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Avenches (Gemeinde)

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Polit. Gem. VD, Bez. A. In der Anlage an zähring. Muster erinnernde, auf einer Anhöhe westl. des röm. Aventicum gelegene Stadt. Seit den 1940er Jahren dehnte sich das Siedlungsgebiet allmähl. über die Hänge bis hin zu den Stätten der Antike aus. 1518 Avenche, dt. früher Wiflisburg. Marktort, Hauptort der Vogtei und später des Bez. A., mit Vogtei- bzw. Bezirksgericht und Zehntenscheune. 1336 120 Bürger; 1416 70 Haushaltungen; 1764 825 Einw.; 1798 1'002; 1850 1'637; 1900 1'952; 1941 1'565; 1950 1'717; 2000 2'544 (franz. 74%, dt. 13%).

Mit dem Niedergang der röm. Macht anfangs des 5. Jh. verlor Aventicum viel von seinem einstigen Glanz, wurde aber nicht völlig aufgegeben. Vorerst fanden seine Einw. wohl Zuflucht auf der erw. Anhöhe, dann entstand vom 5. Jh. an südöstl. davon eine ummauerte Siedlung. In dieser sind zwei Kirchen aus der Merowingerzeit (Saint-Martin, Saint-Symphorien) bezeugt, zwei weitere (Saint-Antoine, Saint-Etienne) werden vermutet. Sie sind Zeugnisse der Bedeutung von A., das bis zum Ende des 6. Jh. Bischofssitz war. 1074 verlegte der Bf. von Lausanne, Burkhard von Oltigen, die Stadt an ihren heutigen Standort und liess eine Ringmauer errichten. Diese wurde bis ins 14. Jh. mehrmals umgebaut. Von ihren Türmen stehen heute nur noch der Benneville- und der Vullyturm; die Mauer selbst wurde im 19. Jh. zum grossen Teil geschleift.

Die wüstgefallene frühma. Siedlung war Ende des 15. Jh. in Vergessenheit geraten. Nur die beiden Kirchen Saint-Martin und Saint-Symphorien standen noch. Dem Zerfall preisgegeben, wurden sie um die Mitte des 17. Jh. abgetragen. Drei Bauten prägten die ma. Stadt: der 1336 und 1481 als Bischofsturm bezeichnete Wehrturm über dem Haupteingang zum Amphitheater, die vom Bf. im ausgehenden 13. Jh. in Erweiterung eines Bergfrieds errichtete und zwei Jahrhunderte später gründl. umgebaute Burg, schliessl. die Ende des 11. Jh. wohl als Ersatz für die ausserhalb der Stadtmauern stehenden merowing. Kirchen errichtete, im 14. Jh. erweiterte und im got. Stil umgebaute Kirche Sainte-Madeleine. A. gehörte zum frühesten weltl. Herrschaftsbereich des Bf. von Lausanne. Schon bald erwarben die Stadtbürger gewisse Freiheiten. Die älteste bekannte Fassung des Stadtrechts datiert von 1259, geht jedoch verm. auf Vorgänger aus der 2. Hälfte des 11. Jh. zurück. Die Bürger von A. besassen u.a. das Recht der freien Bündniswahl. Das erste Bündnis wurde 1239 mit Freiburg abgeschlossen, 1537 aber aufgekündigt, denn der neue Landesherr Bern verlangte von den Waadtländer Gem., alle Abkommen mit Katholiken aufzugeben. Ein weiteres Bündnis wurde 1353 mit Murten geschlossen. Die weltl. Macht des Bf. in A. vertraten der Meier, der Kastlan, der Weibel und der Amtmann. Die beiden letztgen. Ämter wurden vom 14. Jh. an nicht mehr besetzt. Das zuvor erbl. gewordene Meieramt löste der Bf. nach und nach wieder ab; die letzten Rechte erwarb er 1497. Danach verblieb der Kastlan alleiniger Vertreter des Bf. Er sass u.a. dem vom Bf. 1363 geschaffenen örtl. Rat mit seinen 14 Mitgliedern vor. Im März 1536 eroberte Bern das weltl. Herrschaftsgebiet des Bf. von Lausanne. A. wurde Hauptort der Landvogtei A. und erlangte 1539 einen Teil der alten Herrschaft zurück. Die Burg wurde zum Sitz des Landvogts, der sich darin beengt fühlte und sie 1565-68 zum heutigen Renaissancebau umbauen und erweitern liess. Die Kirche, seit 1536 ref., wurde 1709-11 umgebaut. Das bestehende Rathaus wurde 1753-54 errichtet, das Pfarrhaus 1756. A. bildete mit Donatyre eine Gem., der ein Rat von 24 Mitgliedern vorstand. 1798 wurde A. Distriktshauptort und gehörte z.Z. der Helvetik vorübergehend zum Kt. Freiburg.

Ab 1826 siedelten sich elsäss. Juden in A. an und wuchsen sehr bald zu einer bedeutenden Gemeinschaft. 1870 betrug ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung 14%. Meist als Pferdehändler tätig, lebten sie in einem gewissen Wohlstand und vermochten 1863-65 eine Synagoge mit 120 Plätzen zu errichten, eine der ersten in der modernen Schweiz. In den 1870er Jahren verliessen sie jedoch A. infolge der Verschlechterung der wirtschaftl. Lage auf dem Land und zogen in bedeutendere Städte. Die Gemeinschaft erlosch, und die aufgegebene Synagoge wurde 1954 abgerissen.

Bis zu Beginn des 19. Jh. lebte A. v.a. vom Ackerbau (Tabak, Zuckerrüben). 1898-99 erwarb der Bund ein umfangreiches Gelände im Norden der Gem. und errichtete darauf das Eidg. Hengsten- und Fohlendepot, das 1901 betriebsbereit war (1927 Eidg. Gestüt, seit 1998 Schweizer Nationalgestüt). Im 19. Jh. siedelten sich nur zwei Industriebetriebe in der Gem. an. Um 1900 zählte man in A. fünf Pensionate für Knaben und Mädchen. Das erste war 1860 eröffnet worden. Während oder nach dem 1. Weltkrieg gingen jedoch alle ein. 1910 startete in A. das erste Flugzeug schweiz. Konstruktion, gesteuert von Ernest Failloubaz. 1911 wurde eine Flugschule gegr., deren Gelände während des 1. Weltkriegs von der Armee benutzt wurde. Ein Militärflugplatz, urspr. für A. geplant, wurde schliessl. 1921 in Payerne erbaut. Nach 1945 wandelte sich die wirtschaftl. Struktur von A.: Fabriken entstanden (Beton, Biscuits), der Dienstleistungssektor und insbes. der Kultur- (Musée romain) und der Freizeittourismus entwickelten sich. V.a. in den 1960er und 80er Jahren entstanden neue Wohnquartiere. Die Autobahn A1 hat Pendler angezogen, die v.a. nach Bern oder Freiburg zur Arbeit fahren.


Literatur
– M. Grandjean, Les temples vaudois, 1988, 162-166
– M. Maire, A. et son district au début du siècle, 1988
– C. Lauener, La communauté juive d'A., 1993
– M. Grandjean Avenches, 2 Bde., 2007

Autorin/Autor: Christine Lauener / AA