestands führte.

Nachdem der städt. Haushalt lange auf den Einnahmen aus Landgütern, Rebbergen und Immobilien basiert hatte, wurde er ab 1857 zusätzlich durch eine Gemeindesteuer gespiesen. Dazu kam der Gewinn der Stadtbetriebe (Wasser, Gas, Elektrizität), für die 1906 eine Direktion eingerichtet wurde. Eine solche Alimentierung der Finanzen war in einem regelmässig defizitären Umfeld unerlässlich. Zwischen dem Ende der 1920er und jenem der 50er Jahre betrug die Bruttoschuld das Drei- bis Vierfache der jährl. Einnahmen; zu Beginn des 21. Jh. hatte sie sich auf das Eineinhalbfache reduziert. Der Anteil der Passivzinsen an den Gesamtausgaben ging stetig zurück; in den 1930er Jahren wendete die Stadt 12-14% der Ausgaben für den Schuldendienst auf, seit den 1980er Jahren noch 5-7%. Der Einbruch der Steuereinnahmen nach 1990 infolge der Arbeitslosigkeit und des Rückgangs der Firmengewinne sowie die gutgeheissenen Investionen in das Elektrizitätswerk von Lavey belasteten allerdings den Haushalt.

1803-82 regierten Konservative und Liberale die Stadt, dann wurden die Liberalen von den Freisinnigen überflügelt. 1882-1950 sicherte das Majorzsystem den Freisinnigen und Liberalen die Mehrheit in Gemeinde- und Stadtrat. Die Sozialdemokraten, die ab 1898 in Erscheinung traten - die Lausanner Partei wurde 1909 gegründet -, verfügten 1934-37 erstmals über die Mehrheit, als sie drei von fünf Stadträten, darunter den Stadtpräsidenten Arthur Maret, stellten. 1937 übernahmen die bürgerl. Parteien wieder die Macht, während für die Linke düstere Zeiten anbrachen (1940 Verbot der Kommunisten und 1941 der Fédération socialiste suisse). Die extreme Rechte scheiterte 1941 an einem stillen Bündnis zwischen bürgerl. Parteien und Sozialdemokraten. 1946-49 regierte die Linke zum zweiten Mal; der Stadtrat bestand damals aus drei Vertretern des kommunist. Parti ouvrier populaire und zwei Sozialdemokraten, darunter dem Stadtpräsidenten (und späteren Bundesrat) Pierre Graber, sowie je einem Freisinnigen und einem Liberalen. 1949-89 beherrschte die Rechte das polit. Feld, wobei die Entente bourgeoise zweimal von späteren Bundesräten, den freisinnigen Stadtpräsidenten Georges-André Chevallaz und Jean-Pascal Delamuraz, angeführt wurde. Das Bündnis zwischen Sozialdemokraten, Parti ouvrier populaire und Grünen ermöglichte 1990 Yvette Jaggi, als erste Frau Stadtpräsidentin zu werden (bis 1998). Dieses Bündnis blieb an der Macht; 2006 wählten die Lausanner den Grünen Daniel Brélaz wieder ins Stadtpräsidium. 2003 veränderte die neue Waadtländer Verfassung den Wahlkörper, indem sie Ausländern, die seit zehn Jahren in der Schweiz und seit drei Jahren im Kanton leben, auf Gemeindeebene das Stimm- und Wahlrecht gewährte; 17'300 dieser Wähler waren 2006 in L. registriert. In der 2. Hälfte des 20. Jh. forderten Junge im Gefolge der 1968-Bewegung eine Orientierung an neuen Werten, namentlich 1980 innerhalb der Bewegung "Lôzanne bouge". Die letzten Jahrzehnte des Jahrhunderts waren politisch relativ ausgeglichen.

