Bodmer (ZH, Zürich)

Zürcher Seidenfabrikantenfam., vermutlich aus Alagna Valsesia (Piemont). 1543 wurde Steinmetz Melchior (gestorben 1563) "aus Varnal" (gemäss Bürgerbuch, vermutlich Varallo im Valsesia) in Zürich eingebürgert. Seine Nachfahren waren Tuchscherer und im 18. Jh. Seidenfabrikanten. Nicht in der Fabrikation tätige B. traten häufig in den Staats- oder Militärdienst. Die B.-Zweige werden nach ihren Wohnhäusern unterschieden. Melchiors Enkel, Hans Rudolf (1581-1629), der erste Tuchscherer der B., wohnte im Haus zum goldenen oder gelben Ring. Nachfahren dieses Zweiges sind im 19. Jh. nach Deutschland und England ausgewandert. Hans Rudolf (1779-1848), Bruder von Johann Georg ( -> 12) und Begründer der Linie aus der Neumühle, war zu seiner Zeit der bedeutendste Müller Zürichs. Als Mieter Hans Caspar Eschers (Gründer der Escher Wyss & Cie.) betrieb er die Neumühle, erwarb später eine zweite Mühle am Unteren Mühlesteg und eine dritte in Urdorf. Sein Bruder, der Tuchscherer Jacob Christoph (1784-1859), betrieb Holzhandel und eine Sägerei. Nachkommen dieses Zweigs leben heute in Südafrika und Grossbritannien. Der Zweig aus dem Windegg wurde durch Heinrich (1623-91) begründet. Sein Sohn Christoph (1658-1722) gründete um 1699 die Seidenfirma Christoph Bodmer. Die Firma ging zu Beginn des 19. Jh. an Johann Martin (1780-1867), einen Nachfahren der B. an der Sihl, und wurde zu einer der wichtigsten Seidenstofffabriken Zürichs. Nach Johann Martins Tod wurde sie liquidiert. Der Begründer der B. an der Sihl, Heinrich ( -> 9), ein Urenkel Christophs, erbte die Seidenfirma Muralt und machte sie zu einem Zürcher Spitzengeschäft. Seine Nachkommen waren v.a. erfolgreiche Seidenunternehmer, so Daniel ( -> 5) und Martin ( -> 19). Heinrich (1786-1873) wurde durch die Seidegaze-Fabrikation zum damals reichsten Zürcher. Weitere, z.T. ausgestorbene Zweige nannten sich zur Arch, aus dem Ellstecken, ab dem Rai, aus der gelben Gilge, aus dem Salmen und ab dem Münsterhof. Die B. sassen ab 1585 im Gr. Rat, ab 1600 im Kl. Rat, stellten fünf Kleinräte und einen Landvogt. Der Heiratskreis umfasste im 16. und 17. Jh. meistens Töchter bedeutender Handwerker; die Seidenindustriellen des 18. Jh. beschränkten das Konnubium dagegen praktisch auf die Zürcher Kaufmannsfamilien wie die Hess, Ott, Escher vom Glas, Pestalozzi und Rahn. Auf Anregung seines Schwagers Johann Conrad Escher gründete Leonhard 1782 einen Familienfonds zur Unterstützung der Studenten und jungen Offiziere der Familie. Zum 400. Jahrestag ihrer Einbürgerung liessen die B. eine Familienchronik schreiben.


Literatur
Schweiz. Geschlechterbuch 1, 50-54; 5, 66-87
– F. Stucki, Gesch. der Fam. B. von Zürich, 1543-1943, 1942

Autorin/Autor: Katja Hürlimann