07/11/2005 | Rückmeldung | PDF | drucken

Echallens (Gemeinde)

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Polit. Gem. VD, seit 1798 Hauptort des gleichnamigen Bez., am Fluss Talent gelegen. 1141 Charlens, 1177 Escharlent, 1228 Eschallens; dt. früher Tscherlitz. 1416 35 Feuerstellen; 1453 32; 1764 81, wovon 34 kath.; 1850 957 Einw.; 1900 1'096; 1950 1'324; 1980 2'163; 2000 4'281. 1857 wurden die Überreste einer Giesserei aus der Bronzezeit im Hof des Schlosses entdeckt. Die Gräberfelder bei Argilliez, Condémines und Chatelard stammen aus der Latènezeit und dem FrühMA. E. lag an dem Trassee der vermeintlich röm. Strasse zwischen Lausanne und Yverdon; deren Überreste wurden allerdings Ende des 19. Jh. zerstört. 1141 wird E. zum ersten Mal in einem Schutzbrief von Papst Innozenz II. an die Abtei Montbenoît bei Pontarlier erwähnt. Ende des 12. Jh. beherrschten die Gf. von Montbéliard, die Montfaucon, die Gegend. Nach 1270 kaufte Amadeus III. den Herren de Goumoëns und de Cheseaux die Rechte auf E. wieder ab, die diese von der Fam. de Montfaucon erhalten hatten. 1317 anerkannte Jean de Montfaucon die lehnsrechtl. Oberherrschaft der savoy. Grafen über E. Im 15. Jh. fiel E. durch Erbgang an die Herren de Chalon, bis 1475 der Sieg der Eidgenossenschaft der burgund. Präsenz im Waadtland ein Ende setzte. E. wurde zum Zentrum der neuen Vogtei Orbe-E., die Bern und Freiburg 1484-1798 gemeinsam verwalteten.

1291 und 1313 sind Steuereinnehmer und ein Kastellan in E. belegt; vor 1346 bestand eine Zollstelle. Der Ort entwickelte sich allerdings nur langsam: 1361, als E. erstmals in einer Übersicht über die Zehnteinkünfte der Diözese Lausanne erscheint, war es auf dem tiefsten Steuerniveau eingestuft. 1351-52 verliehen Girard de Montfaucon und seine Frau, Jaquette de Grandson, E. im Rahmen des Ausbaus ihrer Herrschaft ein Stadtrecht ähnlich dem von Moudon. Um diese Zeit erhielt E. auch eine Mauer, die den Flecken und das Schloss umfasste. Das Stadtrecht beinhaltete eine Gemeindeorganisation; allerdings werden die Syndics in E. erst 1464 erwähnt. Während des Ancien Régime führten zwei Gemeindevorsteher und ein zwölfköpfiger Rat die Geschäfte des Orts; 1738 wurde ein Rat von 24 Mitgliedern geschaffen. Beide Ratsgremien zählten gleich viele Katholiken wie Reformierte, und jede Aufnahme ins Bürgerrecht musste dem Prinzip der konfessionellen Parität Rechnung tragen. 1781 wurde das Rathaus erbaut.

E. ist seit 1141 als Filialkirche von Goumoens-la-Ville belegt; vor 1228 bildete es eine eigene Pfarrei. Nach der Reformation 1536 wurde E. zu einer gemischten Pfarrei; beide Konfessionen nutzten entsprechend dem Simultaneum, das Bern und Freiburg in zähen Verhandlungen vereinbart hatten, die Kirche Saint-Jean l'Evangéliste gemeinsam. 1726-27 wurde ein neue parität. Kirche erstellt. 1883 errichteten die Katholiken an deren Stelle ihre Kirche, nachdem die Reformierten schon 1865 ein eigenes Gotteshaus gebaut hatten.