Die bis in die 1860er Jahre unbedeutende Arbeiterbewegung wurde von Deutschen und Deutschschweizern angeführt, die im Grütliverein versammelt waren. Die Sektion der Internat. Arbeiter-Assoziation unterstützte die Streiks von 1865 und 1869. Die Gewerkschaftsbewegung kränkelte 1870-85, bis Aloys Fauquez, der Vater der Arbeiterunion (1890), sie wieder auf Vordermann brachte. Trotz der Streiks 1906-07 wurde sie nach dem Tod von Fauquez bis zum Krieg wieder schwächer, und in der Folge behinderte die antibolschewist. Stimmung ihre Entwicklung. Die Streiks der Typografen (1916) sowie der Bau- und Holzarbeiter (1917-18) gingen dem Landesstreik von 1918 voraus, der ohne inneres Engagement mitgetragen wurde. 1929 kämpfte der Bau- und Holzarbeiterverband gegen die vom Staat unterstützten Arbeitgeber, hielt sich dann aber unter der roten Stadtregierung mit Forderungen zurück. Ab 1926 enwickelte sich um die von Charles Maurras inspirierte Gruppierung Ordre et Tradition eine bescheidene korporatist. Bewegung, aus der 1933 die Ligue vaudoise entstand, etwa in der gleichen Zeit, in der sich auch der Arbeitsfrieden von 1937 anbahnte. 1940 bildeten sich die Groupements patronaux de la Fédération vaudoise des corporations.

Obwohl L. eine geringere internat. Ausstrahlung als Genf besitzt, fanden dort bedeutende Anlässe wie der 2. Kongress der Internat. Arbeiter-Assoziation (1867), der Friedenskongress von 1869 und 1871 sowie die Konferenz über die Oriental. Frage (1922-23), auf welcher der Vertrag von Sèvres revidiert wurde, statt. Von grossen nationalen Institutionen wurde das Bundesgericht, seit der Bundesverfassung von 1874 eine ständige Einrichtung, in L. angesiedelt.

Autorin/Autor: Frédéric Sardet / AHB

3.2 - Wirtschaft und Gesellschaft

3.2.1 - Bevölkerungsentwicklung

1803 zählte L. 9'965 Einwohner. Das demograf. Wachstum, das 1880-1910 besonders stark war, wurde erst 1970 unterbrochen (137'383 Einw.). Im folgenden Jahrzehnt verlor die Stadt 10'000 Einwohner an die Vorortsgemeinden. Seit 1980 kann L. im Unterschied zu anderen Zentrumsstädten seine Bevölkerungszahl halten; sein Gewicht innerhalb der Agglomeration verringerte sich aber (1950 66% der Bevölkerung, 1990 noch 43%). Parallel dazu begannen die kleinen Haushalte zu überwiegen und die Bevölkerung wurde immer älter: Zählte man 1900 noch 4,7 Personen pro Haushalt, so waren es 2000 nur mehr 1,89. Der Anteil der Einwohner, die mehr als 65 Jahre alt waren, betrug 1950 10% und kletterte bis 2000 auf 17%, obwohl die Einwanderung dieser Entwicklung wegen ihres Verjüngungseffekts entgegenwirkte. 1850-1914 stieg der Anteil der ausländ. Bevölkerung von 6 auf 25%. Nach einem Rückgang in der Zeit der Weltkriege nahm er ab 1950 wieder zu und erreichte 2002 36%, wobei sich die Herkunftsländer änderten. An die Stelle der früheren Gastarbeiter aus Italien, Spanien oder Portugal traten ab den 1990er Jahren v.a. Flüchtlinge aus Kriegsgebieten in Ex-Jugoslawien und Afrika.

Autorin/Autor: Frédéric Sardet / AHB

3.2.2 - Bebauter Raum und Stadtplanung

1803-14 führte L. mehrere Bauten aus, um seinen Status als Kantonshauptort zu festigen (Grossratsgebäude, Kantonsspital, Irrenhaus, Arbeitsanstalt, Place de la Riponne, fertiggestellt 1830). In Anbetracht der Verkehrszunahme entwarf der Ingenieur Adrien Pichard das für die Schweiz völlig neue Projekt eines Umfahrungsgürtels mit geringem Gefälle (1836-64), der den Bau der Grand-Pont (1836-44) und des Tunnel de la Barre (1851-55) bedingte. Die Louve wurde 1812-68 überwölbt, ebenso das Tal des Flon, durch das eine neue Einfallachse geführt wurde. Ab 1874 wurde die Plattform des Flon für Lagerhäuser und als Schuttabladeplatz genutzt. Zu Beginn des 20. Jh. öffnete sich die Rue de Genève nach Westen, und die Stadt dehnte sich in Richtung der Quartiere Sébeillon, Provence und Vallée de la Jeunesse aus. Die Brücken Chauderon (1905) und Bessières (1910) veränderten die Lausanner Topografie vollends.

