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Grandson (Gemeinde)

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Polit. Gem. VD, seit 1798 Hauptort des gleichnamigen Bez., umfasst G. sowie die Weiler Les Tuileries-de-G. und Corcelettes, am südl. Ende des Neuenburgersees (linkes Ufer), an der Flanke eines Moränenhügels (mit dem Fluss Grandsonnet auf südwestl. Seite). Das 2 km südwestlich von der Hauptsiedlung gelegene Les Tuileries-de-G. hiess Fiez-Pittet-dessous, bevor Guillaume Amiet und sein Bruder, Ziegelbrenner aus Bevaix, sich 1459 dort niederliessen. Der Weiler gehörte zuerst zur Gem. Montagny-près-Yverdon, ebenso wie die Chamard genannte Örtlichkeit, wo Lehm abgebaut wurde, und kam 1834 zu G. In der 2. Hälfte des 11. Jh. Grancione (Geschlecht), um 1100 de castro Grancione, um 1126 castri Grandissoni, 1154 apud Grantionem. 1803 822 Einw.; 1850 1'248; 1900 1'771; 1950 1'800; 2000 2'759.

1 - Ur- und Frühgeschichte

Im Mai 1895 entdeckte ein Bauer in Les Echâtelards einen im Boden vergrabenen Menhir von ungefähr drei Tonnen. Dieser riesige Monolith von 3,4 m Höhe aus dem Neolithikum steht heute in der Nähe des Fundortes. G. ist aber v.a. für seine prähist. Ufersiedlungen bekannt. 1854, nach dem Erscheinen von Ferdinand Kellers berühmter Publikation über "Die kelt. Pfahlbauten in den Schweizerseen", welche die bekannte Begeisterung für die Pfahlbauten auslöste, machte Frédéric-Louis Troyon den Autor auf die Fundstelle von Corcelettes aufmerksam, wo er zwischen zahlreichen Pfahlwerken Vasen gefunden hatte. Bis 1930 wurden in der Gem. sieben Ufersiedlungen identifiziert: In Corcelettes eine grosse aus der Bronzezeit und eine kleinere aus dem Neolithikum; in Les Buttes zwei weitere aus dem Neolithikum; in Le Repuis, Le Stand und Les Tuileries drei andere, die ebenfalls der Jungsteinzeit zugerechnet werden, obwohl keine Fundgegenstände zum Vorschein kamen. 1995 wurde auf dem Campingplatz Bellerive eine ins späte Neolithikum zurückreichende Siedlung entdeckt, die aus der Zeit zwischen 2741 und 2488 v.Chr. datiert.

Die bedeutendste Ufersiedlung in G. ist diejenige von Corcelettes. Die erste Juragewässerkorrektion führte nach 1876 zur Entwässerung eines grossen Teils des Pfahlfeldes. Das kant. Archäologie- und Geschichtsmuseum in Lausanne nutzte die Gelegenheit und begann im darauf folgenden Jahr mit Ausgrabungen, die sich bis 1880 hinzogen und - unter Vernachlässigung der Systematik - darauf ausgerichtet waren, möglichst viele Fundgegenstände ans Tageslicht zu befördern. Wahrscheinlich ist Corcelettes derjenige Schweizer Ort, der am meisten Metallobjekte aus der Bronzezeit für die verschiedenen kant. und ausländ. Museen sowie für Privatsammlungen geliefert hat. 1881 mass das Pfahlfeld 300 auf 100 bis 200 m und war im Norden von drei hintereinander liegenden Zäunen mit steinbeschwerten Pfosten abgegrenzt. Ab 1900 wurde die Anlage unter Denkmalschutz gestellt. Das gesetzlich vor Plünderungen geschützte Gebiet hat im 20. Jh. durch Erosion mehrere Tausend Quadratmeter archäolog. Schicht verloren. Trotzdem bleibt Corcelettes eine der besterhaltenen und grössten Seeufersiedlungen am Neuenburgersee.

Ab 1983 wurde dem Ufer entlang ein Schutzsystem errichtet, um die prähist. Siedlungen vor Verwitterung zu schützen. 1983-88 wurden ungefähr 2'000 Hölzer, von denen 14 aus der Zeit zwischen 1123 und 878 v.Chr. datieren, aufgenommen und vermessen. In mehreren Untersuchungen konnten bis zu 0,6 m starke Kulturschichten festgestellt werden, die nicht nur viel Keramik und einige Bronzegegenstände, sondern auch organ. Materialien (Fäden, Rinde, Hölzer, Blätter, Samen usw.) sowie angebrannte Spuren von Hauswänden aus Flechtwerk enthielten.

