Avenches (Gemeinde)

Politische Gemeinde VD, Bezirk Broye-Vully, seit 2006 mit Donatyre und seit 2011 mitOleyres. In der Anlage an zähring. Muster erinnernde, auf einer Anhöhe westlich des röm. Aventicum gelegene Stadt. Seit den 1940er Jahren dehnte sich das Siedlungsgebiet allmählich über die Hänge bis hin zu den Stätten der Antike aus. 1518 Avenche, dt. früher Wiflisburg. Marktort, Hauptort der Vogtei und später des Bezirks A., mit Vogtei- bzw. Bezirksgericht und Zehntenscheune. 1336 120 Bürger; 1416 70 Haushaltungen; 1764 825 Einw.; 1798 1'002; 1850 1'637; 1900 1'952; 1941 1'565; 1950 1'717; 2000 2'544 (franz. 74%, dt. 13%).

Mit dem Niedergang der röm. Macht anfangs des 5. Jh. verlor Aventicum viel von seinem einstigen Glanz, wurde aber nicht völlig aufgegeben. Vorerst fanden seine Einwohner wohl Zuflucht auf der erwähnten Anhöhe, dann entstand vom 5. Jh. an südöstlich davon eine ummauerte Siedlung. In dieser sind zwei Kirchen aus der Merowingerzeit (Saint-Martin, Saint-Symphorien) bezeugt, zwei weitere (Saint-Antoine, Saint-Etienne) werden vermutet. Sie sind Zeugnisse der Bedeutung von A., das bis zum Ende des 6. Jh. Bischofssitz war. 1074 verlegte der Bischof von Lausanne, Burkhard von Oltigen, die Stadt an ihren heutigen Standort und liess eine Ringmauer errichten. Diese wurde bis ins 14. Jh. mehrmals umgebaut. Von ihren Türmen stehen heute nur noch der Benneville- und der Vullyturm; die Mauer selbst wurde im 19. Jh. zum grossen Teil geschleift.

Die wüst gefallene frühmittelalterliche Siedlung war Ende des 15. Jh. in Vergessenheit geraten. Nur die beiden Kirchen Saint-Martin und Saint-Symphorien standen noch. Dem Zerfall preisgegeben, wurden sie um die Mitte des 17. Jh. abgetragen. Drei Bauten prägten die mittelalterliche Stadt: der 1336 und 1481 als Bischofsturm bezeichnete Wehrturm über dem Haupteingang zum Amphitheater, die vom Bischof im ausgehenden 13. Jh. in Erweiterung eines Bergfrieds errichtete und zwei Jahrhunderte später gründlich umgebaute Burg, schliesslich die Ende des 11. Jh. wohl als Ersatz für die ausserhalb der Stadtmauern stehenden merowingischen Kirchen errichtete, im 14. Jh. erweiterte und im got. Stil umgebaute Kirche Sainte-Madeleine. A. gehörte zum frühesten weltl. Herrschaftsbereich des Bischofs von Lausanne. Schon bald erwarben die Stadtbürger gewisse Freiheiten. Die älteste bekannte Fassung des Stadtrechts datiert von 1259, geht jedoch vermutlich auf Vorgänger aus der 2. Hälfte des 11. Jh. zurück. Die Bürger von A. besassen u.a. das Recht der freien Bündniswahl. Das erste Bündnis wurde 1239 mit Freiburg abgeschlossen, 1537 aber aufgekündigt, denn der neue Landesherr Bern verlangte von den Waadtländer Gemeinden, alle Abkommen mit Katholiken aufzugeben. Ein weiteres Bündnis wurde 1353 mit Murten geschlossen. Die weltl. Macht des Bischofs in A. vertraten der Meier, der Kastlan, der Weibel und der Amtmann. Die beiden letztgenannten Ämter wurden vom 14. Jh. an nicht mehr besetzt. Das zuvor erblich gewordene Meieramt löste der Bischof nach und nach wieder ab; die letzten Rechte erwarb er 1497. Danach verblieb der Kastlan alleiniger Vertreter des Bischofs. Er sass u.a. dem vom Bischof 1363 geschaffenen örtl. Rat mit seinen 14 Mitgliedern vor. Im März 1536 eroberte Bern das weltl. Herrschaftsgebiet des Bischofs von Lausanne. A. wurde Hauptort der gleichnamigen Landvogtei und erlangte 1539 einen Teil der alten Herrschaft zurück. Die Burg wurde zum Sitz des Landvogts, der sich darin beengt fühlte und sie 1565-68 zum heutigen Renaissancebau umbauen und erweitern liess. Die Kirche, seit 1536 reformiert, wurde 1709-11 umgebaut. Das bestehende Rathaus wurde 1753-54 errichtet, das Pfarrhaus 1756. A. bildete mit Donatyre eine Gemeinde, der ein Rat von 24 Mitgliedern vorstand. Die Stadt gehörte zur Zeit der Helvetik vorübergehend zum Kt. Freiburg. 1798-2006 war sie Distrikts- bzw. Bezirkshauptort.

Ab 1826 siedelten sich elsäss. Juden in A. an und wuchsen sehr bald zu einer bedeutenden Gemeinschaft. 1870 betrug ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung 14%. Meist als Pferdehändler tätig, lebten sie in einem gewissen Wohlstand und vermochten 1863-65 eine Synagoge mit 120 Plätzen zu errichten, eine der ersten in der neuzeitlichen Schweiz. In den 1870er Jahren verliessen sie jedoch A. infolge der Verschlechterung der wirtschaftl. Lage auf dem Land und zogen in bedeutendere Städte. Die Gemeinschaft erlosch, und die aufgegebene Synagoge wurde 1954 abgerissen.

Bis zu Beginn des 19. Jh. lebte A. v.a. vom Ackerbau (Tabak, Zuckerrüben). 1898-99 erwarb der Bund ein umfangreiches Gelände im Norden der Gemeinde und errichtete darauf das Eidg. Hengsten- und Fohlendepot, das 1901 betriebsbereit war (1927 Eidg. Gestüt, seit 1998 Schweizer Nationalgestüt). Im 19. Jh. siedelten sich nur zwei Industriebetriebe in der Gemeinde an. Um 1900 zählte man in A. fünf Pensionate für Knaben und Mädchen. Das erste war 1860 eröffnet worden. Während oder nach dem 1. Weltkrieg gingen jedoch alle ein. 1910 startete in A. das erste Flugzeug schweiz. Konstruktion, gesteuert von Ernest Failloubaz. 1911 wurde eine Flugschule gegründet, deren Gelände während des 1. Weltkriegs von der Armee benutzt wurde. Ein Militärflugplatz, ursprünglich für A. geplant, wurde schliesslich 1921 in Payerne erbaut. Nach 1945 wandelte sich die wirtschaftl. Struktur von A.: Fabriken entstanden (Beton, Biscuits), der Dienstleistungssektor und insbesondere der Kultur- (Musée romain) und der Freizeittourismus entwickelten sich. V.a. in den 1960er und 80er Jahren entstanden neue Wohnquartiere. Die Autobahn A1 hat Pendler angezogen, die v.a. nach Bern oder Freiburg zur Arbeit fahren.


Literatur
– M. Grandjean, Les temples vaudois, 1988, 162-166
– M. Maire, A. et son district au début du siècle, 1988
– C. Lauener, La communauté juive d'A., 1993
– M. Grandjean Avenches, 2 Bde., 2007

Autorin/Autor: Christine Lauener / AA