Zwischen 1860 und 1914 verlor die Stadt ihren ma. Charakter. Das letzte Tor, Saint-Maire, wurde 1890 niedergelegt, was die Anlage von neuen Strassen (insbesondere der Rue de la Paix und der Rue du Lion-d'Or) sowie von öffentl. Gebäuden ermöglichte. Das Théâtre de Georgette (1871), das Kantonsspital in Le Bugnon (1883), der Justizpalast in Montbenon für das Bundesgericht (1886), das Palais de Rumine (1898-1906), das Lehrerseminar (1898-1900) sowie der SBB-Bahnhof (1911-16) wurden auf Baugründen ausserhalb der früheren Mauern errichtet. Die Place Saint-François wurde nach dem Abriss des ma. Klosters und mehrerer Privathäuser vollständig neu gestaltet; um sie herum gruppierten sich die Post (1900), Banken und Warenhäuser (Bonnard 1897). Im Stadtzentrum und in Ouchy entstanden mehrere Luxushotels sowie die Quais längs des Seeufers (1901). Das räuml. Ausgreifen der Stadt, das die grossen Besitzungen Montriond, Belvédère, Bergières, Hermitage, Mon-Repos und Bellevue aussparte, orientierte sich allerdings nicht an einem Gesamtplan. Im Quartier Sous-Gare dehnte sich die Überbauung sprunghaft in das Rebgebiet aus.

1907 zeigte der erste Richtplan neue Perspektiven der Stadtentwicklung auf. Der Mangel an Wohnungen, die den von der Hygienebewegung geforderten Standards entsprachen (Enquete Schnetzler 1894-96), veranlasste die Behörden, der Wasser-, Licht- und Energieversorgung fortan mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Das Wasser für L. wurde von den Höhen oberhalb von Montreux, vom Lac de Bret (1876), von L'Etivaz (1901) und von einer Pumpstation in Lutry (1930er Jahre) hergeleitet. 1896 übernahm die Gem. die Gas-, 1898 die Elektrizitätsversorgung. Den Strom lieferte ab 1901 die Transformatorenstation Pierre de Plan, die vom Kraftwerk Bois Noir in Saint-Maurice - dieses hatte 1882 eine Anlage in der Stadt ersetzt - gespiesen wurde. In den 1930er Jahren war Bellerive-Plage (1937) die Vorzeigebaustelle der roten Stadtregierung. Die Spitäler Sandoz (1932) und Nestlé (1935) vervollständigten die medizin. Infrastruktur. Die Verschmutzung des Seeufers wurde zwar unterbunden, die Einweihung der Kläranlage erfolgte aber erst 1964. Als der Tour Bel-Air, ein Hochhaus, 1931-32 errichtet wurde, passte die Exekutive die Stadtplanung den Bedürfnissen des motorisierten Verkehrs an. Ein neues Reglement zum Erweiterungsplan, das den Quartierplan einführte, wurde 1942 erlassen.

Der Bau von Sozialwohnungen - ein polit. Dauerbrenner - lag in der Hand versch. Wohngenossenschaften. Auf die philanthrop. Gesellschaften der Jahre 1860-1900 folgten 1920-35 Genossenschaften, die mit öffentl. Mitteln unterstützt wurden. Die Armenquartiere wurden abgerissen und die Kehrichtabfuhr neu organisiert. 1898-1945 wurden 678 subventionierte Wohnungen erstellt, 1945-49 dann 2'244 und 1980-2000 nahezu 5'000. Das Wachstum der Jahre 1965-75 manifestierte sich im Bau der neuen Häfen von Ouchy und Vidy (1970-76) sowie in jenem des waadtländ. Universitätsklinikums (Centre hospitalier universitaire vaudois, 1971-82) und in der Anlage des Arbeiterquartiers La Bourdonnette (1966-70).