Die Funde aus Corcelettes verteilen sich über die ganze Bronzezeit, allerdings mit einer klaren Häufung am Ende dieser Epoche (9. Jh. v.Chr.). Die Keramik ist manchmal mit Malereien, Zinnbändern oder weissen Inkrustationen verziert. Zu den aussergewöhnl. Gegenständen gehören insbesondere eine kleine Schweineskulptur, eine Spule und Terrakottahörner, eine Flöte und zwei Sichelgriffe aus Holz, Pferdegebisse, drei Bronzegefässe, darunter ein herrl. Becken aus Nordeuropa, eine zerbrochene Plattenfibel, ein Wagenrad aus Eschenholz, ein Weizenbrot, eine aus einem menschl. Schädel geschnittene perforierte Knochenplatte, etwa fünfzehn menschl. Schädel und ein Einbaum aus Holz. Zeugnis der Metallverarbeitung sind ein Kupferbarren, ein Hammer, kleine Werkzeuge, Förmchen und Gegenstände im Herstellungsprozess.

Das einzige Zeugnis aus der Eisenzeit in G. ist eine Fibel des Typs Certosa; aus der röm. Zeit sind bisher auf dem Gemeindegebiet nur einzelne Funde (Ziegel, Mauerreste) aufgetaucht.

Autorin/Autor: Mireille David-Elbiali / CN

2 - Vom Mittelalter bis zur Gegenwart

Die Entwicklung von G. ist eng an das Schloss und ihre Besitzer, die Herren von G., gebunden, die um 1000 in Erscheinung treten. Belege für die aus einem einfachen Burgflecken bestehende Siedlung gibt es erst aus der Zeit um 1100, aber zweifellos bestand sie schon früher. Um 1146 oder zumindest vor 1178 förderten die Herren von G. die Ansiedlung des benediktin. Priorats Saint-Jean, das zur Abtei La Chaise-Dieu in der Auvergne gehörte: Sie schenkten ihm die Kirche Saint-Jean-Baptiste, die bei dieser Gelegenheit umgestaltet und mit hervorragenden, auf monolith. Säulen ruhenden rom. Kapitellen ausgestattet wurde (der Chorraum erfuhr um 1300-08 eine Vergrösserung; wohl 1378 wurde die Kirche von einem Brand heimgesucht). Kirchlich war G. Giez zugeteilt; 1438 erhielt die Prioratskriche die Rechte einer Pfarrkirche. Die Ankunft der Benediktiner trug massgeblich zur Entwicklung des Ortes bei, der wohl um 1300 - ausser auf der Seeseite - mit Mauern umschlossen war und einen deutlich städt. Charakter hatte. Für den Unterhalt der Mauern waren die Meierämter Provence, Bonvillars, Fiez, Concise und Yvonand zuständig. Otto I. von G. baute das alte rom. Schloss um und vergrösserte es zwischen 1277 und 1281 sowie zu Beginn des 14. Jh. beträchtlich. Ein Grossbrand (wohl 1378, aber erst 1397 belegt) zerstörte alle Bedachungen des Gebäudes und einen grossen Teil des Fleckens. Die Burgunderkriege verursachten v.a. am Schloss grosse Schäden. Ab 1293 wird eine Bürgergemeinde erwähnt, vor 1328 gewährte Otto I. einen Freiheitsbrief, an der Nordseite der Kirche lagen Markthallen, in der Vorstadt Le Revelin, nahe des Tores nach Giez, sind Metzgereien belegt. Otto I. förderte die Bettelorden und erlaubte den Franziskanern 1289, ein Kloster am Westeingang des Städtchens zu errichten. Heute sind nur noch der Kirchturm und einige Überreste der Konventsgebäude vorhanden. Ein Spital, das in der 2. Hälfte des 14 Jh. erbaut wurde und 1420 unter die Schirmherrschaft des Städtchens G. geriet, befand sich in der heutigen Rue Basse, ganz in der Nähe des 1837 zerstörten Torturms Gey.

