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Andelfingen (Gemeinde)

Polit. Gem. ZH, Bez. A. Ehem. Landvogteisitz, Marktflecken und Brückenkopf am Südufer der Thur. Heute Bezirkshauptort. 1248 Andelfingon, bis 1970 Grossandelfingen. Beim in Ratperts Casus Sancti Galli zum Jahr 759 erw. Antolfinga handelt es sich wahrsch. um A. im Landkreis Biberach (D). 1467 58 Haushalte; 1634 413 Einw.; 1850 730; 1900 855; 1950 931; 1980 1'658; 2000 1'644.

1 - Vorrömische Zeit

Die ältesten Funde in A. sind mehrere, z.T. bereits im 19. Jh. gefundene Steinbeile, die aus dem Neolithikum stammen dürften. Die kant. Denkmalpflege untersuchte 1967 in der Flur Auf Bollen eine Schicht mit bronzezeitl. Keramik. Die Fundschicht enthielt den Abraum einer Siedlung, die sich auf der unmittelbar darüber liegenden Terrasse befunden hatte und etwa auf die Mitte des 12. Jh. v.Chr. zurückgeht. Trotz der Umlagerung waren die Funde gut erhalten. Von besonderer Bedeutung sind eine gut datierbare Nadel, das Fragment einer sehr frühen Fibel (?), Fragmente einer Gussform und eines Feuerbocks (Mondhorn) aus Sandstein sowie ein Goldröllchen. Ein wahrsch. hallstattzeitl. Grabfund mit mehreren Skeletten wurde bereits 1844 in einer Kiesgrube gehoben. 1911 kamen bei Bauarbeiten des Militärs auf dem Laufen zwei reich ausgestattete Gräber der Latènezeit zum Vorschein. Ein dabei geborgener Halsring war der erste seiner Art in der Sammlung des Schweiz. Landesmuseums. Bei sofort veranlassten Grabungen untersuchte das Landesmuseum weitere 27 Gräber. Die Verstorbenen waren mit ihrem Schmuck bestattet worden. Von den 29 Gräbern enthielten 27 Fibeln, Hals-, Arm-, Bein- und Fingerringe, v.a. aus Bronze und Eisen, sowie Glasperlen. Einzelne Objekte waren mit Auflagen aus Koralle oder Glas versehen. Waffen und Keramikgefässe fehlten. Die Funde gelangten ins Landesmuseum. Die an mehreren Stellen entdeckten schwarzen Verfärbungen in der Erde werden heute als inkohlte Reste von Baumsärgen interpretiert. Männer, Frauen und Kinder scheinen in getrennten Gruppen bestattet worden zu sein. Der Friedhof datiert, mit Ausnahme eines möglicherweise bronzezeitl. Grabes, ins 4.-3. Jh. v.Chr. Er liegt etwas ausserhalb von künstl. Befestigungen, die jedoch zeitl. nicht bestimmbar sind.

Autorin/Autor: Claire Hauser Pult

2 - Römische Zeit bis heute

Die frühma. Besiedlung und Landnutzung dürfte von der Flussniederung ausgegangen sein, die Erschliessung des Plateaus südl. des Ortskerns für den Getreidebau ermöglichte die weitere Entwicklung. Die Siedlung kristallisierte sich um den Kirchenbezirk. Die Kirche selbst ist 1969 archäolog. untersucht worden. Dabei kamen u.a. die Fundamente eines um 1000 entstandenen Sakralbaus zum Vorschein und innerhalb von dessen Schiff auch ein Mauerzug, der als Überrest der Westfassade einer Vorgängerkirche aus dem 8. Jh. gedeutet wird. Im SpätMA war A. eine Grosspfarrei mit fünf Filialkapellen. Die Patronatsrechte, die an einen Kelnhof gebunden waren, verzeichnet das Habsburg. Urbar um 1300 als Besitz der österr. Landesherrschaft; sie gelangten 1404 tauschweise an das Kloster Allerheiligen in Schaffhausen. Nach der Reformation wählte der Schaffhauser Rat den Pfarrer von A., musste aber Zürich ein Bestätigungsrecht einräumen. Seit 1864 wählt die Kirchgem. den Pfarrer.

Vor dem Verkauf an Zürich (1434) gehörte A. als offenbar kyburg. Erbe den habsburg. Landesherrn. Das Habsburg. Urbar gewährt Einblick in die Siedlung; es verzeichnet u.a. zwei Mühlen, einen Meierhof, zwei Kelnhöfe, ein Wirtshaus sowie das Fischereirecht in der Thur. Das Kloster Rheinau verlieh das Fährrecht und den Brückenzoll von A. 1488 erwarb Zürich Zoll und Brücke vom Rheinauer Lehensträger Beringer von Hohenlandenberg. Die 1324 erw. Thurbrücke wurde mehrmals verändert und 1799 im Krieg zerstört. 1814 entstand neu eine gedeckte, zweijochige Holzbrücke nach Plänen des Kantonsbaumeisters Hans Konrad Stadler. Ein in älterer Literatur zitierter spätma. Markt ist nicht belegt. Zu Beginn des 17. Jh. taucht ein Jahrmarkt auf. Später kamen noch der monatl. Viehmarkt (1867) und ein zweiter Markttag im Frühling (1877) hinzu. Obwohl A. zentralörtl. Funktionen wahrnahm und vom 16. Jh. an Landhandwerk (u.a. Schmiede, Gerber, Färber) nachgewiesen ist, zählte A. noch 1850 mehr Bauern (71) als Handwerker (45). Eine Industrialisierung fand kaum statt; zu erwähnen sind einzig die Stickereibetriebe von Johann Jakob Arbenz und Johann Ulrich Akeret (1874-89). Um 1835 begann Johann Ulrich Mäder in A. mit der Herstellung von Turmuhren. 1864 übernahm Johann Ulrich Akeret die "Andelfinger Zeitung" (Nachfolgerin des 1858 gegr. "Anzeigers von A.") und errichtete in A. eine Druckerei. Die markanten Strassenschlaufen im Flecken, Teil der 1839 erstellten Kantonsstrasse Winterthur-Schaffhausen, prägen das Ortsbild. Die Gründung der Ersparniskasse A. (1843, seit 1874 Filiale der Kantonalbank) erfolgte aus dem Umfeld der Gemeinnützigen Ges. des Bez. A. 1857 erhielt A. eine Station an der sog. Rheinfallbahn Winterthur-Schaffhausen. 1930 war A. eine von Gewerbe und Kleinindustrie geprägte Gem. Die 1958 erstellte Weinlandbrücke überwand den engen Taleinschnitt der Thur und entlastet den Ortskern A.s vom Transitverkehr. In den 1960er Jahren wurden Industrie- und Wohnzonen ausgeschieden. Während bis 1990 der 1. Sektor auf 5% schrumpfte und die verbleibenden Landwirte aus dem Dorfkern aussiedelten, wuchs der 3. Sektor auf 48%. A. ist für die Region auch Arbeitsplatzgem. und weist eine positive Pendlerbilanz auf (1990 64% Zupendler, 55% Wegpendler).

Autorin/Autor: Martin Illi

Quellen und Literatur

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Literatur