Das Bedürfnis, die Entwicklung des Grossraums zu kontrollieren, schlug sich in der Gründung der Commission intercommunale d'urbanisme de la Région lausannoise (1967) nieder, die von der Communauté de la Région lausannoise (später Lausanne Région) abgelöst wurde. Dieses Gremium setzt sich für die nachhaltige Entwicklung der noch wenig selbstbewussten Agglomeration ein.

Autorin/Autor: Frédéric Sardet / AHB

3.2.3 - Wirtschaft und Verkehr im 19. und 20. Jahrhundert

Vor 1850, als L. als Handelsplatz fungierte, spielte das private Bankwesen eine bescheidene Rolle. Dann wählten sowohl die Banque cantonale vaudoise (1846), die Crédit foncier vaudois (1858) und die Union vaudoise de crédit (1864) als auch die Versicherungen Société vaudoise de secours mutuels (1845), La Suisse (1858) und Mutuelle vaudoise (1895) L. als Standort für ihre Hauptsitze. Die Société industrielle et commerciale (1859), die Société pour le développement de Lausanne (1885) und die Handelskammer förderten die wirtschaftl. Entwicklung. 1898, als Bau- und Druckereibranche das tragende Gerüst der Industrie bildeten, schloss die Gerberei Mercier ihre Tore, während der Chocolatier Kohler seinen Betrieb nach Echandens verlegte. Eine strukturelle Krise traf damals das Gewerbe (Schneider, Schuhmacher, Steinmetze). Dagegen erfolgte 1888-1910 der Durchbruch des tertiären Sektors, der nun mehr als 50% der Arbeitsplätze stellte. Die Hotels und Pensionate für begüterte Ausländer (1900 105) florierten zwischen 1880 und 1914, und die Baubranche rekrutierte zuerst dt., dann ital. Fremdarbeiter. 1907 eröffnete das Unternehmen Innovation das erste grosse Warenhaus in Lausanne.

Das grosse Thema des 19. Jh. war die Eisenbahn. Der Kampf entbrannte um die Anbindung L.s an das vorgesehene Netz, das zwischen Genf und dem Neuenburgersee entstehen sollte. 1856 brach zwischen Stadt und Kanton wegen der Linie nach Bern ein heftiger Konflikt aus; die Gem. wurde unter kant. Verwaltung gestellt, bekam aber dann doch Recht. Der Bahnhof L. entwickelte sich vom Endbahnhof zum Knotenpunkt an der Linie Paris-Mailand. Versch. Gesellschaften stellten die Erschliessung der Region sicher (nach Echallens-Bercher 1872-74, ins Broyetal 1887). Die Standseilbahn von Ouchy - der Hafen diente bis zum 1. Weltkrieg für den Warentransport - wurde 1877 eingeweiht, und ab 1896 verband ein Netz von elektr. Strassenbahnen L. mit den Nachbargemeinden (Renens 1905), welches die Standseilbahn nach Le Signal (1899, 1948 stillgelegt) und das Tram L.-Moudon (1902) vervollständigten. Der 1856 erstellte Bahnhof wurde 1915 durch einen Neubau ersetzt.

In den Jahren der Stagnation zwischen 1914 und 1925 gewann der Dienstleistungssektor (Handel, Hotellerie, Verkehr) an Gewicht, während die Baubranche an Bedeutung verlor. 1910-20 verdoppelten Banken und Versicherungen ihren Personalbestand, und in der Druckereibranche entstand die spätere Holding Edipresse. Der 1. Weltkrieg führte zur Schliessung vieler Pensionate, und die Hotellerie erlebte trotz der Eröffung des Lausanne-Palace (1915) einen Einbruch. Das Comptoir suisse, das 1920 im Palais de Beaulieu seine Tore öffnete, symbolisierte die entstehende Konsumgesellschaft. Das Flontal wurde durch eine Bahnlinie mit dem Rangierbahnhof in Renens verbunden und aufgeschüttet; das Zentrum der Industriezone verlagerte sich infolge dieser Umgestaltungen auf Sébeillon, das seinerseits 1927 mit einem Güterbahnhof ausgestattet wurde. Der Flugplatz in La Blécherette startete vielversprechend - 1921 wurde ein Linienflug nach Paris eingerichtet -, verlor dann aber gegenüber demjenigen in Genf an Bedeutung. 1929-39 nahm die Zahl der Arbeitsplätze um 20% zu. 1932-36 traf die Depression allerdings sowohl das Baugewerbe als auch die Hotellerie, obwohl diese von der 1893 gegr. Hotelfachschule und von dem 1932 eröffnetem Tourismusbüro profitierte. Ab 1932-33 litt der Kleinhandel unter der Konkurrenz von Uniprix und Migros.