Der Handstreich von Guillaume Farel, der 1531 die Altäre der Franziskanerkirche zerstören liess, und die Predigten des aus Frankreich stammenden Pfarrers Jean Le Comte bereiteten die Reformation vor, die von Bern aber erst 1554 nach einer - nach den Regeln des sog. Plus erfolgten - Abstimmung in der Gem. eingeführt wurde. Die Klostergebäude der Franziskaner wurden zwischen G. und den Ständen Bern und Freiburg aufgeteilt, der Kreuzgang beherbergte nach der Säkularisation bis zu Beginn des 19. Jh. den Friedhof. Das Priorat Saint-Jean wurde aufgehoben und bald entstanden in seinen Gebäuden das Rathaus und die Schule; die Häuser des Pfarrers und des Diakons liess die Berner Obrigkeit erst 1728/29 einrichten. Unter bern. Herrschaft wurde die Gem. durch einen 24-köpfigen Rat verwaltet, wobei die 12 ersten auch das Gericht bildeten. Die Ideen der Franz. Revolution wurden im Landstädtchen von dem aus G. gebürtigen Gabriel-Antoine Miéville eingeführt; er war Redaktor des "Peuple vaudois: bulletin officiel", Organ der provisor. Landesversammlung und Vorläufer der "Gazette de Lausanne".

Im 19. Jh. veränderten grosse Baumassnahmen den Ort und die unmittelbare Umgebung stark. Nach 1819 wurde die Franziskanerkirche abgebaut und der Friedhof kam nach Les Collombaires, um die Rue Basse direkt bis zur Kantonsstrasse zu verlängern. 1890 wurden die Fundamente der Kirche zerstört, um dem heutigen Rathaus Platz zu machen. 1858 trennte die auf einem Damm erbaute Eisenbahnlinie Yverdon-Biel die Stadt vom Seeufer, dessen Niveau sich mit der Juragewässerkorrektion 1879 senkte. Der vom MA an am westl. Eingang von G. gelegene Hafen blieb nicht bestehen. Am Ende des 19. Jh. wurden neue Quais erbaut, prunkvolle Häuser entstanden am neuen Ufer, so der Wohnsitz der Fam. Vautier mit dessen astronom. Observatorium. Der Ausbau der Durchgangsstrasse, die in das Kantonsstrassennetz einbezogen wurde, führte 1848-55 zur Begradigung und Verbreiterung der Rue Basse und bedingte die Zurückversetzung von dreissig Fassaden. Auf dem Schlossplatz entstand eines der bemerkenswertesten Gotteshäuser der evang. Freikirche des Kt. Waadt (1898 geweiht).

Die Einkünfte der Einwohner von G. stammten aus der Landwirtschaft, besonders aus der Viehzucht an den Jurahängen, aber auch aus der Fischerei. Der weit verbreitete Weinbau ging am Ende des 19. Jh. mit dem Aufkommen der Parasitenkrankheiten deutlich zurück. Die Industrie war im 19. Jh. mit der im Schloss angesiedelten Firma Vos, Decoppet & Cie., die 1831 von H. Vautier & Cie. übernommen wurde, hauptsächlich auf die Tabakverarbeitung ausgerichtet. Die vermögenden Vautier waren fest in die Lokalpolitik eingebunden, 1899-14 hatten sie das Bürgermeisteramt inne. Ihre Fabrik am Westeingang der Stadt wurde 1972 geschlossen. Neben versch. Unternehmen der Baubranche (Herren Frères & Cie., Beati Frères SA), des Transport- und Tiefbauwesens (1896 Landi, 1920 Cand, 1974 Fusion zur Cand-Landi SA) und für Baumaterialien (Les Sables & Graviers La Poissine SA) sind heute in G. die Ateliers d'études de construction automobile Sàrl (PKW-Prototypen von internat. Ruf) beheimatet, die 1968 von Franco Sbarro in Les Tuileries-de-G. eröffnet wurden. 1933 erfolgte im Quartier Le Repuis die Gründung eines Arbeiterhilfsvereins für Jugendliche, der 1975 zu einem Berufsbildungszentrum wurde. Seit den 1970er Jahren sind im Bereich Tourismus und Freizeit grosse Anstrengungen unternommen worden, 1971 entstand der Kleinboothafen, das Schloss wurde für das Publikum geöffnet (ca. 40'000 Besucher pro Jahr) und 2000 wurde ein Natur- und Kulturpfad eingeweiht. Das hist. Zentrum, insbesondere die Rue Basse mit dem dichten Automobilverkehr, entvölkerte sich, während an den benachbarten Hängen, den ehem. Rebbergen, neue Wohnquartiere entstanden. 2000 waren zwei Drittel der Bevölkerung von G. im Tertiärsektor beschäftigt. Der Autobahnabschnitt der A5 Yverdon-Solothurn, der G. mit Vaumarcus verbindet, wurde 1999-2005 gebaut; er war das letzte noch fehlende Stück des Nationalstrassennetzes auf waadtländ. Boden.

Autorin/Autor: Daniel de Raemy / CN

Quellen und Literatur

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