Da E. Hauptort der Vogtei sowie Sitz des Zivil-, Straf- und Lehnsgerichtes war, beherbergte es eine gewisse Anzahl Gerichtsbeamter und Notare in seinen Mauern. E. war von der Landwirtschaft geprägt, allerdings ermöglichte die Lage an der Strasse Lausanne-Yverdon die Entwicklung des Transport- und Gastgewerbes. Als regionales Zentrum besass E. ab 1351 einen Wochenmarkt, der im 16. Jh. wegen der Bescheidenheit des Städtchens nur unregelmässig abgehalten wurde. Im 17. Jh. durfte E. zwei Jahrmärkte durchführen. 1708 und 1731 wurden ihm zwei weitere Märkte zugestanden, von denen einer der Verpflichtung von Dienstboten und der Söldnerwerbung diente.

Das 1273 bezeugte Schloss grenzte ursprünglich nicht an den Ort; von seinen drei Türmen ist nur einer teilweise erhalten. 1445 wurde es durch einen Sturm beschädigt, dann repariert und 1451 von Ludwig von Chalon von Grund auf neu erstellt. 1475 brannten es die Eidgenossen nieder. Nach dem teilweisen Wiederaufbau um die Mitte des 16. Jh. diente es dem Vogt als Residenz. 1719 wurde es um einen Wohntrakt erweitert. 1798 fiel das Schloss an den Staat, der es 1816 an die Gemeinde verkaufte; es beherbergte das Gericht, das Gefängnis, die ref. Schulklassen, 1842-52 die Diakonissinnen, bis diese nach Saint-Loup übersiedelten, und nach 1892 die Mittelschule. Heute sind die Gemeindeverwaltung und Primarklassen darin untergebracht.

1798 wurde E. Hauptort des Bezirks. Es entwickelte sich nur zögerlich und wurde nur am Rande vom industriellen Aufschwung berührt, den der Kt. Waadt zwischen 1880 und 1910 erlebte. Trotzdem änderte sich die wirtschaftl. Struktur des Ortes: 1910 fielen von den 440 erfassten Stellen 103 auf die Landwirtschaft, 175 auf die Industrie, hauptsächlich in den Bereichen Textil, Bau, Metallbearbeitung, Maschinen- und Gerätebau und Lebensmittel, sowie 162 auf den 3. Sektor in Verwaltung, Handel, Bank und dem traditionellen Hotellerie- und Transportwesen. Der Bau der Eisenbahnverbindung Lausanne-E. 1874 und derjenige der Anschlussstrecke nach Bercher 1889 veränderten die wirtschaftl. Entwicklung von E. nicht grundlegend. Während des 19. Jh. erfolgte der Schulunterricht nach Konfessionen getrennt; erst 1892 wurde eine - sowohl bezüglich der Konfessionen wie auch bezüglich des Geschlechts - gemischte Mittelschule eingeweiht, die 1911 in ein mathematisch-naturwissenschaftl. Gymnasium umgewandelt wurde. 1977 entstand ein neues Schulzentrum. Nach 1970 verdoppelte sich die Bevölkerungszahl von E.; die Wohnzonen dehnten sich aus. 2000 arbeiteten rund drei Viertel der Bevölkerung im Tertiärsektor. Da E. als Sitz der Präfektur versch. Zweige der Verwaltung beherbergt (Bezirksgericht, bis 2000 Grundbuchregister usw.), ist der Anteil des 3. Sektors relativ hoch. Viele Arbeitsplätze des Ortes hängen mit der Landwirtschaft zusammen (Landwirtschaftsmaschinenfabrik, Mühlen, zentraler Getreidespeicher und Verkaufszentrum von Produkten für die Landwirtschaft) - schliesslich liegt E. im Getreidegebiet Gros-de-Vaud, der Kornkammer des Kantons. 1989 wurde ein lebensnahes Handwerksmuseum, die Maison du blé et du pain, eröffnet.


Literatur
– E.S. Dupraz, E., 1950
E. et ses églises, 1965
– M. Grandjean, Les temples vaudois, 1988, 309 f.
– D. Décosterd, Région du Gros-de-Vaud: Programme de développement, 3 Bde., 1990
Mémoires d'un chêne, hg. von E. Gardaz et al., 1991

Autorin/Autor: Marianne Stubenvoll / MS