L. erlebte wie der Rest der Schweiz Jahre des konjunkturellen Aufschwungs, den Ölschock und die Krise der 1990er Jahre. Nach 1945 boomte die Baubranche, die Löhne stiegen. Die Vorbereitung der Landesausstellung von 1964 beschleunigte den Strassenbau (Autobahn nach Genf). Die Arbeitslosigkeit, die 1991 einsetzte, erreichte ungekannte Höhen und erfasste 1997 12% der Beschäftigten. Der 2. Sektor (2001 10%), hauptsächlich Manufaktur und Baugewerbe, fiel weiter hinter den 3. Sektor zurück, obwohl der Handel nach 1991 infolge des Wegzugs der grossen Einkaufszentren in die Nachbargemeinden viele Arbeitsplätze verlor. Der Stadtrat setzt sich für die Stärkung des öffentl. Verkehrs ein und progagiert die Park-and-Ride-Möglichkeiten. Seit 1984 verkehrt der TGV zwischen L. und Paris. Die Metro im Westen L.s (1991) verbindet das Flontal via La Bourdonnette, die Universität und die Eidg. Techn. Hochschule mit Renens. Die Metro Ouchy-Hôpitaux-Epalinges, die als Projekt 2002 angenommen worden ist, wurde 2008 eröffnet

Autorin/Autor: Frédéric Sardet / AHB

3.3 - Religiöses Leben, Bildung, Kultur und Sport

3.3.1 - Religiöses Leben

Trotz der Bevölkerungszunahme bildete L. im 19. Jh. nach wie vor nur eine einzige Kirchgemeinde. Zu den drei Gotteshäusern, die im 18. Jh. genutzt wurden, kamen 1840 das von Ouchy und 1902 das von Chailly hinzu; Letzteres wurde 1902 zur Pfarrkirche. Erst 1910 wurde die alte Kirchgemeinde in die neuen Gem. Cité, Saint-Laurent, Saint-Paul, Saint-François und Ouchy aufgeteilt. Die Anhänger der evang. Freikirche, die 1847 in Opposition zur Landeskirche gegründet worden war, versammelten sich in vier Kapellen, darunter in der Chapelle des Terreaux. Die Wiedervereinigung der beiden Kirchen 1966 bedingte eine Neuorganisation der Kirchennutzung. Die Anglikaner, die sich 1818 als Gemeinschaft konstituiert hatten, bekamen ihre Kirche 1878, die Presbyterianer die ihrige 1876 (sog. Schott. Kirche).

Am Ende des Ancien Régime waren die wenigen Katholiken in L., Ausländer oder Zuzüger aus anderen Kantonen, nach Assens kirchgenössig. Nachdem das Gesetz von 1810 ihnen die freie Ausübung des Kultus gewährt hatte, gründeten sie 1817 eine eigene Pfarrei. Als erste Kirche teilten die Behörden ihnen das lange als Zeughaus genutzte Saint-Etienne zu, bis 1835 Notre-Dame du Valentin (1992 Basilica minor) geweiht wurde. Im 20. Jh. wurden neun neue Pfarreien errichtet.

Die Kirche von Florimont ist das Gotteshaus der Griech.-Orthodoxen, während die Russ.-Orthodoxen in Vevey zur Kirche gehen. Die 1860 gegr. israelitische Gem. liess 1910 eine Synagoge erstellen; 2000 zählte sie ca. 1'000 Mitglieder. Seit der Waadtländer Verfassung von 2003 ist sie als Institution von öffentl. Interesse anerkannt. Den Muslimen stehen das Islam. Zentrum L. (1979) und das Alban.-Islam. Zentrum zur Verfügung.

