Solari [Solario]

Künstlerfamilie aus Carona, deren erster bekannter Vertreter der 1191 erw. Ottobono ist und die zu Beginn des 21. Jh. im Tessin noch weitverbreitet war. Im 15. und 16. Jh. erlangten die S. als Architekten, Bildhauer und Maler ihren höchsten Bekanntheitsgrad und arbeiteten in den bedeutendsten Bauhütten des Herzogtums Mailand. Als Stammvater des ersten Zweigs gilt der vor 1438 verstorbene Baldassare. Sein Sohn, der Bildhauer Filippo (erw. 1438-vor 1460), beteiligte sich um 1445-46 mit dem mit ihm vielleicht eng verwandten Andrea da Carona am Bau des Mausoleums von Vitaliano Borromeo. Ein zweiter Zweig geht auf den Architekten und Bildhauer Marco (erw. 1387-1405) zurück. Dessen Sohn Giovanni (gestorben 1480/81) wirkte als Architekt und ab 1450 als herzogl. Ingenieur. Mit seinen Brüdern Alberto und Pietro baute er zwischen 1421 und 1425/28 die Kollegiatskirche in Castiglione Olona. 1428-62 arbeitete Giovanni an der Kartause von Pavia und 1452-70 als Chefingenieur am Mailänder Dom. Seine Söhne Guiniforte (1429-81), auch Boniforte genannt, und Francesco (erw. 1446-vor dem 2.10.1469) hatten ab 1459 bzw. ab 1464 das Amt eines herzogl. Ingenieurs inne und halfen auf den väterl. Baustellen mit, auf denen sie neue Bauweisen der Renaissance mit der lombard. Tradition des MA verknüpften. Francesco war zudem der Lehrmeister von Giovanni Antonio Amadeo, der 1476 Guinifortes Tochter Maddalena heiratete. Guiniforte wirkte ab 1462 als Chefingenieur der Kartause von Pavia sowie ab 1465 des Mailänder Ospedale Maggiore und ab 1470 des Mailänder Doms. Guinifortes Sohn, der Architekt und Bildhauer Pietro Antonio (erw. 1476-93), übersiedelte 1488 nach Moskau, wo er an den Mauern des Kremls arbeitete und 1490 zum Grosshzg. von der Moskwa ernannt wurde. Der Maurermeister und Schreiner Bertola (gestorben 1479), Enkel des Marco, begründete als Vater von Andrea ( -> 1), Cristoforo ( -> 2) und dem in Rom tätigen Architekten Alberto (1461-1514) einen dritten Zweig. Cristoforo und Andrea machten die lombard. Frührenaissance für die "maniera moderna" empfänglich, indem sie den antikisierenden Stil mit Leonardo da Vincis Naturalismus vereinten. Ein vierter Zweig der Fam. geht vielleicht auf den Bildhauer Pietro Lombardo zurück, der mit seinen Söhnen Tullio und Antonio in Venedig wirkte.


Literatur
BSSI, 1912, 61-77
The Dictionary of Art 29, 1996, 22-26
– G. Gentilini, «Virtù ed eroi di un'impresa dimenticata», in Scultura lombarda del Rinascimento, hg. von M. Natale, 1997, 47-82
BLSK, 977-979
– A. Bertoni, Lo specchio di Castiglione Olona, 2009

Autorin/Autor: Lara Calderari / CHM