Autorin/Autor: Frédéric Sardet / AHB

3.3.2 - Universität und Schulen

Nachdem die Akademie lange auf die Theologie ausgerichtet gewesen war, erweiterte sie 1806 und v.a. 1837 ihren Fächerkanon. Aus ihr entstand 1890 die Universität Lausanne, die 1906 einen Teil des Palais de Rumine belegte. 1970 wurde sie nach Dorigny (Gem. Chavannes) verlegt, in die Nähe der Eidgenössischen Technischen Hochschule (Gem. Ecublens), die aus der 1853 gegr. Ecole spéciale de Lausanne, einer Fachschule für Ingenieure, hervorgegangen war. L. verzeichnet daneben noch zwei Hochschulen, das Hochschulinstitut für öffentl. Verwaltung (Institut des hautes études en administration publique, 1982) und das International Institute for Management Development, das 1990 auf die 1957 von Nestlé gegr. Managementschule Imede folgte. Die Hotelfachschule von 1893, die erste weltweit, zog 1975 vom Stadtzentrum nach Chalet-à-Gobet, erlangte 2003 den Status einer Fachhochschule und wurde im selben Jahr in die Fachhochschule Westschweiz integriert.

Auf das erste grosse Primarschulgebäude, das 1874 erstellte Collège Saint-Roch, folgten zahlreiche weitere, von denen ein Grossteil vor dem 1. Weltkrieg gebaut wurde. 1904 wurde das Lehrerseminar (1837) nach Le Bugnon verlegt, 1914 die Handelsschule nach Beaulieu. Das humanistische und das naturwissenschaftl. Gymnasium für Knaben sowie die Höhere Töchterschule (1888 in Villamont) waren die öffentl. Schulen der Sekundarstufe. Die Ecole nouvelle de la Suisse romande, eine der vielen Privatschulen, wurde 1906 eröffnet; sie nimmt Schüler aus der ganzen Welt auf. Die Bildungs- und Kulturstadt L. galt vor dem 1. Weltkrieg auch als "Mekka der Medizin", in dem zahlreiche Privatkliniken das öffentl. Angebot ergänzten.

Autorin/Autor: Frédéric Sardet / AHB

3.3.3 - Kulturelles Leben und Sport

Nachdem sich das "Feuille d'Avis" (1762) lange auf Anzeigen beschränkt hatte, erschien mit der späteren "Gazette de Lausanne" das erste Blatt der polit. Presse in der Revolutionszeit. Im 19. Jh. wurden weitere Titel lanciert. 2007, im Zeitalter der Gratiszeitungen, beherrschten die zwei Tageszeitungen "Vingt-quatre Heures" und Le" "Matin den regionalen Markt, während sich die Quartierzeitungen nur mit Mühe halten konnten. In L. wirkten auch mehrere renommierte Verleger, darunter Henry-Louis Mermod, der insbesondere Charles Ferdinand Ramuz publizierte.

Mit der Einweihung des Kantonsmuseums begann in L. 1818 die Zeit der Museen. Auf das Musée Arlaud (1840) folgte das Musée industriel (1862), der Vorgänger des Musée de design et d'arts appliqués contemporains (1967). 1918 wurde im Bischofspalast das Museum der Association du Vieux L. eröffnet, aus dem 1990 das Hist. Museum entstand, und 1936 in Vidy das Römermuseum gebaut. Zu Beginn des 21. Jh. verfügte L. über 21 Museen, die u.a. der Kunst, der Art Brut (1976), dem Kunstgewerbe, der Architektur, der Fotografie (Musée de l'Elysée, 1985), den Wissenschaften und der Geschichte gewidmet waren.

Das Musikleben, das sich 1824-74 im Casino von Derrière-Bourg abspielte, war 1901-54 auf das Volkshaus in der Rue de La Caroline angewiesen, bis dessen grosser Saal 1954 durch jenen des Théâtre de Beaulieu ersetzt wurde. 1942 gründete Victor Desarzens das Kammerorchester Lausanne, dessen Schicksal eng mit demjenigen des 1922 auf Sendung gegangenen Radios verflochten war. Nach 1940 hatte das Kabarett mit dem Kabarettisten Gilles seine Glanzzeit. Um Paul Pasquier und Charles Apothéloz entfaltete sich ein reges Theaterleben; das Théâtre de Vidy lebte nach der Expo 64 weiter und wurde zu einer renommierten Bühne, während sich das Théâtre municipal mit Renée Auphan zur Oper wandelte (1983). Jazz und aktuelle Musikrichtungen haben ihre eigene Schule. Der Tanz entfaltete sich um den Grand Prix de L. (1973) und das Béjart Ballet L. (1987). 1948 wurde das Schweizer Filmarchiv eröffnet.

L. entwickelte sich auch zum Funktionärszentrum des internat. Sports; die Stadt ist Durchführungsort zahlreicher Wettkämpfe und gewährt mehreren Verbänden, dem Schiedsgericht des Sports und dem Maison du sport international (2005) Gastrecht. Seit 1915 ist L. Sitz des Internat. Olymp. Komitees und seit 1993 olymp. Hauptstadt; im gleichen Jahr wurde auch das neue Olymp. Museum in Ouchy eröffnet. Die Académie internationale des sciences et techniques du sport trägt L.s Begeisterung für den Sport in die universitäre Welt hinein.

Autorin/Autor: Frédéric Sardet / AHB

3.4 - Unterwegs zu einer neuen Identität

Die Stadt stellt nur einen Teil des Gemeindegebiets dar. Chailly, zuerst Dorf, dann vom Ende des 19. Jh. bis in die 1960er Jahre Villenviertel und Standort von Pensionaten, erlebte eine grosse Bautätigkeit im Mietwohnungssegment. La Sallaz und Vennes entwickelten sich ähnlich. Die Auberge du Chalet-à-Gobet, früher eine Pferdewechselstation der Post, ist bei den die Wälder des Jorat durchstreifenden Spaziergängern beliebt geblieben. Im Wald von Sauvabelin findet seit dem 19. Jh. kurz vor den Sommerferien die "Fête du bois" statt (1888 Anlegung eines künstl. Sees). Die von den Gem. Romanel-sur-L. und Cheseaux-sur-L. umschlossene Exklave Vernand war zwischen 1798 und 1805 zuerst Crissier und dann Romanel zugeordnet.

Rechtlich gesehen steht L. auf der gleichen Stufe wie die 380 übrigen Gem. der Waadt, politisch verfügt es aber über viel mehr Einfluss. 1850 machte L. nur gerade 8,5% der Waadtländer Bevölkerung aus, 2000 dann 19,4%. Dieses Ungleichgewicht erschwert die Konzeption und Verfolgung einer nachhaltigen Regionalpolitik. Bei der Neueinteilung der Bezirke, welche die Verfassung von 2003 vorsieht, lehnte der Gr. Rat 2006 die Schaffung eines Bez. Gross-L. ab und gab einer Einheit den Vorzug, die sich auf L. und fünf weitere Gem. beschränkte. Die Agglomeration L., die 2000 70 Gem. umfasste, ist als solche nicht anerkannt, und die verschiedenen aufeinanderfolgenden regionalen Organisationen konnten die Unstimmigkeiten zwischen der Stadt und deren Nachbargemeinden, die hauptsächlich die Beiträge Letzterer an die von L. getragenen Zentrumslasten betreffen, nicht ausräumen. Im Unterschied zu Zürich und Genf hat L. keine Eingemeindungen vorgenommen. Nach gewissen Planungsszenarien wird die Stadt in einigen Jahrzehnten Teil einer Megalopolis sein, die sich nördlich des Genfersees von Genf bis Montreux erstreckt.

Autorin/Autor: Frédéric Sardet / AHB

Quellen und Literatur

Archive
– ACV
– StadtA L.
Quellen
Manuaux du Conseil, hg. von E. Chavannes, 1882
SSRQ VD, B/I
Literatur